AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2017

Aktivist gegen Hate Speech Der tiefe Fall des Gerald Hensel 

Ein Kommunikationsprofi wollte rechten Internetseiten den Geldhahn abdrehen. Doch er löste einen Shitstorm aus und verlor seinen Job. Und nun?

Netzaktivist Hensel: "Wir kriegen dich"
Arne Weychardt/ DER SPIEGEL

Netzaktivist Hensel: "Wir kriegen dich"

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Drei Monate nachdem sich der deutsche Werber Gerald Hensel in einem Hotel in Berlin versteckt und um sein Leben gefürchtet hatte, steht er im marmornen Foyer eines Fünfsterneresorts auf der Mittelmeerinsel Malta, eine junge Frau im Businesskostüm wünscht ihm lächelnd einen angenehmen Aufenthalt. Er ist Gast einer Konferenz der Europäischen Union zum Thema "Hassrede im Internet", die Dame überreicht ihm ein Schild, auf dem sein Name steht: Gerald Hensel. Der Name ist ihm geblieben, doch abgesehen davon ist in seinem Leben nicht mehr vieles so, wie es vor Kurzem noch war.

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Heft 23/2017
 

Gerald Hensel ist nach Malta eingeladen worden als Opfer und Kämpfer zugleich; als Opfer von Internethass und als Kämpfer gegen denselben. Er soll hier mithelfen, Strategien gegen die Verrohung der Gesellschaft zu finden, gegen den Angriff der digitalen Barbarei auf die Zivilisation, gegen den Vormarsch des Rechtspopulismus im Netz, und das ist natürlich eine ganze Menge für seine schmalen Schultern.

Hensel hat sich diese Rolle nicht ausgesucht, er ist da hineingeraten und kann oder will nun nicht wieder raus. Doch der Mann, 41 Jahre alt, sieht an diesem Tag nicht unglücklich aus. Er steht im Foyer, wippt von den Zehenspitzen auf die Fersen, wirkt unternehmungslustig, er nennt die Reise einen "kleinen Ausflug". Das klingt nach Urlaub, nach Auszeit.
Alles ist besser, als zu Hause als "Hetzfresse" bezeichnet zu werden, als "gesinnungsfaschistische Ratte"; alles ist besser, als bombardiert zu werden mit Tausenden Hassmails, Tweets, Facebook-Posts.

Die Probleme, die auf dieser Konferenz zwischen exquisitem Fingerfood und schönem Weißwein diskutiert werden, beschäftigen nicht nur Gerald Hensel und die anwesenden hochrangigen EU-Ministerialbeamten. Wie wird man der Schlammlawine im Internet Herr? Wie bremst man die rechten Horden, die durchs Internet trampeln? Wie setzt man Mindeststandards für das Gesellschaftsgespräch in sozialen Netzwerken, und wie setzt man sie durch?

Das sind dringende Fragen der Stunde. Heiko Maas, deutscher Minister für Justiz und Verbraucherschutz, versucht es zurzeit bekanntlich mit einem Gesetz, das wahlweise Facebook-Gesetz, Anti-Hass-Gesetz oder Internet-Gesetz genannt wird, das aber eigentlich "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" heißt. Maas setzt aufs Strafen, er will Facebook und andere Plattformen zwingen, rechtswidrige Kommentare, Texte, Bilder innerhalb von 24 Stunden zu löschen, andernfalls drohen hohe Bußgelder. Die öffentlich-rechtliche "Tagesschau" der ARD wiederum will einen Beitrag leisten, indem sie den Trollen und anonymen Hetzkommentatoren ein Dialogangebot macht: Im neuen Format "Sag's mir ins Gesicht!" stellen sich Moderatoren und auch Chefredakteur Kai Gniffke seit ein paar Tagen in Live-Skype-Gesprächen den Vorwürfen ihres Publikums.

Gerald Hensel hatte eine andere Idee.

Er wollte den rechten Pöblern, den Fake-News-Produzenten und rhetorischen Schmutzschleudern den Geldhahn abdrehen. Erst einmal hat er damit aber nur seinen Job verloren und sich den eigenen Geldhahn abgedreht. "Das hätte besser laufen können", sagt Hensel abends am Pool des Hotels.

