AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2017

Gastronomen über ihre deutschen Gäste "Die wussten nicht, was scharf ist"

Wie benehmen sich deutsche Gäste? Was taugt die deutsche Küche? Gastronomen aus Italien, Griechenland und der Türkei berichten.

Philipp Schmidt /DER SPIEGEL

Von und


An einem Dienstagabend im Juni stehen in der ersten Etage des Hamburger Restaurants Cuneo vier Männer und eine Frau, die sich noch nie vorher gesehen haben. Sie halten Gläser mit Prosecco in der Hand, um leichter ins Gespräch zu kommen. Es sind: der italienische Gastronom Franco Cuneo, 73, und seine Tochter Franca, 36, denen das Cuneo gehört. Der Grieche Georgios Chrissidis, 55, der in Berlin das Restaurant Z führt. Sowie der Türke Burhan Sabanoglu, 72, und sein Sohn Fuat, 36. Ihnen gehört in Stuttgart das Restaurant Murrhardter Hof, in dem sie hauptsächlich schwäbische Küche anbieten.

Die einen sind hier geboren, die anderen sind in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts nach Deutschland gekommen. Sie haben ihre Heimat verlassen, nicht aus Angst vor Kriegen, sondern weil es zu Hause keine Arbeit gab, damals nannten die Deutschen sie "Gastarbeiter". Der SPIEGEL hat sie an einen Tisch gebeten, um ein Gespräch darüber zu führen, wie es ist, als Fremder in Deutschland an- und zurechtzukommen. Was haben sie in Deutschland gelernt? Und was hat Deutschland von ihnen gelernt? Die Familie Cuneo hat ihr Lokal als Ort des Gesprächs zur Verfügung gestellt. Auf dem Tisch stehen Rotweinflaschen, auf denen ein Etikett mit dem Gesicht von Francesco Cuneo zu sehen ist. Er war der Urgroßvater von Franca Cuneo und eröffnete im Jahr 1905 das Lokal, das damals noch eine Weinschenke für die Seemänner aus aller Welt war.

Auf die Frage, ob man erst essen und danach reden soll, antwortet Franco Cuneo: "Wir sind es gewohnt, beim Essen zu reden." Dann lässt seine Tochter Franca das Essen kommen. Auf dem Tisch stehen nun Vorspeisenteller mit Calamari, Spargel und gebratenen Pilzen, mit rohem Fleisch und italienischen Grissini.

SPIEGEL: Herr Cuneo, Herr Sabanoglu, Herr Chrissidis, was verstehen Sie unter deutschem Essen?

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 31/2017
Wie wir leben, wie wir denken: Ein Heft über Deutschland

Franco Cuneo: Abendbrot. Dieses Schmieren von Brot am Abend. Und Labskaus. Auch Eisbein mit Sauerkraut.

Burhan Sabanoglu: Braten und Kartoffeln.

Georgios Chrissidis: Frühstücken ist auch deutsch, mit Brötchen und Honig.

SPIEGEL: Dann wollen wir die Gelegenheit nutzen, um uns bei Ihnen zu bedanken.

Cuneo: Wofür?

SPIEGEL: Dafür, dass Sie uns Ihre Essenskultur gebracht haben.

Chrissidis: Einer meiner Gäste hat mich mal gefragt, was eine Aubergine ist. Dann habe ich aus der Küche eine Aubergine geholt und ihm gezeigt, was wir damit machen.

Sabanoglu: Als wir kamen, wussten die Deutschen nicht, was scharf ist. Sie kannten auch keinen Knoblauch.

Chrissidis: Meine Mutter hat mir erzählt, dass sie in den Siebzigern von ihren Kollegen immer gefragt wurde: Was ist das, was hier so stinkt? In der U-Bahn setzten die Leute sich von ihr weg, weil sie am Vortag Knoblauch gegessen hatte.

SPIEGEL: War Knoblauch eine Metapher für alles Fremde?

Cuneo: Ich glaube, das kann man so sagen. Und heute? Heute wollen die Leute zum Essen immer gleich eine ganze Schale Knoblauch haben. Da kriege ja selbst ich einen Schreck.

