AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 26/2017

Gipfel in Hamburg Wer hinter den G20-Protesten steckt

Linke Aktivisten planen Demonstrationen und Blockaden, um den G20-Gipfel in Hamburg zu stören. Wer sind die Köpfe hinter dem Protest, was wollen sie erreichen? Und mit welchen Mitteln?

Soziologiestudentin Kröger: Wächst eine kritischere Generation heran?
Johannes Arlt / DER SPIEGEL

Soziologiestudentin Kröger: Wächst eine kritischere Generation heran?

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Die Revolution beginnt in Lübeck, und sie hat ein freundliches Gesicht. An einem warmen Dienstagnachmittag steht Emily Laquer, 31, am Bahnhof. Mit ihrer runden Brille wirkt die kleine Frau alles andere als gefährlich. Sie erzählt begeistert von der Schönheit Lübecks, will sich gern in ein Café am Wasser setzen.

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Heft 26/2017
Das vergiftete Erbe des Helmut Kohl

"Ich bin eine Kommunistin des 21. Jahrhunderts", sagt die Politikstudentin. "Wir wollen alles für alle."

Laquer spricht für die Interventionistische Linke, eine Gruppe, die zu den Organisatoren der G-20-Proteste gehört - und die der Hamburger Verfassungsschutz für "gewaltorientiert" hält. "Seien Sie achtsam", warnte Hamburgs Innensenator Andy Grote Anfang Juni die Öffentlichkeit, "halten Sie Abstand zu militanten Extremisten."

Beim Gipfel in Hamburg werden die größten Proteste der linken Szene seit vielen Jahren erwartet. Bislang drehte sich die Debatte um die Krawallpläne der Autonomen und die Gegenmaßnahmen der Polizei.

Wer aber sind die Organisatoren hinter dem Protest? Was wollen sie? Nur dagegen sein? Oder haben sie Ideen für eine bessere Welt?

Fast eine Woche lang wird es Alternativgipfel, Diskussionsforen und Demonstrationen geben. Nicht nur vermummte Militante werden in der Stadt sein. Es hat sich ein breites Bündnis aus linken Gruppen gebildet: Umweltschützer, Feministen, Antifaschisten und Friedensbewegte wollen gemeinsam auf die Straße gehen. "Vielleicht gibt es nach dem Gipfel eine Generation Hamburg, die sich vernetzt und langfristig für eine andere Welt kämpft", hofft Laquer.

Es ist mitunter schwierig, mit Linksradikalen ins Gespräch zu kommen. Die Angst in der Szene ist groß. Manchmal zu Recht. Der gerade angelaufene Dokumentarfilm "Im inneren Kreis" zeigt, dass verdeckte Ermittlerinnen der Polizei autonome Gruppen ausspionierten und dafür sogar Liebesaffären in der Szene begannen. Seitdem sind viele noch konspirativer geworden.

Auf einer Parkbank in Berlin, irgendwo zwischen Neuköllner Hasenheide und Friedrichshainer Volkspark, sitzt Paul. Wie abgesprochen findet das Treffen ohne Handy statt - sicher ist sicher, sagt er, denn der Überwachungsstaat schlafe nie.

Seit Monaten baut Paul die "Kommunikationsinfrastruktur" des internationalen Medienzentrums FC/MC mit auf. Dafür wird ein Saal am Millerntor-Stadion des FC St. Pauli aufwendig umgerüstet. Von dort aus sollen Journalisten und Aktivisten über den G-20-Protest berichten. Sogar ein Livestream ist geplant, um Bilder von den Protesten in die ganze Welt zu übertragen.

Paul glaubt, dass es in Hamburg Ärger mit der Staatsmacht geben wird. "Ob Hackerangriffe durch Geheimdienste oder direkte Repression durch die Polizei vor Ort, man muss mit allem rechnen." Den anderen Aktivisten will er eine sichere Kommunikation ermöglichen. Seine Arbeit als "IT-Hausmeister" macht er ehrenamtlich, für die G-20-Woche in Hamburg hat sich der Informatiker freigenommen.

Im wirklichen Leben hat Paul einen anderen Namen. Er ist Ende zwanzig, bezeichnet sich als Antifaschist und ist seit seiner Jugend in der radikalen Linken aktiv. "In was für einer Welt möchte man leben?", fragt er sich. "Viele Probleme dieser Welt haben mit sozialer Ungleichheit zu tun. Macht und Geld: Alles ist unfair verteilt."

Dass Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer sterben, macht ihn wütend. Die Wählerschaft extrem rechter und reaktionärer Parteien bereitet ihm Sorgen. "Stellung beziehen, aktiv werden und zeigen, dass einem nicht alles egal ist", sagt er, seien Gründe für ihn, nach Hamburg zu fahren.

