AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2017

G20-Proteste in Hamburg "Das war mir alles zu krass"

Was genau passierte bei den G20-Demonstrationen in Hamburg? Sieben Teilnehmer erzählen ihre Versionen der Geschichte.

Demonstrant während des G20-Gipfels in Hamburg
Christian Minelli / Nurphoto/ ddp images

Demonstrant während des G20-Gipfels in Hamburg

Aufgezeichnet von , , und


Der Kurde

Laura Backes / DER SPIEGEL

Huseyin Inan, 19, studiert Politikwissenschaft in Düsseldorf und protestierte gegen Erdogan und die, die er als dessen Helfer ansieht.

"Wir in unserer kurdischen Jugendorganisation Ciwanen Azad finden: Die Proteste waren ein voller Erfolg. Einige Genossinnen und Genossen hatten Angst vor der Reaktion der Polizei, wenn wir unsere Flaggen zeigen. Die sind ja in Deutschland verboten. Das wurde in der Vergangenheit manchmal als Provokation verstanden, die Polizei ist dann in die Demo reingegangen. In Hamburg war es anders. Als wir sie auf der Samstagsdemo gezeigt haben, wurden wir von niemandem angesprochen und konnten sogar ungestört Tausende Fähnchen verteilen. Was allerdings in den Tagen davor passiert ist, hat einige traumatisiert. Ich war selbst am Donnerstag auf der 'Welcome to Hell'-Demo, eher im hinteren Teil und am Rand. Ich war geschockt, wie schnell es vorbei war. Polizisten prügelten wahllos auf Leute ein, ich verlor einen Teil meiner Gruppe aus den Augen und floh Richtung Wasser. Dort sah ich, wie jemand aus Angst in die Elbe sprang. Ein Freund von mir kam mit einer Kopfverletzung ins Krankenhaus. Das war mir alles zu krass, ich bin dann zurück ins Camp im Altonaer Volkspark gefahren. Die Polizisten sagen immer, sie hätten am Freitagabend um ihr Leben gefürchtet. Aber wir Demonstranten, wir haben zuvor immer wieder um unser Leben gefürchtet wegen der Polizei. Am Freitagabend ist dann alles außer Kontrolle geraten. Da haben sich alle Widersprüche, auch die unschönen, in der Gesellschaft unkontrolliert Bahn gebrochen. Wir haben Gewalt nicht als politisches Mittel gewählt. Aber so was machen Leute doch nicht ohne Grund. Wir müssen uns fragen, warum diese Menschen so wütend sind."

Der Meditationsmeister

Johannes Arlt / DER SPIEGEL

Jürgen Lipp, 68, Buchhändler, hat die 20-stündige M-20-Friedensmeditation mitorganisiert, gegen Autokraten - und weil man mit Veränderung am besten bei sich selbst beginnen sollte.

Titelbild
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Heft 30/2017
Audi, BMW, Mercedes, Porsche, VW - Enthüllt: Die heimlichen Absprachen der Autokonzerne

"Mit der Friedensmeditation sind wir hochzufrieden. In den beiden Tagen waren 600 bis 700 Leute da, es war von morgens bis abends voll und die Stimmung gut, obwohl wir unter erschwerten Bedingungen meditiert haben: bei Polizeisirenen und ständigem Hubschrauberkrach. Viele Gäste waren dankbar dafür, etwas Positives tun zu können, anstatt tatenlos zu Hause rumzusitzen. Bei den Meditationen haben wir unsere Kraft immer wieder darauf gelenkt, dass der Gipfel doch ein Erfolg werde und die Proteste friedlich verlaufen mögen. Wie viel das bringt, kann natürlich niemand sagen. Ich habe viele der Protestformen im Laufe der Tage begrüßt: die Tanzdemo, die Yogis auf der Brücke und die 1000 Gestalten. Das war alles wahnsinnig vielfältig. Schade, dass sich trotzdem die Gewaltausbrüche so in den Mittelpunkt des Geschehens geschoben haben. Ich habe im Vorfeld ja Verständnis für die Autonomen geäußert, weil ich auch mal jung, links und selbstgewiss war. Passiven Widerstand befürworte ich noch immer. Sitzblockaden sind gut, weltweit richtig und oft auch notwendig. Danach hört's aber auf! Die Gewaltausbrüche haben mich erschreckt. Dass beim eigentlichen Gipfel Weltbewegendes herauskam, glaube ich nicht. Aber wenn Putin und Trump mal zusammensitzen und was an ihrer Kommunikation verbessern, dann ist das schon gut."

