AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2012

50 Jahre SPIEGEL-Affäre Unrühmliche Rolle

Der Bundesnachrichtendienst hält bis heute seine Unterlagen zur SPIEGEL-Affäre geheim. Aus anderen Quellen liegen dem SPIEGEL die wohl wichtigsten Papiere nun vor: Danach hat der BND jahrelang die Redaktion bespitzelt und zu manipulieren versucht.

Nachrichtendienst-Chef Gehlen 1948
AP

Nachrichtendienst-Chef Gehlen 1948

Von Georg Bönisch, Gunther Latsch und


Der knorrige Patriarch im Kanzleramt pflegte einen robusten Umgang mit den Kabinettskollegen, und so erstaunt nicht, dass Konrad Adenauer, damals 86, seinen Justizminister Wolfgang Stammberger, 42, in striktem Ton von einer Dienstreise nach Bonn zitierte. Stammberger wandte ein, er habe noch in Karlsruhe zu tun. Doch Adenauer blieb hart: "Das ist egal, Herr Stammberger, kommen Sie sofort und bringen einen Bundesanwalt mit."

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Heft 38/2012
Als die Deutschen lernten, ihre Demokratie zu lieben

Es war der 12. November 1962, und den "Alten" trieb die SPIEGEL-Affäre um. Seit gut zwei Wochen waren Redaktionsräume des Hamburger Magazins besetzt, wichtige Redakteure, darunter Herausgeber Rudolf Augstein, saßen in Haft. Die Bundesanwaltschaft warf ihnen vor, mit einer kritischen Titelgeschichte über den Zustand der Bundeswehr Landesverrat begangen zu haben.

Doch die Ermittler kamen nicht voran, und der stets misstrauische Adenauer witterte Verrat. Jemand musste die SPIEGEL-Leute vor der Razzia gewarnt und ihnen die Möglichkeit verschafft haben, das angeblich landesverräterische Material verschwinden zu lassen.

Adenauers Verdacht fiel auf Reinhard Gehlen, den Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND). Dessen Mitarbeiter Oberst Adolf Wicht unterhielt nämlich Kontakte zum SPIEGEL. Und so ließ der Kanzler neben Stammberger auch Gehlen und dessen engste Mitarbeiter ins Palais Schaumburg kommen.

Als Stammberger und Bundesanwalt Albin Kuhn eintrafen, eröffnete Adenauer dem verdutzten Justizminister: "Herr Stammberger, Sie müssen den Herrn Gehlen verhaften. Er hält sich in einem Nebenzimmer auf und ist dort greifbar."

Rückfrage Stammberger: "Warum soll ich den Herrn Gehlen festsetzen?"

Darauf Adenauer: "General Gehlen hat die Vorbereitungsmaßnahmen gegen den SPIEGEL dem Oberst Wicht mitgeteilt, und der hat sie dem SPIEGEL verraten."

Aber das war selbst Stammberger zu viel: "Herr Bundeskanzler, wenn wir keine harten Beweise haben, stellt uns kein Bundesrichter einen Haftbefehl aus." Und da Bundesanwalt Kuhn sich ebenfalls weigerte, gab Adenauer grollend nach. "Ich bin auch einmal Staatsanwalt gewesen, früher war das aber ganz anders", klagte er.

Immerhin erklärte sich Kuhn bereit, Gehlen zu vernehmen.

Die Szene im Kanzleramt sprach sich herum und zählt zu den größten Demütigungen in Gehlens Karriere. Nie wieder sollte er Adenauers Vertrauen zurückgewinnen.

Welche Rolle der Bundesnachrichtendienst in der SPIEGEL-Affäre wirklich spielte, das ist bis heute unklar. Obwohl BND-Präsident Gerhard Schindler wie auch sein Vorgänger Ernst Uhrlau erklärten, man wolle in historischen Fragen Transparenz üben, weigert sich der Geheimdienst bislang beharrlich, Unterlagen zu diesem Thema offenzulegen.

Da manche BND-Mitarbeiter bei ihrem Abschied vom Dienst jedoch Kopien von Akten zum SPIEGEL-Komplex mitnahmen, fanden einige der geheimen Papiere den Weg nach draußen. Nachzulesen sind inzwischen auch jene Aussagen, die BND-Leute bei den Vernehmungen durch Bundesanwalt Kuhn und Kollegen machten. Außerdem berichtete der BND stets der vorgesetzten Behörde, dem Kanzleramt; auch diese Unterlagen sind auf Antrag des SPIEGEL jetzt freigegeben.

