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Ausgabe 6/2018

Fußballvereine Ist es klug, AfD-Mitglieder auszugrenzen?

Vereine wie Eintracht Frankfurt oder der HSV möchten Mitglieder loswerden, die auch in der AfD sind. Sind solche Aktionen sinnvoll?

Fanproteste gegen die AfD in Köln 2017: "Nichts gelernt"
Anke Waelischmiller / Sven Simon / Picture Alliance

Fanproteste gegen die AfD in Köln 2017: "Nichts gelernt"

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Seit Kay Gottschalk, 52, ein hohes Amt bei der AfD hat, sieht er sich häufig als Opfer. Vor dem Parteitag im Dezember brach eine Demonstrantin dem Bundestagsabgeordneten einen Handgelenksknochen. Mehr als über die Verletzung ärgerte sich Gottschalk darüber, dass sich "niemand über die Gewalt gegen uns aufregt".

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Heft 6/2018
Kaufen oder mieten? Was wo schlau ist

Und nun der nächste Angriff, ausgerechnet von seinen Vereinskameraden des Hamburger SV - dessen Spiele er seit Jahren als Dauerkartenbesitzer verfolgt. Zur Mitgliederversammlung in zwei Wochen gibt es einen Antrag, AfDler wie Gottschalk aus dem Verein zu werfen. Der Bundesvize der Partei sieht darin Parallelen zur Judenverfolgung im Nationalsozialismus. Einige HSV-Mitglieder "scheinen aus der Geschichte von 1933 bis '45 nichts gelernt zu haben", erregt sich der ehemalige Versicherungsmanager.

Der idiotische Vergleich zeigt, wie getroffen die AfD-Anhänger sind. Viele wähnen sich am Pranger, seitdem Vereinsfunktionäre fordern, Frauen und Männer von rechts auszuschließen. Am vergangenen Sonntag wurde der Präsident von Eintracht Frankfurt bei der Jahreshauptversammlung bejubelt, als er sein Credo wiederholte, Mitglieder der AfD den Zugang zum Bundesligisten zu verwehren.

Nur: Darf er das - rechtlich gesehen? Ist es gerecht? Vor allem: Ist es klug, AfD-Mitglieder auszugrenzen?

Juristisch ist die Lage eindeutig: Jeder Verein kann ausschließen, wen er will, wenn er die eigene Satzung beachtet. Die Gerichte halten sich aus dem Vereinsklüngel heraus, sofern die Klubs "nicht grob unbillig oder willkürlich" handeln. Das Landgericht Bremen hat dies vor fünf Jahren festgestellt. Der NPD-Bundesgeschäftsführer hatte vergebens gegen seinen Ausschluss bei Werder Bremen geklagt.

Ein Kraftsportler war sogar aus einem Verein geflogen, weil er in einem Muskelshirt trainiert hatte - dies verstieß gegen die Kleiderordnung. Die harte Entscheidung sei in Ordnung, urteilte das Landgericht Duisburg. Das Mitglied habe sich mit seinem Vereinseintritt freiwillig den Richtlinien unterworfen.

Aber die Klubs müssen die eigene Vereinsordnung richtig anwenden - anders als der Golfklub in Hagen. Vor einigen Jahren wollte man dort ein Mitglied loswerden, das in einem Pornofilm mitgewirkt hatte. Er habe damit den Vereinsfrieden gestört. Was der Golfer sonst so treibe, begründe "keinen groben und beharrlichen Verstoß", meinte dagegen das Oberlandesgericht Hamm.

Vereine wie Eintracht Frankfurt haben dagegen gute Argumente, sich von Rechtsradikalen zu trennen. In ihren Satzungen finden sich Passagen, die Rassismus verbieten. Aber warum schießen sie sich jetzt nur auf die AfD-Mitglieder ein? Unter den 77.000 Mitgliedern des Hamburger SV gibt es mit einiger Sicherheit schon immer einige Dutzend, die radikaler sind als Gottschalk, der als gemäßigter AfDler gilt.

Und nicht immer sind die Aktivitäten der Vereinsführer so klug vorbereitet. So begründete der Frankfurter Präsident Peter Fischer seine Kampagne gegen die AfD zunächst mit dem Satz, niemand könne "bei uns Mitglied sein, der die AfD wählt", da die Partei eine "braune Brut" sei - eine Pauschalverurteilung, die nicht auf jeden zutrifft, der bei der AfD sein Kreuz macht.

Auf der anderen Seite ist das AfD-Bashing ein starkes Zeichen gegen rechtsradikale Strömungen unter Fans. An der Frankfurter Versammlung nahm auch das Vereinsmitglied Michael Goebel teil, der für die AfD im Wiesbadener Magistrat sitzt. Eigentlich wollte Goebel dem Präsidenten die Leviten lesen. Er zog die Anmeldung für einen Redebeitrag zurück, als Fischer gefeiert wurde. Seine Position gegen Fischer wäre wohl "nicht akzeptiert worden", sagte Goebel kleinlaut, das habe man "deutlich am Applaus gesehen". Es möge sich "komisch anhören", meinte Goebel, "aber das Ganze ist aus unserer Sicht ziemlich populistisch abgelaufen".



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