Die Konzeptkünstler

Robin Hinsch / DER SPIEGEL

Nadja und Doktor Hollihore, 47 und 55, wollten an der Großdemo am Samstag nur bekleidet mit der Maske jeweils eines Staatschefs teilnehmen. Es sollte anders kommen.

"Am Donnerstag verfolgten wir von einer Mauer aus den rigorosen Polizeieinsatz auf der Demo 'Welcome to Hell'. In die haben wir uns dann ganz vorn eingereiht, um den Zug mit den verbliebenen Protestlern fortzusetzen. Unsere Plakate mit der Aufschrift ,Our Religion is Capitalism' zu Trump, Putin und Merkel wurden dabei mit dem Wasser aus den Kanonen der Polizei geweiht. Am Freitag dann die Rauchsignale der radikalen Linken an die Weltgemeinde: Während in den Köpfen der schlafenden Politiker Schillers ,Alle Menschen werden Brüder' nachhallte, fanden wir uns mit unserer jugendlichen Tochter beim Kampf um die Rote Flora wieder. Als die Polizei Reizgas einsetzte, ließen uns eine ältere Dame und ihr Sohn in ihre bürgerliche Wohnung, zusammen mit 20 Aktivisten. In dieser zufälligen Konstellation stießen alle auf den Erfolg der Protestrauchzeichen an. Die Aktivisten hatten mit Sachschäden und Plünderungen effektvoll den Materialismus angegriffen, die kapitalistische Weltreligion. Daher waren die Bürger auch sofort beruhigt, als Angela Merkel und Olaf Scholz ihnen Kompensation zusagten, denn der Horror war ein brennender Porsche im Wohlstand. Als wir am Samstag den zentralen Demonstrationszug beobachteten, verspürten wir keine Motivation mehr zu unserer geplanten Aktion, zumal wir keine Mitstreiter gefunden hatten. Der Zug wirkte auf uns eher wie Folklore, von der in der Welt niemand Notiz nehmen würde."

Die Kapitalismushasserin

Anna(*), 17, aus Ostdeutschland, hält Gewalt für legitim.

"Die Nachwehen des Gipfels finde ich unfassbar: wahnsinnige Diskussionen in Politik und Medien, ohne Verstand. Dass militante Linke und Terroristen gleichgesetzt werden, macht mich wütend. Alle reden über ein paar brennende Autos und Barrikaden statt über den Terror gegen Oppositionelle in der Türkei oder über Menschen ohne Zugang zu medizinischer Versorgung in Griechenland. Ich habe Angst, dass der Staat nun linke Strukturen im ganzen Land angreift. Dass Kleinwagen zerstört wurden, finde auch ich nicht so schön, ebenso wenig die teils enthemmte Gewalt junger Männer. Aber seien wir ehrlich: Gewalt und Macht gehen am stärksten von den G20 selbst aus - auch wenn diese Analyse dem Menschen, der einen Sachschaden hinnehmen musste, natürlich erst mal nicht weiterhilft, das weiß ich schon. Innerhalb der radikalen Linke wird jetzt viel über Hamburg diskutiert. Das geht von massiver Kritik an den eigenen Leuten bis zur völligen Idealisierung der Riots, es gibt halt kein Szene-Zentralorgan und nicht nur eine Meinung oder eine Wahrheit. Ich werde weiter auf Demos gehen und an Aktionen teilnehmen. Einschüchtern durch Polizeigewalt oder Verbote lasse ich mich nicht."
*Name geändert

Die Schülerin

Hubert Gude / DER SPIEGEL

Zazie Götz, 18, Schülerin der Max-Brauer-Schule in Hamburg.