Chrissidis: Das Gleiche gilt übrigens für Olivenöl.

Cuneo: Oh ja. Und dazu muss es Salz und Brot geben. Die Deutschen wissen auch immer ganz genau, wie die Qualität von deinem Öl ist.

SPIEGEL: Essen sagt ja auch etwas aus über die Kultur eines Landes. Als Sie hier ankamen, bestand der Sinn des Essens für die Deutschen hauptsächlich darin, möglichst schnell satt zu werden.

Chrissidis: In jedem Fall hatte es nichts mit Geselligkeit zu tun. Früher wollten meine Gäste immer allein sitzen. Sie wollten ihren eigenen Bereich. Wir haben versucht, ihnen beizubringen: Pass auf, du musst hier nicht allein sitzen, es können auch zwei Leute an deinem Tisch sitzen. Da passiert nichts. Das haben wir geschafft. Früher wollte jeder seinen eigenen Teller haben. Inzwischen können Sie auch einen Vorspeisenteller für alle auf den Tisch stellen. Früher wurden sie bei so etwas immer ganz nervös. Sie wussten nicht, was sie damit machen sollten.

Cuneo: Ich kann nicht kochen, habe wenig Ahnung von Wein, aber Leute zusammensetzen, das kann ich. Im Laufe eines Abends sind dadurch schon Freundschaften entstanden, es hat aber auch mal dazu geführt, dass ein Mann seine Frau verlassen hat wegen der Frau, die ich an deren Tisch gesetzt habe. Kann alles passieren.

SPIEGEL: Es war für Südeuropäer wahrscheinlich anstrengend, in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts ein Restaurant in Deutschland zu betreiben.

Cuneo: Sie müssen sich vorstellen, dass St. Pauli in dieser Zeit ein verrufener Stadtteil war. Da ging der Hamburger nicht hin. Damals kamen Seeleute hier ins Lokal. Ich lief als kleiner Junge im Hafen zu den Schiffen und verteilte Visitenkarten. Die meisten Gäste waren Südamerikaner: Chilenen, Brasilianer, Argentinier, Tangotänzer. Die luden die anwesenden Damen ein. Für die Deutschen war ich der Itaker. Ich habe bei St. Pauli Fußball gespielt, da gab es typisches Hamburger Essen, Labskaus und so Sachen. "Das isst der Itaker sowieso nicht, gib mal her", haben die anderen gesagt. Für mich gab es das nie, Ausländer und Deutsche. Für mich gab es nur: Idiot oder nicht Idiot.

Gastgeber Cuneo
Philipp Schmidt /DER SPIEGEL

Gastgeber Cuneo

Chrissidis: Der Grieche hatte es früher eigentlich immer leicht. Sein Ruf war in Ordnung. Er war derjenige, der gegen die Militärdiktatur gekämpft hatte, der sich befreit hatte von den Tyrannen.

SPIEGEL: Das hat sich ja vor Kurzem auch geändert.

Chrissidis: Kann man so sagen, ja. Ich werde heute in meinem Restaurant angemacht, die Leute sagen: Wir schicken euch unser schönes Geld, und ihr? Habt ihr wenigstens eure Hausaufgaben gemacht? Ich habe den Eindruck: Seit der Krise sind plötzlich alle Griechen korrupt.

Sabanoglu: Wir werden im Lokal von den deutschen Gästen auch ständig gefragt: Warum ist "euer Führer" so? Sie meinen damit Erdoan. Dass ich gegen sein Präsidialsystem gestimmt habe, interessiert keinen.

SPIEGEL: Was antworten Sie den Leuten?

Chrissidis: Zu Beginn wollte ich darüber reden, aber das hat wenig Sinn. Zum Schluss habe ich nur noch gesagt: Ich bin kein Grieche, ich habe eine deutsche Steuernummer, und mein Finanzminister heißt Wolfgang Schäuble. Der steht jetzt sogar auf meiner Speisekarte.

SPIEGEL: Wie das?

