AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2017

Sexismus gegen Gamerinnen Plötzlich wurde ihr Avatar umringt

Janina Kozubik hat eine Leidenschaft für taktische Ego-Shooter. Die Begeisterung über die Anmache ihrer männlichen Gegner hält sich hingegen in Grenzen.

Gamerin Kozubik
Patrick Runte / DER SPIEGEL

Gamerin Kozubik

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Eigentlich wollte Janina Kozubik an diesem Nachmittag vor zwei Jahren nur eine Runde im Netz zocken, wie so oft, wenn sie von der Uni nach Hause kam. Doch es dauerte nicht lange, bis die Partie entglitt. Die Gegner, die ihr zufällig zugeteilt worden waren, hatten mitbekommen, dass ihre Mitspielerin eine Frau ist. Plötzlich wurde ihr Avatar umringt. Die anderen Spieler schleuderten ihr im Chat Beleidigungen entgegen und drohten, sie zu "vögeln". Als Kozubik mit ihrem Avatar floh, verfolgte sie der Mob.

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Heft 35/2017
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Perplex schaltete sie ihren Rechner aus. Das Spiel hat sie seitdem nie wieder ausprobiert.

Kozubik, 27, ist seit ihrer Kindheit fasziniert von Computerspielen. Anfangs spielte die Webentwicklerin aus Hamburg "Tetris" auf ihrem Gameboy. Später entdeckte sie ihre Leidenschaft für Ego-Shooter. Seit drei Jahren lässt sie sich auf Twitch live beim Computerspielen zusehen. Die Streamingplattform, die Amazon gehört, hat pro Tag zehn Millionen Nutzer. Jeden Monat gehen dort über zwei Millionen Menschen auf Sendung.

Mehrmals pro Woche schaltet Kozubik ihre Webcam an und zockt als "OddNina" das taktische Shooter-Spiel "Rainbow Six Siege", manchmal einige Stunden lang, manchmal einen ganzen Tag am Stück. Zwischen den Runden plaudert sie mit Zuschauern, erzählt von ihren Katzen oder bedankt sich bei einem ihrer knapp 70 zahlenden Abonnenten, die ihr jeden Monat Einnahmen von mehreren Hundert Euro bescheren. Kozubik gehört zur wachsenden Gruppe von Frauen, die Computer spielen.

Fast jeder zweite deutsche Zocker ist weiblich, so eine Erhebung des Branchenverbands BIU. Trotzdem stoßen Frauen in der Szene immer wieder auf Ablehnung und Sexismus. Besonders in sogenannten Multiplayern, also Spielen, in denen mehrere Menschen online gegeneinander antreten, und auf dem Streamingportal Twitch sind sie mit frauenfeindlichen Kommentaren konfrontiert. Sie werden herabgesetzt und mitunter bedrängt. Eigentlich habe sie ihre "Community gut erzogen", sagt Kozubik.

Sie hat sich schon fast daran gewöhnt, dass es häufig nicht um ihr Können, sondern um ihr Äußeres geht. Im Chat, der neben ihrem Stream läuft, nennen Zuschauer sie wahlweise hübsch oder hässlich. Ein Nutzer befand, sie sei "fickbares Heiratsmaterial". Ein anderer Fan, der sich offenbar Chancen bei ihr ausrechnete, schickte ihr auf Facebook immer wieder unangenehme Nachrichten. Und natürlich hat Kozubik auch den Klassiker unter den sexistischen Twitch-Anmachen schon erlebt: die Aufforderung, ihre Brüste zu zeigen. "Bloß weil ich mein Gesicht in eine Webcam halte, bin ich keine Erotikdarstellerin", sagt Kozubik. Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass sich manche Streamerinnen betont freizügig präsentieren, für ihre Zuschauer tanzen oder ihr Dekolleté zurechtrücken.

Dass Frauen und Männer auf Twitch grundsätzlich unterschiedlich beurteilt werden, völlig unabhängig von ihrem Auftreten, belegt eine Studie der US-Universität Indiana, für die Forscher 71 Millionen Chatkommentare aus 400 Twitch-Kanälen ausgewertet haben. Die Nachrichten, die Frauen erhielten, bezogen sich deutlich häufiger auf ihr Aussehen oder ihren Körper, so das Ergebnis der Datenanalyse. Bei männlichen Streamern beschäftigten sich die Kommentare hingegen viel eher mit deren Spielkünsten.

Noch weniger Hemmungen als ihre Zuschauer zeigen Kozubiks Gegner. Besonders dann, wenn sie mit ihrem rein weiblichen Team antritt, dem "OddGirlsSquad". Die vier Frauen, zwischen 23 und 30 Jahre alt, haben all jene Dinge gesammelt, die sie sich schon von gegnerischen Spielern anhören mussten, die in der Regel komplett Fremde sind. Fast immer lassen diese die Frauen spüren, wie überlegen sie sich ihnen fühlen. Dass ihnen die Gamerinnen ebenbürtig sind, scheinen die wenigsten zu glauben. "Wir bekamen schon zu hören, dass wir als Frauen keine Shooter spielen könnten, weil unsere Reaktionszeit langsamer sei", erzählt Teamkameradin Laura Vogel, "als Ergotherapeutin weiß ich, dass das Quatsch ist. Das ist reine Übungssache."

