AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2018

Familientragödie Wie Opas Grabstein zum Geisterhaus kam

Schreck vor dem Gruselkabinett: In einem fränkischen Vergnügungspark entdeckte ein Mädchen den Grabstein ihres toten Großvaters. Was war geschehen?

Von der Website Infranken.de

Von der Website Infranken.de


Es war ein Samstag im August 2017, es roch nach Zuckerwatte, als Sophie die Spur ihres toten Großvaters vor einem Geisterhaus entdeckte. Das Mädchen, 13 Jahre alt, erlebte diesen Tag im "Freizeit-Land" in Geiselwind, über 400.000 Quadratmeter groß, in Unterfranken. Mit ihren Freunden, Ministranten wie sie, fuhr Sophie im Break Dance und mit der Wildwasserbahn, sie aß eine Pizza mit Schinken. Um halb vier nachmittags kam sie an den Rand des Parks zu einer grünen Villa mit Plastikskeletten und Grabsteinen am Eingang, "Dr. Lehmann Horror Lazarett".

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Heft 5/2018
Die Pflegekatastrophe: Deutschland lässt seine Familien im Stich

Sophie, sie gruselte sich gern, stellte sich an einen der Grabsteine, las die Inschrift "unvergessen", dann sah sie einen Namen und Daten eines Lebens, die sie kannte - es war der Grabstein ihres toten Großvaters.

Sophie erzählt von ihrer Entdeckung, vier Monate danach, in einem Wohnzimmer in Lichtenfels, mit Bauhaus-Tapete und DDR-Puppen im Regal. Gegenüber sitzt die Großmutter mit verschränkten Armen im Sessel, Petra Dahla, die wie ihre Enkelin in Wahrheit anders heißt, 62 Jahre alt ist und Witwe. Sophie sagt: "Ich kannte seinen Grabstein doch, ich habe die Stiefmütterchen auf dem Friedhof oft gegossen."

Die anderen im Freizeitpark, daran erinnert sich Sophie, glaubten ihr nicht an jenem Tag, "Zufall", hätten sie gesagt. Das Mädchen machte ein Foto mit dem Handy, schickte es seiner Mutter per WhatsApp, rief an, die Stimme brach beim Sprechen. Die Frau beruhigte ihre Tochter, legte auf, wählte die Nummer ihrer eigenen Mutter: "Es ist etwas passiert", begann sie. Da brach eine Tragödie über Petra Dahla herein, 21 Jahre nachdem ihre große Liebe Herbert gestorben war.

Das gemeinsame Leben von Petra Dahla und ihrem Mann begann an einem Freitag im Oktober 1993, in einem oberfränkischen Dorf. Dahla war mit dem Zug angereist, aus Berlin. Sie besuchte ihre Tochter und deren damaligen Freund im Einfamilienhaus. Da trat Herbert, Vater des Freundes, aus der Tür. Er umarmte sie zur Begrüßung, hielt sie fest. "Er sah mich an mit einem Blick, so herzlich", sagt Dahla, "als würde er mich schon immer kennen."

Die ganze Nacht lang saßen die beiden auf der Couch. Sie lachten, sprachen, auch über die Rückschläge im Leben, über ihren Brustkrebs, über ihren Ex-Mann, der getrunken hatte, und über seine Frau, von der er sich scheiden ließ. Wenn die Kinder ins Zimmer kamen, riefen beide: "Raus!"

Das Wochenende verstrich, sie war zurück in der Großstadt, da schickte Dahla ihm einen Brief, den ersten von sehr vielen: "Danke für das schöne Wochenende und deine Freundlichkeit." Im Juli 1994 zog sie zu Herbert ins Oberfränkische. Sie heirateten im November, es regnete, im Wirtshaus servierte der Kellner Schweinebraten mit Knödeln. An den Wochenenden fuhren sie mit seinem roten Sportwagen umher, streiften durch die Wälder.

Dann, an einem Donnerstag im April 1996, kamen zwei Polizisten ins Büro, Dahla sortierte Akten. Sie sagten: "Ihr Mann ist tot." Da sackte sie auf einem Stuhl zusammen.

Es war eisig draußen, als die Frau ihren Mann beerdigte und den Grabstein aufstellen ließ, einen schlichten aus Naturstein. Die Jahre danach redete Petra Dahla kaum noch mit der Familie und Freunden, sprach in einer Therapie über ihren Schmerz. Nachts, wenn sie allein war im gemeinsamen Schlafzimmer, schrieb sie ihrem Mann Briefe: "Warum bist du nicht mehr da?"

Im Wohnzimmer in Lichtenfels umklammert Petra Dahla ein Taschentuch, sagt: "Zehn Jahre habe ich gebraucht, bis ich weiterleben konnte ohne ihn."

Als das Telefon klingelte, kurz vor 16 Uhr im August 2017, saß Petra Dahla in ihrem Ohrensessel, löste ein Kreuzworträtsel in der Programmzeitschrift. "Mutti", sagte ihre Tochter. "Das ist sein Grabstein, Sophie ist sich sicher." Dahla antwortete, wiederholte einen Satz wieder und wieder: "Der Steinmetz hat ihn doch entsorgt."

Sie legte auf, schaltete den Fernseher ein, die Stimmen darin verschwammen zu einem einzigen Geräusch. Sie dachte zurück an diesen Tag: Im Dezember 2016, 20 Jahre nach seinem Tod, musste Petra Dahla das Grab auflösen lassen, die Ruhezeit war abgelaufen. Sie rief den Steinmetz von damals an. Fast 130 Euro zahlte sie, damit er den Grabstein fachgerecht entsorgt, ihn also vernichtet oder die Inschrift darauf entfernt.

Am Montag nach dem Anruf ihrer Tochter ging Dahla auf die Polizeiwache. Ein junger Beamter stand an der Pforte, sie sagte: "Ich möchte Anzeige erstatten gegen einen Freizeitpark, es geht um etwas Makabres." Der Mann brachte sie in einen Nebenraum, Dahla erzählte ihre Geschichte. Die Beamten fuhren zu dem Park, fanden sieben weitere Grabsteine vor dem Horrorhaus, aufgestellt wie auf einem Friedhof.

Eine Woche später forderte Petra Dahla ihr Geld zurück vom Steinmetz. Sie fragte ihn, wie der Stein eines geliebten Menschen vor einem Horrorhaus auftauchen konnte. Der Mann, das habe er ihr erzählt, habe den Grabstein weitergegeben, ohne die Inschrift entfernt zu haben. Offen bleibt, wie er vor das Horrorhaus gelangte, das in der vergangenen Saison eröffnet wurde, und ob der Betreiber des Parks wusste, dass er zu einem Verstorbenen gehörte.

Die Äderchen in Petra Dahlas Augen sind gerötet, sie fragt in ihrem Sessel: "Was sind das nur für Menschen?"

Im Moment bleibt das "Freizeit-Land" in Geiselwind geschlossen, Winterpause. Was aus den Grabsteinen echter Verstorbener auf dem unechten Friedhof wird, will niemand sagen. Die Staatsanwaltschaft Würzburg prüft den Fall derzeit. Die Buchstaben darauf hat mittlerweile jemand abgeschlagen. Jetzt erinnert sich nur noch Herberts Familie an seinen Namen, die Daten seines Lebens - und die Inschrift auf dem Grabstein: "unvergessen".



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