AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2018

Freiburger Mordprozess gegen Hussein K. "Es ist doch nur eine Frau"

Beim Mordprozess gegen Hussein K. in Freiburg wird deutlich, wie der Asylbewerber auf Frauen schaute.

Angeklagter Hussein K.
DPA

Angeklagter Hussein K.

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Der Angeklagte trägt seine Haare wieder wie vor der Tat: die Seiten kurz geschnitten, oben länger. Damals war Hussein K. zudem blondiert, deshalb kam ihm die Polizei auf die Spur, im Brombeergestrüpp hing ein gefärbtes Haar.

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Heft 12/2018
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

Anderthalb Jahre ist es her, dass er am Ufer der Dreisam die Studentin Maria L. würgte, bis sie bewusstlos war, und vergewaltigte. Ihren Körper legte er im seichten Wasser des Flusses ab, die Frau ertrank. K. hat die Attacke gestanden, aber er will im Affekt gehandelt haben.

In Kürze will die Jugendkammer des Landgerichts Freiburg das Urteil verkünden. Oberstaatsanwalt Eckart Berger forderte, das Gericht solle lebenslange Freiheitsstrafe verhängen, die besondere Schwere der Schuld feststellen und Sicherungsverwahrung anordnen. Der Verteidiger nannte kein Strafmaß und bat darum, dass K. mithilfe von Therapien eines Tages die Möglichkeit auf ein Leben in Freiheit erhalte.

Je mehr sich die Umstände im Prozess erhellten, desto niederdrückender wirkt der Fall - für die Hinterbliebenen, aber auch für ehrenamtliche Helfer und für die Flüchtlingspolitik.

Der Mord an der Dreisam berührt Ängste, die verbreitet sind: Ein vorbestrafter Gewalttäter reist auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise unbehelligt ein, profitiert von der Willkommenskultur, integriert sich scheinbar - und tötet dann.

Hussein K. hatte auf der griechischen Insel Korfu schon einmal eine Frau attackiert. Zehn Jahre Haft kassierte er für den versuchten Mord, keine zweieinhalb Jahre davon musste er absitzen, dann kam er dank einer Amnestie der Regierung frei. Davon ahnten die deutschen Behörden nichts. Am 12. November 2015 bat K. in Freiburg um Asyl, er führte keine Dokumente mit sich und sagte, er stamme aus Afghanistan und sei 16 Jahre alt.

Das Jugendamt vor Ort glaubte seinen Angaben und stufte ihn als unbegleiteten minderjährigen Flüchtling ein, das überlastete Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bearbeitete den Asylantrag nicht. K. kam in eine Pflegefamilie, er bewohnte eine Einliegerwohnung. Seine Pflegemutter beschreibt ihn als "ruhig, selbstbewusst, höflich". K. erhielt Unterricht an einer Berufsfachschule, am Wochenende traf er Freunde zum Grillen und Trinken.

Der Staat behandelte ihn als Hilfsbedürftigen, nicht als Risiko. Eine Fehleinschätzung.

Am frühen Morgen des 16. Oktober 2016 riss er, so legen es Erkenntnisse der Ermittler nahe, Maria L. vom Fahrrad, missbrauchte sie und legte ihren Körper im Fluss ab. Er stellt es als Gelegenheitstat dar: Er habe betrunken auf dem Weg gesessen, gegen das Rad getreten, ohne zu sehen, wer im Sattel sitzt. Erst später habe er erkannt, dass es eine Frau war, und gedacht: "Mach mal Sex mit ihr." Eine Tat im Affekt, bedingt durch die Umstände? Der psychiatrische Gutachter Hartmut Pleines glaubt das nicht. Er attestiert K. eine "Risikogeneigtheit für schwere Straftaten gegen Leib und Leben von Frauen". Die mäßigende Instanz des Gewissens sei bei ihm nicht stark ausgereift. "Rücksichtslosigkeit und Selbstinteresse" prägten sein Handeln. Der Mann habe den "Angriff mit Energie" geführt, mit "ausgeprägter Gleichgültigkeit gegenüber fremdem Leid". K. pflege eine "frauenfeindliche Einstellung", sie komme "aus der Mitte der Persönlichkeit".

Dreimal konnte Pleines mit K. ausführlicher sprechen. Dabei führte K. aus, er habe noch nie pornografische Bilder angesehen, sich noch nie selbst befriedigt. Auf seinem Smartphone und auf seinem Tablet fanden die Ermittler jedoch Hunderte pornografischer Darstellungen, darunter "Bilder von Macht und Dominanz", so der Gutachter, einige auch von "Frauen, die Opfer sexueller Gewaltanwendung sind". Der Psychiater sieht bei K. deshalb eine "sadistische Interessenlage". Sie richte sich darauf, Frauen verfügbar zu machen.

Zwei griechische Ermittler konnten diese Einschätzungen im Freiburger Prozess ergänzen. K. habe nach seiner Festnahme auf Korfu teilnahmslos gewirkt, berichteten sie, bei den Polizisten habe er sich über den Aufwand beschwert: "Was soll das? Es ist doch nur eine Frau!"

Die Freiburger Kammer versuchte alles, die Umstände aufzuklären. Um das Alter von K. zu bestimmen, zählte eine Gutachterin mittels Mikroskop die Zahnzementablagerungen an einem Eckzahn von K. aus, den ein Zahnarzt Anfang 2016 gezogen hatte. Ihr Ergebnis: K. sei höchstwahrscheinlich zwischen 22 und 26 Jahre alt.

Die präzisen Rekonstruktionen des Strafverfahrens machen deutlich, wie wenig die Behörden davor unternommen hatten. Um das Alter einzuschätzen, begnügten sich die Mitarbeiter des Jugendamts damit, K. ins Gesicht zu blicken.

Im Verfahren stellte sich heraus, dass K. offenbar nicht nur über sein Alter gelogen hatte, sondern auch über seine Herkunft oder vermeintliche Erkrankungen. Den Eltern der getöteten Studentin sei es nie um Rache, nur um die Wahrheit gegangen, sagt Bernhard Kramer, der Anwalt der Familie. Doch K. war dabei keine Hilfe. Er selbst habe seinen Vater verloren, sagte er vor Gericht, er könne deshalb den Schmerz, die Wut und die Verzweiflung der Angehörigen gut verstehen.

Am 15. Prozesstag verkündete die Vorsitzende Richterin, sie habe mithilfe eines Übersetzers mit einem Mann telefoniert, dessen Nummer auf dem Handy des Angeklagten gefunden worden war. Er sei Husseins Vater, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung.



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