Viele, die jetzt die Proteste organisieren, waren schon 2007 in Heiligendamm dabei. Damals protestierten Tausende Menschen gegen den G-8-Gipfel in einem Luxushotel am Ostseestrand. Hunderten Demonstranten gelang es, in die Nähe des Absperrzauns zu kommen und eine Zufahrtsstraße zu blockieren.

Heiligendamm war für viele Aktivisten ein Neustart. Nach langen Jahren der Agonie konnte die Linke im Anschluss an die G-8-Proteste mehrfach Akzente setzen: 2011 besetzten Tausende die Bahngleise im Wendland, um Atomtransporte zu stoppen. Während der Finanzkrise gab es monatelang ein Protestcamp im Frankfurter Bankenviertel, in dem Linke über Alternativen zum Kapitalismus diskutierten. 2015 kam es bei der Eröffnung des neuen Gebäudes der Europäischen Zentralbank (EZB) zu Ausschreitungen. Und im vorigen Jahr stürmten Umweltaktivisten unter dem Motto "Ende Gelände" das Braunkohlerevier in der Lausitz, um auf Klimaschäden hinzuweisen.

Politiker van Aken: "Es wird nicht eskalieren"
Johannes Arlt / DER SPIEGEL

Politiker van Aken: "Es wird nicht eskalieren"

Bislang verebbte die öffentliche Aufmerksamkeit nach den Aktionen schnell, von Revolution war wenig zu spüren. Ändert sich das gerade? Wächst eine neue, kritischere Generation heran, so wie in den USA und Großbritannien, wo zwei alte Linke, Bernie Sanders und Jeremy Corbyn, gerade die Jungen inspirieren?

Laura Kröger, 21, studiert Soziologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg. Sie ist Sprecherin von "Jugend gegen G20". Dem Bündnis gehören auch die Nachwuchsorganisationen verschiedener Gewerkschaften und die "Falken" an.

Als Treffpunkt schlägt Kröger eine Kneipe an der Uni vor. Später hat sie noch ein Seminar zur "Raumkontrolle im Ausnahmezustand"; auch da geht es um die G-20-Proteste. Kröger sagt, dass sie auf St. Pauli wohne und dort "alle ein Problem mit dem G-20-Gipfel haben". Eine "Provokation" sei das, wenn die Polizei "jetzt wieder diese unterschiedlichen Zonen bestimmt, in denen die demokratischen Rechte eingeschränkt werden".

Weil sie neugierig war, nahm Kröger im Dezember 2016 auf der G-20-Aktionskonferenz an einem Workshop teil. Dort lernte sie andere junge Menschen kennen, die so denken wie sie. "Wir fühlen uns von den G20 nicht vertreten", sagt Kröger. "Wir wollen unsere Zukunft selbst gestalten."

Konkret will Kröger das Studiensystem verändern. Sie fordert mehr Geld für Bildung und Mitbestimmung. Die Studiengänge zum Bachelor und Master machten ihr viel Druck. Die Freiräume fehlten. "Warum soll ich meinen Abschluss so schnell wie möglich machen?", fragt Kröger. "Wie viele Jahre soll ich denn bitte später arbeiten?"

Ihre Eltern seien nicht politisch engagiert, sagt Kröger. Sie sei eine junge Studentin, die vom G-20-Gipfel genervt sei.

Für Kröger sind die Demos auch ein Happening. Sie sagt, sie habe jetzt "richtig Bock auf die Proteste". Die Organisatoren planen Protestcamps, wo Menschen aus aller Welt zusammenkommen. Die Bezirksämter haben Camps verboten, aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Außerhalb der Autonomen-Blase interessierten sich jahrelang nicht mehr viele für die Weltrevolution. Mehrere Krisen, vor allem in der Finanz-, Umwelt- und Flüchtlingspolitik, haben die Unzufriedenheit etlicher Bürger zwar erhöht. Doch davon profitierten zumeist andere politische Kräfte.

Emily Laquer von der Interventionistischen Linken glaubt, dass derzeit vor allem Rechtspopulisten den Status quo infrage stellen. Dadurch erscheine Angela Merkel als "last woman standing as leader of the free world". Aber das sei "natürlich Quatsch. 5000 Mittelmeertote im Jahr und Abschiebungen nach Afghanistan haben mit Freiheit nix zu tun".

Laquer und ihre Genossen in der Interventionistischen Linken wollen eine dritte gesellschaftliche Kraft etablieren. In den Neunzigerjahren haben ihre Vorläufer selbstkritisch erkannt, dass ihre "Szenepolitik kaum in die Gesellschaft interveniert". Deshalb schließen sie Bündnisse mit anderen Initiativen, egal ob es um zu hohe Mieten oder zu wenig Krankenhauspersonal geht.

