AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2017

SPD-Altkanzler Schröder Eine neue Liebe

Sein Politikstil, seine Breitbeinigkeit galten in der SPD lange als peinlich. Nun ist Gerd Schröder bei den Genossen wieder gefragt - auch weil er eine klare Idee hat, was im Kampf gegen die AfD helfen könnte.

Altkanzler Schröder
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Altkanzler Schröder

Von und


Zu den liebsten Geschichten, die Gerhard Schröder in diesen Tagen erzählt, gehört die Geschichte seiner missglückten Weihnachtskarte. Er ist kein Freund großer selbst geschriebener Texte. Aber diesmal, vor Weihnachten, verfasste er eigenhändig einen Weihnachtsgruß. "Frohe Weihnachten" sollte da stehen, bevor er seinen "Gerhard Schröder" daruntersetzte. Aber dann schrieb er, ohne den Fehler zu bemerken, "Frohe Weinachten", ohne h.

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Heft 1/2017
Wut kann man sich erarbeiten

Es ist eine Geschichte, die man normalerweise nicht freiwillig erzählt. Aber Schröder hat noch nie gemacht, was man sollte. Er sitzt gut gelaunt in seinem Berliner Büro, das ihm als Bundeskanzler a.D. für den Rest seines Lebens zusteht, ebenso wie mehrere Mitarbeiter und die Bodyguards, ein kleiner Hofstaat, der ihm erlauben soll, über den Dingen zu stehen, im lebenslangen Dienst für die Bundesrepublik Deutschland.

Es ist in Schröders Erzählung nicht ganz klar, wie es passierte, aber irgendwann machte die Geschichte von seiner Weihnachtspost in Hannover die Runde, und dann erfuhr auch der niedersächsische Legasthenikerverband von der Karte. Der Verband nutzte postwendend die Gelegenheit, so Schröder, und schrieb ihm einen Brief. Er macht eine kurze Pause, damit die Pointe seiner Geschichte besser zur Wirkung kommt: "Sie haben mir Rechtschreibhilfe angeboten, auf Lebenszeit."
Ein Scherz auf seine Kosten, über den er herzlich lachen kann. Aber von seinen Schwächen hat sich Schröder nie zurückhalten lassen. Es ist für ihn eine Demonstration seiner Stärke, maximale Souveränität. Er kann sie sich jetzt leisten.

Schröder, 72, ist wieder gefragt in seiner Partei. Im Dezember 2015 hatte er erstmals seit 2007 wieder auf einem SPD-Parteitag gesprochen, zuletzt trat er jeden Monat auf Veranstaltungen auf, bei denen Größen der Sozialdemokratie geehrt wurden, lebende und verstorbene. Er diskutierte mit dem Philosophen Oskar Negt über dessen Autobiografie, er war Laudator für ein Buch über Helmut Schmidt und stellte eine neue Biografie über Sigmar Gabriel vor.

Es gibt Leute, die ihm jetzt wieder auf die Schulter schlagen und sagen, Gerd, es wäre eigentlich Zeit, "dass du mal wieder den Kanzler machst". Der Altkanzler hört das gern, auch wenn es natürlich scherzhaft gemeint ist.

Elf Jahre nach dem Ende der Ära Schröder sucht die SPD wieder Nähe zu dem Mann, der ihr den letzten großen Wahlsieg in der Bundespolitik bescherte. Es ist ein bisschen Nostalgie dabei, die Sehnsucht nach verlorener Größe, aber auch die Erkenntnis, dass die Partei gerade jetzt, da sie Antworten auf den Populismus von rechts finden muss, einen wie ihn brauchen könnte, einen Mann, der nicht nur unverwüstliches Selbstbewusstsein ausstrahlt, sondern der auf überraschende Weise volksnah geblieben ist, einen Bundeskanzler a.D. mit Rechtschreibschwäche.

Die SPD dagegen ist eine Partei voller Angst, nach den vielen Jahren der Großen Koalition wirkt sie verbraucht und unsicher. Das hat auch etwas mit dem Parteichef zu tun.

