AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2018

Galeria Kaufhof Wie ein deutscher Kaufhaus-Mythos zerstört wird

Ein vertraulicher Firmenbericht zeigt: Die neuen Eigentümer von Galeria Kaufhof treiben das Unternehmen in den Niedergang.

Werbung vor Berliner Kaufhof-Filiale: "Ohne Gegenmaßnahmen droht die Zahlungsunfähigkeit"
Steinach / imago

Werbung vor Berliner Kaufhof-Filiale: "Ohne Gegenmaßnahmen droht die Zahlungsunfähigkeit"

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Richard Baker hat Ärger mit seinem Personal. Genauer gesagt mit einer Stewardess, die noch bis Januar in seinem Firmenjet gearbeitet hat. Er habe Überstunden nicht bezahlt und sie überhaupt wie eine Leibeigene behandelt, klagt die 46-Jährige. Besonders intensiv, so gab die US-Amerikanerin in der New Yorker Klatschzeitung "Daily News" zu Protokoll, habe sie sich um Bakers Hündin Bella und deren Hinterlassenschaften kümmern müssen.

Baker ist der Verwaltungsratsvorsitzende des kanadischen Warenhauskonzerns Hudson's Bay Company (HBC), der vor zweieinhalb Jahren Galeria Kaufhof übernommen hat. Und sein Schoßhündchen kennt man auch in der Kölner Zentrale der deutschen Kaufhauskette. Das Tier fliegt gern mit, wenn der Multimillionär per Firmenjet zu wichtigen Sitzungen aus den USA oder Kanada einschwebt. Und das dann dem eigenen Laden in Rechnung stellt. Von HBC-Seite heißt es dazu nur, dass man aus Sicherheitsgründen keine Angaben zu Reisen einzelner Führungskräfte machen könne. Die Reisekosten würden Galeria Kaufhof nicht in Rechnung gestellt.

Für die Mitarbeiter von Galeria Kaufhof ist das Getue um Bella ein Affront. Denn sie sollen zur Rettung des Unternehmens einem Sanierungstarifvertrag zustimmen und womöglich auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichten.

Am vergangenen Mittwoch hat der Mutterkonzern HBC seine Zahlen veröffentlicht, demnach ist der Umsatz in Europa im vierten Quartal um 3,4 Prozent gesunken. Der Rückgang ist auf Misserfolge von Hudson's Bay in den Niederlanden und der Marke Inno in Belgien zurückzuführen. Hauptgrund dürfte aber das schlechte Weihnachtsgeschäft in Deutschland gewesen sein. Dabei war der neue Eigentümer gekommen, um Kaufhof nach vorn zu bringen. Tatsächlich macht das Management um Richard Baker alles schlimmer.

HBC-Großaktionär Baker: "Das gehört jetzt alles mir!"
action press/ Kai Kitschenberg/ FUNKE

HBC-Großaktionär Baker: "Das gehört jetzt alles mir!"

Seit der Übernahme im Herbst 2015 sind die Filialumsätze eingebrochen, von 3,1 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf 2,6 im Jahr 2017, so steht es in einem vertraulichen Unternehmensbericht, der dem SPIEGEL vorliegt. Im vergangenen Geschäftsjahr soll bei Galeria Kaufhof ein Jahresfehlbetrag von mehr als hundert Millionen Euro aufgelaufen sein.

In dem Papier findet die Kölner Geschäftsführung deutliche Worte. "Galeria Kaufhof befindet sich in einer ausgeprägten Ertragskrise", heißt es da. Ohne weitere drastische Sanierungsmaßnahmen werde Kaufhof "kurz- bis mittelfristig in einer substanziellen wirtschaftlichen Notlage verbleiben". Auch um die Liquidität sei es nicht gut bestellt: "Ohne Gegenmaßnahmen droht die Zahlungsunfähigkeit." Kaufhof-Geschäftsführer Roland Neuwald hat bereits angekündigt, in der Hauptverwaltung in Köln 400 von 1600 Arbeitsplätzen abzubauen, jede vierte Stelle.

