AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2017

Gerechtigkeit in Deutschland "Der Stolz ist weg"

Ein Haus, ein Auto, ab und zu Urlaub - das war früher möglich, sagt der Soziologe Oliver Nachtwey. Heute gebe es den kollektiven Aufstieg nicht mehr, sondern immer mehr Abstiege. Was läuft schief, was muss geändert werden?

Ein Interview von und


Gesellschaftsforscher Nachtwey
Alina Emrich/Agentur Focus

Gesellschaftsforscher Nachtwey

Oliver Nachtwey, 41, ist Wissenschaftler am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Am 1. August tritt er die Professur für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel an. Er hat den Bestseller "Die Abstiegsgesellschaft" verfasst.


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Heft 19/2017
Der eitle Kampf der Verteidigungsministerin gegen ihre skandalreiche Truppe

SPIEGEL: Herr Nachtwey, geht es in Deutschland gerecht zu?

Nachtwey: Nein. Wir sind absolut betrachtet die reichste Volkswirtschaft in Europa und haben einen Niedriglohnsektor, in dem knapp ein Viertel der Erwerbstätigen kaum genug verdient, um ihr Leben bestreiten zu können. Das ist nicht gerecht.

SPIEGEL: Hat die Politik etwas versäumt?

Nachtwey: Sie hat die Situation sogar mit herbeigeführt. Früher haben sich Bundesregierungen bemüht, Deutschland gerechter zu machen. Aber seit den frühen Achtzigerjahren ist man der Meinung, dass mehr Ungleichheit gut für die Wirtschaft sei. Dadurch hat sich der Anteil atypischer und prekärer Beschäftigungsverhältnisse deutlich erhöht; also der Jobs ohne Festanstellung, ohne Kündigungsschutz, ohne Mitbestimmung. Dazu gehören vor allem die Leiharbeit und die befristete Arbeit.

SPIEGEL: Es gab auch in den Sechziger- und Siebzigerjahren schon Abstiegsängste. Worin besteht die neue Qualität?

Nachtwey: Nehmen Sie die Autoindustrie: Früher hatten von der Montage bis zur Küche alle Beschäftigten den gleichen Branchentarifvertrag. Irgendwann wurden Bereiche wie die Küche, die Logistik oder der Wachschutz ausgegliedert. Die Beschäftigten wurden dann nicht mehr nach Metalltarif bezahlt, sondern man hat etwa für die Küche einen Dienstleister nach einem schlechteren Tarifvertrag oder einen gar nicht tarifgebundenen Anbieter genommen.

SPIEGEL: Früher war alles besser?

Nachtwey: Nicht alles, aber manches. Man konnte zumindest als Ungelernter in die Fabrik gehen und sich bis zum Vorarbeiter hocharbeiten - auch ohne Facharbeiterzeugnis oder Meisterbrief. Und man konnte damit ein Einkommen erzielen, mit dem man sich im Umland von Frankfurt ein Reihenhaus leisten und abbezahlen konnte. Ein Haus, ein Auto und ab und zu Urlaub - das war das Aufstiegsversprechen, und das war möglich. Aber diesen kollektiven Aufstieg des sozialen Untens gibt es nicht mehr, stattdessen gibt es vermehrt Abstiege, und die sind eine reale Bedrohung.

SPIEGEL: Die Zeiten ändern sich. Heute muss jeder wissen, dass man eine halbwegs gute Ausbildung braucht, um einen guten Job zu kriegen.

Nachtwey: So einfach ist es leider nicht. Wenn Sie in den Sechzigerjahren studiert haben, hatten Sie eine echte Chance auf dem Arbeitsmarkt. Wenn Sie heute studieren oder gut qualifiziert sind, ist es eher die notwendige Bedingung, um gut auf dem Arbeitsmarkt zu landen, aber nicht eine hinreichende. Alles ist mit viel mehr Unsicherheit verbunden.

SPIEGEL: Auch für besser Qualifizierte?

Nachtwey: Bildung kann auf Teilarbeitsmärkten den Wettbewerb verstärken. Beschäftigte mit geringerer Bildung werden dadurch noch stärker von der gesellschaftlichen Entwicklung abgekoppelt.

SPIEGEL: Aber es ist doch besser, Arbeit zu haben, als arbeitslos zu sein?