Chrissidis: Es war mein Kommentar zur Rolle der Deutschen während der Grexit-Verhandlungen. Da habe ich den Schäuble-Teller erfunden. Da liegt Lammhüfte drauf. Wenn Sie in Griechenland Auto fahren und plötzlich eine Schafsherde vor sich haben, dann bewegt sich gar nichts mehr. Da kommt niemand dran vorbei. An Schäuble kommt auch niemand vorbei. Wenn er einmal im Weg ist, bewegt sich nichts mehr.

Sabanoglu: Also ich habe keinen Grund, über Deutschland zu klagen. Als ich 1969 kam, da war die erste Welle der Türken schon da. Ich habe mit den Deutschen getrunken, geraucht, danach war alles in Ordnung. Ich habe halt kein Schweinefleisch gegessen, das war der einzige Unterschied. So etwas wie Rassismus habe ich nicht erlebt. Die Deutschen waren in jeder Hinsicht korrekt. Das ist heute leider nicht mehr so.

SPIEGEL: Inwiefern?

Sabanoglu: Ich habe 200 oder 300 Lehrlinge in der Küche ausgebildet. Anfangs wurde morgens um neun der Herd angemacht, und um Mitternacht wurde der geputzt. Wenn man heute zu den jungen Leuten sagt, putz mal, dann gucken die einen komisch an. Heute sind sie wochenlang krank, aber eigentlich sind sie nicht krank. Die rauchen, die saufen und kommen nicht zur Arbeit.

Cuneo: Das ist aber nicht nur ein Nachteil. Hätten Sie das wirklich gern alles wieder so ordentlich, wie es früher war?

Sabanoglu: Ja. Sie nicht?

Cuneo: Ich liebe das Chaos. Mir ist das verdächtig, wenn alles so ordentlich ist.

Vater und Sohn Sabanoglu haben offenbar unterschiedliche Einschätzungen hinsichtlich der Frage, wie die Deutschen mit Türken umgehen. Der Sohn glaubt, sein Vater sei vor allem deshalb anständig behandelt worden, weil er schwäbisches Essen gekocht habe, und zwar so gut, wie es kein Deutscher könne. Er selbst, erzählt Fuat Sabanoglu, habe Stuttgart immer als seine Heimat gesehen. Dennoch habe er - zu seinem Bedauern, wie er sagt - Mitschüler verprügeln müssen, die ihn "Kümmeltürke" genannt hatten.

Die Tochter Franca Cuneo hat als Jugendliche ähnliche Beobachtungen gemacht. Sie sagt, in ihrer Generation habe es "als cool" gegolten, aus einer italienischen Familie zu stammen. "Das konnte man von den Türken nicht behaupten. Pole zu sein war auch nicht so witzig. Immer wenn was geklaut worden war, waren es die Polen oder die Türken. Jedenfalls waren es immer die Kanaken", sagt sie. Sie habe mit 16, 17 Jahren konsequent jene Klubs auf der Reeperbahn gemieden, in denen Türken an der Tür weggeschickt wurden, nur weil sie Türken waren.

Inzwischen ist die Pasta gekommen, Penne all'arrabbiata.

SPIEGEL: Die Italiener waren die ersten Gastarbeiter in Deutschland, danach kamen die Spanier, die Griechen und dann die Türken. Haben Sie sich untereinander wahrgenommen?

Cuneo: Wir Italiener waren hier im Ansehen lange Zeit die Letzten. Das hat sich geändert, als die anderen kamen. Mit jeder Nation, die neu war, rückten wir Italiener einen auf. Wir spielten aber auch besser Fußball als alle anderen. Nicht mal die Deutschen konnten ja gegen uns gewinnen.

SPIEGEL: Es gab eine Hackordnung?

Cuneo: Nicht im Verhältnis der Ausländer zueinander. Aber im Verhältnis der Deutschen zu den Ausländern schon.

SPIEGEL: Die Deutschen gehen ja heute noch lieber zum Italiener als zum Türken.

Sabanoglu: Weil sie das Essen lieber mögen.

Cuneo: Weil sie euer Essen nicht kennen.

Chrissidis: Italien war das erste Urlaubsland der Deutschen.