Der tiefe Fall des Gerald Hensel begann im November vorigen Jahres. Er war angestellt bei der bekannten Werbeagentur Scholz & Friends in Berlin. "Digitalstratege" lautete sein Titel. Hensel wurde dafür bezahlt, die Mechanismen zu kennen, nach denen das Internet funktioniert. Er legte den Kunden von Scholz & Friends die Vorzüge und Möglichkeiten dar, die diese Mechanismen bieten, wenn Firmen im Netz für ihre Produkte und Dienstleitungen werben wollen. Im Grunde verriet er seinen Kunden ganz ähnliche Tricks, wie sie die rechten Pöbler im Netz so meisterhaft anwenden: Klickzahl optimieren, Aufmerksamkeit maximieren, Lärm machen.

Die Arbeit, so erzählt Hensel zwischen zwei Impulsreferaten auf Malta, machte ihm Spaß, es war eine "angenehme, auch eine gut bezahlte Beschäftigung mit vielen internationalen Kontakten". Er wohnte im Szeneviertel Prenzlauer Berg, genoss die Stadt, in der er jetzt nicht mehr lebt - auch das eine Folge des Shitstorms, der ihn erfasste. Von Haus aus ist Hensel Politologe, und bevor seine eigene Krise zu seinem Hauptthema wurde, galt sein Interesse internationalen Krisen, militärischen Auseinandersetzungen. Er hat ein Buch veröffentlicht über die "positive Anreizsteuerung im Atomkonflikt mit Nordkorea". Er nennt sich selbst "einen Fernsehsesselgeneral". Es gibt wenige Themen, zu denen Gerald Hensel keine dezidierte Meinung hat, und er steht gern im Mittelpunkt der Diskussion. Es hätte ja nicht gleich das Auge des Orkans sein müssen.


Im Video: Was ist programmatische Werbung?
Endlich verständlich: Sehen Sie die Erklärung in dieser Animation.

OHNE

In seinem privaten Blog und auf Twitter, frei von den Zwängen seines Jobs, schrieb Hensel über Politik und über Marketing. Er dachte dort etwa über die Verfehlungen Donald Trumps nach oder äußerte sich zum mäßigen Geschick des deutschen Außenministers. Und dann, am 23. November 2016, veröffentlichte Hensel diesen Text mit der Überschrift "Kein Geld für Rechts" und kreierte dazu den gleichnamigen Hashtag #KeinGeldFürRechts.

Denn es war so und ist noch immer so, dass viele ehrbare Unternehmen ungewollt rechtspopulistische Websites wie Breitbart oder PI-News mit ihrer Werbung querfinanzieren, indem ihre Banner über sogenanntes Programmatic Advertising auf diesen Seiten geschaltet werden. Darauf hat Hensel aufmerksam gemacht. Und diese Debatte, das muss man ihm lassen, hat er in Deutschland für eine Weile zum Tischgespräch gemacht, bloß ist er dabei selbst vom Stuhl gefallen.

Um Hensels Vorschlag zu verstehen, muss man wissen, dass ein Großteil der Werbung im Netz nicht mehr von Menschen platziert wird, sondern von Computern. Eine Firma, die im Internet werben will, definiert oft nur noch die Zielgruppe, die sie erreichen möchte, also etwa: Akademiker, 29 bis 49 Jahre alt, unverheiratet, urban. Mithilfe der Millionen persönlichen Kundenprofile, die Firmen wie Google, Facebook und andere Datensammler über die Jahre angelegt haben, werden dann geeignete Adressaten identifiziert. Und bei der nächsten Gelegenheit sehen die Zielpersonen die Werbung dieser Firmen auf ihrem Monitor, Laptop, Tablet oder Handy.

Es sind Auktionen in Echtzeit, die da stattfinden. In den Sekundenbruchteilen, die zwischen dem Absenden einer Suchanfrage an Google und dem Aufbau der Seite mit den Ergebnissen vergehen, versteigern Algorithmen den zur Verfügung stehenden Anzeigenplatz und wählen unter den thematisch passenden Anzeigen diejenige aus, die für Google am profitabelsten ist. Programmierer legen die Regeln fest, nach denen die Auktionen verlaufen, auf die einzelne Versteigerung haben Menschen keinen Einfluss mehr. Und deshalb weiß die Marketingabteilung der werbenden Firma auch nicht, in welchem Kontext ihre Anzeigen erscheinen.

So konnte es geschehen, dass etwa die Deutsche Telekom mit ihren Anzeigen Breitbart mitfinanzierte, das Sprachrohr der Rechten in den USA. Über einem Artikel mit der Überschrift "Geburtenkontrolle macht Frauen hässlich und verrückt" leuchtete das Magenta-Logo der Telekom. Amazon warb für Kopfhörer neben einer frauenfeindlichen Polemik, die eine Begrenzung der Studienplätze in Naturwissenschaften und Mathematik für Frauen forderte.

