AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2017

G20-Proteste in Hamburg Der Mann auf dem Gerüst - das bin ich!

Während der G20-Randale steht im Hamburger Schanzenviertel ein Mann auf einem Gerüst. Spezialkräfte holen ihn herunter, zweieinhalb Tage lang wird er festgehalten. Hier erzählt er seine Sicht auf die Krawalle und die Zeit danach.

TV-Aufnahme vom Schulterblatt in Hamburg: "Lockere Stimmung"
N24

TV-Aufnahme vom Schulterblatt in Hamburg: "Lockere Stimmung"


Was sind das für Menschen, die auf ein Gerüst oder ein Dach klettern und von dort oben die Krawalle beobachten? Oder gar befeuern? Warum waren sie überhaupt in jener Nacht am Schulterblatt in Hamburg? Die Bilder gingen um die Welt, Zeitungen druckten sie, TV-Sender zeigten sie. Einer von denen, die auf diesen Aufnahmen zu sehen sind, meldete sich beim SPIEGEL. "Hallo, ich bin dieser Mann", so begann er seine E-Mail an die Redaktion, angehängt hatte er das Foto, das oben auf dieser Seite zu sehen ist.

Der Absender heißt Tobias Marquardt, ist 30 Jahre alt und wohnt im Harz. Er wolle berichten, was er dort gemacht habe, wie er festgenommen worden und was dann passiert sei; er habe sich nichts zuschulden kommen lassen. Die Redaktion suchte den Mann auf, hinterfragte seine Schilderung und glich sie mit anderen Berichten aus dieser Nacht ab. Hier erzählt er seine Sicht auf die Stunden am Schulterblatt und alles, was danach kam:

Ich bin nach Hamburg gefahren, um an den Ausschreitungen teilzunehmen. Das wusste ich nicht. Bis jetzt dachte ich, ich wäre nach Hamburg gereist, um mein Demonstrationsrecht wahrzunehmen. Artikel 2, 5, 8, 11 GG und hinter welchen Grundrechten man sich noch so verstecken könnte, um seine wahren Absichten zu verbergen: Endlich mal die Sau rauslassen, so zumindest der Vorwurf der Polizei.

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Heft 29/2017
Geheime Dokumente: Warum der Staat seine Bürger alleinließ

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes: mir ein eigenes Bild von den Demonstrationen und den Polizeieinsätzen rund um den G-20-Gipfel machen. Wird die Polizei wirklich grundlos angegriffen, wie sie selbst angibt? Oder ist ausschließlich die Polizei für die Eskalationen verantwortlich, wie die Demo-Organisatoren behaupten? Du wirst es nie erfahren, wenn du nicht dabei warst, du wirst nur einen gewerteten Artikel im SPIEGEL lesen können.

Was aber ist die Wahrheit?

Und berechtigt mich der Wunsch nach eigener Wahrheitsfindung, eigener politischer Bildung und der eigenen Auswahl an politischem Protest dazu, friedlich am Rande die derzeitige Situation zu beobachten? Nein, sagt die Polizei, ich hätte gar nicht erst anreisen dürfen. Ja, sagen die Demonstrationsveranstalter, Protest ist Bürgerrecht. Nein, sagen manche Journalisten, das ist Gaffen, gewaltgeiles Gestarre und Bejubeln von Verbrechen. Ja, sage ich.

Beobachter Marquardt: "Was aber ist die Wahrheit?"
Stefan Sobotta/ DER SPIEGEL

Beobachter Marquardt: "Was aber ist die Wahrheit?"

Zuerst wollten mein Freund Patrick* und ich allerdings etwas anderes beobachten: ein Konzert im Rahmen der Veranstaltung "Fußball gegen G20" am St.-Pauli-Stadion. Und das beantwortet schon die Frage, wie ich auf der Sternschanze landete: Es war kein Durchkommen. Welchen Weg Google Maps auch ausspuckte, überall stand die Polizei bereit mit Straßensperren. Die anwesenden Beamten wussten natürlich nicht, welche Straßen gesperrt sind, wie lange noch und wie man zu genehmigten Veranstaltungen kommt. Woher auch, sie kommen nicht aus Hamburg. Und auch das erfährt man nur, wenn man einen der wenigen gesprächsbereiten Beamten trifft, der einen nicht wortlos wegschickt. Also geht man da lang, wo man noch langkommt, und landet auf der Sternschanze.