Cuneo: Das haben sie ihrem Goethe nachgemacht.

Gastwirt Chrissidis
Philipp Schmidt /DER SPIEGEL

Gastwirt Chrissidis

Chrissidis: Aber die griechische Küche ist auch nicht schlecht.

SPIEGEL: Nehmen Sie uns das jetzt bitte nicht übel, aber zum Griechen gehen viele Leute doch nur, weil es da einen großen Berg Fleisch mit Fritten für 7,50 Euro gibt und weil man mindestens drei Ouzo umsonst kriegt. Wenn man von griechischen Restaurants aufs Land schließen möchte, ist es kein Wunder, dass Ihre Volkswirtschaft im Eimer ist.

Chrissidis: Jetzt bedienen Sie natürlich gnadenlos ein Klischee, aber ganz unrecht haben Sie leider nicht. Unter anderem deshalb habe ich mein Restaurant auch nicht Athena oder Mykonos genannt. Mein Lokal heißt Z, nach dem Titel eines griechischen Politthrillers.

SPIEGEL: Und was steht auf der Speisekarte außer Gyros und Souvlaki?

Chrissidis: Irgendwann habe ich mir gesagt: Ich will nicht mehr der einfache Grieche an der Ecke sein. Ich will jetzt gute Weine und Biofleisch anbieten. Nicht immer nur Schwein, auch mal Lamm. Es war ein harter Kampf.

SPIEGEL: Haben Sie den gewonnen?

Chrissidis: Sagen wir so: Die Versuche werden wahrgenommen. Inzwischen läuft Lamm am besten.

SPIEGEL: Herr Sabanoglu, Sie sind Türke, kochen aber schwäbisch. Warum? Weil man mit türkischer Küche in Deutschland kein Geld verdient?

Sabanoglu: Mit meinen türkischen Landsleuten ist es kompliziert. Sie trinken zwei Bier, und eins davon wollen sie nicht zahlen. Die Deutschen essen, zahlen ihre Rechnung, wir geben einen Kaffee aus, dann gehen sie friedlich, sagen Wiederschauen und kommen wieder. Am Anfang habe ich gemischte Küche gemacht. Dann habe ich zu meiner Frau gesagt: Aus. Basta. Ende. Wir vergessen ja deswegen nicht, wo wir herkommen.

SPIEGEL: Herr Cuneo, Sie sind ja in Hamburg geboren, aber wann hatten Sie zum ersten Mal richtig das Gefühl, in Deutschland zu Hause zu sein?

Cuneo: Ende der Sechzigerjahre. Da legte man das Anzugsjackett ab, zog die Lederjacke über und ging auf den Kiez. Es gab Tage, da war das Lokal voll. Die Leute aßen jetzt auch bei uns.

SPIEGEL: Was gab es?

Cuneo: Steak mit Salat und Spaghetti al Pomodoro. Ich habe unten einen Topf Spaghetti aufgesetzt, und meine Frau machte oben in der Wohnung die Soße. Das war alles.

SPIEGEL: Kamen auch schon Deutsche?

Cuneo: Die sind schon seit 1905 gekommen, aber seit dem Ende der Sechzigerjahre änderte sich das Publikum. Die Seeleute verschwanden. Ich erinnere mich an eine junge Studentin, die saß eines Abends in der Ecke und sang "Bella Ciao". Laut und verkehrt. Seit dieser Zeit sind wir befreundet. Die Frau ist später eine große Psychiaterin geworden. Sie hat nachher immer "Kollege" zu mir gesagt.

SPIEGEL: Kollege?

Cuneo: Ich habe mir bis morgens die Geschichten der Menschen angehört und darüber vergessen, ins Bett zu gehen. Ähnlich wie ein Psychiater.

Sabanoglu: Das kenne ich. Ich hatte lange Gäste, die nicht nach Hause wollten. Darunter waren Politiker, auch Ministerpräsidenten, später Stuttgarter High Society, die spielten Poker und tranken Whisky. Ich habe den Kopf auf den Herd gelegt und geschlafen. Ich hatte ja keine Wahl. Wenn ich um zwei Uhr nachts gesagt hätte, tut mir leid, ihr müsst gehen, dann wären die nie wiedergekommen.

