AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2017

Transfer-Irrsinn Wie der Neymar-Deal wirklich ablief

Geheime Verträge zeigen, mit welchen Methoden der Bieterkampf um die Superstars Neymar und Dembélé ausgetragen wurde - und welche Folgen solche Deals für die Bundesliga haben.

Paris-Profis Neymar, Mbappé
BARTH / EPA-EFE / REX / SHUTTERSTOCK

Paris-Profis Neymar, Mbappé

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Der ganze Irrwitz des entfesselten Kommerzfußballs passt auf ein Dokument, das kaum größer ist als ein Stück Toilettenpapier.

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Heft 39/2017
Zehn Wege für Bildung und Erziehung - Wie Schule endlich gelingt

Auf dem Scheck der Société Générale steht in großen, roten Ziffern ein Betrag: 222.000.000,00 Euro. Ausgestellt hat ihn eine Bank für den katarischen Eigentümer des Fußballklubs Paris Saint-Germain. Anfang August 2017 wird die Zahlungsanweisung unterzeichnet. Kurz darauf schreibt ein Mitarbeiter der spanischen Hausbank des FC Barcelona eine Mail an die Qatar National Bank: "Das Geld ist eingetroffen. Wir bedanken uns für die gute, professionelle Zusammenarbeit."

Es ist vollbracht.

Paris Saint-Germain (PSG) hat den brasilianischen Stürmer Neymar da Silva Santos Júnior, 25, gekauft. Barcelona erhält dafür die Rekordsumme von 222 Millionen Euro. Die Fußballwelt wirkt daraufhin zerrupft wie ein Land nach einem Wirbelsturm.

Ein hoher Mitarbeiter des europäischen Fußballverbandes, der Uefa, wird in einer verzweifelten Mail an einen Kollegen schreiben: "Das Transfer-System ist außer Kontrolle." Der Uefa-Präsident Aleksander Ceferin wird die EU-Kommission um Hilfe bitten. Der Präsident des FC Bayern, Uli Hoeneß, wird sagen, so könne es nicht weitergehen, solche Summen machten "alles kaputt". Und die Bundeskanzlerin wird die Verbände auffordern, "für größere sportliche Balance zu sorgen". Wer hat die Macht im Fußball? Diese Frage stellt sich seit dem Neymar-Deal ernster als je zuvor.

Es sind Vereine und Verbände, die das Spiel organisieren, es sind Fans, Trainer und Sportler, die es mit Leben erfüllen. Seit diesem Sommer kommt ein weiterer Akteur hinzu. Einer, der in der Lage ist, das Spiel zu kaufen, wenn ihm danach ist.

Die Geschichte des Neymar-Transfers ist die einer feindlichen Übernahme. Wenige Tage nach Ende des Transferfensters erhält der SPIEGEL eine schwarze Box, nicht größer als ein Taschenbuch. Der Überbringer dieser mobilen Festplatte: Football Leaks. Die Onlineaktivisten, die seit zwei Jahren die Geschäftspraktiken im Profifußball enthüllen, haben Tausende Dokumente gesammelt und auf dem Datenträger abgespeichert: Verträge, Mails, Honorar- und Gehaltsabrechnungen, die der SPIEGEL ausgewertet hat.

Aus den Unterlagen geht hervor, wie rabiat PSG sein Interesse an Neymar durchsetzte. Sie zeigen, dass milliardenschwere Investoren sich nicht an Regeln der Fußballverbände gebunden fühlen, wenn es darum geht, mit ihrem Verein die Nummer eins im Weltfußball zu werden.

Vor sieben Wochen wurde Neymar im Medienzentrum von Paris Saint-Germain vorgestellt. Bunte Lichter blinkten wie in einer Disco, auf einer Leinwand erschien der Schriftzug "Welcome to Paris". Der Spieler trug einen dunklen Anzug. Neben ihm saß Nasser Al-Khelaifi, der Klubchef, und platzte fast vor Stolz. "Wir sind alle glücklich, Neymar ist meiner Meinung nach der beste Spieler der Welt", sagte Khelaifi.