Nachtwey: Neulich war ich in einer dieser neuen, modernen Automobilfabriken. Die fest angestellten Stammbeschäftigen unterschieden sich von den Leiharbeitern auf den ersten Blick nur durch Details, etwa die andersfarbige Naht an den Arbeitsschuhen. Aber die Leiharbeiter verdienen 30 Prozent weniger. Nach drei Jahren bekommen sie das gleiche Gehalt wie das Werkspersonal, nur ohne Prämien. Dann gibt es im Werk noch eine blaue Linie, dahinter arbeiten die Leute von einem Logistiker zu einem viel niedrigeren Tarif. Und dann gibt es auf dem Gelände ein anderes Gebäude, da arbeiten wieder andere Leute von 14 verschiedenen Leiharbeitsfirmen. Dort gibt es nicht einmal einen Betriebsrat.

SPIEGEL: Die Hersteller können im globalen Wettbewerb aber nur Autos verkaufen, wenn sie günstig produzieren.

Nachtwey: Es geht den Unternehmensführern gar nicht primär um die Kosten. Es geht ihnen um atmende, flexible Unternehmen. Wenn ein Autokonzern heute einen neuen Lastwagen baut, kommen mehrere Tausend Ingenieure auf das Betriebsgelände, der Betriebsrat weiß von nichts. Der sieht nur, dass in dem Gebäude, das vorher leer stand, plötzlich nachts Lichter brennen und dass die Kantine voll ist. Diese Ingenieure verdienen teilweise besser als Werksingenieure. Aber wenn der Auftrag beendet ist, kriegen sie die Kündigung.

SPIEGEL: Gut ausgebildete Ingenieure werden schnell einen neuen Job finden.

Nachtwey: Sicher. Aber wenn die gleichen Leute mal 35 oder 40 Jahre alt sind, fragen sie den Betriebsrat, ob es nicht möglich wäre, eine feste Stelle zu bekommen. Sie haben geheiratet, ein Kind ist unterwegs, sie würden sich gern niederlassen und Wurzeln schlagen.

SPIEGEL: Deshalb weiten viele Unternehmen auch ihre Festanstellungen wieder aus.

Nachtwey: Aber längst nicht alle. Manche Geschäftsführungen sagen ganz offen: Wir brauchen die Leiharbeit, um die Komfortzone nicht zu sehr auszuweiten. Wenn der Festangestellte arbeitet und neben ihm der Leiharbeiter die gleiche Tätigkeit ausübt, sorgt das für Konkurrenz und Leistungssteigerung.

SPIEGEL: Welche Folgen hat dieser permanente Konkurrenzkampf?

Nachtwey: Die gut 20 Prozent Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor scheinen sich zu verfestigen. Vor allem im Dienstleistungsbereich sind viele betroffen. Früher war der Postbote Beamter, ein Repräsentant des Gemeinwesens, der auch noch Zeit für das Schwätzchen mit der Oma hatte. Wenn ich heute etwas bei Amazon bestelle, kommt der Bote zu mir in den vierten Stock raufgehetzt, weil er einen Euro pro Paket bekommt. Immer mehr Menschen arbeiten unter solchen Bedingungen. Dadurch entsteht eine neue Klasse, manche sprechen schon von einem Dienstleistungsproletariat.

SPIEGEL: Schlechte Jobs mit prekären Löhnen gab es früher auch schon.

Nachtwey: Ja, aber es gab einen gewissen Stolz auf die eigene Klasse und das Bewusstsein, dass man durch der eigenen Hände Arbeit eine gewisse Würde erfuhr. Heute ist in der Dienstleistungs-Unterklasse jeder für sich selbst verantwortlich: Der Stolz ist weg. Das Bewusstsein, einer Gemeinschaft hart arbeitender Menschen anzugehören, weicht zunehmend der Scham, es nicht geschafft zu haben.

SPIEGEL: Sie sprechen von einer "Abstiegsgesellschaft" in einem der reichsten Länder der Welt. Ist das nicht übertrieben?

Nachtwey: Keineswegs. Es hat viele Umwertungen im Diskurs um die Agenda 2010 gegeben. Da hat man gesagt, die Leute, die von Sozialleistungen abhängig sind, wollen gar nicht arbeiten, die wollen lieber auf der Couch liegen. Viele Angehörige der Mittelklasse haben daraufhin angefangen, sich stark nach unten abzugrenzen, um den eigenen Status zu bewahren.