Gastwirt Sabanoglu
Philipp Schmidt /DER SPIEGEL

Gastwirt Sabanoglu

Fuat Sabanoglu, der Sohn, führt heute das Geschäft, und er kann es sich erlauben, freihändiger aufzutreten als sein Vater. Vor Kurzem hat er ein paar Gäste aus dem Lokal geworfen, weil die sich nicht anständig benommen hatten. Sein Vater sagte: "Du hast gerade 400 Euro weggeschickt." Er sagte aber auch, es sei in Ordnung, solange er das nicht 30-mal im Jahr mache.

Franca Cuneo, die heute das Cuneo führt, erzählt: "Mein Vater sagt es mir auch immer, es ist dein Luxus, dass du dir nicht alles gefallen lassen musst." So selbstbestimmt lief Franca Cuneo offenbar nicht immer durch ihr Lokal, sie hat ihrem Vater vorhin zum ersten Mal erzählt, dass sie mit 16 in Klubs auf der Reeperbahn gegangen ist. "Ich sollte immer beschützt werden. Ich durfte auch nie ins Lokal, nur zu Familienfesten. Und wenn ich da war, hat mein Vater mit einer Jacke meinen Rückenausschnitt bedeckt, wenn ich auf die Toilette ging." Als Dessert wird Tiramisu auf den Tisch gestellt.

SPIEGEL: Haben Sie eigentlich im Laufe der Jahrzehnte ein normales Verhältnis zu den Deutschen bekommen?

Cuneo: Es ist jedenfalls kein natürliches Verhältnis. Die Deutschen interpretieren unser Verhalten als "sehr italienisch", dabei sind wir einfach so, wie wir sind. Wir hängen hier ja nicht unsere italienischen Bilder auf oder spielen unsere italienische Musik, weil wir ein Theaterstück aufführen. Sondern weil das Lokal unser Wohnzimmer ist. Und wenn du hier hinkommst, wollen wir, dass du dich gut aufgenommen fühlst.

Sabanoglu: Wenn der Deutsche zu seinem südländischen Wirt geht, erwartet er, dass der Wirt ganz für ihn da ist. Es geht dabei aber nie um unsere Meinung, es geht um eine gewisse Aufmerksamkeit, die dem Gast durch den Wirt gegeben wird. Wenn er diese Aufmerksamkeit nicht bekommt, ist die Beziehung in Gefahr.

Chrissidis: Manchmal, wenn der Stress im Lokal groß ist, drehe ich die Musik auf und tanze. Ein Reiseführer hat das mal aufgegriffen. Der hat geschrieben: Im Z tanzt der Wirt. Jetzt kommen manchmal die Leute rein und sagen: Hier steht, dass der Grieche tanzt, warum tanzt du nicht?

SPIEGEL: Und wenn es keinen aufs Haus gibt, ist vermutlich richtig schlechte Stimmung.

Cuneo: Wenn die Leute fragen: Gibt es noch einen aufs Haus?, dann frage ich: einen aufs Haus? Haben wir das angeboten? Nein. Also gibt es auch nichts. Wer nicht fragt, kriegt selbstverständlich einen aufs Haus.

Chrissidis: Mir ist auch aufgefallen, dass es zu Problemen kommt, sobald es Abweichungen von der Speisekarte gibt. Wenn auf dem Teller eine andere Beilage liegt, dann hörst du den Satz: "In der Karte steht aber ..." Dann gibt es Ärger. Auch wenn es mal weniger Tzatziki gibt oder die Portionen kleiner sind als beim letzten Mal, sind die Leute richtig unzufrieden ...

Cuneo: ... oder wenn die Radieschen fehlen! Wissen Sie, ich habe mir im Laufe der Jahre angewöhnt, mich über solche Sachen nicht mehr aufzuregen. Wenn ein Gast sagt: Der Wein korkt, dann korkt der Wein. Ich gebe die Flasche dann dem Barmann, und wenn der Wein nicht korkt, was meistens der Fall ist, dann schenken wir ihn später einfach als Offenen aus.

