AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2012

S.P.O.N. - Der Kritiker: Zombies

Von Georg Diez

Was taugt das Israel-Gedicht von Günter Grass?

Bitte nicht schon wieder eine Debatte, die keine ist. Bitte nicht schon wieder eines dieser ewigen deutschen Selbstgespräche, die so voller Wehleidigkeit, Selbsthass und mühsam unterdrückter Aggression sind. Bitte nicht schon wieder alte Männer, die mit den Worten von gestern und vorgestern aufeinander einprügeln.

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Was ist passiert? Günter Grass hat ein Gedicht geschrieben, in dem er die Welt retten will und vor allem sich selbst, mit dem ganzen klapperigen Pathos, das ihm zur Verfügung steht: Es geht um Israel, Iran, die Atombombe, ein deutsches U-Boot - und Henryk M. Broder schrieb in der "Welt" sofort, dass hier der "Prototyp des gebildeten Antisemiten" spricht.

Schon sind wir mittendrin in einer Diskussion, die einem wenig sagt über das, was im Nahen Osten passiert, und viel darüber, wie sehr die Deutschen immer noch mit ihren Gespenstern ringen.

"Was gesagt werden muss", so heißt das Gedicht, das Grass vergangenen Mittwoch gleichzeitig in der "Süddeutschen Zeitung", "El País" und "La Repubblica" veröffentlichte - und schon der Titel ist unfassbar verbohrt und anmaßend. Grass tut ja gerade so, als stünde er vor einem Hinrichtungskommando, das Hemd weit aufgerissen, um seine Wahrheit einer widrigen Welt entgegenzuwerfen.

"Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist", so beginnt das Gedicht, und wie gut für Grass, dass er diese Frage nicht wirklich mit einer kritischen Selbstreflexion beantworten muss, die ihn nur zu dem Hitler-Soldaten geführt hätte, der er mal war, und zu dem ganzen Hitler-Irrsinn, den er in seiner Jugend eingeatmet hat - wie gut für Grass, dass er die Schuldigen gleich parat hat: die Opfer, die ihn zwingen, sich zu erinnern, und die heute angeblich noch mit der Erinnerung Politik machen. Die Juden also, ein Wort, das Günter Grass in seinem Gedicht verdruckst vermeidet.

Dass er "dem Land Israel" verbunden ist und verbunden "bleiben will", betont Grass - aber weil sich, so sieht er das, niemand traut, Israel dafür zu kritisieren, dass es bereit ist, einen Präventivkrieg gegen Iran zu beginnen, bleibt ihm, ganz lutherisch, gerade nichts anderes übrig, als das zu sagen, was er für die Wahrheit hält: "Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er missachtet wird."

Das gleiche Muster wie bei Martin Walser

Wow. Es ist das gleiche Muster wie bei Martin Walser und seiner "Moralkeule" Auschwitz, und es ist doch immer wieder atemberaubend zu sehen, mit welcher Dreistigkeit es die Männer dieser Generation der heute über 80-Jährigen schaffen, Ursache und Wirkung zu verdrehen und mit ein paar Sätzen ihre eigene Wirklichkeit zu konstruieren. Wir sind die Opfer, wir dürfen nicht sagen, was wir denken, behaupten sie und schieben damit die Schuld den eigentlichen Opfern zu. Es ist das ewig dämliche Spiel dieser Flakhelfergeneration.

Deshalb noch mal ganz einfach: Iran will, dass Israel von der Landkarte verschwindet, das hat der verrückte Führer dort oft genug gesagt. Damit ist Iran erst mal der Aggressor in dieser Angelegenheit - es sei denn, und das ist der Antisemitismus, von dem Broder spricht, Günter Grass wäre der Meinung, dass die Gründung Israels die eigentliche Aggression ist, gegen die sich Palästinenser und letztlich auch Ahmadinedschad zu Recht wehren.

Das würde Grass natürlich nie direkt sagen, er hat ja auch mit Bedacht und aus Feigheit die Form des Gedichts gewählt und keinen Essay geschrieben, in dem er argumentieren müsste - so kann er immer sagen, Entschuldigung, aber das hat Verse, die sich zwar nicht reimen, aber doch Kunst sind.

