AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2017

Historiker Was bleibt vom Kommunismus, Herr Koenen?

Der Historiker und Ex-Maoist Gerd Koenen hat die Ursprünge des Kommunismus untersucht und vergleicht sie mit Bewegungen von heute: den Autonomen, der Linkspartei und mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz.

Gerd Koenen
Markus Hintzen/DER SPIEGEL

Gerd Koenen

Ein Interview von und


SPIEGEL: Herr Koenen, als junger Mann waren Sie Kommunist, ein ziemlich extremer. In Ihrem Buch zitieren Sie nun Herta Müller: "Gestern wäre ich mir lieber nicht begegnet." Ist Ihr über tausend Seiten dickes Kommunismusbuch auch eine Spurensuche in eigener Sache, eine Suche nach Geistesverwandten in der Weltgeschichte?

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Heft 38/2017
Eine Gebrauchsanweisung

Koenen: Als Kinder der Weltkriegskatastrophe lebten wir mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart. An großartige Zukunftsgemälde kann ich mich gar nicht erinnern. Stattdessen lauerte der Faschismus wieder gleich um die Ecke. Mein Zitat drückt ein nachträgliches Erschrecken darüber aus, wohin es mich - zum Beispiel im Falle des Verbots unserer neokommunistischen Sekte 1977 - noch hätte treiben können. Das verbindet meine an sich ganz unbedeutende biografische Erfahrung mit dem großen Drama des Weltkommunismus im 20. Jahrhundert.

SPIEGEL: Die Sekte nannte sich Kommunistischer Bund Westdeutschland, KBW, und wurde letztlich nicht verboten. War der KBW die zeitgemäße, coole Form des Kommunismus in der Bundesrepublik der Siebzigerjahre?

Koenen: Cool waren wir nicht, eher Nerds: sehr ernsthafte junge Leute. Überernst. Wir steckten fest in unserer Binnenwelt, in einem Strudel großer Texte und Theorien. Wir betrieben einen enormen intellektuellen Aufwand, um das, was wir sahen, gegen den Strich zu bürsten: Der Wohlstand um uns verdeckte nur die Verelendung. Und die Gräueltaten der Roten Khmer in Kambodscha mussten Erfindungen derer sein, die Indochina in die Steinzeit hatten zurückbomben wollen.

SPIEGEL: In Ihrem Buch lesen Sie den Kommunismus als Antithese zur Moderne, als Ausdruck der Sehnsucht nach einer ursprünglichen Einheit und Harmonie.

Koenen: Das war eines der populären Motive, die ihn getragen haben. Marx hat vergebens versucht, sich dieses uralten Erbes zu entledigen. Im "Kommunistischen Manifest" von 1848, das ja zugleich ein Hymnus auf die moderne Welt war, verwirft er ein Dutzend utopischer, patriarchaler, feudaler, christlicher Sozialismen und Kommunismen, die er als reaktionär brandmarkt. Tatsächlich haben alle idealen Gesellschaftsentwürfe der Neuzeit seit Thomas Morus' "Utopia" eine stillgestellte Welt entworfen, worin die Gemeinwirtschaft den Stachel der modernen Unruhe beseitigen sollte.

SPIEGEL: Revolution bedeutet wörtlich: zurückdrehen.

Koenen: Schon die französischen Jakobiner kleideten sich in die Gewänder von Spartanern und tugendhaften Römern. Und wo Kommunisten im 20. Jahrhundert an die Macht kamen, mischten sich in ihre scheinbar hypermodernen Entwürfe einer durchgeplanten Gesellschaft fast sofort archaische Welt- und Sozialvorstellungen. Zwar wird die traditionelle Sozialpyramide auf den Kopf gestellt, werden alte Eliten durch jugendliche neue ersetzt. Aber Russland oder China - das sind eben alte große Reiche und Kulturen. Das Bild der stalinistischen Sowjetunion bestimmten schon bald wieder die Ordensbrüste der Militärs, die Bratenröcke der Akademiker, der klassische oder folkloristische Stil.

Besucherin des Mao-Plaketten-Museums in Weihai
REUTERS

Besucherin des Mao-Plaketten-Museums in Weihai

SPIEGEL: Eine linke Fundamentalopposition war aus der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit lange verschwunden. Haben die Krawalle der Autonomen beim G-20-Gipfel Sie an die Siebzigerjahre erinnert?