SPIEGEL: Wie grenzt man sich ab?

Nachtwey: Man achtet beispielsweise darauf, dass in den Kindergärten im Viertel nicht zu viele Migranten sind. Selbst Linksliberale wechseln im Zweifel den Stadtteil, um Zugang zu den besten Schulen zu bekommen.

SPIEGEL: Erklärt das die plötzliche Aufmerksamkeit für Martin Schulz?

Nachtwey: Es gibt jedenfalls ein enormes Unbehagen gegenüber dieser wachsenden Ungleichheit. Die Agenda 2010 hat ihren Teil dazu beigetragen. Die SPD hat zu lange geglaubt, vermeintlich beliebte Kanzlerkandidaten würden für einen Wahlsieg ausreichen. Nun merkt man, dass in den USA der demokratische Kandidat Bernie Sanders viele Menschen mit einem Programm begeistert hat, das er "demokratischen Sozialismus" nannte. Ich glaube, er hätte Donald Trump klar besiegt.

SPIEGEL: Hat Schulz eine Chance gegen Angela Merkel?

Nachtwey: Er macht vieles besser als frühere SPD-Kandidaten, deren erste Botschaft war: Weiter so, uns geht's doch gut. Und er will Fehler der Agenda korrigieren.

Sein Problem ist: Man weiß bisher nicht genau, was sein Projekt ist.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
muellerthomas 09.05.2017
1.
"Wir sind absolut betrachtet die reichste Volkswirtschaft in Europa " Nein sind wir nicht - zumindest sagt das gesamt-BIP, auf das er wohl anspielt nichts über den Reichtum aus. In der gleichen Logik wäre sonst Indien reicher als Kanada und natürlich viel reicher als die Schweiz.
lupo44 09.05.2017
2. es kann ja sein das der Forist diese Aussage in Abrede stellt.....
aber dann muß er in eiem anderen Deutschland leben und arbeiten als das welches hier vom Wissenschaftler beschrieben wurde.Soebend wurden die Steuereinnahmen veröffentlicht-55 Milliarden im Jahr zusätslich bei einen Exportanstieg auf 140 Milliarden im Monat April 2017 und einen sinkenden Import bei ca 98 Milliarden. Diese Bilanz wird vom europäischen Ausland als unverantwortlich gewertet. Ob nun Herr Trump unser Freund ist oder nicht-seine Überlegung gegen Deutschland Strafzölle zu erheben ist bei diesen Zahlen nachvollziehbar. Als Deutscher macht mich das natürlich auch stolz.Aber die Kehrseite sind die stagnierenden Löhne in Deutschland die seit 1999 sich nicht mehr bewegen nach oben bei der arbeitenden Bevölkerung.Kein anderes Land in Europa hat diese schräge Bilanz. Auch Frankreich nicht mit seiner 35 Stunden Woche und ein Renteneintrittsalter von 60 Jahren.Oder Griechenland ..und ..und....Was sagt uns das ? Entweder machen die anderen europäischen Staaten auch solche Reformen wie Deutschland oder Deutschland muß alle anderen unterstützen um ein andere Bilanz zu erhalten nämlich ihr gutes Leben mit weniger Arbeit und guten Löhnen wie bisher.Das alles kann nicht gut gehen und wird sehr viel Unruhen um heutigen Europa bringen.Deutschland an der Wende? Nein niemals unter welcher Regierung auch immer.Es sei denn Europa revormiert sich Grundsätzlich in allen Fragen Politisch,Ökonomisch und Militärisch.Aber wer von den jetzigen Politikern ist zu diesen Reformen bereit? Freiwillig niemals!!!!!
Stadtguerilla 09.05.2017
3. ...
Ich stimme ihm, soviel wie ich dazu lesen kann(und ich halte es für äusserst fragwürdig solche Themen hinter einer Paywall zu verstecken, da sollte man doch bei Investitionsmöglichkeiten, Aktien, Dax u.a. bleiben...) zu. "Früher" und das ist ein signifikanter Unterschied bezüglich Populismus und der leidigen "Neiddebatte, denn niemand möchte irgendwas haben was ihm nicht zusteht bzw. mehr als ihm zusteht, ging es um Urlaub an der Ostsee, Italien oder den Malediven, einer Mietwohnung, Eigentumswohung oder Haus oder einem Kleinwagen, Mittelklasse oder Luxuswagen. Heute geht es um Mietwohung oder Luxusvilla, Maybach oder garnichts und Seyshellen oder garnichts. Wer arbeite soll zumindest eine eigentums Wohnung haben können, nach Italien fahren können und einen mittelklasse Wagen fahren KÖNNEN, da wird weder Luxus verlangt noch mehr als einem zusteht - aber das ist nicht mehr möglich. Nur noch extreme, obszöner Luxus auf der einen Seite und agonie auf der anderen, das wird langfristig niemals gut gehen...