Dort kam uns plötzlich eine Demo entgegen, die Polizei versperrte erneut eine Zugangsstraße mit Wasserwerfern. Hier ging es nicht weiter. Was wir jetzt getan haben, kann man rumstehen nennen oder "cornern", wie die G-20-Gegner, oder gaffen, wie die Presse, oder "an Ausschreitungen teilnehmen", wie die Polizei es nennt.

In jedem Fall blieben wir stehen und beobachteten. Und machten Fotos, Videos, tranken Alkohol, spielten Ball, lernten neue Leute kennen, hörten Musik und beschimpften Flaschenwerfer, denen wir auch die Munition zerstörten. Warten darauf, was passiert.

Es passierte nichts. Die Polizei bewegte sich nicht, natürlich wollte die Demo nicht weg, natürlich wollten die Zuschauer nicht ins Bett, Patt. Ein paar Flaschenwürfe, ein bisschen Einsatz der Wasserwerfer, ein paar Ausfälle von Polizisten. Der Döner an der Ecke wurde mal gesperrt, mal freigegeben. Auf dem Schulterblatt nutzten einige die Ruhe, um Straßenschlachten vorzubereiten. In diese Richtung rückte auch die Polizei vor, da es dort bereits brannte. Nun hatte man die Wahl: von der Polizei überrennen lassen oder zurückweichen ins Schulterblatt, in dem bereits der Rewe geplündert wurde. Ich habe mich offensichtlich für keine gute Idee entschieden, als ich das Baugerüst am Schulterblatt betrat.

Von dort oben hatte man einen Überblick, wie es unten auf der Straße aussah, wo es brannte, was die Polizei als Nächstes machte. Wie auf einem Balkon der Anwohnerhäuser, die gesäumt waren von Menschen. Hätte ich dort klingeln sollen, um von dort zu gaffen? Oder waren diese auch auf die Balkons getreten, um an den Ausschreitungen teilzunehmen?

Auf dem Gerüst herrschte lockere Stimmung, alle waren nach eigenen Angaben als Beobachter dort, niemand hat von hier oben etwas geworfen. Ich hätte ihn gefilmt. In den obersten Etagen standen Blumentöpfe auf dem Gerüst, die hatte ein Anwohner vor sein Fenster gestellt, um das hässliche Gerüst zu schmücken. Als ich Stunden später abgeführt wurde, standen diese noch dort, sie waren nicht mal umgekippt. Niemand hat sie geworfen.

Zumindest von oben nicht, das ergeben die Aufnahmen. Vom Nachbardach wurden Dinge geworfen, auf der Straße auch. Die Polizei befürchtete aber von diesem Gerüst einen Hinterhalt und wollte nicht vorrücken, bevor nicht Spezialkräfte das Haus gesichert hatten. Deswegen wurde überhaupt geräumt, anstatt einfach daran vorbeizugehen, weiterzuziehen aus meinem Blickfeld. Das konnte ich nicht wissen, deswegen blieb ich dort oben, in der Überzeugung, dass die Straße unten irgendwann leer sein würde. Schlechte Idee. Irgendwann war es zu spät, das Gerüst zu verlassen. Dann kamen die Spezialkräfte mich holen.

Vier Stunden lang standen wir mit auf dem Rücken gefesselten Händen an der Wand. Zuerst im Haus, später in einer Polizeistation. Es kam zu interessanten Gesprächen mit den anderen Gefangenen. Einer war DJ, einer war minderjährig, vier kamen aus Russland. Sie erzählten mir ihre Lebensgeschichte, aber alle wollen nur geguckt haben. Hatte keiner etwas geworfen, oder waren alle nur zu feige, es zuzugeben?

Bis zum Schluss traf ich niemanden, der mit seinen Taten geprahlt hat, nicht bei den Festnahmen, nicht in der Gefangenensammelstelle, der GeSa, nicht im Polizeiwagen, nicht in der JVA. Weil meinem persönlichen Aufpasser, Anfang dreißig, harter Blick und Vollbart, mein ständiges Gequatsche mit meinen Nachbarn auf die Nerven ging, machte er die Kabelbinder noch einmal enger, so weit es eben ging.