Ob Kunst oder nicht: Dieses Gedicht öffnet den Blick auf Grass, den man als selbstgerecht beschrieben hat und der sich hier darüber hinaus als sehr kalt erweist - so kalt, dass er sich im Mantel seiner eigenen, triumphalen Moral wärmen muss: "Ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin", schreibt er. "Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen."

Warum uns? Das sind die Worte einer Generation, die, scheint es, vor vielen, vielen Jahren gestorben ist, Zombies seit Kriegstagen, und die sich seither selbst erlösen will. Und zwar über den Umweg Israel.

Das Problem bei diesem Gedicht ist damit nicht, ob es gut ist oder schlecht, das lässt sich leicht sagen. Das Problem ist auch nicht, ob Günter Grass Antisemit ist oder nicht, ich glaube das nicht. Das Problem ist, dass Grass eine Art von Vereinfachung vorführt, wie sie im deutschen Denken verwurzelt ist und auch von Teilen der Linken in den siebziger Jahren praktiziert wurde - was dann in der Konsequenz zu Antisemitismus führen kann.

Grass jedenfalls hat, "gealtert und mit letzter Tinte", getan, was Grass eben tun musste, weil er Grass ist. Und? Hat ihn jemand daran gehindert?

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insgesamt 223 Beiträge
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1. Israel ist ihnen bloß Metapher
Minzblaettchen 07.04.2012
Ein schöner Beitrag von Herrn Diez - der das Thema auf das fokussiert, was Grass mit seinem Gedicht eigentlich zelebrieren will, nämlich die Entlastung seiner selbst. Weiter ist nichts dahinter. Wenn Herr Diez sagt, Grass meine "Die Juden (...), ein Wort, das Günter Grass in seinem Gedicht verdruckst vermeidet", so wäre dem noch anzufügen: Wenn Antisemiten von "Israel" sprechen, dann meinen sie nicht "die" Juden. "Israel" dient ihnen als Metapher für "den" Juden. Israel ist in ihrem Weltbild ein Staat, den sie in der Gemeinschaft der "richtigen" Staaten nicht dulden, ist nach ihrer Ansicht also ohne Hierseinsberechtigung und deswegen ohne jede Chance auf ihre, der Antisemiten, Nachsicht oder gar ihr Verständnis. Deswegen die maßlosen Rufe nach "Kontrolle", und die Wahnphantasien, Israel stelle die Bedrohung des Weltfriedens dar.
2. deutsche Eitelkeit
neu1197 07.04.2012
Was ist passiert! Grass sagt, was gesagt werden muss. Ja es muß gesagt werden, dass Israel wider jeder UNO Beschlüsse, zu Atomwaffen diese nicht unterzeichnet; ja es muß gesagt werden, das ein Angriffskrieg nie etwas mit Selbstverteidigung zu tun haben kann. Es muss also gesagt werden dürfen, dass es nichts, aber auch ger nichts mit Antisemitismus zu tu8n hat, wenn diese Dinge gesagt werden, die das hervorholen betreiben Demagogie, nicht Grass. Die Region an sich auf Grund der vielfältigen "eigenen Vorstellungen vieler Völker", aber auch die Rolle der USA als "Beschaffer von Rohstoffen, insbesondere Erdöl und nicht zuletzt die Besatzermentalität oder Siedlungspolitik Israels verursachen ein Pulverfass, das, wenn es hochgeht , nicht nur die Region in einen unkontrollierbaren Krieg treibt. Deshalb sagte Grass das, was gesagt werden mußte.
3. Konsequenz
panzerknacker51 07.04.2012
Nach Augsteins Kommentar mußte Dietzens Erwiderung kommen. Mehr mußte jetzt dazu nicht gesagt werden ...
4. Korrektur
panzerknacker51 07.04.2012
Zitat von panzerknacker51Nach Augsteins Kommentar mußte Dietzens Erwiderung kommen. Mehr mußte jetzt dazu nicht gesagt werden ...
Ich bin untröstlich; er heißt natürlich DIEZ.
5. Nichts.
einsiebenmilliardstel 08.04.2012
Zitat von sysopWas taugt das Israel-Gedicht von Günter Grass? http://www.spiegel.de/0,1518,825949,00.html
Und um "nichts" lohnt es sich auch nicht, so ein Theater zu veranstalten.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981.
Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).
Am 24. und 25. März veranstaltet er gemeinsam mit Christopher Roth in den Berliner Kunst-Werken den Kongress "2081 - What Happened".
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