tomwessel85 09.05.2017
4. Wer mit 60 trotz Gesundheit und Arbeit nicht Millionär ist, hat die Kontrolle über sein Leben verloren
Viele treffen schlicht die falschen Entscheidungen im Leben, es mag sein, dass langfristig planbare Arbeitsstellen heute für die Masse der Arbeitnehmer so nicht mehr möglich sind, andererseits verdient man heute immer noch genug um selbst privat Vorsorge treffen zu können. In einer Konsumgesellschaft wo die nächste Verführung nur einen Klick weit weg ist, fällt vielen das sparen nur schwer und so können sie kein Vermögen aufbauen. Der Staat hilft hier nicht mehr, Rentenbeiträge, Riester- oder geförderte Betriebsrenten alles Schrott, mit niedrigen Renditen und zu hohem Abfluss über Steuern und Abgaben. Auch wenn Herr Tenhagen hier im Forum gerne für seine Spartipps gescholten wird, es lässt sich sehr viel einsparen, wer nicht in der günstigsten GKV Kasse ist die er kriegen kann, verschwendet Geld. Wer nicht in der PKV ist, sondern womöglich aus ideologischen Gründen Jahrzehnte in die GKV einzahlt, erleidet einen sechsstelligen Nettovermögensverlust bis zur Rente und hat als Gegenleistung nichts in der Hand. Alleine durch die PKV spare ich jeden Monat über 300€ seit dem 25 Lebensjahr, bei üblicher Rendite an den Kapitalmärkten bin ich bei monatlicher Wiederanlage zum Renteneintritt Vermögensmillionär.
_gimli_ 09.05.2017
5.
Zitat von tomwessel85Viele treffen schlicht die falschen Entscheidungen im Leben, es mag sein, dass langfristig planbare Arbeitsstellen heute für die Masse der Arbeitnehmer so nicht mehr möglich sind, andererseits verdient man heute immer noch genug um selbst privat Vorsorge treffen zu können. In einer Konsumgesellschaft wo die nächste Verführung nur einen Klick weit weg ist, fällt vielen das sparen nur schwer und so können sie kein Vermögen aufbauen. Der Staat hilft hier nicht mehr, Rentenbeiträge, Riester- oder geförderte Betriebsrenten alles Schrott, mit niedrigen Renditen und zu hohem Abfluss über Steuern und Abgaben. Auch wenn Herr Tenhagen hier im Forum gerne für seine Spartipps gescholten wird, es lässt sich sehr viel einsparen, wer nicht in der günstigsten GKV Kasse ist die er kriegen kann, verschwendet Geld. Wer nicht in der PKV ist, sondern womöglich aus ideologischen Gründen Jahrzehnte in die GKV einzahlt, erleidet einen sechsstelligen Nettovermögensverlust bis zur Rente und hat als Gegenleistung nichts in der Hand. Alleine durch die PKV spare ich jeden Monat über 300€ seit dem 25 Lebensjahr, bei üblicher Rendite an den Kapitalmärkten bin ich bei monatlicher Wiederanlage zum Renteneintritt Vermögensmillionär.
Sollten Sie jemals eine Familie mit Kindern haben und dem Rentenalter entgegengehen, werden auch Sie noch begreifen, dass das, was Sie hier zusammenschreiben, Blödsinn ist. Das sage ich Ihnen als jemand mit einigermaßen hohem betriebswirtschaftlichen Sachverstand und 6-stelligem Jahreseinkommen, der trotzdem in der GKV ist (PKV rechnet sich für Familien nie), einen Riestervertrag hat (rechnet sich gerade bei hohem Gehalt + Familie aufgrund Bonus und Steuerrückerstattung) und sich über eine ab Renteneintritt kommende stattliche Betriebsrente freut.
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