AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2017

Mittelalterforschung Der wahre Kern von "Game of Thrones"

Gibt es historische Vorbilder für Cersei Lannister und Robb Stark? Sind die Dothraki wie die Mongolen? Mittelalterexpertin Carolyne Larrington über interessante Parallelen zwischen Dichtung und Historie.

Serienfiguren Cersei und Jaime Lennister
HELEN SLOAN / HBO / SKY

Serienfiguren Cersei und Jaime Lennister


Als der Oxford-Professorin Carolyne Larrington im Jahr 2012 auf einem Überseeflug nach New York langweilig wurde, klickte sie sich durch das Programm der Bordunterhaltung und blieb bei dieser Serie hängen, über die so viele sprachen: "Game of Thrones". Larrington dachte sich "Why not?" und drückte auf "Play".

Dann erlebte sie, was die meisten Menschen erleben, die mit "Game of Thrones" anfangen: Sie konnte nicht aufhören.

"Game of Thrones" ist eine der erfolgreichsten Fernsehserien der Welt, ausgezeichnet mit 38 Emmys, basierend auf der Romansaga "Das Lied von Eis und Feuer" von George R.R. Martin, die mehr als 60 Millionen Mal verkauft und in 45 Sprachen übersetzt wurden. Am 16. Juli startet die siebte Staffel zunächst in den USA, tags darauf dann auch im deutschen Bezahlsender Sky.

Larrington unterrichtet englische Literatur des Mittelalters an der Universität in Oxford. Ihr Büro liegt in einem Raum, dessen Tür so niedrig ist, dass man droht sich den Kopf zu stoßen, wenn man eintritt. Larrington liest normalerweise Texte auf Altisländisch und Mittelhochdeutsch und versucht, ihre Studenten für das Nibelungenlied zu begeistern.

Als sie "Game of Thrones" schaute, fiel ihr auf, dass eine Menge Ideen aus der Serie von Sagen und Geschehnissen inspiriert waren, die sie aus ihrem Fachbereich kannte. Larrington schrieb deshalb ein Buch, "Winter is coming", das sich mit dem wahren Kern von "Game of Thrones" beschäftigt. Zur Begrüßung serviert sie, of course, eine Tasse Tee.

Mediävistin Larrington: "Probier doch mal das Nibelungenlied"
Andrea Artz / DER SPIEGEL

Mediävistin Larrington: "Probier doch mal das Nibelungenlied"

SPIEGEL: Frau Larrington, bevor ich Ihr Buch gelesen habe, dachte ich, "Game of Thrones" sei ausgedacht.

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Heft 29/2017
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Larrington: Das wäre beruhigend. Aber George R.R. Martin hat sehr viel und sehr gut recherchiert, und vieles basiert auf wahren Geschehnissen und Mythen. Es gab tatsächlich einmal eine Zeit, die ähnlich gewalttätig war wie die Serie.

SPIEGEL: War das Mittelalter so schlimm?

Larrington: In den Städten: ja. Jeder Mann hatte ein Messer dabei. Und wenn er in Rage geriet, dann stieß er zu. In Italien im Mittelalter sind viele Frauen bei der Niederkunft gestorben, aber die Männer hatten trotzdem eine geringere Lebenserwartung als die Frauen, weil sie sich ständig gegenseitig ermordet haben.

SPIEGEL: War sexuelle Gewalt im Mittelalter so verbreitet wie in der Fernsehserie?

Larrington: Wenn französische Soldaten durchs Dorf kamen, haben sie Frauen vergewaltigt. Ob es so viel sexuelle Gewalt gegen adlige Frauen gab wie in "Game of Thrones", ist allerdings fragwürdig. Aber ich würde sagen, dass viele Frauen im Mittelalter Erfahrungen gemacht haben wie Sansa Stark in "Game of Thrones". Sie wurden in der ersten Nacht ihrer Ehe vergewaltigt, weil sie ihren Männern egal waren.

SPIEGEL: Stört Sie die Gewalt?

Larrington: Ich habe die Serie zweimal durchgeschaut, und der einzige Punkt, an dem ich weggesehen habe, war, als Oberyn die Augäpfel eingedrückt wurden.

SPIEGEL: In den USA sagen manche Kritiker, die Serie verharmlose sexuelle Gewalt.

Larrington: Ich finde nicht, dass die Serie sexuelle Gewalt als etwas Alltägliches zeigt. Ich meine, in der letzten Staffel gab es kaum Vergewaltigungsszenen.

SPIEGEL: Unterdrücken wir Westeuropäer unsere Lust auf Gewalt, oder haben wir sie überwunden?