Somit lässt sich erstmals die Sicht des BND auf den SPIEGEL 1962 beschreiben. Die Quellen legen den Verdacht nahe, dass der Geheimdienst sein Archiv vor allem deshalb nicht öffnet, weil er seinerzeit eine unrühmliche Rolle spielte.

Schon im Kerngeschäft - der Nachrichtenermittlung - zeigte sich der BND Anfang der sechziger Jahre erschreckend ahnungslos. Ernsthaft verbreitete er, Moskau und Ost-Berlin hätten die SPIEGEL-Affäre generalstabsmäßig konzipiert, um Strauß zu stürzen - doch leider sei ihnen der britische Geheimdienst zuvorgekommen und hätte "wesentliche Teile dieser Planung von sich aus aufgegriffen". Das soll angeblich der sowjetische Botschafter in Bonn intern erklärt haben.

Noch peinlicher ist das, was Gehlen später als "Panne" bezeichnete: dass BND-Leute dem SPIEGEL im Rahmen ihrer Pressearbeit indirekt halfen, den kritischen Titel über die Bundeswehr zu erstellen - ihrem Chef davon aber nicht berichteten. So bestärkte ein ahnungsloser Gehlen den Verteidigungsminister Franz Josef Strauß darin, gegen ebenjenen Artikel juristisch vorzugehen. Prompt glaubte Strauß, von jeher Verschwörungstheorien zugetan, Gehlen habe ihn und den SPIEGEL gegeneinandergehetzt.

Am schwersten wiegt bei der Beurteilung des BND jedoch, dass er den Akten zufolge jahrelang drei "konspirative Linien" in den SPIEGEL unterhielt, also unter den Hunderten Mitarbeitern des Verlags einige als Agenten geworben hatte. Juristisch war das ein Rechtsbruch. Der Dienst sollte Erkenntnisse über das Ausland sammeln - und nicht in Redaktionen herumschnüffeln, um die PR für die Bundesregierung zu verbessern.

Genau das aber hatte Gehlen seinen Mannen befohlen, wie der für Pressekontakte zuständige BND-Direktor Kurt Weiß (Deckname "Winterstein") vor der Bundesanwaltschaft aussagte. Man habe SPIEGEL-Artikel über "politische Persönlichkeiten in der BRD vorher erfassen" wollen, um Veröffentlichungen "abzuändern bzw. überhaupt zu verhindern".

Die Spitzelei erreichte einen Höhepunkt während der SPIEGEL-Affäre. Pullach sammelte nicht nur Erkenntnisse darüber, wo angeblich die Informanten des Blatts für die Titelgeschichte zu finden seien (in "Schleswig-Holstein/Hamburg") und wie man an die Namen kommen könne (über die Reisekostenabrechnungen). Der Dienst trug auch zusammen, was seine Schnüffler aus Gesprächen mit Juristen des SPIEGEL und der Familie Augstein lieferten.

Nach Aktenlage erwog die BND-Führung, ihre Erkenntnisse der Bundesanwaltschaft für deren Ermittlungen zuzuleiten. Ob Gehlen das am Ende tat, ist ungeklärt.

Sympathisch war dem steifen Gehlen, Jahrgang 1902, das freche Blatt aus dem Norden nie. Der Thüringer hielt nach eigenen Angaben Verbindungen nur zu "honorigen" Journalisten. Die SPIEGEL-Leute zählte er ausdrücklich nicht dazu.

Dennoch wurde das Magazin zum Lieblingsobjekt des Nachrichtendienstes, der sich Anfang der fünfziger Jahre noch "Organisation Gehlen" (Org Gehlen) nannte und quasi eine Behörde der amerikanischen Besatzungsmacht war.

Es herrschte Kalter Krieg, und der konservative Nationalist Gehlen witterte überall "trojanische Pferde des Bolschewismus", welche die Bundesrepublik "für eine subversive Machtergreifung durch die Kommunisten aushöhlen".

Im SPIEGEL vermutete Gehlen, der bei jeder Wetterlage Sonnenbrille trug, eine "kommunistische Spionagezelle". Doch alle Versuche, ausreichend belastendes Material für ein Verfahren gegen das Magazin zusammenzutragen, scheiterten an dem "außerordentlich geschickten, stets auf journalistische Anliegen begründeten Verhalten" der SPIEGEL-Redakteure, wie Gehlen verärgert notierte.