Seit Wochen schon scheint sich Sigmar Gabriel mit der Frage herumzuquälen, ob er sein Leben als SPD-Parteichef im kommenden Jahr noch mit einer Kanzlerkandidatur belasten soll. Oder ob er, um das zu vermeiden, dem scheidenden Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, den Vortritt lassen soll. Er zögert seine Antwort hinaus und provoziert mit seinem Zaudern nur weitere, unangenehme Fragen: Traut sich Gabriel das Kanzleramt nicht zu? Oder fehlt der SPD der Machtwille?

Sigmar Gabriel, Martin Schulz: Traut sich Gabriel das Kanzleramt nicht zu?
REUTERS

Sigmar Gabriel, Martin Schulz: Traut sich Gabriel das Kanzleramt nicht zu?

Es ist ein fatales Signal, gerade in diesen Zeiten, in denen Politiker der etablierten Parteien ohnehin unter dem Generalverdacht stehen, sich in ihren Ämtern eingerichtet zu haben. Es ist dieser Verdacht der Bequemlichkeit, der das Bild vom Kartell der alten Parteien verfestigt, gegen das Volk, gegen Veränderung.

Gerhard Schröder war nie bequem. Er war immer getrieben von einem überbordenden politischen Ehrgeiz, dem Drang nach ganz oben, der seiner Partei heute zu fehlen scheint. "Die SPD muss immer den Anspruch haben, das Land führen zu wollen", sagt er in seinem Büro. Es klingt wie eine Mahnung.

Der Wille zur Macht war bei Schröder stets mit Hybris verbunden, Egomanie. Aber sie diente nicht nur seinem persönlichen Erfolg. Er schaffte Gefolgschaft in der Partei, aber auch unter Wählern, denn der unbedingte Wille zur Macht trug auch das Versprechen in sich, unbedingt etwas verändern zu wollen. Er schuf Hoffnung, dass ein Neuanfang möglich ist, Reformen, ein besseres Leben. Kann die SPD unter Gabriel das wiederholen?

So wie es Schröder sieht, gibt es nur eine erfolgreiche Antwort auf die neuen Populisten von rechts: einen anderen Populismus, der sich an den demokratischen Werten orientiert, einen Populismus der Mitte. Einfache Botschaften, glaubt er, könne man nur mit einfacher Sprache bekämpfen, nicht mit gewundener, politisch korrekter Sachlichkeit. Die SPD brauche deshalb einen "demokratischen Populisten" an ihrer Spitze, sagt Schröder, einen Mann, der mit den Menschen auf Augenhöhe redet, nicht über sie hinweg.

Lange konnte die Partei Schröder nicht vergeben. Zu groß war der Groll auf die Agenda 2010, in der viele Genossen den Versuch Schröders erblickten, die Arbeiterpartei SPD in eine Arbeitgeberpartei zu verwandeln. Zu groß war auch der Frust über die verlorenen Ämter, als die Sozialdemokraten nach seinem Abgang zur 25-Prozent-Partei schrumpften.

Zudem war sein Politikstil aus der Mode gekommen, seine Breitbeinigkeit, das Machohafte, die Attitüde vom Basta-Kanzler, alles galt plötzlich als peinlich. Stattdessen wurden Sachlichkeit und Bescheidenheit zu den neuen Tugenden, verbunden mit dem Aufstieg Angela Merkels zur ersten Bundeskanzlerin Deutschlands. Anders als Schröder feierte sie ihre größten Wahlerfolge nicht laut triumphierend, sondern verließ die Bühne fast peinlich berührt vom Applaus. Gerhard Schröder war zum Held von gestern geworden.

Mit der Flüchtlingskrise aber kam ein neuer Ton zurück in die Politik, lauter, rauer. Schröders Ton. Während Merkels Umfragewerte sanken, wuchs Schröders Beliebtheit in seiner Partei.