Paris Saint-Germain, ein ehemals hoch verschuldeter Klub, wurde vor sechs Jahren auf Anordnung des heutigen Emirs von Katar von einem Investor, der Qatar Sports Investment, übernommen. Sie ist ein Ableger der staatlichen Qatar Investment Authority (QIA), des elftgrößten Staatsfonds der Welt. Die QIA legt die Überschüsse aus dem Öl- und Erdgasverkauf Katars an und hält aktuell allein Unternehmensbeteiligungen im Wert von 338,4 Milliarden Dollar.

Der FC Bayern, der am Mittwoch

in der Champions League gegen Paris spielen wird, mag mit einem Umsatz von über 600 Millionen Euro der Krösus in der Bundesliga sein. Gegen PSG sind die Münchner eine Maus.

Bereits in den vergangenen Jahren pumpten die PSG-Besitzer 700 Millionen Euro für neue Spieler in den Verein. Jetzt kommen noch mal 400 Millionen dazu. Denn nachdem Paris Neymar gekauft hatte, verpflichtete der Klub auch den französischen Stürmer Kylian Mbappé, für den PSG vom kommenden Sommer an 145 Millionen Euro plus 35 Millionen Boni an den AS Monaco bezahlen wird. Paris hat damit die zwei teuersten Transfers der Fußballgeschichte ausgehandelt.

Klubchef Khelaifi hat in Paris eine klar umrissene Aufgabe. Katars Emir Tamim Bin Hamad Al Thani, ein Jugendfreund Khelaifis, hat den internationalen Fußball als strategisches Mittel auserkoren, um seinem kleinen Land Bedeutung zu verleihen. Den Zuschlag für die Weltmeisterschaft 2022 hat sich Katar bereits gesichert. Jetzt will der Emir den Champions-League-Sieg. Khelaifi muss liefern.

Vorigen März erlebte der ehemalige Tennisprofi einen Albtraum. Paris traf im Achtelfinale der Champions League auf Barcelona. Das Team gewann die erste Partie im Prinzenpark 4:0, dann kam das Rückspiel. Nachdem Neymar, damals noch im Trikot Barcelonas, bereits zwei Tore erzielt hatte, legte er in der fünften Minute der Nachspielzeit den Treffer zum 6:1 durch Sergi Roberto auf. Ein epischer Triumph für die Katalanen. Eine Demütigung für PSG, für Khelaifi und für den Emir.

Bei den Investoren von PSG müssen an jenem Abend einige Sicherungen durchgebrannt sein, anders lässt es sich kaum erklären, was danach geschah.

Einen Tag nach der Niederlage schrieb ein PSG-Mitarbeiter an die Geschäftsstelle des FC Barcelona: "Ich war sehr traurig gestern Abend. Das Spiel hat bewiesen, dass PSG noch eine Menge lernen muss." Es wirkte wie ein Akt der Unterwerfung. In Wahrheit war wohl bereits der Plan geboren, Barça anzugreifen.

Neymar wird in Brasilien als Nachfolger des großen Pelé gesehen. Sein Wechsel vor vier Jahren vom FC Santos zum FC Barcelona, an dem sein Vater mitverdiente, beschäftigt noch immer die Justiz. Aber bei Barça waren alle von Anfang an glücklich, den Stürmer zu haben, der irgendwann die Rolle Lionel Messis als Anführer einnehmen sollte.

Und Neymar schien mit Barcelona glücklich zu sein. Er war der Spitzenverdiener, mit rund 54 Millionen Euro bekam er in der vorigen Saison knapp achteinhalb Millionen Euro mehr als Messi. Der Uruguayer Luis Suárez, die dritte prominente Figur in der legendären Barça-Offensive, musste sich mit rund 28 Millionen Euro begnügen.