Chrissidis: In letzter Zeit sind die Leute immer strenger geworden, auch mit den gesetzlichen Regeln. Da kam neulich eine Nachbarin, die wohnt über unserem Lokal im dritten Stock, beim Vorbeigehen an unserer Terrasse tippte sie auf ihre Uhr und sagte: Schluss jetzt. Ich habe sie gefragt: Sie waren ja noch nicht mal oben und konnten sich also gar nicht von der Lautstärke gestört fühlen, warum machen Sie das jetzt? Da geht es dann ums Prinzip. Die Einhaltung von Prinzipien gehört nun mal zu den Fähigkeiten der Deutschen.

Philipp Schmidt /DER SPIEGEL

Cuneo: Das ist eine echte deutsche Eigenart. Das erlebe ich auch beim Radfahren. Wenn ich auf der Straße mit meinem Rennrad fahre, schreit garantiert immer einer: Fahrradweg, Fahrradweg! Dass ich mir auf dem Fahrradweg meine schmalen Reifen kaputt mache, interessiert den nicht. Kümmere dich doch mal um dich selbst, denke ich dann.

SPIEGEL: Haben Sie eigentlich auch etwas gelernt von den Deutschen?

Cuneo: Ich bin durch Ihre Landsleute weitergekommen in meiner Achtung vor den Frauen. Frauen, die außerhalb der Familie tätig waren, habe ich früher grundsätzlich verurteilt. Ich fand das sinnwidrig. Die Aufgabe von Frauen war es, die Familie zusammenzuhalten, dafür zu sorgen, dass die Kinder gut aufwachsen, und zu kochen. Durch meine Arbeit hier, durch das Beobachten der deutschen Perspektive, habe ich erst gelernt, dass Frauen mindestens gleichberechtigt sind. Heute führt meine Tochter das Lokal, als erste Frau.

Sabanoglu: Ich würde mir manchmal wünschen, meine Landsleute wären so gewissenhaft wie die Deutschen. Wenn du einem Deutschen Geld auslegst, bringt er es dir wieder. Bei unseren Leuten wartest du Monate.

Cuneo: Als mein Vater gestorben war, sind Leute gekommen und haben gesagt: Dein Vater hat mir 20 Mark gegeben, die wollte ich zurückgeben. Das habe ich nie vergessen. Es kamen viele. Seeleute, Händler, die damals pleite waren. Meine Tante hatte sie immer alle durchgefüttert am Familientisch. Wenn traurige Mädchen von der Straße kamen, dann hat mein Vater gesagt: Komm, hier hast du etwas Geld, geh zum Friseur, wechsle mal die Haarfarbe, dann sieht die Welt schon ganz anders aus. Die Menschen haben uns das nicht vergessen.

SPIEGEL: Was erzählen Sie über Deutschland eigentlich, wenn Sie in Ihrer Heimat sind?

Cuneo: Ich höre in Italien immer: Euch geht es gut! Deutschland ist so reich. Dann sage ich, hört mal zu, in Italien gab es auch das 13. Monatsgehalt, das 14. Monatsgehalt. Ihr wolltet nur immer alles sofort haben, den Fiat, die Frührente. Das ist anders bei uns in Deutschland. In Deutschland ist man, um zu arbeiten, nicht, um ständig mit Freunden essen zu gehen oder einen Kredit aufzunehmen für das Weihnachtsfest.

Chrissidis: Deutschland ist ein reiches Land, aber wie geht es dem Deutschen? Ich frage Sie mal: Was hat der Bürger davon, dass sein Staat reich ist, er aber nichts davon hat?

Cuneo: Gute Frage.

Chrissidis: Griechenland war immer arm, aber der Grieche war reich. Es hat alles funktioniert.

Sabanoglu: Ich habe keinen Grund, über den Deutschen zu jammern. Ich habe hier immer Hilfe bekommen, ob ich im Krankenhaus war oder bei der Behörde. Ich fühle mich in Stuttgart wie ein König. Ich kann machen, was ich will.