Es gab immer viel Kritik an seiner Politik, am Kosovo-Einsatz, an der Agenda; aber wenn sich Schröder einmal festgelegt hatte, blieb er auf Kurs. Später, nach dem Ende seiner Kanzlerschaft, als er wegen seines Engagements bei Gazprom und seiner Freundschaft zu Russlands Präsident Wladimir Putin kritisiert wurde, scherte er sich nicht um die Empörung. Was ihm früher oft als Sturheit ausgelegt wurde, gilt jetzt als Gradlinigkeit, die viele in der Partei heute bei Gabriel vermissen.

Auch Andrea Nahles, die damals als Juso-Chefin zu seinen größten Kritikern gehörte, begegnet ihm inzwischen "auf einem ganz anderen Level", wie sie sagt. Sie erinnert sich noch, wie er manchmal nicht "Tach" sagte und nicht "Tschüs", wenn ihm etwas nicht passte. Oder wie er "Was soll das denn?" rief, als sie ihm einen Reformvorschlag auf den Tisch legte. Aber das ist jetzt alles vergeben, vergessen.

Nahles schätzt sein Nein zum Irakkrieg, aber auch die Freundschaft zu Putin werde in der SPD heute eher wieder positiv gesehen, sagt sie. "An der Stelle ist Schröder rehabilitiert." Selbst über die Agenda verliert sie kein böses Wort mehr. Sie sucht und findet jetzt Gründe, warum Schröder gar nicht so schlimm war wie geglaubt.

Im September ist Schröder als Laudator ins Willy-Brandt-Haus eingeladen. Er soll ein Buch über die "späten Jahre" Helmut Schmidts vorstellen. SPD-Generalsekretärin Katarina Barley spricht zur Begrüßung, sie sagt was Nettes zu Schröder. Der nimmt die Vorlage gern an: "Man merkt an den freundlichen Worten der Generalsekretärin: Meine Resozialisierung in der SPD schreitet unabwendbar vorwärts."

Schröder sagt danach viel über Schmidt und das Buch, bis er schließlich zu einer Passage kommt, die er auch auf sich bezieht: Schmidts Verhältnis zu seiner Partei. "Der Autor beschreibt, dass es mehr als 20 Jahre dauerte, bis Schmidt mit seiner Partei einigermaßen ausgesöhnt war. Seit dem Ende meiner Amtszeit sind schon 11 Jahre rum. Für mich besteht Hoffnung."

Nach sieben Jahren im Kanzleramt gehört Schröder eigentlich zur Elite der politischen Klasse, zum Establishment der Bundesrepublik Deutschland. Er spielt gern mit den Insignien der Macht und ist alles andere als traurig darüber, dass ihn immer noch Bodyguards umgeben. Aber er hat sich stets auch den Abstand zum Establishment bewahrt, zu den Anstandsregeln der herrschenden Klasse.

Über Gabriel verliert Schröder kein schlechtes Wort. Auch wenn ihn mit dem heutigen SPD-Chef eine bewegte Geschichte verbindet, telefoniert er inzwischen regelmäßig mit ihm, gibt ihm Ratschläge und tritt öffentlich für ihn auf. Im November entschied er sich dafür, eine Biografie über Gabriel vorzustellen, eine besondere Ehre.

Er steht in einem Raum der Bundespressekonferenz, und natürlich geht es bei seinem Auftritt vor allem auch um die Frage, wie viel Nähe zu Gabriel er zu erkennen gibt, ob er ihn für den geeigneten Kanzlerkandidaten seiner Partei hält.

Gabriel, Schröder im Dezember 2016: "Das Wichtigste ist: Du musst es wollen."
DPA

Gabriel, Schröder im Dezember 2016: "Das Wichtigste ist: Du musst es wollen."

Schröder nennt Gabriel einen "demokratischen Populisten", sein höchstes Lob. Einer wie er. Aber die Moderatorin will es genauer wissen. Sie fragt, ob Gabriel der richtige Kanzlerkandidat sei.

Schröder ignoriert die Frage.

Schon einmal hat er sich für einen Kanzlerkandidaten der SPD ausgesprochen, 2013, als Peer Steinbrück antrat. Ein Fehler, wie er heute findet.

