AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2016

Gehaltsstreit beim ZDF Frau verdient weniger als Mann. Warum?

Eine Reporterin hat das ZDF verklagt. Sie will ihren Arbeitgeber dazu zwingen, ihr genauso viel zu zahlen wie ihren männlichen Kollegen. Die Gegenargumente des Senders und des Gerichts muten teilweise absurd an.

ZDF-Mainzelmännchen: Eine Journalistin des Senders sah wegen ungerechter Bezahlung nun rot
Kristina Schäfer/epd/IMAGO

ZDF-Mainzelmännchen: Eine Journalistin des Senders sah wegen ungerechter Bezahlung nun rot

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Nach zwei Stunden im stickigen Verhandlungssaal bricht es aus ihr heraus. "Ich möchte nicht weiter eingeschüchtert werden", ruft die Frau mit den langen, dunklen Haaren, "es kann doch nicht sein, dass es mich meinen Job kostet, wenn ich mein Recht einfordere." Sie kämpft darum, nicht die Fassung zu verlieren. Und behält sie am Ende auch.

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Heft 50/2016
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Seit neun Jahren arbeitet die Frau als Reporterin für das ZDF-Politmagazin "Frontal 21". Sie hat über Missstände in Wirtschaft und Politik berichtet und für ihre Arbeit einen Preis bekommen. Doch irgendwann war da dieser Verdacht: dass sie trotzdem weniger verdient als die Männer in der Redaktion. Sie hakte nach. Und siehe da: Die männlichen Kollegen bekommen durchweg mehr Geld - darunter Jüngere, die erst später zu "Frontal 21" gestoßen sind als sie.

Über Jahre versuchte die Journalistin, die Sache intern zu regeln. Sie drängte bei ihren Chefs auf mehr Geld. Sie wandte sich an eine Beschwerdestelle innerhalb des ZDF, die sich um solche Fälle kümmern soll. Dabei will sie herausgefunden haben, dass der Kollege aus dem Personalrat, der für den Posten vorgesehen war, sich längst in Pension befand. Das ZDF bestreitet dies. Irgendwann hatte die Reporterin genug.

Sie verklagte das ZDF. Sie fühlt sich gegenüber den Männern in der Redaktion benachteiligt und fordert eine Entschädigung von 70.000 Euro.

Der Prozess vor dem Arbeitsgericht Berlin ist eine echte Ausnahme. Bislang haben sich nur wenige Frauen in Deutschland getraut, wegen Diskriminierung gegen ihren Arbeitgeber vor Gericht zu ziehen. Die Hemmschwelle ist hoch, das Verfahren langwierig. Tatsächlich führte die mündliche Verhandlung am vergangenen Mittwoch vor, wie mühsam der Kampf für eine gleiche Bezahlung von Frauen und Männern ist. Und dass Gleichberechtigung in Gehaltsfragen zwar politisch gewollt, die Ungerechtigkeit in der Praxis aber schwer zu belegen ist.

Am Ende spricht der Vorsitzende Richter dann auch kein Urteil. Er will den Parteien bis Anfang Februar Zeit geben, sich womöglich doch noch außergerichtlich zu einigen.

In den Stunden zuvor gibt es Szenen wie folgende. Klägerin: "Es gibt Männer in der Redaktion, die haben weniger Berufserfahrung und verdienen mehr als ich. Warum?" - Vorsitzender: "Weil die Kollegen besser verhandelt haben? Das nennt man Kapitalismus." - ZDF-Anwalt: "Machen wir jetzt hieraus eine politische Veranstaltung?"

Als der Vorsitzende bemerkt, dass Frauen deshalb finanziell schlechter dastünden, weil sie wegen der Kindererziehung im Job pausierten, ertönen aus dem Zuschauerraum Buhrufe. Sie kommen von Freundinnen der Klägerin, die im Publikum sitzen. Auch einige Mitarbeiter von "Frontal 21" sind zur Unterstützung gekommen.

Dass Frauen in Deutschland auch im Jahr 2016 noch schlechter bezahlt werden als Männer, ist eine Tatsache. Nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamts bekommen Frauen, auch wenn sie die gleiche Tätigkeit ausüben und gleich gut qualifiziert sind, im Schnitt sieben Prozent weniger Geld als ihre männlichen Kollegen.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig will Unternehmen zwar zu mehr Transparenz verpflichten. Betriebe mit mehr als 200 Beschäftigten sollen nach ihrem Willen künftig offenlegen müssen, wie viel Mitarbeiter mit einer gleichwertigen Tätigkeit verdienen.