Larrington: Man könnte tatsächlich denken, dass wir hier in Europa kaum Angst haben müssen, Gewalt zu erleben. Aber gleichzeitig steigt in London die Zahl der Messerstechereien. Die Gewalt ist noch da, nur unter der Oberfläche. Ich glaube, sie ist ein Teil des Menschen und lässt sich durch Zivilisation nur zähmen.

SPIEGEL: Sie schlagen vor, dass "Game of Thrones" genutzt werden könnte, um Geschichte zu unterrichten.

Larrington: Die Serie könnte als Einstiegsdroge funktionieren. Du könntest jemandem erst "Game of Thrones" geben, und, wenn er süchtig ist, sagen: Probier doch mal das Nibelungenlied.

SPIEGEL: Jetzt mal ein paar Nerdfragen, okay?

Larrington: Okay.

SPIEGEL: "Winter is coming" - diesen Spruch gibt es wirklich?

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Carolyne Larrington:
Winter is coming.

Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones

Aus dem Englischen von Jörg Fündling

Konrad Theiss; 320 Seiten; 19,95 Euro

Larrington: Es gibt eine vorchristliche isländische Sage eines Mannes, der Snorri Sturluson hieß. Diese Sage beschwört, dass die Welt in Eis und Feuer enden wird. Es soll drei harte Winter geben, voller Eis und Schnee, und keinen Sommer dazwischen, und dann werden die Wölfe die Sonne und den Mond fressen. Und die Erde wird zurück ins Meer sinken, und es wird eine Art Vulkanausbruch geben, und so endet die Welt. Es gibt also einen nordeuropäischen Sinn dafür, eine Angst, dass der Winter nicht aufhört. Diese Angst greift Martin auf.

SPIEGEL: Sie haben auch die echten Schattenwölfe gefunden?

Larrington: Die sind bis vor etwa 10.000 Jahren in North Dakota in den USA rumgerannt. Sie finden die Schattenwölfe im "La Brea Tar Pits"-Museum in Los Angeles.

SPIEGEL: Und es gibt eine historische Vorlage für die Rote Hochzeit, bei der Robb und Catelyn Stark erdolcht werden.

Larrington: Ja, es gab in Schottland das Black Dinner im 15. Jahrhundert. Damals hatte der Douglas-Clan dort viel Macht. Der König von Schottland war ein zehnjähriger Junge, der die Söhne des Douglas-Clans zum Dinner einlud. Am Ende des Dinners wirft jemand den Kopf eines Bullen auf den Tisch, das war damals ein Symbol für den Tod. Die zwei Jungen des Douglas-Clans wurden anschließend geköpft. Was daran irritiert, in der historischen Vorlage wie in der Serie, ist, dass Menschen trotz des uralten Gesetzes der Gastfreundschaft umgebracht werden.

SPIEGEL: Sind die Dothraki die Mongolen?

Larrington: Sie sind eine Variation der Mongolen. Aber die Idee, dass die Dothraki in ihrem Grasland saßen und nur gelegentlich in die Freien Städte ritten, unterscheidet sie stark von den Mongolen. Die Mongolen pflügten durch Asien und Europa und assimilierten sich auch an manchen Orten, im Mittleren Osten haben sie sogar den Islam angenommen. Das hätten die Dothraki eher nicht getan.

SPIEGEL: Gibt es eine historische Inspiration für Cersei Lennister?

Larrington: Ich denke, man kann sie nicht mit einer einzelnen Königin des Mittelalters vergleichen. Königin Margarete von Anjou war zwar clever und machtbewusst, aber nicht so durchtrieben. Cersei handelt eher ein wenig wie Isabelle de France und Eleonore von Aquitanien, die sich als Königin von Gottes Gnaden bezeichnete. Cersei scheint mir eine Verschmelzung vieler cleverer Königinnen zu sein, die sich nicht damit zufriedengeben wollten, dass sie Kinder gebären.

SPIEGEL: Und Joffrey?

Larrington: Ich kann niemanden benennen, der so jung schon so außer Kontrolle war.

SPIEGEL: Das sind gute Nachrichten.

Larrington: Es gab im Mittelalter allerdings Könige, die jung waren und von denen niemand wusste, wie man sie hätte mäßigen können. Richard II. war sehr jung, zwar nicht so pervers wie Joffrey, aber er hatte auch einen Hang zum Luxus, und es gab Fragen zu seiner Sexualität. Als er älter wurde, drehte er durch, verbannte seine Gegner oder ließ sie ermorden.

SPIEGEL: Khaleesi?

Larrington: Schwierig.

