AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2017

Paul Wilders über seinen Bruder Geert Wilders "Er war eine entsetzliche Plage"

Geert Wilders hetzt gegen Muslime und Migranten, buhlt so um die niederländischen Wähler. Im Interview erzählt Paul Wilders, wie sein Bruder zum Islamgegner wurde - und wie er lebt: an einem geheimen Ort, in Angst vor Morddrohungen.

Paul Wilders
Mike Roelofs / DER SPIEGEL

Paul Wilders

Ein Interview von


Dieser Beitrag gehört zu den meistgelesenen SPIEGEL-Plus-Texten 2017


Wilders, 62, ist neun Jahre älter als sein Bruder, der Populist Geert Wilders, der gegen Migranten und Muslime hetzt. Am 15. März wird in den Niederlanden gewählt, und zurzeit liegt Wilders' "Partei für die Freiheit" in Umfragen leicht vor der Partei des jetzigen Premierministers Mark Rutte. Am Donnerstag sagte Wilders Wahlkampfauftritte ab - ein Leibwächter soll Kriminellen Geheimnisse verraten haben.

Wilders, 62, ist neun Jahre älter als sein Bruder, der Populist Geert Wilders, der gegen Migranten und Muslime hetzt. Am 15. März wird in den Niederlanden gewählt, und zurzeit liegt Wilders' "Partei für die Freiheit" in Umfragen leicht vor der Partei des jetzigen Premierministers Mark Rutte. Am Donnerstag sagte Wilders Wahlkampfauftritte ab - ein Leibwächter soll Kriminellen Geheimnisse verraten haben.

SPIEGEL: Herr Wilders, Sie haben sich jahrelang nicht öffentlich über Ihren Bruder Geert geäußert. Aber nun haben Sie ihn via Twitter kritisiert. Warum?

Titelbild
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Heft 9/2017
Die Schulz-Debatte: Wie gerecht ist das Land?

Wilders: Geert hat nach dem Terroranschlag von Berlin eine Fotomontage verbreitet: Angela Merkel mit blutverschmierten Händen. Damit hat er eine Grenze überschritten. Das ist keine politische Kritik mehr, das sät Hass. Mein Bruder weiß, dass ein Teil seiner Anhänger seine Botschaften wörtlich nimmt, dass sie auf Facebook zu Gewalt aufrufen. Geert will keine Gewalt, doch er nimmt die möglichen Folgen solcher Botschaften in Kauf.

SPIEGEL: Ihr Bruder stellt sich als wahrer Vertreter des niederländischen Volkes dar...

Wilders: ... dabei hat kaum ein anderer Politiker so wenig Kontakt zum Volk wie Geert. Er kann ja nicht einfach raus auf die Straße gehen. Seit zwölf Jahren lebt er zusammen mit seiner Frau an einem geheimen Ort, sie brauchen permanenten Personenschutz. Denn er hat schon mehrere ernst zu nehmende Morddrohungen von Islamisten bekommen. Wenn er in seiner Wohnung ist, sitzen immer Sicherheitskräfte draußen vor der Tür. Wenn er einkaufen gehen will, müssen die Leibwächter mitkommen. Selbst bei unseren Familienfeiern sind sie da. Geerts Welt ist sehr klein geworden: das Parlament, öffentliche Veranstaltungen und die Wohnung - er kann kaum woanders hingehen. Er ist sozial isoliert, entfremdet sich vom normalen Alltagsleben. Das tut keinem Menschen gut.

SPIEGEL: Dafür kommt er erstaunlich gut an bei den Niederländern...

Geert Wilders
Getty Images

Geert Wilders

Wilders: Er ist ein Meister der kurzen Botschaften. Und in dieser komplexen Zeit suchen viele Menschen gerade danach - nach einer einfachen politischen Vision ohne Nuancen. Geert gibt sie ihnen. Er erschafft eine Identität: wir, das niederländische Volk. Und Gegenpole: die Muslime, die EU, die Eliten. Terroranschläge, Flüchtlinge und die Eurokrise sorgen für Angst und Unzufriedenheit. Mein Bruder, die französische Populistin Marine Le Pen und andere nutzen diese Stimmung und kommen mit scheinbar einfachen Lösungen: weg mit den Migranten, Grenzen dicht, raus aus der EU. Aber unsere Probleme sind viel komplexer. Geert verkauft den Menschen Illusionen.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Wilders: Zum Beispiel gelobt er in seinem Wahlprogramm, die Moscheen zu schließen und den Koran zu verbieten. Wie soll das praktisch gehen? Das verstößt gegen unsere Verfassung. Es müsste also von beiden Parlamentskammern mit großer Mehrheit beschlossen werden. Das kriegt er in unserer politischen Konstellation mit vielen Parteien nie durch. Um Premierminister zu werden, brauchte Geert mehrere Koalitionspartner oder müsste sich in einer Minderheitsregierung von mehreren Parteien stützen lassen. Er müsste Kompromisse eingehen und Wahlversprechen brechen.