Das sind Beispiele, wie sie auch Hensel in seinen Vorträgen benutzt und als Slides an die Wand projiziert. In diesen Fällen war der Autor beider Texte kein Geringerer als Milo Yiannopoulos, der frühere Breitbart-Posterboy, der das Unternehmen Anfang dieses Jahres verlassen musste, weil er es mit den Provokationen zu weit trieb und sich in einem Interview für Sex mit Kindern aussprach.

Was Hensel vorschwebte, war eine Art Alarmsystem für verirrte Werbeanzeigen: Firmen, deren Werbung in solchen Zusammenhängen erscheint, sollten darauf aufmerksam gemacht werden. Wenn also eine Immobilienfirma mit dem Slogan "So machen Sie dieses Haus zu Ihrem Heim" neben einem Text für sich wirbt, der einen Brandanschlag von Islamisten auf die älteste Kirche Deutschlands meldet, obwohl es diesen Anschlag nie gegeben hat, dann sollte diese Firma das wissen, fand Hensel. Solche Hinweise geben den Unternehmen die Möglichkeit, Breitbart und andere dunkle Löcher im Netz auf eine schwarze Liste zu setzen, um zu verhindern, dass die weiter von ihrer Werbung profitieren.

Die Idee stammt nicht von Hensel, sondern aus den USA, wo ein anonymes Kollektiv namens Sleeping Giants ("Schlafende Riesen") dazu aufruft, Werbung von rassistischen und sexistischen Seiten zu verbannen. Nach Angaben von Sleeping Giants haben bislang über 2100 Firmen dafür gesorgt, dass ihre Anzeigen nicht mehr auf den Seiten von Breitbart erscheinen, darunter auch 700 aus Europa. Aus Deutschland sind beispielsweise BMW, Dr. Oetker oder Rewe dabei.

Hätte Hensel es bei einem bloßen allgemeinen Ratschlag belassen, wäre ihm vieles erspart geblieben. Allerdings hätte ihm dann wohl auch niemand zugehört. Und weil er einerseits ein Idealist ist, der in der Verrohung der Sitten im Netz "einen Anschlag auf die inklusive Demokratie" sieht, und weil er andererseits ein Werber ist, der weiß, wie man öffentlich Wellen schlägt, fügte er seinem Blogeintrag eine Liste vermeintlich rechtsradikaler Medien hinzu. Und dort nannte er neben Breitbart auch die "Achse des Guten" des Publizisten Henryk Broder.

Die Achse des Guten ist vieles, populistisch, manipulativ, gehässig; rechtsradikal ist sie nicht. "Es war ein Fehler, diese Seite zu nennen", sagt Hensel selbst. Das hatte er schnell eingesehen und deshalb eine Woche nach dem ersten einen zweiten Blogeintrag veröffentlicht, in dem er die Achse des Guten ausdrücklich von der vorgeschlagenen Blacklist ausschloss.

Ausschnitt aus YouTube-Clip des IS mit Mercedes-Werbung: Programmatic Advertising

Ausschnitt aus YouTube-Clip des IS mit Mercedes-Werbung: Programmatic Advertising

Seine Gegner interessierte diese Korrektur nicht. Hensel war ein zu attraktives Ziel. Ein zur Polemik neigender Intellektueller, der für eine Werbeagentur arbeitet, die wiederum die Bundesregierung zu ihren Kunden zählt. Besser kann die Ausgangslage für einen rechten Internettroll nicht sein. Er kann nicht nur "Denunziant!" schreien, nicht nur "Zensur!", sondern auch eine Verschwörungstheorie anbieten, in der Hensel ein Handlanger der Bundesregierung ist, die versucht, Autoren, die sich tapfer dem publizistischen Mainstream verweigern, mundtot zu machen. Die Trollarmee, gut vernetzt durch rechte Blogs, setzte sich in Marsch, um Hensel fertigzumachen. Denn nicht nur Werbung, auch Wut und Hass lassen sich im Netz mittlerweile fast in Echtzeit produzieren.

In den folgenden Tagen wurde Hensels Wohnadresse im Internet verbreitet, und er zählte rund 50 Morddrohungen.

Jemand, der sich "Moshe Dellberg" nennt, schrieb: "Wir kriegen dich, so oder so, das war's dann, denk an Barschel."