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Umso heftiger ist der Zorn mancher, wenn das Frauenteam sie besiegt. Vielleicht fühlten ihre Kontrahenten sich in ihrer Männlichkeit gekränkt, vermuten die Mitglieder des OddGirlsSquad. Vielleicht trage zu den Vorurteilen aber auch bei, dass Männer und Frauen in Computerspielen noch immer so stereotyp dargestellt werden, glaubt Kozubik. Weil das die meist jugendlichen Spieler glauben lasse, dass sie sich auch im echten Leben wie Machos aufführen können.

Dabei gehören ein rauer Ton und pubertäre Sprüche durchaus zur Gamingkultur. In Kozubiks Stream wird nach misslungenen Manövern geflucht und das gegnerische Team auch schon mal mit Schimpfwörtern bedacht. "Aber es macht einen Unterschied, ob ich jemanden aufgrund seines Geschlechts beleidige", sagt Kozubik.

Während manche Streamerinnen pöbelnde Zuschauer sperren lassen oder sie ignorieren, hat sie ihren eigenen Weg gefunden, damit umzugehen: Kozubik schimpft zurück. Als ein Chatteilnehmer ihr neulich am Ende einer langen Streamingsitzung schrieb, sie solle abnehmen, rastete sie aus. Sie habe "keinen Bock auf kindischen Bullshit", schrie Kozubik in die Kamera, "mir doch egal, ob ich dir zu fett bin". Manchmal ist Angriff eben die beste Verteidigung.



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touri 30.08.2017
1.
Ich glaube ihren Stream habe ich sogar schon einmal verfolgt :-) Ich kann jetzt leider wenig zu der Egoshooter Szene sagen an dieser Stelle. Habe zwar selbst hunderte Stunden im wahrsten Sinne des Wortes "verballert", aber in unserer Gruppe war keine Frau. For what its worth, im Chat wären mir keine sexistischen Kommentare aufgefallen. Auf der anderen Seite hat jetzt in der Regel auch keiner Angaben über sein Geschlecht gemacht. Was mir jedoch in den letzten Jahren aufgefallen ist, ist das immer mehr Frauen MMORPGs spielen, habe da selbst einige in meinem Freundeskreis, die ich so kennen gelernt habe, von München bis Kiel. Und da ist mir tatsächlich kaum ein dummer Kommentar begegnet. Es gab nur mal einen in unserer Spielegemeinschaft (Gilde) der im Teamspeak häufiger mit sexistischen "Witzen" über Frauen auffiel und damit die Stimmung negativ beeiflusste. Nach einer kurzen Mitgliederbefragung, habe ich ihn rausgeweorfen. Aber das sind absolute Einzelfälle im Promillebereich. Was mir auch aufgefallen ist, ist das die Spieler im allgemeinen Älter zu werden scheinen im Schnitt, wodurch sich auch der Reifegrad erhöht. Ich kenne viele, die mittlerweile selbst Kinder haben, die heute noch gerne mal ein stündchen zocken (männlich und weiblich btw.). Kann jetzt aber nur für PC sprechen, bei Konsolen kann die Sache schon wieder anders aussehen.
verständigerBeobachter 30.08.2017
2.
Nun, wenn Nina damit Geld verdient, indem sie sich beim Computerspielen zu sehen lässt, muss sie sich nicht wundern, wenn sie männliche Fans gewinnt. Und wenn einige von den komisch werden, auch nicht, denn diese Szene ist voll von Leuten, die Nerds oder einfach gaga sind. Mit dieser Feststellung soll keine Belästigung verteidigt werden.
Xianiar 30.08.2017
3. Kann ich...
...so nicht generell bestätigen. Auf Twitch kann ich mir das schon vorstellen, das einige dort auch gezielt danach suchen. Im allgemeinen Multiplayer ist es aber absolut kein Thema, denn meistens ist nicht einmal bekannt welches Geschlecht die Mitspieler haben. Kann aber den ersten Kommentar bestätigen, in der MMORPG Szene sind eine Menge Frauen unterwegs. Allein bei uns in der Gilde würde ich sagen das Verhältnis ist 40% Frauen zu 60% Männern. Dabei spielt das Geschlecht sowohl in Chats als auch im Teamspeak nie eine Rolle.
murksdoc 30.08.2017
4. Dangergame vs. Gamedanger
Als Nichtspieler und einer, der noch nie Computerspiele gespielt hat, also als echter Aussenstehender, würde ich sagen: die Gefahr lauert dort, wo die Grenzen zwischen Spiel und Realität verwischt werden. Das ist bei der Kombination von Shooter-Spiel mit Videostream und Chat eindeutig der Fall. Zu jemandem, dem oder der man im parallel laufenden Spiel gerade die Rübe weggeschossen hat, gleichzeitig höflich und gesittet zu sein, ist bestimmt schwierig und nicht jedem möglich. Ich hätte wahrscheinlich auch Schwierigkeiten damit. Wer in eine Spielwelt eintaucht, in der alle Grenzen der Zivilisation nicht existent sind, sollte nicht nebenher Dinge tun, in denen diese erforderlich sind. Das das eine das andere negtiv beeinflussen kann, sieht man hier. Wohlgemerkt: ich habe nichts gegen solche Spiele. Es geht mir nur um die Gleichzeitigkeit der Aktivitäten.
Markus Hohmann 30.08.2017
5.
Persönlich finde ich es immer lustig wenn man von Gaming-Kultur spricht, denn diese gibt es in dem Sinne nicht mehr, weil Gaming vom Mainstream überrant und angeeignet wurde und die Geeks und Nerds darin untergehen. Vor allem wenn dann noch sexistisches Verhalten wie Nr.2 verständigerBeobachter an stereotypischen Vorstellungen von Nerds fest machen möchte.
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