SPIEGEL: Glaubt Ihr Bruder wirklich, was er predigt - oder ist vieles nur Show?

Wilders: Er ist ein überzeugter Islamgegner. Aber natürlich ist da auch eine Menge Taktik und Machtstreben dabei. Geert hat nicht mehr viel im Leben außer der Politik. Sein Glück steht und fällt mit dem politischen Erfolg.

SPIEGEL: Wie war er als Jugendlicher?

Wilders: Er war eine entsetzliche Plage. Egozentrisch und aggressiv.

SPIEGEL: Was hat er getan?

Wilders: Ich will keine privaten Details ausbreiten, aber er war schon damals extrem, selbst für einen Pubertierenden. Er hat einen Tunnelblick. Kompromisse gibt es für ihn nicht. Wissen Sie, meine Mutter lebt für ihre Kinder, sie liebt uns innig. Aber Geerts Benehmen ihr und meinem Vater gegenüber war so katastrophal, dass sie ihn eines Tages ernsthaft rauswerfen wollte. Daraufhin hat sich mein Bruder gebessert. Er ist nach der Schule nach Israel gegangen, hat in einer Siedlung gearbeitet und ist dort erwachsen geworden.

SPIEGEL: Wie ist er zur Politik gekommen?

Wilders: Als er Ende der Achtzigerjahre für eine Behörde arbeitete, hat er Missstände entdeckt. Er wollte etwas verändern. Wir beide haben stundenlang diskutiert, in welche Partei er gehen sollte. Er stand damals weder klar links noch rechts, er war auch nicht ausländerfeindlich. Aber das politische Spiel hat ihn fasziniert: der Kampf um Macht und Einfluss.

SPIEGEL: Wie wurde er zum radikalen Islamgegner?

Wilders: Das war ein jahrelanger Prozess. Er hat in Israel die Spannungen mit den Palästinensern mitbekommen. Als er später in Utrecht wohnte, zogen immer mehr Türken und Marokkaner in seinen Stadtteil, und das gefiel ihm nicht. Als junger Parlamentarier brach er dann eine Delegationsreise durch Iran abrupt ab. Er fühlte sich derart bedroht, dass er Hals über Kopf vom Hotel zum Flughafen raste und die erste Maschine nach Hause nahm. Nach dem 11. September, den Morden an dem Politiker Pim Fortuyn 2002 und dem Filmemacher Theo van Gogh 2004 hat er erkannt, dass es eine Lücke in der politischen Landschaft gab, und sich als Islamgegner profiliert. Dann kamen Morddrohungen - und wenn man deswegen ständig bewacht wird, wird man noch paranoider.

SPIEGEL: Kann man ihn mäßigen?

Wilders: Ich habe anfangs oft mit ihm darüber diskutiert, wie weit man gehen darf. Aber es hat nicht geholfen. Wenn es um Politik geht, duldet Geert keinen Widerspruch - in seiner Fraktion nicht und auch privat nicht. Viele seiner Freunde von früher haben sich von ihm distanziert.

SPIEGEL: Und die Familie?

Wilders: Wir kommen gelegentlich zu Familienfeiern zusammen, vor allem zum Geburtstag meiner Mutter. Aber da sprechen wir nie über Politik, das ist tabu. Alle wissen: Würden wir da eine Diskussion anfangen oder ihn gar kritisieren, dann ginge er, und wir sähen ihn nie mehr wieder, er würde alle Kontakte abbrechen.

SPIEGEL: Auch zu Ihnen?

Wilders: Seit ich ihn im Dezember über Twitter kritisiert habe, blockiert er mich dort. So ist das mit ihm: Wer widerspricht, der wird bestraft. Für Geert gibt es nur Schwarz oder Weiß, nichts dazwischen. Aber ich konnte nicht schweigen. Es geht hier um mehr als nur um diese Wahlen. Es geht darum, ob wir uns abschotten, die Grenzen hochziehen, Menschen diskriminieren wegen ihrer Religion oder einer anderen Meinung. Neulich lief ich vorbei an einer Gruppe junger Männer. Plötzlich riefen die: "Nach den Wahlen kommen wir und rechnen mit dir ab."

SPIEGEL: Erhalten Sie jetzt auch Polizeischutz?

Wilders: Nein. Ich will ein normales Leben führen und nicht in der Falle stecken wie mein Bruder. Der wird wohl bis zum Ende seines Lebens bewacht. Und selbst wenn er die Wahlen verliert, muss er weitermachen. Was soll er sonst tun? Es gibt keinen Weg zurück. Ich habe Mitleid mit ihm.

SPIEGEL: Lieben Sie Ihren Bruder eigentlich noch?

Wilders: Natürlich. Ich bin politisch mit ihm völlig uneins. Aber er ist mein Bruder. Ich glaube, dass er unglücklich ist. Das macht mich auch unglücklich.



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