Am Freitag, den 13. April, soll in Frankfurt am Main die Tarifkommission der Gewerkschaft Ver.di darüber entscheiden, ob die Arbeitnehmervertreter mit dem Unternehmen Verhandlungen über einen Sanierungstarifvertrag aufnehmen werden. Ein sogenanntes Zukunftskonzept namens "Turn2Win" soll Kaufhof "zurück auf die Erfolgsspur" führen. Doch die darin skizzierten Ideen der Führungstruppe beschränken sich vor allem auf Schlagworte wie "Stärkung der Marke", "Filialumbauten", "Omnichannel Boost". Innovative Ideen: Fehlanzeige. Dabei drängt die Zeit.

Mit jedem Tag verliert Galeria Kaufhof Kunden - und Mitarbeiter. Selbst hochrangige Manager sind inzwischen überzeugt, dass die aktuelle Strategie der Konzernmutter das Unternehmen geradewegs in die Pleite führen wird. Einige sollen bereits vorsorglich einen Insolvenzberater konsultieren. Zwar hat sich die Kaufhof-Spitze ausbedungen, dass der Mutterkonzern monatlich die entstehenden Verluste ausgleicht. Doch ob HBC die Defizite aus Deutschland auf Dauer auffangen will und kann, ist fraglich. Bakers Investoren drängen seit Monaten, das schwächelnde Europa-Geschäft wieder abzustoßen.

Baker scheint daran nicht im Traum zu denken. Intern ist mancher Manager irritiert, dass der Amerikaner die schlechten Zahlen nicht wahrhaben will, Fehler nicht eingesteht und deshalb auch nicht korrigiert. Es könnte auch ein Problem der Selbstwahrnehmung sein. Baker tritt als Macher und Erfolgstyp auf. Eine Niederlage darf nicht sein, kann nicht sein.

Baker und seine Mannschaft können die aktuelle Misere nicht auf eine allgemein schlechte Lage der Warenhäuser in aller Welt und in Deutschland im Besonderen schieben. Schon gar nicht, seit vor einer Woche Konkurrent Karstadt bekannt gegeben hat, im abgelaufenen Geschäftsjahr 2016/17 erstmals seit zwölf Jahren einen Überschuss erzielt zu haben, und ein Plus von 1,4 Millionen Euro verkündete.

Das ist für die Kaufhof-Beschäftigten vor allem deshalb bitter, weil es lange umgekehrt war: Während Karstadt seit Jahren um die Existenz kämpfte, war Kaufhof solide aufgestellt. Der Umsatz lag mehr oder weniger konstant bei rund 2,8 Milliarden Euro. "Wir waren finanzstabil", bestätigt der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende Lovro Mandac. 20 Jahre lang führte Mandac Kaufhof, er hält es für "unsozial, dass die Mitarbeiter nun für die Managementfehler bezahlen sollen".

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Genau die aber sind in seltener Deutlichkeit zu erkennen. Die Strategie, die Baker und seine Getreuen seit Herbst 2015 verfolgen, greift nicht. Die Entscheidungen der Spitze sind unverständlich, widersprüchlich, oft schlicht falsch.