Koenen: Diese sogenannten Autonomen sind mir ziemlich fremd. Sie erinnern mich eher an die Putztruppe der Frankfurter Spontis, unsere damaligen Hauptrivalen. Aber auch die haben ja fleißig theoretisiert und kommuniziert. Man wollte sich doch mitteilen, hat exzessiv Papier bedruckt, Transparente gemalt. Die heutigen Autonomen wirken auf mich autistisch, ihre Aktionen erinnern an Videoclips oder Gruppenselfies. Worum es genau geht, erfährt man nicht - und die Zehntausende, die in Hamburg ihre vielen Anliegen formuliert haben, wurden so letztlich mundtot gemacht.

SPIEGEL: Kann man von einer Renaissance des europäischen Linksradikalismus sprechen?

Koenen: Renaissance, nein. Bisher sehe ich eher eine postmoderne Melange von Zitaten und Bildern, die man sich herauspickt und zu einem neuen Mix zusammenrührt. Aber die Temperatur steigt innerhalb der Jugend, das ist sicher.

SPIEGEL: Ihr Buch heißt "Die Farbe Rot", die Proteste beim G-20-Gipfel in Hamburg waren allerdings ...

Koenen: ... schwarz, ja. Wenn es da historische Bezüge gibt, dann eher zu den Anarchosyndikalisten, die Ende des 19. Jahrhunderts unter schwarz-roten Fahnen auftraten. Mussolini nahm von dort die Farbe seiner Schwarzhemden in den Faschismus mit. Rot blieb dagegen die Farbe, die mit den Emanzipationsversprechen des Sozialismus verknüpft war.

SPIEGEL: Dieses Rot der aufrührerischen Sozialisten ist in der Bundesrepublik längst domestiziert worden: als Farbe der Regierungspartei SPD. Die Farbe der linksradikalen Straßenkämpfer von heute, das Schwarz, ist auch die Farbe des IS.

Koenen: Der politische Islamismus hat in der ganzen muslimischen Welt schon seit den Neunzigerjahren die Linke marginalisiert und seine eigene, fundamentale Kritik der gott- und seelenlosen kapitalistischen Kommerzkultur entwickelt. In seinen extremen Ausprägungen kann das durchaus an den totalitären Anspruch der kommunistischen Bewegungen auf Gestaltung und "Säuberung" der ganzen Gesellschaft erinnern. Wenn mich die Dschihadisten an etwas erinnern, dann an die Roten Khmer in ihren schwarzen Pyjamas. Zwar kommen sie in Wirklichkeit eher aus der "World of Warcraft" oder dem Internetporn als aus irgendeiner traditionellen muslimischen Gesellschaft. Aber westlich gebildete Intellektuelle waren die Köpfe der Roten Khmer auch.

SPIEGEL: Hat nicht der Antisexismus der europäische Linken ebenfalls seine prüde Seite? An der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin diskutiert der Asta ein Gedicht von Eugen Gomringer, das als Wandschmuck fungiert, weil es den männlichen Blick verherrliche.

Koenen: Ja, man möchte eine Auflockerung aller Geschlechterrollen und zugleich eine verbindliche neue Lebens- und Sittenordnung etablieren. Einiges daran kann ich allerdings nachvollziehen. Auch die 68er-Bewegung mit ihren Parolen von der sexuellen Revolution war in Wirklichkeit ja doppeldeutig. Marcuses Polemik gegen die "repressive Entsublimierung" versuchte, gegenüber der alles überschwemmenden Kommerzialisierung des Sex einen geschützten Raum erotischer Intimität zu bewahren.

SPIEGEL: Sie beschreiben revolutionäre Utopien als Sehnsucht nach einer ursprünglichen Unschuld.