"Jageradeheraus" schrieb: "ahh, man hat Dir nun anscheinend mitgeteilt, wie Deine durchschnittliche Lebenserwartung unter diesen Umständen sein wird."

"Fashionista": "Ich hoffe du wirst verhaftet und erschossen."

Nicht nur Hensel selbst wurde angegriffen, auch sein Arbeitgeber, die Agentur Scholz & Friends. Mehr als 2500 Hasstweets, rund 1000 E-Mails und etwa ein Dutzend Boykottaufrufe kamen dort an. Mitte Dezember meldete sich Hensels Chef Stefan Wegner zu Wort, der Geschäftsführer von Scholz & Friends in Berlin. Im Fachblatt "Werben und Verkaufen" schrieb er in einem Gastbeitrag, dass sich die Agentur die Initiative "Kein Geld für Rechts" nicht ausgedacht habe und nicht unterstütze. Hensel habe auch nicht um Erlaubnis gefragt. Einen Tag nach Veröffentlichung des Textes verließ Hensel die Firma, freiwillig, wie er sagt. Er macht seinen Chefs keinen Vorwurf.

Hensel war geschlagen. Er hatte, als er vor den rechten Populisten warnte, ihre Wut und die Folgen dieser Wut verkannt. Er, der Digitalstratege, hatte die Macht des Internets unterschätzt. Hensel floh aus Deutschland, mit seiner Verlobten, nach Dubai. Weit weg von allem. Während eines Spaziergangs auf Malta, in den engen Gassen der Altstadt von Valletta, erinnert er sich: "Ich lernte in dieser Phase vor allem, dass meine Gegner gut organisiert sind, viel besser als die Aktivisten in der liberalen Mitte Deutschlands."

Breitbart-Website mit Anzeige des Beach Motel Heiligenhafen: #KeinGeldFürRechts

Breitbart-Website mit Anzeige des Beach Motel Heiligenhafen: #KeinGeldFürRechts

Das ist kein Zustand, mit dem einer wie Hensel sich abfinden will. Zum einen, weil er ein politischer Mensch ist, zum andern, weil es einer Kapitulation gleichkäme.

Vor ein paar Wochen sitzt Hensel in einem Café in Hamburg und hat einen Plan. Er will dazu beitragen, die "liberale Mitte Deutschlands zu verteidigen". Sie soll robuster werden, widerstandsfähiger. Hensel ist ein begeisterungsfähiger Mensch, und in diesem Moment ist er euphorisiert von seinem Vorhaben. Wieder wirft er große Worte in den Raum, er will "die rechtspopulistischen Akteure im Netz identifizieren und benennen", er will "deren Strukturen zerschlagen", er will "Opfern, die unter einem Hatestorm leiden, Hilfe anbieten" und, natürlich, "die Gesellschaft insgesamt für das Thema sensibilisieren". Der Blogbeitrag, der ihn ins Unglück gestürzt hatte, pflegte einen ähnlichen Tonfall.

Alles klingt schlüssig, mit klarer Botschaft, Hensel war schließlich fast zwei Jahrzehnte lang Werber, und dieses Mal wirbt er nicht für Hustenbonbons, sondern für sich selbst und seine Zukunft. Einen klingenden Namen für seine Organisation hat Hensel auch schon: Fearless Democracy ("Furchtlose Demokratie").

"Die liberale Mitte der Gesellschaft lässt sich zu schnell einschüchtern vom Geschrei der neuen und alten Rechten", analysiert Hensel. Ein erster programmatischer Entwurf, den er verfasst hat, ist deshalb mit den Titel "Vom Bösewerden" überschrieben. Darunter steht: "Eine Idee, wie wir alle weniger Angst haben können". Fearless Democracy hat aber vermutlich noch einen anderen Zweck, über den Hensel nicht spricht. Seine Organisation soll es seinen Gegnern heimzahlen. Hensel ist nicht nur ein Werber, der mehr oder minder freiwillig zum Politaktivisten wurde, er ist vor allem auch ein Gekränkter.

Ein Gekränkter, der sehr gefragt ist, vor allem im Ausland. Hensel spricht mit der "Washington Post". NBC, der "Guardian", die "Los Angeles Times" berichten über ihn wie auch Zeitungen in Asien. Anfang März steht er auf einer Bühne, in Deutschland, in der Hochschule Macromedia Hamburg. Es ist die Social Media Week, auf dem Programm stehen Fake News, Hate Speech, und Hensel berichtet, was ihm widerfahren ist. Er steht in grauem Anzug und schwarzem Hemd auf der Bühne, aufrecht.