Aber die Moderatorin fragt weiter. Irgendwann platzt Schröder die Geduld.

"Wollen wir uns jetzt ernsthaft unterhalten?", fragt er.

Ein Moment Stille.

"Ja", sagt die Moderatorin.

"Gut", sagt Schröder.

In seinem Büro in Berlin zitiert er Johannes Rau: "Ein öffentlich gegebener Ratschlag ist mehr Schlag als Rat." So sieht er das, er will Leuten nicht zu viel hineinreden, um sie nicht kleiner zu machen. Er selbst habe es immer gehasst, wenn sich die Alten eingemischt hätten.

Es ist tatsächlich der beste Rat, gerade in diesem Moment. In der Partei heißt es, Schröder schätze zwar die Fähigkeiten Gabriels, sein Redetalent, sein Bauchgefühl, aber ihm missfalle, wie Gabriel zaudert. Es widerspricht Schröders oberstem Prinzip, so wie er es Andrea Nahles vor Kurzem anvertraut hat.

Als sie ihn fragte, was man brauche, um Kanzler zu werden, sagte Schröder nur: "Das Wichtigste ist: Du musst es wollen."

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Seite 1
hapebo 03.01.2017
1. Schlimmer gehts nimmer.
Was will er? Die SPD noch kaputter machen als sie eh schon ist? Wenn die so weiter machen, dann scheitern die an der 5% Hürde.Ja du liebe Güte, H.Schröder ist der falsche Heilsbringer, soll er sich bei H.Putin verdingen, da bekommt er noch gutes Geld zu seiner bescheidenen Pension.
tomymind 03.01.2017
2.
HaHa, der größte Verräter der Arbeitnehmer und Armen in Deutschland. Der größte Totengräber der deutschen Sozialdemokratie. Der größte Umverteiler von unten nach oben. Gratuliere SPD, die 5% Hürde kommt immer näher.
mmpuck 03.01.2017
3. Die ersten beiden Wortmeldungen
kommen deutlich von Menschen, die sich nichtvon Fakten, sondern von Wünschen leiten lassen. Sie leben heute in einem Deutschland, dass Wirtschafts- und Finanzkrisen hervorragend überstanden hat, weil Kanzler Schröder seine Agenda gegen alle Widerstände durchgesetzt hat. Und er hat das auch gegen eigene Interessen zum Wohl unseres Landes getan. Denn es war völlig klar, das Notwendige war eben nicht das Gewünschte und würde deshalb viele Wählerstimmen kosten. Also auch ihn die Kanzlerschaft. Wer stellt unser aller Wohl vor sein Wohl? Ein wirklich guter Anführer!
Pride & Joy 03.01.2017
4. Lobbying
"Gas-Gerd" ist und war peinlich. Noch peinlicher ist es aber, wenn eine SPD sich dieses Mannes bedienen muss, weil ihr augenscheinlich die Ideen ausgehen und sie seinen "Beistand" so dringend benötigt. Mir wäre eine solche Sache zu heiß, denn Schröder vertritt ja u.a. die Interessen eines russischen Staatskonzerns. Es geht in diesem Fall um ein ganzes Geflecht von Beziehungen, in dem sich niemand mehr so richtig auszukennen vermag. Daher sollte sich eine SPD davon eher klar distanzieren. Da sie dies, seit vielen Jahren, nicht tut, kann man auch daran erkennen, dass sie sich auch von anderen Parteigenossen nicht, oder nicht ausreichend distanzierte und darauf schließen, wie hoch die Moral innerhalb der Strukturen zu sein scheint. Dass ein Schröder gerne zur Verfügung steht, versteht sich von selbst. https://lobbypedia.de/wiki/Gerhard_Schröder
hman2 03.01.2017
5. Im lebenslangen Dienst für Deutschland?
" im lebenslangen Dienst für die Bundesrepublik Deutschland." Gerhard Schröder hat auch ein Büro in Moskau. Für seinen (arbeits-)lebenslangen Dienst im Dienste Putins...
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