  • Immobilien: HBC hat die meisten Kaufhof-Immobilien an ein Gemeinschaftsunternehmen weitergereicht, an dem es die Mehrheit hält. Auf diesem Weg schröpft Baker Kaufhof in Heuschrecken-Manier mit höheren Mietzahlungen. Bei Vorzeigefilialen am Berliner Alexanderplatz oder in der Hohen Straße in Köln haben sich die Mieten, die Kaufhof an HBS Global Properties abführen muss, mehr als verdoppelt. Insgesamt kostet das Kaufhof rund 50 Millionen Euro mehr pro Jahr - ohne bessere Mietbedingungen. Im Gegenteil: Für Instandhaltungsmaßnahmen an den Gebäuden muss Kaufhof den neuen Verträgen zufolge in Zukunft selbst aufkommen. Die Aufsichtsratsmitglieder, die diese Mieterhöhungen durchgewinkt haben, könnte das im Falle einer Insolvenz in erhebliche Erklärungsnot bringen.
  • Investitionen: Eine Milliarde Euro stellte HBC in Aussicht, um die Kaufhof-Filialen zu modernisieren. Doch abgesehen von ein paar Schönheitskorrekturen an prominenten Standorten ist von dem Geld bislang nicht viel angekommen. Der Bau eines dringend benötigten E-Commerce-Lagers in Nordrhein-Westfalen liegt seit Mai 2017 auf Eis, weil HBC die nötigen Sicherheiten verweigert. HBC bestreitet das: "Galeria Kaufhof hat die volle Unterstützung von HBC." Offenbar basierte das Investitionsversprechen, so berichten Insider, bloß auf einer spontanen Kommunikationsidee des ehemaligen HBC-Chefs Jerry Storch, um deutsche Journalisten von anderen Schwachstellen abzulenken: "Wir werden ihnen eine Milliarde geben", lautet angeblich dessen Satz, "das wird sie über Jahre triggern!"
  • Sortiment: Baker hat unbekannte Modemarken aus den USA in die Läden geholt und viele teure Schuhe. Doch die durchschnittliche Kaufhof-Kundin kauft keine High Heels für 500 bis 700 Euro. Gleichzeitig wurden Lebensmittelabteilungen zusammengestutzt, die zwar keine hohe Margen brachten, aber dafür verlässlich viele Kunden in die Läden lockten.
  • Expansion: Die Eröffnung der sogenannten Premium-Outlet-Kette Saks Off 5th in Deutschland soll weit hinter den Erwartungen zurückliegen. Das Angebot besteht zum Großteil aus Klamotten, die HBC in seinen nordamerikanischen Warenhäusern nicht loswird. Gut zu erkennen an den zum Teil noch vorhandenen US-Etiketten. Auch die Expansion der Kaufhof-Schwester Hudson's Bay in die Niederlande läuft offenbar nicht annähernd wie geplant. In der Filiale im Zentrum von Amsterdam steht mitunter mehr Verkaufspersonal als Kundschaft, während draußen die Touristenströme vorbeiziehen.

All diese Entscheidungen lösen bei Handelsexperten ein Déjà-vu aus: Vieles erinnert an das Gebaren von Nicolas Berggruen bei Karstadt. Der Deutschamerikaner war einst als solventer Retter angetreten - und hat in Essen nichts als verbrannte Erde hinterlassen. Reiche Erben aus Amerika scheinen dem deutschen Warenhausgeschäft kein Glück zu bringen.

Dabei wären die Fehler bei Kaufhof vermeidbar, wenn HBC-Verwaltungsratsvorsitzender Baker nicht so beratungsresistent wäre. Es gibt genügend interne Mahner, langjährige Angestellte und Berater, die Kaufhof und seine Kunden gut kennen. Baker hingegen soll bis zur Übernahme keine Filiale von innen gesehen haben - aber darauf bestehen, dass er stets das letzte Wort hat. Einen "verwöhnten kleinen Jungen" nennen ihn seine hausinternen Gegner.

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Kurz nach dem Einstieg von HBC reiste Baker nach Berlin, um der traditionsreichen Kaufhof-Filiale am Berliner Alexanderplatz seine Aufwartung zu machen. Gemeinsam mit Betriebsräten und Abteilungsleitern umrundete er seine neueste Errungenschaft. Irgendwann riss er die Arme in die Höhe, verdrehte die Augen und schrie begeistert: "Das gehört jetzt alles mir. Damit kann ich tun und lassen, was ich will!" So erzählen es Augenzeugen unisono. Ein Sprecher von HBC erklärt dazu: "Herr Baker hat diese Aussage nicht getroffen."

Auch wenn seine exaltierten "Awesome"-, "Exciting"- und "Spectacular"-Ausrufe nun dem ersten Frust gewichen sind: Baker hört auf niemanden. Außer vielleicht auf seinen 82-jährigen Vater Robert, mit dem er gern telefoniert ("Yes, Daddy"). Aber auch der ist kein ausgewiesener Kenner des deutschen Einzelhandels.

Bei Kaufhof-Mitarbeitern herrscht Wut und Verzweiflung über den Egoshooter aus Amerika. Auch mit der Arbeitnehmerseite bei Galeria Kaufhof hat es sich Baker in Rekordzeit verscherzt. Gesamtbetriebsratschef Uwe Hoepfel, einst ein Fürsprecher des Amerikaners, hat sich inzwischen gegen Baker in Stellung gebracht - und sich mit dessen Aufsichtsratschef Wolfgang Link angelegt. Der Ernennung des Kaufhof-Geschäftsführers Roland Neuwald etwa stimmte die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat erst im zweiten Durchgang zu.