Noch Anfang Juli verlängerte Neymar seinen Vertrag mit den Katalanen vorzeitig um ein Jahr bis 2022. Während der Sommerpause kam es dann plötzlich zu Spannungen mit seinem Arbeitgeber. Der FC Barcelona hatte einen Vertrag mit einem neuen Trikotsponsor aus Japan abgeschlossen. Neymar sollte an einer Präsentation in Tokio teilnehmen, doch er kam nicht pünktlich aus seinem Heimaturlaub in Brasilien zurück.

"Ich habe den Eindruck, dass er den Flieger absichtlich verpasst hat, um alles zu verschleppen und am Ende kein Visum zu bekommen", argwöhnte ein Mitarbeiter des Vereins in einer Mail. Es wurde ein Notfallplan entworfen. Ein Vertrauter Neymars sollte für ihn in São Paulo ein Visum für die Japanreise beantragen. Der Mann verabredete sich in Rio de Janeiro mit dem Spieler, um dessen Reiseunterlagen abzuholen. Doch als der Unterhändler eintraf, war Neymar bereits weitergeflogen zu einem Werbedreh. Weil seine Dokumente in einem Sicherheitskoffer hinterlegt waren, dessen Schloss sich nur mit einem digitalen Fingerabdruck des Kickers öffnen ließ, gab es keine Möglichkeit, die Papiere mitzunehmen und rechtzeitig im japanischen Konsulat in São Paulo vorzulegen.

Das Präsidium des FC Barcelona schaltete sich ein und schrieb einen Bittbrief an den Konsul. Am Ende stand Neymar doch noch lächelnd bei der Präsentation in Tokio. Aber in Barcelona hatten die Bosse seitdem ein ungutes Gefühl. Das Gerücht machte die Runde, wonach PSG an Neymar interessiert sei.

Eigentlich hätte der Spieler im Juli die zweite Tranche eines "Signing Bonus" bekommen müssen. Diese Treueprämie in Höhe von 64,4 Millionen Euro hatte der FC Barcelona Neymar bei dessen Vertragsverlängerung im vorigen Sommer zugesagt. Einen Teil der Summe, 20,75 Millionen Euro, hatte Neymar im Juli 2016 bekommen. Die restlichen 43,65 Millionen Euro wurden Ende Juli 2017 fällig.

Am 31. Juli schrieb Òscar Grau, der Vorstandschef des FC Barcelona, dem Spieler einen Brief. Seit Wochen gebe es "eine Wolke von Gerüchten und Kommentaren", dass Neymar seinen gerade verlängerten Vertrag nicht einhalten werde, ohne dass der Spieler oder seine Berater "die Situation geklärt oder dementiert hätten". Aus diesem Grunde würde Barcelona die zweite Rate der Treueprämie zurückhalten. Zudem würde der Verein prüfen, ob Neymar im Falle eines Wechsels nicht auch die erste Tranche zurückzahlen müsste.

Am 1. August schickte Neymar eine Zahlungsaufforderung an den Barça-Präsidenten. Darin gab er dem Klub 24 Stunden Aufschub, die restlichen 43,65 Millionen Euro seines Handgelds zu überweisen. Die Reaktion des FC Barcelona: Der Klub hinterlegte die Summe bei einem Notar und informierte den Spieler darüber in einem Brief. Neymar würde das Geld unter zwei Bedingungen bekommen: wenn er nicht mit einem anderen Klub über einen sofortigen Vereinswechsel verhandele und wenn er garantiere, dass er bis Ende Juni 2022 beim FC Barcelona bleibe.

Das konnte Neymar nicht. Und das wollte er auch nicht.