"Das war schon ein Megaerlebnis. Ich wohne ja sehr nah dran, direkt von meinem Fenster in der Hein-Hoyer-Straße aus konnte ich sehen, wie die Steine flogen. Schwarz gekleidete Menschen errichteten eine Barrikade. Dann kam die Polizei mit Schlagstöcken, das war brutal und wie in einem Actionfilm. Ich würde mich aber nicht von den Autonomen distanzieren, weil ich ihre Wut verstehe. Das, was sie tun, ist auch eine Form des Protests. Einige Bilder kriegt man nicht mehr aus dem Kopf. Wie das von diesem Mann, den ich am Neuen Pferdemarkt friedlich auf dem Boden sitzen sah und der von der Polizei mit Gummiknüppeln verprügelt wurde. Er hatte nichts gemacht, außer vielleicht die falschen Kommentare abzugeben. Ich habe aber auch Verständnis für die jungen Polizisten, die gerade aus der Ausbildung kommen und paranoid sind, weil sie sich in die erste Reihe stellen müssen. Am Dienstag vor dem Gipfel waren wir mit einer kleinen Gruppe zum Camp im Volkspark gegangen, um uns mit den Gipfelgegnern dort zu solidarisieren. Einer der Polizisten, die in voller Montur ankamen und uns ein Stück zur S-Bahn begleiteten, hielt seine Waffe umklammert und zuckte nervös. Da bekommt man schon Angst. Die von uns organisierte Bildungsdemo lief toll, auch die ,Lieber tanz ich als G20'-Demo hat Spaß gemacht. Ich habe viele tolle Leute kennengelernt."

Der Fernsehkoch

DPA

Ole Plogstedt, 49, Koch ("Die Kochprofis - Einsatz am Herd"), Kampagnenbotschafter der Entwicklungsorganisation Oxfam, organisierte Mahnwachen dagegen, dass die Polizei die Demonstranten nicht in Camps schlafen lassen wollte.

"Zuerst durften wir ein Zelt aufstellen, dann waren es 10 Zelte, und am Ende wurden dem Camp Altona 300 Zelte genehmigt. Ein voller Erfolg. Wenn Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz in einer Talkshow behauptet, dass viele Gewalttäter aus dem Volkspark-Camp gekommen seien, für das ich mich engagiert habe, dann ist das eine haltlose Behauptung - und eine absurde Logik. Wer Autos anzünden will, lässt sich nicht von einem Zeltverbot beeindrucken. Wenn das so einfach wäre, könnte man ja auch alle Ampeln auf Rot schalten, um einen fliehenden Bankräuber zu fassen. Außerdem wurde das Camp an beiden Eingängen von Polizisten bewacht, mit denen wir ein ziemlich entspanntes Verhältnis hatten. Mein Engagement ist aber nicht überall gut angekommen: Es gab einen Shitstorm auf Facebook. Die Leute haben mich beschimpft, bedroht, und ein ganz Wilder hat sogar angekündigt, dass er dafür sorgen werde, dass ich - "Plogstedt, du Hurensohn" - nie wieder im TV auftauche. Leider haben die Brandstifter in Altona und die Plünderer im Schanzenviertel den friedlichen Protest überschattet. Mir macht allerdings vor allem Sorgen, dass nicht mehr differenziert wird. Die Proteste und Krawalle haben doch viele Facetten. Aber wer sich heute für den friedlichen Protest einsetzt oder den zum Teil unverhältnismäßigen Polizeieinsatz kritisiert, wird gleich als Drahtzieher der Schanzenkrawalle diffamiert. Das ist doch hirnrissig."