Schon jetzt ist es verboten, Frauen aufgrund ihres Geschlechts in Gehaltsfragen zu diskriminieren. So schreiben es die EU-Grundrechtecharta und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz vor.

Aber wie lässt sich beweisen, dass eine Frau weniger verdient, weil sie eine Frau ist - und aus keinem anderen Grund?

Das ZDF argumentiert vor Gericht, die männlichen Kollegen der Journalistin hätten sehr wohl fundiertere Berufserfahrung. Einer hätte beispielsweise länger für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gearbeitet als die Klägerin, die zuvor beim Privatfernsehen war.

"So dusselig wie Birkenstock ist kein Arbeitgeber", sagt Hans-Georg Kluge, der Anwalt der Klägerin. Mehrere Tochterfirmen der Schuhmarke hatten Mitarbeiterinnen jahrelang weniger Lohn gezahlt als den Männern. Als eine Angestellte klagte, bestritt Birkenstock den Vorwurf im Kern nicht, die Unterschiede seien "jederzeit offen kommuniziert worden". Birkenstock musste der Frau die Lohndifferenz und eine Entschädigung zahlen.

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Und wenn die ZDF-Reporterin einfach schlecht verhandelt hat? Weil sie ihren Chefs glaubte, als die bei ihrer Einstellung sagten, es gebe leider nun mal keinen Spielraum nach oben. Auch dieses Argument hält Kluge für vorgeschoben. Arbeitgeber seien deshalb nicht von ihrer Verantwortung befreit. Sie hätten dafür Sorge zu tragen, dass die Frauen im Betrieb nicht grundsätzlich benachteiligt würden. Der Anwalt sieht in dem Fall das Potenzial für eine Grundsatzentscheidung, über die abschließend erst das Bundesverfassungsgericht urteilen könnte.

Das ZDF beantragt, die Klage abzuweisen. Zum Streit will sich der Sender nicht weiter äußern. Generell würde man Mitarbeitern aber keine Konsequenzen androhen, wenn diese klagten. Bei der Entscheidung, wie viel eine Frau oder ein Mann beim ZDF verdiene, sei das Geschlecht "kein Differenzierungskriterium".



insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
Berg 09.12.2016
1.
Auf gleiches Niveau käme das ZDF ja auch, wenn man die Gehälter der Männer auf die Höhe der Frauen herabsetzt. Da könnten Rundfunkgebühren spürbar gesenkt werden. Und diese heute bevorzugten Herren würden morgen trotzdem noch nicht verhungern.
lupenreinerdemokrat 09.12.2016
2. Die Reporterin hat völlig recht
Wenn man das so liest, ist es in der Tat absurd, wenn ein später eingestellter und jüngerer Kollege mehr verdient als die Reporterin, die ja offensichtlich einen sehr guten Job macht, sonst hätte sie nicht den Preis erhalten. Aber offenbar herrscht auch bei "Fontal 21" das Gesetz der Nasenzulage und des Klüngels, wie es leider viel zu oft in deutschen Personalangelegenheiten in der freien Wirtschaft herrscht. Nicht umsonst ist auch gerade in Deutschland über das eigene Gehalt betriebsintern Stillschweigen einzuhalten. Hier in diesem Fall sieht man wieder einmal mehr, warum diese Klausel in vielen Arbeitsverträgen vorzufinden ist. Man kann der Reporterin nur die Daumen drücken, dass sie mit ihrer Gehaltsklage recht bekommt und dass sie danach in einem harmonischen Arbeitsumfeld weiterarbeiten kann!
t.sahrens 09.12.2016
3. ZDF beutet aus
Ich kann der Reporterin nur viel Erfolg wünschen. Aus eigener Erfahrung musste ich merken, dass das ZDF Mitarbeiter ausbeutet. So sind 25% der Beschäftigten als "freie Mitarbeiter" angestellt und arbeiten 80-110 Tage im Jahr für das ZDF. Obwohl fest im Unternehmen eingebunden, bekommen sie einen für ein Jahr gültigen Vertrag. Natürlich traut sich da keiner, sich öffentlich zu beschweren, aus Angst im nächsten Jahr keinen Vertrag mehr zu erhalten. Ebenso sind die 80-110 Tage nicht garantiert, so dass die Mitarbeiter ständig in der Schwebe sind, ob man für das Jahr genug disponiert wird. Viele der damaligen Kollegen haben Zweit- und Dritt-Jobs um sich über Wasser zu halten und können aber finanziell auch nicht komplett auf diese ZDF-Arbeitsform verzichten. Für das ZDF hat dies den weiteren Vorteil, dass "Freie Mitarbeiter" als Sachmittel verbucht werden. Sie stehen also nicht so unter der Kontrolle der KEF, die aktuell die Personalkosten des ZDF anbrangert. Als Unternehmen, welches von Steuergeldern lebt, müssten viel öfters mutige Personen wie die Redakteurin dagegen vorgehen.
Nordstadtbewohner 09.12.2016
4. Selbe Redaktion ungleich gleiche Arbeit.
Zitat von lupenreinerdemokratWenn man das so liest, ist es in der Tat absurd, wenn ein später eingestellter und jüngerer Kollege mehr verdient als die Reporterin, die ja offensichtlich einen sehr guten Job macht, sonst hätte sie nicht den Preis erhalten. Aber offenbar herrscht auch bei "Fontal 21" das Gesetz der Nasenzulage und des Klüngels, wie es leider viel zu oft in deutschen Personalangelegenheiten in der freien Wirtschaft herrscht. Nicht umsonst ist auch gerade in Deutschland über das eigene Gehalt betriebsintern Stillschweigen einzuhalten. Hier in diesem Fall sieht man wieder einmal mehr, warum diese Klausel in vielen Arbeitsverträgen vorzufinden ist. Man kann der Reporterin nur die Daumen drücken, dass sie mit ihrer Gehaltsklage recht bekommt und dass sie danach in einem harmonischen Arbeitsumfeld weiterarbeiten kann!
Ich denke, Sie liegen da ein wenig falsch, was das (jüngere) Alter und eventuelle Preise angehen. Wichtiger als das "Dienstalter" sind Dinge wie die tatsächliche Arbeitsleistung und diese koppelt sich nicht automatisch an das Alter eines Menschen. Genau die Sichtweise "Na ich bin doch schon viel länger hier und muss deshalb mehr verdienen!" ist meines Erachtens alt und überholt. Gleiches gilt für externe Preise und Auszeichnungen. Wichtig ist, was die Frau für die Redaktion leistet und wie es sich finanziell rechnet. Vielleicht verursacht sie überhöhte Spesenabrechnungen und braucht zur Produktion mehr Material als andere Redakteure? Nur weil mehrere Menschen in derselben Redaktion arbeiten, leisten sie noch lange nicht unbedingt das gleiche. Ich sehe von daher den Prozess recht skeptisch. Wenn weibliche Redakteure weniger verdienen, warum stellt dann die Redaktionsleitung nicht nur noch Frauen ein? Damit könnten Kosten gesenkt werden oder der Personalbestand ohne Mehrkosten erhöht werden, was die Qualität der Produktionen erhöhen würde.
tkedm 09.12.2016
5.
Zitat von lupenreinerdemokratWenn man das so liest, ist es in der Tat absurd, wenn ein später eingestellter und jüngerer Kollege mehr verdient als die Reporterin, die ja offensichtlich einen sehr guten Job macht, sonst hätte sie nicht den Preis erhalten. Aber offenbar herrscht auch bei "Fontal 21" das Gesetz der Nasenzulage und des Klüngels, wie es leider viel zu oft in deutschen Personalangelegenheiten in der freien Wirtschaft herrscht. Nicht umsonst ist auch gerade in Deutschland über das eigene Gehalt betriebsintern Stillschweigen einzuhalten. Hier in diesem Fall sieht man wieder einmal mehr, warum diese Klausel in vielen Arbeitsverträgen vorzufinden ist. Man kann der Reporterin nur die Daumen drücken, dass sie mit ihrer Gehaltsklage recht bekommt und dass sie danach in einem harmonischen Arbeitsumfeld weiterarbeiten kann!
Dass Frauen benachteiligt sein sollen, ist zumindest beim ZDF schwer nachvollziehbar. Im Reporterbereich ist die Frauenquote zumindest subjektiv recht hoch. Offensichtlich wird ja auch beim ZDF, zumindest in dem Bereich, nicht nach Tarif bezahlt. Also wird verhandelt. Auch über Gehaltserhöhungen. Hat sie das jemals gemacht? Hat sie es gemacht, nachdem sie das Gehalt des Kollegen erfahren hat? Hat der Kollege womöglich einfach besser und öfters verhandelt? Fragen über Fragen. Dass ein neuerer in einem Betrieb plötzlich durch Verhandlungen mehr verdient als ein dienstälterer, trotz gleicher Stellenbeschreibung, ist nun wirklich keine Besonderheit.
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