PSG-Investoren Emir Tamim, Khelaifi
Denis Allard / Rea / Laif

PSG-Investoren Emir Tamim, Khelaifi

In seinem Vertrag mit Barcelona gab es eine Ausstiegsklausel für Neymar. Sollte ein Verein 222 Millionen Euro für ihn bezahlen, würde er den Klub vorzeitig verlassen können. Am 2. August erschien der brasilianische Nationalspieler vor einem Notar in Barcelona. Er übertrug zwei brasilianischen Anwälten sämtliche Vollmachten, die Ausstiegsklausel seines Arbeitsvertrags mit dem FC Barcelona umzusetzen. Am selben Tag autorisierte der Geschäftsführer von PSG zwei Juristen und den Finanzchef des Klubs, einen Scheck in Höhe von 222 Millionen Euro beim FC Barcelona vorzulegen.

Am 3. August unterzeichnete Neymar seinen Arbeitsvertrag mit Paris bis zum Ende der Saison 2021/22. Er wird ein monatliches Grundgehalt von 3069520 Euro kassieren. Wie viele Prämien und Sonderzahlungen er zusätzlich bekommt, ist aus den Dokumenten von Football Leaks nicht ersichtlich. Vermutlich sind es mehr als 20 Millionen Euro pro Jahr. Denn dass Neymar in Paris für weniger Geld spielt als in Barcelona, ist schwer vorstellbar.

In Katalonien sind die Fans nun nicht mehr gut auf Neymar zu sprechen. Nach seinem Wechsel verklagte ihn der FC Barcelona. Der Klub will 8,5 Millionen Euro plus Zinsen von Neymar zurückhaben.

In Paris hingegen feiern die Anhänger den Brasilianer. In den Fanshops ist sein Trikot ein Verkaufsrenner. Bei der Vorstellung des Spielers Anfang August war das Prinzenparkstadion gut gefüllt. Neymar nahm das Mikrofon und rief den Schlachtruf der PSG-Fans: "Paris est magique, ici c'est ..." - Paris ist magisch, hier ist ... Und das Stadion brüllte: "Paris!"

Die Eigentümer von PSG registrieren den Hype wohlwollend. Der Verein, Neymar und der junge Mbappé sind Teil geopolitischer Überlegungen. Katars Reichtum an fossilen Brennstoffen ist endlich, deshalb bereitet sich das Land auf eine Zukunft ohne die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft vor. Der Sport spielt dabei eine Rolle. Mit Investitionen in Profiklubs und der Vermarktung von Sportevents und TV-Rechten will Katar langfristig Geld verdienen.

Bei PSG wurde bislang immer nur Geld verbrannt. Die Millionen, die der Klub investiert, fluten den Fußballmarkt wie ein Tsunami und lösten diesen Sommer eine absurde Kettenreaktion aus.

Weil Barcelona Ersatz für Neymar brauchte, baggerte der Klub zwei Spieler an, den Stürmer Ousmane Dembélé, 20, von Borussia Dortmund und den Mittelfeldspieler Philippe Coutinho, 25, vom FC Liverpool. Beide Profis hatten gültige Arbeitsverträge, ohne Ausstiegsklauseln. Aber das schreckte Barcelona nicht ab.

Am 20. Juli unterbreitete der Vorstandschef von Barça ein formales Angebot für Coutinho. Liverpools Sportdirektor Michael Edwards wies die Anfrage kühl zurück: "Philippe ist leider zu keinem Preis zu verkaufen, und wie Sie wissen, hat er seinen Vertrag mit uns erst vor Kurzem langfristig verlängert." Er hoffe auf ein baldiges Wiedersehen in der Champions League, schrieb Edwards, und wünsche sich ansonsten, mit den Bossen des FC Barcelona keine Diskussionen mehr wegen Coutinho führen zu müssen.

Die Katalanen hatten den Spieler allerdings schon mehr oder weniger fest eingeplant. Im internen Barça-Gehaltsgefüge wurde er bereits zwischen dem uruguayischen Stürmer Luis Suárez und der Klasse "Elite" eingestuft, zu der die spanischen Nationalspieler Gerard Piqué, Sergio Busquets und Andrés Iniesta gehören. Der Sportdirektor schrieb: "Es ist zweifellos eine teure Operation, aber der Markt ist in diesem Sommer komplett verrückt ..."