SPIEGEL: Als Sie nach Deutschland kamen, gab es im Land eine plötzliche Angst vor "Überfremdung". Der Begriff ist mit der Ankunft der Flüchtlinge in Deutschland wieder aufgetaucht. Wenn Sie solche Debatten verfolgen, denken Sie da auch an Ihre eigene Geschichte?

Cuneo: Ich bekomme nicht aus dem Kopf, dass wir alle mal Flüchtlinge waren. Meine Großeltern kamen über die Berge, zu Fuß. Keiner hat sein Land freiwillig verlassen. Unsere Vorfahren gehörten auch nicht zu der gebildeten Schicht, die haben musiziert auf den Straßen von Hamburg. Die Neuen fangen da halt wieder an, wo meine Großeltern damals angefangen haben.

Sabanoglu: Die Bilder haben mich traurig gemacht. Der Unterschied zu uns ist: Wir sind nicht aus so einer Not gekommen, wir mussten nicht in Booten übers Mittelmeer. Wenn sie so weit sind, dann würde ich gern ein paar von denen Arbeit geben. Warum nicht?

Fuat Sabanoglu macht jetzt den Eindruck, als würde ihm die Richtung des Gesprächs nicht passen. Er schüttelt mehrfach den Kopf, dann tritt er in dem Gespräch an die Stelle seines Vaters.

Fuat Sabanoglu: Ich finde das mit den Flüchtlingen alles nicht so einfach. Als die Generation meines Vaters hier ankam, gab es Arbeit für alle. Und trotzdem haben sich viele der ankommenden Türken nicht angepasst. 40 Jahre nach ihrer Ankunft gibt es immer noch Türken, die sagen: Sohn, lies mir mal den Brief hier von den deutschen Behörden vor. Das wird mit den Flüchtlingen nicht anders sein, es wird alles noch sehr böse enden.

Gastwirte, SPIEGEL-Redakteure (l., r.)
Philipp Schmidt /DER SPIEGEL

Gastwirte, SPIEGEL-Redakteure (l., r.)

SPIEGEL: Mitte der Sechzigerjahre, als die Gastarbeiter aus Südeuropa in Deutschland sesshaft wurden, sagte Max Frisch: "Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen." Jetzt sind Menschen da, die zwar keiner gerufen hat, aber die Angst um ihr Leben hatten. Wollen Sie denen nicht helfen?

Fuat Sabanoglu: Wenn ich mich in Deutschland so umgucke, stelle ich fest, dass hier nicht nur die Menschen sind, deren Leid ich aus dem Fernsehen kenne. Wir wissen doch gar nicht, wer da eigentlich kommt. Wenn die in Heime gesteckt werden und nicht arbeiten dürfen, dann ist es kein Wunder, dass die anfangen, Probleme zu machen. Die brauchen schnell Arbeit, damit sie sich nicht unbeliebt machen. Mutter Merkel muss das programmieren, sonst gehen sie raus und machen Krawalle. Oder fassen die Frauen an.

Cuneo: Also nun mal langsam. Die ersten Italiener haben sich auch nicht immer benommen. Bei Frauen mit kurzen Röcken sind die auch durchgedreht, das kann ich Ihnen sagen. Ich möchte mit meiner Familie jedenfalls nicht in Afghanistan aufgewachsen sein. Die Menschen werden immer dahin gehen, wo es Essen und Arbeit gibt. Das wird auf unsere Zivilisation zukommen. Es werden noch viel mehr kommen. Man kann sich nicht abschotten. Und wir, aus unseren Geschichten heraus, müssen als Erste Verständnis dafür haben.

Chrissidis: Für mich verhalten sich diese Leute ganz normal. Sie gehen ins Bett, am nächsten Tag ist der Nachbar gestorben. Jemand flüchtet, weil er Angst hat, weil er überleben will, weil seine Heimat bombardiert wird. Wir haben es salonfähig gemacht, darüber zu urteilen, ob es richtig oder falsch ist, dass diese Menschen zu uns kommen.