Gespräche mit diesen Beamten machten keinen Spaß, weil sie in jedem Satz erwähnten: "Ja, IHR brennt ja gerade Hamburg nieder" und "Ja, IHR habt ja randaliert". Ich kann es ihnen nicht verdenken. Sie wussten nicht, was wir getan hatten, ob wir Gaffer oder Polizistenmörder waren, sie lebten den ganzen Tag in Angst. Dagegen sind ein paar Oberarmschmerzen wohl erträglich.

Sammelstelle für Gefangene in Hamburg-Harburg: "Und wir warteten auf die Entscheidung"
Andreas Herzau

Sammelstelle für Gefangene in Hamburg-Harburg: "Und wir warteten auf die Entscheidung"

Stunden später ging es in die Gefangenensammelstelle. Wer denkt, auf dem Schulterblatt herrschte Chaos, der irrt. Hier herrschte der Wahnsinn. Hunderte Polizisten wuselten herum. Alles wurde entweder dreimal oder gar nicht getan. Ständig fragten sich die Mitarbeiter untereinander: "Hast du ...?", "Wo ist denn ...?", "Weißt du ...?" Und das lag nicht an der unerträglichen Masse von Gefangenen, wir waren 13, die gerade eingeliefert wurden. Vor uns und nach uns kam eine Weile nichts.

Die meisten von uns hatten eine Einzelzelle, eine Tür, eine Bank, eine Klingel. Toilette, Versorgung, Anwalt sprechen, Arzt, Fragen? Bitte klingeln. Erst mal gab es Wasser. Etwas zu essen brachte der nächste Mitarbeiter. Wasa-Knäckebrot, pur. Die Decke der nächste. Zur Toilette, zum Arzt, zum Rechtsanwalt und überall sonst hin wurde man zu zweit eskortiert. Immer von anderen. Postpolizisten und ich, das Paket.

Je nachdem, wie derjenige Lust hatte, entweder in Handschellen, im Polizeigriff, am Handgelenk oder einfach locker nebenhergehend. Was sollte ich denn machen? Weglaufen? Wäre bei Hunderten Polizisten in einem abgesperrten Gebäude eine gute Idee gewesen.

Ansonsten: warten. Immer warten. Und irgendwann abwägen, ob man überhaupt klingelt, weil sie einem irgendwann leidtaten. Die machten das ja nicht absichtlich, aber niemand wusste von irgendwas. Und sie waren fast alle sehr, sehr freundlich und bemüht, aber völlig überfordert. Für alles gab es Listen und Vorschriften. Alles musste irgendwo eingetragen und dann übertragen werden.

Ein Arzt stellte Blutergüsse in den Oberarmen aufgrund Dauerüberdehnung fest. Einen Rechtsanwalt konnte ich erst viele Stunden nach meiner Verhaftung kontaktieren. Wann genau? Es gab keine Uhr. Es kamen dann gleich zwei Rechtsanwälte, die nichts voneinander wussten. Vertreten vor Gericht hat mich dann ein dritter. Offensichtlich gab es also auch bei den Demo-Anwälten ein bisschen Chaos.

Was mir vorgeworfen wurde, erfuhr ich erst am späten Nachmittag, als mir eine Kopie eines Antrags an das Amtsgericht ausgehändigt wurde. Der Inhalt war hanebüchen. Ich sei nach Hamburg gekommen, um unter anderem an den Ausschreitungen teilzunehmen. Nicht an den angemeldeten Demonstrationen und Protestaktionen, sondern an den Ausschreitungen. Da ich höchstwahrscheinlich auf dem Gerüst Straftaten gegen Leib und Leben von Polizisten durchgeführt hätte und es voraussichtlich weiterhin tun würde, sei eine Gewahrsamnahme bis Montagfrüh 8 Uhr notwendig.

Im Video: Tobias Marquardt wurde bei den G-20-Protesten von einem Sondereinsatzkommando vom Baugerüst geholt. Hier erzählt er von der Nacht - und erklärt, was er überhaupt dort wollte.