Anfang August wandte sich Barça-Boss Grau erneut an den FC Liverpool. Er beschwor das gute Verhältnis zwischen beiden Klubs seit dem Suárez-Transfer vor drei Jahren. Er wolle nun ein "wesentlich verbessertes Angebot vorlegen" - eine feste Ablöse von 90 Millionen Euro sowie Sonderzahlungen bis zu 40 Millionen.

Liverpools Sportdirektor Edwards blieb hart. "Ich möchte Sie freundlich bitten, es zu unterlassen, Philippe sowohl privat als auch öffentlich nachzustellen", schrieb er an Grau, "keine Summe wird uns dazu bringen, unsere Entscheidung rückgängig zu machen." In einem weiteren Schreiben beschuldigte Edwards den "lieben Oscar", dass Angestellte oder Beauftragte des FC Barcelona "ohne unsere Zustimmung in formale Gespräche mit dem Spieler und dem Agenten getreten sind". Grau antwortete beleidigt, der Vorwurf, der FC Barcelona verhandele mit der Coutinho-Seite, sei "eine pure Erfindung".

Stellt sich nur die Frage, wie der FC Barcelona bereits einen komplett ausformulierten Vertrag für den Angreifer aufsetzen konnte, ohne mit dem Spieler oder seinem Berater kommuniziert zu haben. Das 20-seitige Dokument, datiert auf den 31. August, einen Tag vor Schluss der Transferperiode, findet sich ebenfalls in den Football-Leaks-Dateien. In diesem Entwurf garantierte Barcelona Coutinho für fünf Jahre 115 Millionen Euro. Wie aus einer Mail hervorgeht, sollte sein Berater bei einer fixen Ablösesumme bis zu 100 Millionen Euro ein Honorar von 10 Millionen erhalten.

Der Transfer Coutinhos kam nicht zustande, dafür, wie man inzwischen weiß, ein anderer.

Als Ousmane Dembélé das Angebot aus Barcelona bekam, musste der Jungstar aus Frankreich nicht lange überlegen. Anfang August erschien er bei Borussia Dortmund nicht mehr zum Training. Die Vereinsführung suspendierte den Spieler. Am 21. August schickte der Chefjurist des BVB dem FC Barcelona ein sechs Seiten umfassendes Schreiben, eine Art Ultimatum. Sollten die Spanier bis spätestens Freitag, 25. August, 14 Uhr nicht einer Ablösesumme von mindestens 115 Millionen Euro sowie Sonderzahlungen von weiteren maximal 30 Millionen Euro zustimmen, würde der Klub alle Verhandlungen abbrechen.

Am 27. August unterschrieb der Spieler seine Vertragsauflösung. Tags darauf unterzeichneten die Borussen und Barça ein neunseitiges "Transfer Agreement". Die Dortmunder erhalten eine feste Ablösesumme von 105 Millionen Euro in zwei Raten, hinzu kommen variable Prämien von höchstens 40 Millionen Euro.

Davon fließen jeweils fünf Millionen Euro nach Dembélés 25., dem 50., dem 75. und dem 100. Pflichtspiel. Auch für Champions-League-Titel des FC Barcelona kassiert die Borussia jeweils fünf Millionen Euro, solange Dembélés Vertrag gilt, maximal jedoch zehn Millionen. Dieselbe Regelung gilt für die Meistertitel des FC Barcelona in der Primera División.

Ousmane Dembélé ist erst seit zwei Jahren Fußballprofi. Ein Küken. Aber er hat - die Maßlosigkeit der Klubs macht es möglich - bereits ausgesorgt.