Koenen: Ich beschreibe die Urangst, dass die Gesellschaft auseinanderfliegt durch all das, was wir als Folgen der Moderne verstehen. In Marx' Zeit, während der gerade erst beginnenden industriellen Revolution, herrschte ja keine heitere Fortschrittsfreude, sondern eher apokalyptische Stimmung. Niemand stellte sich damals vor, dass es immer so weitergeht, auch die liberalen Denker nicht. Dass alles sich immer weiter beschleunigen, immer weiter wachsen muss, ist ein Gedanke, mit dem erst die Neoliberalen nach den Weltkriegen um die Ecke kommen. Als Individuum hat man Angst, sich in dieser ver-x-fachten Welt zu verlieren. Daraus entsteht immer wieder der Impuls, Bodenhaftung zu suchen. Das finde ich nicht per se negativ. Das ist für mich das Kunststück, das man historisch mit dem Sozialismus oder auch Kommunismus verbunden hat - diese in x Richtungen auseinanderstrebende Welt in einen Modus zu überführen, der sich demokratisch kontrollieren lässt. Totalitäre Strömungen wie neuerdings der Dschihadismus neigen natürlich dazu, das Problem zu lösen, indem sie diejenigen, die sie als die Keime des Übels betrachten, aus der Gesellschaft raussäubern, im Zweifelsfall gewaltsam.

SPIEGEL: Ähnliches hat auch die Sowjetunion versucht.

Koenen: Ja, in gewisser Weise entsprach der Sowjetkommunismus einer zugleich archaischen und modernen Utopie: der Säuberung der Gesellschaft von allen Sozialfeinden, Schädlingen und so weiter.

Parade auf dem Roten Platz in Moskau
Itar-tass / Imago (Mehrfachbelichtung)

Parade auf dem Roten Platz in Moskau

SPIEGEL: In den USA oder in Großbritannien gab es zuletzt ein Comeback des demokratischen Sozialismus: Sanders und Corbyn. Befriedigen die das Bedürfnis nach einer anderen Politik auf zivile Weise?

Koenen: Diese linkssozialdemokratischen Versuche sind mir zu konventionell, nicht wirklich auf der Höhe der Zeit. Sie sind völlig fixiert auf Fragen der sozialen Ungerechtigkeit, also die Einkommens- und die Vermögenskluft, wie sie der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty und andere dargestellt haben.

SPIEGEL: Sie sehen kein Verteilungsproblem?

Koenen: Doch, aber das Problem ist viel größer. Auf dem Grund der Weltfinanzkrisen unserer Zeit liegt die Überakkumulation von verfügbarem Reichtum. Das Kapital weiß schon nicht mehr, wohin mit sich. Warum leben wir so, wie wir leben? Warum stecken so viele Menschen in einem Hamsterrad, nicht nur prekäre Existenzen, auch Akademiker? Das Ziel hinter dem Leistungsstress ist immer nur die Effektivierung der Produktion um der Produktion willen. Da bin ich dann bei marxschen Formeln. Man muss diese Formeln auf der Höhe unserer Zeit noch mal neu überdenken. Es ist alles da. Aber so weit denken Corbyn und Sanders nicht.

SPIEGEL: Sie wollen ernsthaft den alten Marx reaktivieren?

Koenen: Worin besteht denn der Fortschritt unserer Gesellschaften? Es geht immer nur um mehr Effizienz, um mehr Wachstum, um mehr Wohlstand auch. Diese Gesellschaft tritt uns als eine riesige Warensammlung entgegen. Marx hingegen ging es nicht um Wohlstand, ihm ging es um freie Zeit für freie Entwicklung: weniger im Sinne von mehr Freizeit und Fun, sondern von Möglichkeiten, sich mit oder neben dem Broterwerb mit wirklich wichtigen und interessanten Dingen zu beschäftigen. Und es ist ja nicht so, dass es heute nichts mehr zu tun, zu forschen, zu entwickeln gäbe, im Gegenteil. Aber die produktiven und kreativen Potenziale der Einzelnen wie der Gesellschaften im Ganzen liegen zu erheblichen Teilen brach.

SPIEGEL: Von wem fühlen Sie sich politisch in Deutschland vertreten?

Koenen: Am ehesten noch von den Grünen. Bei ihnen gibt es diese Themen, wenn auch nur in irgendwelchen nachrangigen Thinktanks. Im politischen Betrieb und selbst jetzt im Wahlkampf sehe ich bei ihnen eher wenig davon.

SPIEGEL: Wäre es an der Zeit, dem Projekt Rot-Grün das Projekt Rot-Rot-Grün folgen zu lassen? Ein Land ohne klare Alternative ist auf Dauer politisch gelähmt.

Koenen: Ich bin nicht per se dagegen, die Frage ist, wie innovativ Rot-Rot-Grün wäre. Und da bin ich eher skeptisch. Herr Schulz ist für mich ein sehr konventioneller Sozialdemokrat. Da fand ich, um ehrlich zu sein, selbst Gabriel spannender. Und Die Linke ist im Grunde linkskonservativ, eine Mischung aus Staatsgläubigkeit und Bettelsuppen-Rhetorik. Dass jemand für die Armen und Arbeitslosen streitet, ist gut, aber die soziale Frage ist viel größer, sie betrifft unsere ganze Gesellschaft.