STEFAN SOBOTTA

Ein Standardtext, der fast gar keine Informationen über mich enthielt. Was habe ich getan, außer anwesend zu sein? Das konnte vor Gericht nicht standhalten.

Dem Haftrichter vorgeführt wurde ich um 23.40 Uhr. 20 Minuten später und ich hätte freigelassen werden müssen, da eine Gewahrsamnahme nur bis zum Ablauf des folgenden Tages zulässig wäre. Begleitet wurde ich mal wieder von zwei Postpolizisten, ich diesmal in Handschellen, und einem Vertreter des antragstellenden Ministeriums, in Hamburg die Sportbehörde.

Auftritt Richter. In der Verfilmung meines Lebens müsste ihn Christoph Waltz spielen. Hamburgs Bildungselite, ein sehr freundliches Lächeln, ein zuvorkommendes Auftreten, ein wahnsinnig sympathischer Mensch. Auf den ersten Blick. Meine Ausführungen, warum ich dieses Gerüst betrat, wischte er in der Sekunde, als ich fertig war, sofort mit "Schutzbehauptungen" beiseite. In seiner Entscheidung verkürzte er dieses später auf "wollte sich geografisch orientieren" und kommentierte "lebensfremd, hätte einen anwesenden Polizisten nach dem Weg fragen können".

Lukas(*), den ich vorher kennengelernt hatte, hatte das gemacht. Ihm wurde dafür die Schulter ausgekugelt, Patrick wurde ins Gesicht geschlagen. Überhaupt, die Idee, dass die ortsfremden Straßenpolizisten neben den Wasserwerfern auf der Sternschanze, während es brennt und der Rewe geplündert wird, besonders auskunftsfreudig sind, ist natürlich so gar nicht lebensfremd.

Dann begann er, mir die wirklich wichtigen Fragen zu stellen: Familienstand? Anzahl Kinder? Ach, ledig und keine? Ja, dann hab ich ja alles, was ich brauche, dann ist die Anhörung beendet. Warten Sie bitte im Flur.

Das übliche Warten begann. Stunden über Stunden. Während wir da auf dem Flur standen und uns ausführlich über alles Mögliche unterhalten haben, erreichte das Verwaltungschaos seinen Höhepunkt. Es erschienen zwei weitere Postpolizisten, ohne Paket, und ein weiterer Vertreter der Sportbehörde. Sie hätten mich die letzte Stunde verzweifelt gesucht und sollten mich sofort freilassen, wenn sie mich endlich fänden. Mein Anwalt brach in Jubelgeschrei aus, woraufhin Richter Waltz die Tür öffnete und uns freundlich mitteilte, sofort etwas leiser zu sein. Auf die Mitteilung meines Anwalts, dass die Kollegen die Anweisung hätten, mich sofort zu entlassen, schloss er die Tür. Nun ja.

Wie sich herausstellte, hatten meine beiden Begleiter nicht meinen Papierlaufzettel mitgenommen. Deshalb hing dieser noch an der Zelle und wurde nicht ausgetragen. In der GeSa brach Panik aus, überall wurde nach mir gesucht, verdammt, ein Gefangener ist weg, und wenn der nicht in 20 Minuten dem Richter vorgeführt wird, muss der sofort entlassen werden. Nach 20 Minuten galt dann, alles klar, zu spät, wenn ihr ihn findet, entlasst ihr ihn halt. In Wirklichkeit war ich aber bereits vorgeführt. Weswegen die Weisung nicht galt, also weiterwarten.

Durch den Flur wurden mir bekannte Gesichter geführt, die ich bereits aus dem Gang, der Polizeistation und dem Polizeifahrzeug kannte. Einer nach dem anderen kam lächelnd aus den Verhandlungsräumen, alle wurden sofort freigelassen, insgesamt 9 von 13. Begeistert ließ sich mein Anwalt die Gerichtsentscheidungen kopieren, sammelte sie alle, und wir begannen zu erörtern, wie ich von der GeSa nach Hause kommen würde. Die beiden Begleitpolizisten und die Behördenvertreter begannen, mir die Sperrzone zu erläutern und wie ich mich verhalten soll, falls ich diesen Bereich durchqueren muss auf dem Weg zum Hauptbahnhof. Und wir warteten auf die Entscheidung.