Cuneo: Und wenn wir den Leuten heute sagen, dass es bei uns damals genauso war wie jetzt bei den Flüchtlingen, dann sagen sie: "Ihr" Italiener seid doch aber ganz anders als die.

SPIEGEL: Aus unserem Gespräch kann man unter anderem lernen, dass die Integration von Italienern, Griechen oder Türken auch über ihre Küche funktioniert hat. Kann das mit Syrern, Afghanen oder Irakern noch mal funktionieren?

Chrissidis: Essen und Trinken verbindet immer. Sobald etwas aus einer fernen Gegend kommt, das Genuss und Geschmack bedeutet, ist der, der es bringt, nicht mehr "der Iraker" oder "der Syrer", sondern der Exot, der etwas Neues mitbringt.

SPIEGEL: Wissen Sie etwas über syrische Küche?

Cuneo: Die Syrer haben viele kleine Schälchen, die bauen alles in der Mitte auf und teilen gern. Mich hat mal jemand dazu eingeladen, aber das muss ich nicht jeden Tag haben. Ich denke, sie werden es schwer haben. Es gibt durch uns schon so viele Möglichkeiten, nicht deutsch zu essen.

SPIEGEL: Mal angenommen, wir wären jetzt hier eine Runde mit deutschen Gästen, die allmählich die Rechnung haben möchte. Fürchten Sie den Moment, in dem Sie fragen: "Getrennt oder zusammen"?

Sabanoglu: Oh, oh.

Chrissidis: Getrennt ist Gott sei Dank weniger geworden.

Cuneo: Getrennt bedeutet, dass dir jemand sagt: Wir hatten einen halben Liter Wein, davon hatte ich nur ein Glas, und deshalb möchte ich auch nur dieses eine Glas zahlen. Ich frage deshalb am liebsten gar nicht mehr danach.

SPIEGEL: Wir würden dann gern zahlen.

Cuneo: Getrennt oder zusammen?

SPIEGEL: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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Seite 1
tenebrae 30.07.2017
1. Überragend!
Ein grandioses Interview, herrliche Erinnerungen an "früher" - und schöne aktuelle Bezüge. Gibt es noch einen aufs Haus? ;-)
jujo 30.07.2017
2. ...
An scharfes Essen muß man sich gewöhnen! Unser Abendessen gestern. 600 Gramm mittelgroße Shrimps in heißem Öl gegart, in das Öl kam Piripiri. Shrimps warm gestellt, in dem Öl eine große Knolle Knoblauch, die Zehen in Scheiben, goldgelb geröstet. dazu grichisches Landbrot, das Öl damit aufgenommen und dazu trockner Rotwein, Heute blieben wir zuhause zum ausdünsten.
capote 31.07.2017
3. Nationale Unterschiede
Zitat: "Franco Cuneo: Abendbrot. Dieses Schmieren von Brot am Abend. Und Labskaus. Auch Eisbein mit Sauerkraut." Richtig, traditionell wird am Abend kalt gegessen in Deutschland. Labskaus und Eisbein sind eher nur Norddeutsch, die Bayrische Variante von Eisbein heisst Hoaxen vom Grill und Labskaus (wer isst das heute noch ? Steht auf keiner Speisekarte und ich bin in Hamburg geboren ud aufgewachsen) Die Wirte sind noch immer nicht gamz in Deutschland angekommen. Früher hiess es, "Jemand arbeitet wie er isst", also galt es das Essen möglichst schnell reinzuschlingen und runter zu würgen. Bringen Sie mal einem Norddeutschen bei, dass das Abendessen die Abendbeschäftigung ist und nicht das Fernsehen, wie man eine Artischocke entblättert und Scampi pult und zerlegt, das ist alles viel zu viel "Tütelkram", das behindert nur das Essen schnell reinzuschlingen.
Echt jetzt 31.07.2017
4. Lecker
Die warme deutsche Küche ist in der Tat nicht die beste der Welt, wenn auch noch lange nicht so schlecht wie die englische. Beim Backen sind wir allerdings ganz vorne mit dabei.
foerster.chriss 31.07.2017
5. Mehr davon.
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