Mit seinem neuen Arbeitgeber hat Dembélé einen märchenhaften Vertrag ausgehandelt. Er liegt dem SPIEGEL vor (siehe Grafik). Das Festgehalt des Fußballers in Barcelona liegt bei 12 Millionen Euro pro Saison. Zudem kassiert er alle möglichen Sonderzahlungen, darunter 1,25 Millionen Euro extra, sobald er in einer Saison mehr als 60 Prozent aller Pflichtspiele gemacht hat.

Am vorigen Wochenende verletzte sich der Stürmer in seinem vierten Pflichtspiel für Barcelona schwer. Er erlitt einen Sehnenriss im Oberschenkel, wird wohl monatelang ausfallen. Einbußen muss er deshalb noch nicht befürchten. Maßstab der 60-Prozent-Berechnung sind nur die Spiele, in denen Dembélé einsatzfähig ist.

Auch gegen eine jahrelange Titelflaute des FC Barcelona ist Dembélé abgesichert. Sollte er in den kommenden drei Jahren inklusive Prämien nicht auf Einnahmen von mindestens 48 Millionen Euro kommen, verpflichtet sich der FC Barcelona, dem Spieler die Differenz zu begleichen. Gewissermaßen als Schmerzensgeld. Der FC Barcelona wollte sich weder zu den Vertragsinhalten noch zu den Mails äußern.

In dieser Woche wurde Dembélé in einer Spezialklinik in Finnland operiert. In der Fußballwelt wird darüber debattiert, ob das Transfergeschacher und die Summen, um die es ging, dem jungen Spieler psychisch zu stark zugesetzt hätten. Ob er womöglich überfordert gewesen sei - und sich deshalb verletzt habe.

Der Brasilianer Neymar, so scheint es, kommt gut klar mit seiner Rolle als teuerster Fußballer der Welt. Er war an 8 von 21 Toren beteiligt, die Paris Saint-Germain in der Ligue 1 bislang geschossen hat. In der Partie gegen Toulouse dribbelte Neymar fünf Gegenspieler im Strafraum aus, bevor er den Ball ins Tor schob. Paris spielt mit den überforderten Gegnern wie eine Katze mit einem Wollknäuel.

In der Fußballwelt wird intensiv über den Neymar-Deal und seine Folgen debattiert. Anfang des Monats trafen sich Vereinspräsidenten, Marketingexperten und ehemalige Profis beim "Football Summit" in Frankfurt am Main, Thema waren die Summen des Transfersommers.

Manchester United bezahlt Everton für den belgischen Nationalspieler Romelu Lukaku 75 Millionen Pfund, plus 15 Millionen Pfund variable Zahlungen.

Der FC Chelsea kaufte Álvaro Morata, einen spanischen Nationalstürmer, für 65 Millionen Euro von Real Madrid.

Manchester City gab fast 250 Millionen Euro für Neuzugänge aus.

Irgendwann ging es auch um den Neymar-Deal und die Ambitionen des Fußballinvestors Katar. Javier Tebas, der Präsident der spanischen Liga, saß in einem Sessel versunken, die Arme über dem Bauch verschränkt, und kritisierte den Wettbewerbsvorteil von Klubs wie Paris Saint-Germain. Wenn der Verein neue Spieler brauche, drehe man in Katar einfach "den Gashahn auf", und schon könne Khelaifi, der Verwalter des Emirs, wieder einkaufen gehen. "Das ist finanzielles Doping", wetterte Tebas, "das schadet dem Fußball."

Neymars Ablöse sei kein marktgerechter Preis gewesen. Das viele Geld destabilisiere den Markt. Man müsse den "Gashahn zudrehen", um "den Dominoeffekt zu stoppen", forderte Tebas.

Aber wer kann das? Wer hat die Macht im Fußball? Die Verbände? Oder doch schon der Emir von Katar?