Hensel beginnt seinen Vortrag mit einem Geständnis: "Ich habe Fehler gemacht." Dann greift er seine Gegner an und warnt: "Die Demokratie lässt sich durch kommunikative Echtzeitprozesse unter Druck setzen." Zentrale Aussage seines Vortrags: "Ich möchte nicht alles tolerieren müssen." Hensel sagt, dass er "Tools" entwickeln will, um die digitale Bedrohung von rechts zurückzudrängen.

Vor ihm sitzen Blogger, Journalisten, Social-Media-Manager. Sie stimmen ihm zu, auch wenn Hensel wenig mehr zu bieten hat als seine Empörung. Der Mann trägt seine Niederlagen wie ein Siegesbanner vor sich her, das kommt gut an. In der Geschichte, die er auf der Bühne erzählt, ist die Opferanekdote nur das erste Kapitel, ein Vorspiel des eigentlichen Stücks, das vom Zurückschlagen der Demokraten handelt.

Fearless-Democracy-Blogger Hensel: Böse werden
Arne Weychardt/ DER SPIEGEL

Fearless-Democracy-Blogger Hensel: Böse werden

Seine persönliche Geschichte und seine Entschlossenheit machen ihn attraktiv als Redner. Hensel sprach nicht nur in Hamburg, er reiste auch nach Brüssel, um vor Sozialdemokraten aufzutreten, stand auf der Bühne der re:publica in Berlin, einer der großen Internetkonferenzen Europas, und schließlich landete er eben auf Malta - wo er von den Organisatoren direkt neben eine Facebook-Managerin gesetzt wurde.

Ihr Name ist Aibhínn Kelleher, ihr Titel lautet Product-Policy-Managerin für Europa, Afrika und den Nahen Osten. Kelleher wird dafür bezahlt, der Welt das Verhalten von Facebook zu erklären, warum der Konzern dieses macht und jenes lässt. Sie hat zurzeit viel zu tun, vielleicht zu viel. Während ihres Vortrags verlieren ihre Augen plötzlich den Fokus und drehen sich zur Decke, als wären dort die richtigen Sätze zu finden. Vielleicht ist es ein Schwächeanfall, vielleicht schaltet Kellehers Gehirn auf Autopilot, weil sie diesen Vortrag schon oft gehalten hat. Hensel sagt später: "Die Frau ist ein Roboter."

Kelleher wirbt um Verständnis für Facebook und sagt, Facebook könne nicht allein der Hüter der Wahrheit sein. Sie "unterstützt und ermutigt alle, die Facebook nutzen wollen, um die Hetze im Netz zu bekämpfen". Anders gesagt: Facebook will selbst möglichst wenig tun.

Hensel rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her, während Kelleher spricht. Es fällt ihm schwer, sich zurückzuhalten. Er sitzt neben einer Frau, deren Firma einiges zu seiner persönlichen Misere beigetragen hat, die quasi die Vertriebswege für den Hass bereitstellt, der bei ihm ankam. Irgendwann sagt Kelleher einen Satz, den er nicht stehen lassen will.

Facebook, so Kelleher, "tut alles, um seiner Verantwortung gerecht zu werden".

Hensel sagt, dass "dies ganz und gar nicht der Fall" sei.

Kelleher sagt, doch, das sei so.

Hensel sagt: "Ich habe das ganz anders erlebt."

Kelleher sagt: "Lassen Sie uns das später in kleiner Runde diskutieren."

Hensel lehnt dankend ab.

Vor ein paar Tagen ist Fearless Democracy online gegangen, Hensel hat die Seite mit ein paar Freunden gebaut, aber im Prinzip ist er Fearless Democracy. Fast alle Artikel, die dort bislang veröffentlich sind, stammen von ihm. Die Sache hat ihn gut 15.000 Euro gekostet. Er ist immer noch arbeitslos, denkt aber darüber nach, bald wieder als Werber zu arbeiten, in Teilzeit. Die "Wutindustrie zu demaskieren" steht derzeit nicht mehr im Mittelpunkt seiner Pläne, Hensel ist bescheidener geworden, er bietet jetzt Hate Aid an, Hilfe für Opfer von Hass im Internet. Für die hat er zum Beispiel den Ratschlag, dass sie ihre Profilangaben auf Facebook bei aufkommenden Shitstorms besser schützen sollten. Fremde sollen nicht sehen können, wo man lebe, wo die Familie wohne. "Das war bei mir der Fall", sagt er.