Aber die kam nicht. Mittlerweile hatten wir uns in einen leeren Raum zurückgezogen, davon gab es einige, es war auch da nicht so viel los, die Situation wirkte entspannt. Also unterhielten wir uns, bis um drei. Mittlerweile waren auch meine beiden Begleiter offenbar davon überzeugt, dass ich wohl eher nicht zu den Polizistenmördern zählen würde.

Waltz sah das anders, bei der Verkündung seiner Entscheidung gegen drei Uhr nachts. "Ich habe es mir wirklich nicht leicht gemacht, das können Sie mir glauben." Ja, das konnte ich ihm wirklich glauben. Es kann nicht so einfach gewesen sein, die komplette Begründung aus dem Antrag abzuschreiben und eins zu eins zu übernehmen. Immerhin lag der Antrag nur schriftlich vor und musste per Hand abgetippt werden. Und natürlich durfte er nicht hetzen - wer schon mal mit Baumaterialien gearbeitet hat, weiß das. Wer etwas beugen will, ohne dass es bricht, muss es langsam machen.

Dass in der Entscheidung noch davon ausgegangen werden musste, dass ich "hochwahrscheinlich erhebliche Straftaten begangen" haben könnte - geschenkt. Die Beweisvideos, die mich allesamt entlasten, konnten ja noch nicht ausgewertet werden. Dass ich "aufgrund der besonderen Rohheit und Gewaltbereitschaft ... die weiteren Demonstrationen ... dazu nutzen werde, um erneut Straftaten gegen die körperliche Integrität eingesetzter Beamter zu begehen", ist eine schwere Anschuldigung, die aber allgemein gehalten ist und völlig den Bezug zu meiner Person vermissen lässt.

Warum gerade ich, mit meinem Auftreten, meinem Aussehen, meiner Schilderung, meiner neutralen politischen Haltung und meinem Führungszeugnis, "Registerinhalt: Keine Eintragung", wird gar nicht erst erläutert.

Und warum kein milderes Mittel? Bereits im Vorfeld hatte ich mich einverstanden erklärt, Hamburg sofort zu verlassen, ein Ticket hatte ich bereits gebucht, ich hatte ja auch schon genug Zeit, mir die Abreisemodalitäten erklären zu lassen. Bei kontrollierter Abreise, Meldung auf einer Polizeistation zu Hause bei Ankunft am Sonntagabend sowie Montagmorgen hätte ich bei einer Regelfahrzeit von drei Stunden pro Strecke mit dem Auto immerhin 20 Minuten Zeit für Ausschreitungen gehabt, wenn ich gut durchkomme. Vielleicht hätte ich noch ein Hamburger Ortsschild beschädigen können, bevor ich zurückmuss.

Doch ich lernte: Ich verfüge nicht über "eine hinreichende Absprachefähigkeit und Verlässlichkeit" für eine Freilassung gegen Auflagen. Begründung? Das ist so, weil das so ist.

Ratlosigkeit im Saal. Die Postpolizisten gucken sich fragend an, mein Anwalt legt Beschwerde ein. Zurück in die Gewahrsamszelle.

Was macht man eigentlich die ganze Zeit in so einer Zelle? Rausgucken? Sport? Singen? Was immer ich versucht habe, alles fühlte sich genau wie das an, was es war: der armselige Versuch, Zeit totzuschlagen. Was sich am besten anfühlte, war hinlegen, Augen zu, träumen. Bloß nicht über die irren Vorkommnisse nachdenken, das macht's nicht besser.

Mittlerweile kam ich mir vor wie in einem Theaterstück, es hatte irgendwie kaum noch etwas mit mir zu tun. Die Polizisten, die weiter stoisch ihren Pflichtaufgaben nachgehen mussten, Lebendkontrolle, aufs Klingeln reagieren. Beginn des Transfers, erst mal verwahrte Sachen holen, begleitet von zwei gut gelaunten Postpolizisten, die locker neben mir herliefen. Hey, habt ihr nicht bei Waltz gelesen, wie gefährlich ich bin?