Am "Klassenkampf" allerdings halten sie fest. Die Interventionistische Linke will weiterhin eine "radikale Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse" erreichen. Dafür hat sich Laquer in Hamburg einiges vorgenommen. Am ersten Gipfeltag will sie mit der Gruppe "Block G20" die Messehallen umzingeln. "Ungehorsam" sein, wie sie sagt: "Wir wollen den Gipfel einkesseln und festsetzen, sodass zum Beispiel kein Catering mehr durchkommt." Gestürmt werden soll der Veranstaltungsort aber nicht. Das erzeuge die falschen Bilder, sagt Laquer.

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Der Gipfel sei zwar nur eine "Bühne", ein "PR-Termin", sagt Laquer. "Aber es war ein Fehler, den auf St. Pauli zu legen. Wir wollen auch aufs Bild."

Welches Signal von Hamburg ausgeht, wird am Ende davon abhängen, ob es friedlich bleibt. Jan van Aken ist einer von denen, die dafür Verantwortung tragen. Drei Wochen vor Gipfelbeginn steht er im Rathaus von Norderstedt, eine Stadt im Speckgürtel von Hamburg, und hält einen Vortrag über den Protest gegen G20.

Für den 8. Juli hat van Aken, der für die Linken im Bundestag sitzt und früher Greenpeace-Aktivist war, eine Großdemonstration angemeldet. An diesem Abend hat der Linken-Ortsverband von Norderstedt zur Diskussion eingeladen. Etwa 50 Leute sind gekommen. Nach einem Vortrag dürfen die Besucher Fragen stellen. Ein Rentner meldet sich zu Wort: "Sie planen eine Demonstration mit 50.000 Leuten. Was ist mit den 4000, die sich angekündigt haben, um Terror zu machen? Die mischen sich unter sie. Wie wollen sie da friedlich bleiben?"

Er wisse um die Sorgen, antwortet van Aken. Aber die Autonomen säßen bei den Planungen mit am Tisch. Sie hätten versprochen, dass von ihnen bei dieser Demo keine Gewalt ausgehe. "Ich gebe hier keine Garantien ab, dass nicht irgendwo jemand Verrücktes Steine in eine Bank schmeißt", sagt van Aken. "Weil alle es zurückpfeifen, wird es nicht eskalieren. Da bin ich mir sehr sicher."

Im Saal nicken die Leute. Van Aken, 56, kommt gut an im bürgerlichen Norderstedt. Mit seinem Einsatz gegen Waffenexporte hat er sich einen Namen gemacht.

Am Ende des Abends sind alle Fragen zu G20 beantwortet. Dann meldet sich ein Herr zu Wort. Van Aken trete doch nicht wieder für den Bundestag an. Ob er denn nicht hier in Norderstedt Bürgermeister werden wolle. Im Saal bricht lautes Klatschen aus. "Du bist genau der Richtige!", rufen die Zuhörer oder: "Hab Mut!"

Doch van Aken winkt ab. Er sei gut im Dagegen-Sein. Sich für eine Sache einsetzen, regieren, als Bürgermeister administrieren? "Ich glaube", sagt van Aken, "das können andere besser als ich."

Video-Animation: G20-Gipfel - Das sind Hamburgs Brennpunkte

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insgesamt 2 Beiträge
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bockshorn11 26.06.2017
1. "politisches Engaegment" als Accessoire oder pure Wichtigtuerei
Du meine Güte, das ist doch "politisches Engaegment" als Accessoire oder pure Wichtigtuerei, um dann den Eltern das "bewegte" Mädel mit pathetischen Anfällen vorspielen zu können, sorry! Eigentlich sollten wir alle streiken und krawallieren, DAMIT sich die G20 endlich MEHR zusammensetzten, um den Probleme der Welt zu begegnen. Ich wünschte mir, die Chinesen und Russen und US-ler und Euros würden ENDLICH zur Vernunft kommen und erkennen wollen: and must protect Gaia! Typen wie diese Mehr-Schein-Als-Sein Protestler sind genau diejenigen, die nach dem Studium auf der anderen Seite stehen werden, nämlich immer auf der Seite der Chicken. Das war '68 geanuso. Warum ich diese typen wohl zum Kotz.. fände, wenn ich sie denn je gesucht hätte?
Velbert2 28.06.2017
2. Genau
Ich finde, die Blockaden sind mehr ein Zeitvertreib, durch den man später den Enkeln erzählen kann, "ich bin dabeigewesen". Eine Art Abenteuer in einer Zeit, in der normalerweise die Abenteuer eher auf dem Smartphone oder Tablet stattfinden. Frühere Generationen hatte das "Abenteuer Krieg", von dem sie heute noch erzählen, die heutige Generation das "Abenteuer Widerstand". Beides nicht gerade konstruktiv.
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