SPIEGEL: Kann das politische Leben eines Landes ganz ohne Gegnerschaft auskommen, ohne die Möglichkeit, Nein zu sagen? Wer sich eine radikale Oppositionspartei wünscht, hat bei dieser Bundestagswahl scheinbar nur eine Option, die AfD.

Koenen: Es gibt eine große Unzufriedenheit, aber diese Unzufriedenheit weiß zurzeit nicht, wohin mit sich. Die politische Inkorrektheit der AfD bedeutet ja auch nur, dass sie einen bestimmten "comment" einer nichtgehässigen Redeweise ständig kalkuliert überschreitet. Sie transportiert einen Protest, aber sie enthält keine soziale Fantasie, keine Perspektive. Pure Gemeinheit soll für das Nein gegen eine Politik stehen, auf die sie angeblich keinen Einfluss hat.

SPIEGEL: Macht die AfD Ihnen denn keine Angst?

Koenen: Die Nationalsozialisten konnten über die Wahlurnen an die Macht kommen, weil sie leider das modernste Wirtschaftsprogramm ihrer Zeit hatten, das allerdings einer Aufrüstungskampagne diente und den Weg in den Krieg bereitete. Die heutigen Rechtspopulisten hingegen bewirtschaften reine Ressentimens und haben kaum attraktive Wirtschafts- oder Sozialprogramme. Was werden die Arbeitslosen denn bei der AfD finden? Ich weiß es nicht. Ich kann die AfD nicht ernst nehmen, nicht mal als Gefahr.

SPIEGEL: Die AfD bedient die Sehnsucht nach der Rückkehr in eine heile, überschaubare Welt. Ein Evergreen.

Koenen: Dieses regressive Element gab es auch im realen Sozialismus des 20. Jahrhunderts - und das hat ihn zu einem Gutteil niedergezogen. Aber es gab in den kommunistischen Parteien immer auch eine spannungsvolle, manchmal anspruchsvolle Debatte über die großen Fragen der Welt und der Geschichte, und deshalb haben sie auch so viele kluge Renegaten hervorgebracht, so eine große Kunst und Literatur. Das soll nicht heißen, dass der Geist nur immer links weht und es auf der politischen Rechten nichts intellektuell und literarisch Satisfaktionsfähiges gäbe. In den Achtzigerjahren, als ich Redakteur beim "Pflasterstrand" war ...

SPIEGEL: ... Daniel Cohn-Bendits linksalternativer Stadtzeitung, falls wir das an dieser Stelle für die Post-68er unter unseren Lesern anmerken dürfen.

Koenen: Wir haben gesagt, okay, wenn wir nur mit uns selber reden, verdummen wir uns selbst. Aber es muss sich lohnen, sich zu streiten. Wenn ein bedeutender Umwelthistoriker wie Rolf Peter Sieferle in seinen letzten Schriften in den Migrationen unseres Zeitalters den Tod unserer Kultur heraufziehen sieht, kann ich mich damit auseinandersetzen - muss ich aber auch nicht.

SPIEGEL: "Finis Germania", das Buch, um das es eine große Debatte gab, auch im SPIEGEL.

Koenen: Götz Kubitschek, sein Verleger, hat mir ungefragt immer mal seine Zeitschrift, die "Sezession", zugeschickt. Das eine oder andere kann ich mit einem gewissen Gewinn lesen, um meine eigenen Ansichten daran zu messen und zu schulen. Aber seitdem sich diese alte "Neue Rechte" aus ihrem Winkel in Schnellroda rausbewegt und versucht, die Massenbewegung auf die Beine zu stellen, wird sie Höcke-mäßig primitiver und verhetzter.

SPIEGEL: In der Ära des rot-grünen Fortschrittsoptimismus hoffte man, dass rechtes Denken sich irgendwann überlebt.

Koenen: Dieses Projekt Rot-Grün hatte am Anfang, nach den langen Kohl-Jahren, natürlich etwas Belebendes. Aber an das Männergespann Schröder/Fischer denke ich heute mit gewissem Schrecken zurück. Diese Big-Macho-Politiker! Da ist mir Frau Merkel schon wieder ganz sympathisch.