Wenn man die Seite von Fearless Democracy aufruft, ist das Erste, was man sieht, eine rote Fläche auf weißem Grund. In ihr steht, in Großbuchstaben: unterstützen. Es ist ein Spendenbutton. Es sieht aus wie ein Hilferuf.



insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
joachim_moncoq 15.06.2017
1. Warum?
Warum stellt der Spiegel ausgerechnet einen solch wichtigen Beitrag hinter die Paywall? Sharen ist somit nutzlos, was bei diesem Thema doch sehr wichtig wäre.
Oberleerer 15.06.2017
2.
Ein Internet-Profi (!) und veröffentlicht seinen privaten Kram auf Facebook ? Gerade in Deutschland, mit seiner Blockwart-Mentalität, sollte das in den Genen stecken, nichts zu veröffentlichen, was andere nichts angeht. Auch wenn die CDU das Datenschutzgesetz mal wieder kippen will, um mit Daten den großen Reibach zu machen. Kein Profi sollte Facebook verwenden. Ihm würde es wohl auch erspart geblieben sein, die Drohungen zu lesen. Gerade bei Facebook-Drohungen ist es mir aber ein Rätsel, daß die Mitglieder bei Morddrohungen nicht ausfindig gemacht werden und solange in Sicherheitsgewahrsam kommen, bis man überzeugt sein kann, daß es eine leere Drohung ist. Nunja, in Dubai ist er ja jetzt in Sicherheit. Freies Land.
CNPNTGFGZP 15.06.2017
3. Da muss ich mich anschließen...
…und Euch auffordern, doch nochmal in Ruhe zu überlegen, ob es die paar eingenommen Euros in diesem Modus für diesen wirklich hervorragend recherchierten und geschriebenen Plus-Artikel wert sind, Eure i.d.Z. immer aufrichtige, freiheitliche Journalismus-Reputation zu verspielen. Die drei mal nachweislich eingenommen 39 = 117 Cent dürft Ihr dann direkt an Andreas Hendsels Fearless Democracy Projekt weiterreichen. Ich für meinen Teil hab’ da nix gegen… Kapitalismus NICHT über alles!
tanee 15.06.2017
4.
Ich kann es nicht gutheißen, wenn dieser Mann via Twitter oder sonstwas beleidigt wird. Aber ihn hier als Opfer darzustellen ist doch etwas viel. Der Mann hat versucht Dritten einen finanziellen Schaden zuzufuegen, statt die Mitte durch Argumente fuer seine bessere Sache zu ueberzeugen. Hensel meint dabei, dass seine Aktionen als "Verteidigung" durchgehen (vgl. Interview mit W&V vom Januar 2017), aber das ist eben Auslegungssache. Leute wie Hensel bringen durch ihren unueberlegten Aktionismus eher mehr Schaden als Nutzen.
fitzke 15.06.2017
5. nur bedingtes Mitleid
Mit seiner Aktion plante Hensel nichts anderes als einen Eingriff in die liberale Demokratie und vielfältige Meinungsfreiheit. Es steht mir als mündige Person frei sich über Inhalte zu informieren, diese würdigen und zu kritisieren. Es braucht keinen Hensel oder Andere, die darüber bestimmen, was gut oder böse ist. Keiner wird gezwungen auf Facebook, Twitter oder Blogs Meinungen zu lesen. Es wundert auch nicht, dass explizit erwähnt wird, dass es auch um Werbung neben einem Artikel mit einer "frauenfeindlichen Polemik" ging. Das ist heute eines der größten Verbrechen, wenn gegen das schwache arme Opfergeschlecht geschrieben wird. Die "Kolumnen" einer M. Stokowski oder einer Mirna Funk, die Männer mit sterbenden Tieren gleichsetzt, die verbalen Auswüchse bei ze.tt und ZON sind dagegen die Norm und dürfen beworben werden. Tichy und Broder (Broder mochte ich auch bei der Welt nicht!) schreiben auch mal etwas über den sonst selten kritisierten Genderpay-Gap oder die Gesetzentwurfsauswüchse eines Heiko Maas. Das ist gut so. Für den Erhalte eines breiten Meinungsspektrums, eine Vielfalt an Ideen und eine gesellschaftliche Entwicklung braucht es alle Meinungen, auch und gerade damit man sich damit auseinandersetzen kann.
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