Das eigentlich Absurde an der Geschichte ist, dass die Entscheidung der Metro, Kaufhof an HBC zu verkaufen, nicht nur eine Entscheidung für Baker war. Sondern offenbar auch eine Entscheidung gegen den österreichischen Immobilieninvestor René Benko. Der hatte im Sommer 2014 die von Berggruen heruntergewirtschaftete Karstadt-Gruppe übernommen und verfolgt seither das Ziel, Karstadt und Kaufhof zur sogenannten Deutschen Warenhaus AG zu vereinen.

Trotz einer Erhöhung seines Angebotes unterlag Benko damals im Bieterstreit um Kaufhof, über die Gründe scheiden sich die Geister.

Karstadt-Eigner Benko: "Ich verstehe nicht, warum"
Stephan Pick / Roba Images

Karstadt-Eigner Benko: "Ich verstehe nicht, warum"

Inzwischen hat sich die Situation gedreht. Karstadt ist unter Benko und seinem neuen Management auf einem guten Weg. In der Personalabteilung der Karstadt-Zentrale in Essen stapeln sich die Bewerbungsunterlagen von enttäuschten Kaufhof-Mitarbeitern, die bereit wären, zum einstigen Erzrivalen überzulaufen. Während man bei Karstadt über Expansion redet, umfasst das Sanierungsprogramm bei Kaufhof auch die Schließung von Standorten.

Bleibt also die Frage, wie lange Benko warten muss. Zuletzt bot er HBC im Herbst 2017 rund drei Milliarden Euro für Kaufhof - 200 Millionen mehr, als HBC an Metro gezahlt hatte. "Project Donau" heißt das Vorhaben bei der Karstadt-Mutter Signa intern. In einem persönlichen Schreiben von Benko an Baker heißt es, man könne den Deal innerhalb weniger Wochen über die Bühne bringen.

Doch der Amerikaner wischte das aus seiner Sicht "unvollständige, nicht bindende, unaufgeforderte Angebot" brüsk vom Tisch. Zu einem persönlichen Treffen musste Benko Baker regelrecht zwingen. Es fand nur statt, weil Baker irgendwann auch seinen Aktionären erklären muss, warum er nicht einfach Benkos Geld nimmt und Kaufhof den Rücken kehrt.

Dass Richard Baker den Österreicher mit den gleichen Initialen nicht ausstehen kann, ist kein Geheimnis. In Bakers Umfeld kursiert der Spruch: "Eher würde er im Hochzeitskleid über die Fifth Avenue in New York tanzen, als an Benko zu verkaufen." Warum die Abneigung auch hier so groß ist, weiß keiner so genau. Sicher ist aber, dass Benko so schnell keine Ruhe geben wird - und die schlechten Zahlen bei Kaufhof spielen ihm dabei in die Hände. So soll er bereits im vergangenen Sommer, als der Kreditversicherer Euler Hermes Kaufhof die Garantiezusagen kürzte, versucht haben, im Reich von HBC für Unruhe zu sorgen.

Er schrieb eine private E-Mail an David Simon, einen an HBS Global Properties beteiligten Immobilieninvestor. Darin verwies Benko auf die "offensichtlich ernsthaften Probleme" von HBC in Europa. Zum Beweis fügte er Presseberichte aus deutschen Medien an, die ausführlich die Kaufhof-Misere thematisieren.

Aus den auf Englisch abgefassten Zeilen spricht das Unverständnis Benkos darüber, dass Baker nicht in Verhandlungen mit ihm eintreten möchte: "Ich habe gehört, dass Mr Baker keine Geschäfte mit Signa machen möchte, aber ich verstehe nicht, warum."

Eine Antwort von David Simon bekam Benko freilich nicht. Simon ließ Benkos Mail stattdessen direkt an HBC weiterleiten. Er gilt als Freund von Richard Baker.

Der wiederum bedient sich derweil munter an seinem Laden - oder lässt es andere tun: Bakers Frau soll genau einmal in der Kaufhof-Zentrale in Köln zu Besuch gewesen sein. Bei dieser Gelegenheit soll sie sich aus der Kaufhof-Kunstsammlung all jene Stücke ausgewählt haben, die sich gut in ihrem Apartment in New York machen würden.

So erzählt man es sich in den Fluren der Kölner Zentrale. Ein HBC-Sprecher sagt dazu: "Es ist nicht geplant, Kunstwerke aus den Büros von Galeria Kaufhof nach Nordamerika zu bringen."


Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet.



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