SPIEGEL: Gerhard Schröder soll nun Aufsichtsrat des halbstaatlichen russischen Ölkonzerns Rosneft werden.

Koenen: : Ich finde das ... ich sag's lieber nicht. Wobei es Schröder vielleicht gar nicht ums Geld geht, sondern um Geltung. Er ist neidisch auf die Machtfülle Putins. Ich kann mich an die Nacht der verlorenen Wahl erinnern, in der er zu Merkel sagte: Sie haben nicht gewonnen. Da legte er plötzlich ein Metall in die Stimme, bei dem ich dachte: Da lassen manche zu anderen Zeiten auch gern mal die Panzer rollen.

SPIEGEL: In Deutschland ist das Männermodell Schröder ein Auslaufmodell, in Putins Russland nicht.

Koenen: Stimmt. Wobei Schröders Familienbild im heutigen, angeblich orthodoxen Russland eher nicht so en vogue ist.

SPIEGEL: Hier der plurale, hyperindividuelle Westen, da der autokratisch regierte, kollektivistische Osten?

Koenen: So einfach ist es nicht. Der totalitäre kommunistische Totalitarismus des 20. Jahrhunderts war teilweise eine Antwort auf den Universalismus der bürgerlichen westlichen Kultur, gegen die sich Russland und China als zwei alte, vom Zerfall bedrohte Reiche abschirmten. Aber die Dynamik des Weltkommunismus, die ja bis in die Siebzigerjahre hineinreichte, hatte auch mit den Weltkriegen und Weltkrisen, dem Kolonialismus und Imperialismus dieses Zeitalters zu tun, den man zu einem großen Teil ebendieser bürgerlich-kapitalistischen Welt zurechnen muss; so, wie die mörderischen faschistischen Expansionsprojekte Deutschlands, Italiens und Japans in diesen Zusammenhang gehören.

SPIEGEL: In Russland führt das Jubiläum 100 Jahre Oktoberrevolution, das wir 2017 begehen, zu keinem großen vaterländischen Fest.

Koenen: Der KGB-Mann Putin hat glatt die Farben gewechselt. Schon 2009 hat er am Grab des Generals Denikin, der mit den sogenannten Weißen im russischen Bürgerkrieg gegen die Roten gekämpft hatte, einen Blumenstrauß niedergelegt und ihn als Verteidiger der Einheit des großen Russland gerühmt. Und wer ist dann der Zerstörer? Lenin.

SPIEGEL: Lange hieß es, eine freie Wirtschaft ziehe eine freie Gesellschaft nach sich. China beweist das Gegenteil.

Koenen: Was da passiert, ist völlig neu und beispiellos. China verbindet den Kommunismus scheinbar ganz zwanglos mit Formeln des alten chinesischen Denkens, das Xi Jinping sogar als die "wichtigste Software" der Volksrepublik bezeichnet hat. Den Modus des Wirtschaftens hat die Partei nach dem blutig erstickten Aufstand von 1989 radikal verändert, sie operiert ultrakapitalistisch, ganz auf strategische Devisengewinne und den Weltmarkt ausgerichtet. Die politische Hardware hingegen ist geblieben, also der leninistische Macht- und Parteiapparat mit dem neototalitär erneuerten Anspruch, das gesamte Handeln und Denken der Gesellschaft zu kontrollieren und zu bestimmen. Insofern bin ich mit der Formel vom "Ende des Kommunismus" vorsichtig.

SPIEGEL: Und Kim Jong Un, wie ordnen Sie den ein in Ihre Weltgeschichte des Kommunismus?

Koenen: Er steht am düstersten Ende, Seite an Seite mit den Roten Khmer. Die Nordkoreaner haben den Kommunismus um ein Rassenelement ergänzt, sie halten sich für das reinste Volk. Auch sie sehen sich in einer langen Reichstradition und leben wie eine große Familie unter dem fürsorglichen Schutz ihres reinkarnierten, kindlichen Kaisers Kim III. mit seinen Atomwaffen. Das entzieht sich allen Kategorien - und hält jetzt die ganze Welt in Atem.

SPIEGEL: Herr Koenen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Koenen mit SPIEGEL-Redakteuren
Markus Hintzen/DER SPIEGEL

Koenen mit SPIEGEL-Redakteuren



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