Der Gartenprotestler

SPIEGEL TV

Nikolaj Schmolcke, 52, Manager, Hamburg-Alsterdorf, hat in seinem Garten in der Einflugschneise des Flughafens ein Banner mit der Aufschrift "Donald sucks" aufgespannt.

"Ob Donald Trump mein Plakat gesehen hat, weiß ich nicht. Aber es waren viele Hubschrauber über meinem Garten in der Luft. Vor und während des Gipfels hatte ich unheimlich viele Gespräche über G20, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft. Selten habe ich so viel über Politik nachgedacht und diskutiert. Das war ein ganz vielschichtiges Ereignis. Ich bin mit meinem Sohn am Donnerstag vor dem Gipfel mit dem Fahrrad um die Alster gefahren, als der Verkehr weitgehend zum Erliegen gekommen war. Dort haben wir gesehen, wie die Polizei die mächtigsten Menschen der Erde sichert. Das war schon okay. Auch dass sich die Staats- und Regierungschefs in der Elbphilharmonie die ,Ode an die Freude' angehört haben, finde ich gut. Weil es ein verbindendes Erlebnis ist. Zu den Ausschreitungen muss ich sagen: Ich glaube, die Polizei hat zu 90 Prozent alles richtig gemacht. Vielleicht hätte sie an der einen oder anderen Stelle etwas weniger martialisch auftreten sollen. Die wichtigste polizeiliche und politische Haltung, die man einnehmen sollte, ist Deeskalation. So gesehen ist übrigens Merkel ein Paradebeispiel für den Erfolg von Deeskalation: Sie hat die meisten ihrer Gegner wegdeeskaliert."



insgesamt 4 Beiträge
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OhMyGosh 23.07.2017
1. Ja, und?
Was sollen uns diese Berichte nun sagen? Sorry, aber für mich ist das lediglich Splitterchen-Journalismus.
st.georgen 23.07.2017
2. Immer das gleiche
Bei der Aufarbeitung des G20 Gipfel ist es wie so oft heute Man gibt nicht dem Mörder die schuld, sondern die Hebamme oder der Arzt der ihn auf die Gebracht hat - sie hätten ja sehen müssen, dass er ja mal ein Mörder wird.
gukki 23.07.2017
3. Wütende Menschen
Dürfen wütende Menschen mit Steinen auf andere Menschen schmeissen? Wir müssen uns auch fragen warum UNSERE Polizisten so wütend sind. Ich werde auch wütend, wenn ich mit Flaschen und Steinen beworfen werde! Die Polizei ist eine Institution im demokratischen Staat, die in meinem Namen für Ordnung sorgt, eine Ordnung, die von den Demonstranten ausdrücklich bekämpft wird. Diesen Kampf können doch wohl nur wenige von uns unterstützen Randalierende Demonstranten können keine Unterstützung erwarten!
rolli 23.07.2017
4.
Hier wird ganz deutlich, dass der Weg in den totalitären Staat durch falsche und gefakte Berichterstattung vorangetrieben werden soll - wie überall übrigens in Europa. Dieser Weg ist der einzige der den Eliten übrig bleibt um IHR Europa zu schaffen. Die deutsche Berichterstattung - heisst die kritiklose Übernahme von Polizeimedienmitteilungen - ist beschämend. Wo lesen oder hören wir denn, dass die Versicherungswirtschaft den Schaden auf 12 Millionen Euro festsetzt? Wo lesen wir, dass in Frankreich gleichzeitig zu den 100 brennenden Autos 500 Autos gebrannt haben, und wo lesen oder hören wir, dass die Zahl der verletzten Polizisten völlig übertrieben und gefälscht wiedergegeben wurde? ein "wiedervereintes Europa" das Europa das Nazis und des Adel so gerne haben, ist nur mit Totalitarismus zu erreichen. Und - weil Merkel so sozialisiert wurde, weiss sie das auch. rolli
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