SPIEGEL: Schade.

Larrington: Ja, sie ist cool, auch wie sie lernt und sich Rat geben lässt. Ob sie eine gute Herrscherin in Westeros wäre, ist eine andere Frage.

SPIEGEL: Sie vergleichen den ewigen Winter aus "Game of Thrones" mit dem Klimawandel. Geht das nicht ein wenig zu weit?

Larrington: Es ist naheliegend. Die Wildlinge sind nicht wie wir, aber auch Menschen, und sie fliehen vor den Folgen des Klimawandels. Wen lassen wir durch die Mauer? Wen lassen wir in die Festung Europa? Die Fragen sind schon ähnlich. Martin sagt, er habe bei der Mauer allerdings eher an den Hadrianswall gedacht, der die Schotten abhalten sollte, nach England zu kommen.

SPIEGEL: Steht die Vorlage der Verfilmung, der Roman "Das Lied von Eis und Feuer", in der Tradition des Ritterromans?

Larrington: Absolut nicht. Das Buch ist eher ein Anti-Ritterroman. Ritterturniere werden zum Beispiel als teuer und sinnlos dargestellt. Eine Idee von romantischer Liebe lässt Sansa an eine erfüllte Beziehung mit Joffrey glauben - und weil sie das glaubt, wird sie später missbraucht. Ritter wie Ser Meryn Trant schlagen Frauen ins Gesicht. George R.R. Martin entzaubert und diskreditiert die idealisierte mittelalterliche Idee des Rittertums.

SPIEGEL: Ist der Ritterroman tot?

Larrington: Nach Don Quijote galt der Ritterroman in England als problematisch, es war schwer, ihn ernst zu nehmen. Im 19. Jahrhundert erlebte er eine Art Comeback mit Sir Walter Scott, besonders mit "Ivanhoe", aber richtig lebendig wurde er nie wieder. Tennysons "Königsidyllen" war das letzte Flackern des Ritterromans in seiner wiederbelebten Form.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich den weltweiten Erfolg von "Game of Thrones"? Auch in Asien und Afrika, wo eine europäische Idee des Rittertums ganz fremd ist?

Larrington: In "Game of Thrones" spielen, anders als in vielen Fantasyserien, nicht nur Weiße mit. In Dorne zum Beispiel entstammen die Figuren allen möglichen Ethnien. Grauer Wurm und Missandei, zwei dunkelhäutige Figuren, haben wichtige Rollen. Und dann gibt es natürlich dieses Daenerys-Narrativ über Selbstbestimmung und Widerstand gegen Imperialismus in den Freien Städten. Eine für die Gegenwart sehr anschlussfähige Idee.

SPIEGEL: Wie wird "Game of Thrones" enden?

Larrington: Das Buch oder die Serie?

SPIEGEL: Beides.

Larrington: Ich habe bei der letzten Staffel gedacht, das wird jetzt ja ganz schön hektisch. Es gibt wohl nur circa 13 Stunden, den Plot zusammenzuschnüren. Es wurden in der jüngsten Staffel viele Menschen sehr schnell getötet. Ich denke, die Starks werden wieder an die Macht kommen im Norden. Ich vermute, Daenerys wird auf dem Eisernen Thron sitzen. Und ich glaube, es gibt einen großen Kampf der Drachen gegen die Kräfte des Eises. Ich bin mir nicht sicher, was mit Jon Schnee passieren wird.

SPIEGEL: Heiratet Khaleesi.

Larrington: Sie ist ja vermutlich seine Tante. Aber wenn sie Jon Schnee nicht heiratet, wen heiratet sie dann? Vielleicht Jaime. Das wäre ja mal was. Ich denke, Jon Schnee war zu weit in der anderen Welt, um ganz zurückzukommen. Mir ist die Idee sympathisch, dass er der König der Weißen Wanderer werden könnte.

SPIEGEL: Oha. Wie endet das Buch?

Larrington: George R. R. Martin spricht von einem bittersüßen Ende. Das heißt, ein paar mehr Leute müssen sterben.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
avision 16.07.2017
1. Schön
Sehr erfrischendes Interview. Mehr davon :) Ausgesprochen sympathisch.
Echt jetzt 16.07.2017
2. Auf der Hype-Welle mitreiten
Dass es zu Ereignissen, Orten und Personen in Game of Thrones historische Vorbilder gibt, ist nun wirklich kein Geheimnis. Der Autor hat in Interviews ja selbst schon welche genannt. Das trifft übrigens auf nahezu jede Geschichte zu, selbst auf solche, die in der Zukunft spielen.
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