Transfer in die JVA Billwerder. Noch mehr Klischees. Muskulöse Häftlinge oben ohne beim Kreisedrehen im Hof. Die betont unfreundlichen Wärter. Vollständige Entkleidung, natürlich. Befehle. Eine vollständige Einweisungsuntersuchung, haben Sie Verletzungen, schlechte Zähne, möchten Sie sich umbringen?

Zelle, Ruhe. Am nächsten Morgen Wecken, wie versprochen um 6.30 Uhr. Auf dem Flur traf ich dann das erste Mal Menschen, die tatsächlich etwas getan hatten. Alle drei Italiener. Sie zeigten mir ihre Unterlagen, Untersuchungshaft. Steinwurf, Besitz von Waffen. Die drei waren nach Hamburg gekommen, um an den Ausschreitungen teilzunehmen. Und man hatte sie verhaftet, das ist schön.

Ich wurde bald darauf entlassen, tschau. Vor der JVA begrüßten mich Fremde mit einem Kasten Bier und einem Handy. Wir sollten die Demo-Anwälte anrufen, dass wir frei sind. Jeder ein Bier, prost.

Ich wurde von Polizisten getreten, umgerannt, bestohlen, beleidigt und meiner Grundrechte beschnitten. Werde ich mich beschweren? Ach was. Werde ich zur nächsten Demo gegen Polizeigewalt gehen? Nein. Die nächste Demo der DPolG verdient meine Unterstützung. Denn was bleibt übrig von diesem Wochenende? Die G-20-Teilnehmer werden weitermachen wie bisher. Die Einsatzleitung klopft sich auf die Schulter, dass sie das alles sehr gut gemacht haben. Und die einfachen Polizisten wissen, dass es nicht stimmt, dass das eigentliche Chaos weiter verschwiegen wird und dass sie all das ausbaden müssen, was überall schiefläuft.

Werde ich mich noch mal in eine solche Sackgasse wie auf dieses blöde Baugerüst navigieren? Definitiv nicht. Werde ich weiterhin ruhig und friedlich meine Meinung vertreten, ohne irgendeiner Seite, irgendeinem Pressemedium, irgendeiner Regierung blind zu vertrauen? Definitiv ja. Und werde ich wieder so eine Demo besuchen, um mir ein eigenes Bild von der Welt zu machen? Verdammt, ja.

* Namen geändert.



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
steueragent 16.07.2017
1. Das ist schon gut, so eine Geschichte zu hören.
Da sieht man, wie schwierig es für die Polizei ist, hier richtig zu reagieren. Man sieht auch, dass der Rechtsstaat einigermaßen funktioniert. Besser ist es in so einer Extremsituation wohl nicht möglich. Die Geschichte hört sich für mich plausibel an.
Achmuth_I 16.07.2017
2. Klasse
Wann ladet ihr den ersten Unfallgaffer ein um seine Fotos und Emotionen zu verbreiten? Der Typ ist nichts anderes.
Listkaefer 16.07.2017
3. Toller Artikel
Einen Teil des Geschehens aus dieser Perspektive zu sehen ist sehr erhellend. Der Demoteilnehmer (er war einer, denn er war daabei) weiß, dass er sich nichts zu Schulden kommen ließ. Die Polizisten wissen das aber nicht. Sie müssen davon ausgehen, dass er eventuell schlimme Sachen gemacht haben könnte - die hat es nämlich gegeben. Wenn man zu einer Demonstration geht und die entgleist, dann muss man mit genau dieser Behandlung rechnen. Alles rechtsstaatlich demokratisch und angemessen.
stefan7777 16.07.2017
4. Realität vs. medialer und politischer Mißbrauch einer Situation
Angenehm eine Perspektive zu sehen, die nicht vom Hörensagen und aufgebauschtem politischem Kalkül gesteuert ist. Meine Erfahrungen an solchen Orten sind ähnlich. Auch Polizisten die ich kenne berichten hanebüchenem Chaos. Es gibt Polizisten die freuen sich auf dieses Chaos, andere haben Bedenken und ein Gewissen. Angst haben Polizisten wie Demonstranten. Alle Teilnehmer wissen, wie überraschend groß der Einfluß der Exekutive auf den Grad der Eskalation auf solchen Demonstrationen ist.
mark.j 16.07.2017
5.
Warum mußte er geschlagen werden?
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