Das Misstrauen bestand freilich beiderseits. Augstein schätzte Geheimdienste gering - was ihn nicht davon abhielt, wohl aus historischem Interesse, Kontakt zum BND-Vorläufer zu pflegen. Gehlen hatte während des Kriegs eine Abteilung im Generalstab geleitet, die Analysen über die Rote Armee verfasste; er galt als Kenner des Sowjetreichs.

Im SPIEGEL-Archiv finden sich zwei Anfragen von Augstein an die Org Gehlen, ob Hitlers Angriff auf die Sowjetunion 1941 für diese überraschend gekommen sei - und ob der sowjetische Meisterspion Richard Sorge als Leutnant aufgetreten sei.

1951 lernte Augstein Gehlen persönlich kennen. Sie trafen sich bei Bremen, und der Journalist machte sich später darüber lustig, dass ihm Gehlen eine Zigarre Marke "Geheimdienst" anbot.

Die Verbindungen zwischen den Klandestinen und der SPIEGEL-Spitze liefen über den zeitweiligen Chef des Ressorts "Internationales/Panorama" des Magazins: Horst Mahnke, später jahrelang enger Mitarbeiter Axel Springers und Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger. Vom BND wurde er unter dem Decknamen "Klostermann" geführt.

Mahnke, ein ehemaliger SS-Hauptsturmführer, zählte zu den besonders zweifelhaften Figuren des deutschen Nachkriegsjournalismus. Er hatte im Reichssicherheitshauptamt, der Terrorzentrale des Hitler-Staates, in der Marxismus-Abteilung mitgetan. Beim SPIEGEL arbeitete er von 1951 bis 1959.

Augstein und der spätere Chefredakteur und Verlagsdirektor Hans Detlev Becker zögerten damals nicht, auch einige ehemalige Nazis zu beschäftigen - frei nach der Devise "entnazifiziert war entnazifiziert", wie Becker inzwischen einräumt. Er zeigt Verständnis dafür, dass sein damaliges Vorgehen Kritik hervorruft (SPIEGEL 2/2007).

In der Redaktion war bekannt, dass Mahnke vorübergehend der Einsatzgruppe B angehört hatte, die für schwerste Verbrechen im Holocaust verantwortlich war. Doch Augstein und Becker machten für ihn die Unschuldsvermutung geltend. Als Mahnke später für Springer arbeitete, wurde ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ohne Ergebnis eingestellt.

Mehrere Dutzend von Mahnkes SS-Kameraden fanden bei Gehlen Unterschlupf, insbesondere bei der Bremer Außenstelle, die zunächst für den SPIEGEL zuständig war. Da neben Mahnke eine Handvoll weiterer Männer aus dem Totenkopforden bei dem Magazin untergekommen war, steht heute die - freilich unbewiesene - Vermutung im Raum, dass ehemalige SS-Männer bei der Org Gehlen unter ehemaligen Kameraden beim SPIEGEL Informanten warben.

1953 startete die Org Gehlen eine "nachrichtendienstliche Operation" gegen Augsteins Blatt. Unter "Wahrung größtmöglicher Sicherheitsmaßnahmen und schärfster interner Abschirmung" (Gehlen) wurden drei sogenannte Gegenspionage-Verbindungen in die Redaktion hergestellt, also Spitzel angeheuert.

Das Interesse in Pullach war evident. Die Ausnahmestellung der Org Gehlen konnte nicht von Dauer sein. In absehbarer Zeit würden die USA die Behörde in deutsche Hände geben. Da wollten die Geheimen sichergehen, dass sie nicht abgewickelt würden. Gehlen fürchtete eine kritische Berichterstattung des SPIEGEL und behauptete, dessen Journalisten sei Stasi-Material über seine Behörde zugespielt worden, gegen das er sich schützen müsse.

Die Sorge erwies sich als übertrieben: 1956 wurde die Org Gehlen nicht aufgelöst, sondern zu einer regulären Bundesbehörde. Eigentlich hätte der BND-Chef damit die SPIEGEL-Operation abblasen können, doch die Verlockung war groß, die einmal angeworbenen Agenten zu nutzen. Und so machte es sich der BND zur Aufgabe, in der Redaktion auch dann "präventiv einzugreifen", wenn es nicht um eigene Belange ging, sondern um die Interessen anderer Behörden.



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