Vor sechs Jahren hat die Uefa ein Regelwerk eingeführt, das Financial Fair Play (FFP), wonach Profiklubs nicht unbegrenzt Millionen für Spieler ausgeben dürfen. Immer wieder bestrafte sie Vereine, die zu sehr geprasst hatten. Insgesamt aber überwog das Gefühl, dass sich die Spitzenklubs nicht um das FFP scherten.

Als man bei der Uefa erfuhr, dass Paris Saint-Germain nach Neymar auch Mbappé kaufen wolle und damit ein Verstoß gegen das FFP ziemlich nahelag, drohte der Verband mutig mit Sanktionen. In der Woche, als sich das Transferfenster für diesen Sommer schloss, reiste sogar eigens eine Uefa-Delegation nach Paris, um PSG-Chef Khelaifi nochmals die Konsequenzen aufzuzeigen. Die Abordnung hatte die Geschäftsstelle des Klubs kaum wieder verlassen, da gab PSG den Wechsel Mbappés bekannt.

Nun wartet die Branche gespannt darauf, wie die düpierte Uefa reagiert. Mancher macht sich schon lustig über den Verband. Jürgen Klopp, der Trainer des FC Liverpool, sagt: "Ich dachte, Financial Fair Play sei eine Regel, an die man sich halten muss. Vielleicht ist es aber auch nur so ein Vorschlag."

Aleksander Ceferin, der Präsident der Uefa, ein Jurist, verzieht in seinem Büro in Nyon am Genfer See keine Miene, wenn er auf den Fall PSG angesprochen wird. Er hat beschlossen, gelassen zu bleiben. Aus Verbandskreisen ist zu hören, dass PSG zunächst keine Strafe zu erwarten habe. Bis Juni 2018 habe der Klub Zeit, eine ausgeglichene Bilanz zur Prüfung vorzulegen - erst dann werde eine Entscheidung über mögliche Sanktionen fallen. Das bedeutet: PSG kann noch Einnahmen generieren - zum Beispiel durch Spielerverkäufe.

Und wenn PSG bockt?

Intern werden bei der Uefa für diesen Fall mehrere Szenarien diskutiert. Ein Abzug von sechs Punkten für die nächste Champions-League-Saison oder eine zwangsweise Reduzierung des Kaders für den internationalen Wettbewerb. Der Rauswurf aus dem Europapokal, mit dem die Uefa anfänglich gedroht hat, ist indes kein Thema mehr. Es scheint, als habe der Emir schon gewonnen.

Am 8. August, als der Neymar-Deal bereits abgeschlossen war, verfasste ein Uefa-Funktionär eine Mail an einen Kollegen. Das Schreiben, das dem SPIEGEL vorliegt, liest sich wie eine Kapitulation.

"Ich denke, die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass das Spielertransfersystem außer Kontrolle geraten ist. Es fördert nicht die sportliche Balance, es sorgt nicht für eine Verteilung des Wohlstands, und man erreicht damit auch keinerlei Stabilität in den Verträgen." Die Zustände auf dem Transfermarkt dienten "den Interessen der Agenten", die "ungeheuere Summen kassieren, ohne etwas dafür zu leisten". Und den Klubs "mit den tiefsten Hosentaschen", weil sie sich "kaufen können, was sie wollen".

Am Ende bemüht der Autor, der in hoher Position für die Rechtsabteilung der Uefa arbeitet, einen Vergleich: Der heutige Fußballmarkt gleiche dem "Raubtierkapitalismus des 19. Jahrhunderts in Amerika".

Paris Saint-Germain und der Emir werden keine Ruhe geben. Wenn der Klub diese Saison wieder in der Champions League scheitert, wird in der nächsten Sommertransferperiode weiter aufgerüstet, die nächste Stufe gezündet. Ganz sicher. Über 300 Milliarden Euro sind im Geldschrank. Was kostet die Welt?

Messi hat in seinem neuen Vertrag eine feste Ablösesumme in Höhe von 300 Millionen Euro festgeschrieben. Peanuts.



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