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Ausgabe 19/2017

Familienstreit bei Germania "Mein Vater würde sich im Grabe umdrehen"

Bei der Fluggesellschaft Germania tobt ein bizarrer Streit: Der Sohn des Gründers wehrt sich gegen seine Entmachtung. Sein Gegner ist ausgerechnet ein Vertrauter der Mutter, der nach dem Tod des Firmengründers aufstieg.

Germania-Airbus
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Germania umweht seit ihrer Gründung die Aura des Geheimnisvollen: Kritische Betriebsräte, die gern Interna ausplaudern, gibt es in dem Unternehmen nicht, indiskrete Führungskräfte schon gar nicht. Auch Firmenchef und Hauptgesellschafter Karsten Balke äußert sich nur selten in der Öffentlichkeit. Seit ihrer Gründung vor rund 30 Jahren bleibt die drittgrößte deutsche Linienfluglinie Außenstehenden damit quasi verschlossen.

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Heft 19/2017
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Und das will etwas heißen: Immerhin betreibt Germania bald 29 Jets zu Mittelmeerzielen, aber auch zu Exoten-Destinationen wie Erbil im Irak oder ins finnische 6300-Einwohner-Kaff Kittilä. Zudem besorgt die Fluglinie für Airbus den Werkverkehr und hat bei dem Hersteller Jets im Wert von rund 2,5 Milliarden Euro bestellt.

Die Verschwiegenheit hat offenbar einen Grund, so richtig gut läuft es nicht im Unternehmen. Das Eigenkapital ist negativ, allein in den vergangenen vier Jahren häufte die Gesellschaft mit 900 Beschäftigten bei einem Jahresumsatz von zuletzt 425 Millionen Euro Verluste von knapp 45 Millionen Euro an. Das geht aus Pflichtmitteilungen im "Bundesanzeiger" hervor.

Neuerdings gibt es allerdings Möglichkeiten, weitaus delikatere Informationen über die eigentümergeführte Firma zu erhalten: öffentliche Gerichtsverhandlungen und Urteile - die ungeahnte Einblicke in das Innenleben von Germania erlauben. Und in den Familienzwist.

Ende März wurde Erik Bischoff, Sohn des Firmengründers und letzter verbliebener Familiengesellschafter, im Rollstuhl in den Saal 419 des Landgerichts Cottbus geschoben. Der 50-Jährige ist der einzige männliche Nachkomme des 2005 verstorbenen Patriarchen Hinrich Bischoff. Er kämpft seit Jahren vor verschiedenen Gerichten um seine Position in der Germania-Gruppe und mögliche Abfindungszahlungen.

Der Junior hatte in seiner Jugend einen schweren Unfall und leidet seit Jahrzehnten an der Nervenkrankheit Multiple Sklerose. Er muss ein Stützmieder tragen und ist permanent auf Hilfe angewiesen. Das hindert ihn allerdings nicht daran, sich seit Jahren mit Germania-Chef Balke anzulegen. Er hält den Juristen für ungeeignet, das Unternehmen zu führen, und verfolgt ihn mit Gegenanträgen, Auskunftsbegehren und Klagen. "Mein Vater würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, was in der Firma passiert", rechtfertigt er seinen Aktionismus.

Weil Mehrheitseigner Balke sich das nicht bieten lassen wollte, versucht er wiederum seit Jahren, dem Gründersohn dessen zuletzt von 20 auf 8 Prozent geschrumpfte Gesellschaftsanteile endgültig zu entziehen. Zuletzt erlebte er allerdings einen Rückschlag.

Vor gut einem Jahr entschied das Landgericht Berlin, dass Bischoff junior zu Unrecht aus dem Unternehmen gedrängt werden sollte und seine Position zurückbekommen müsse. Germania-Chef Balke hat Berufung eingelegt. Wann abschließend entschieden wird, steht nach Aussagen einer Gerichtssprecherin noch nicht fest.

Auch in Cottbus, wo es um Eriks Beteiligung an einer Germania-Schwestergesellschaft ging, die den Flottenpark hält, trennten sich die Streithähne ohne Ergebnis. Beide Seiten können bis Ende des Monats weitere Schriftsätze einreichen; am 27. Juni will das Gericht ein Urteil fällen.

Das aber könnte auch dieses Mal zugunsten von Erik Bischoff ausfallen. Denn Details, die bei dieser und früheren Verhandlungen durchsickerten, legen den Verdacht nahe, dass beim Übergang der Macht und der Firmenanteile auf Balke als einstigen Anwalt der Mutter womöglich nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein könnte.

Auslöser für den Aufstieg des engen Vertrauten von Ingrid Bischoff war der überraschende Tod des knorrigen Firmengründers im November 2005. Auf dem Sterbebett eröffnete er der Familie, dass es neben den beiden Kindern Erik und Heike noch zwei uneheliche Töchter gebe: Malina und Sophie. Alle vier sowie die Ehefrau wurden mit Anteilen an der Fluglinie und ihrer Leasing-Schwesterfirma bedacht. Die Töchter verkauften ihre Beteiligungen allerdings recht bald an die Mutter und Erik, beide hielten fortan zusammen die Mehrheit.

Bischoff junior erhob zwar aufgrund seiner Erkrankung nie den Anspruch, die Firma selbst zu führen. Mitreden wollte er allerdings schon - um das Erbe des Vaters zu schützen, wie er sagt. Seine Mutter verließ sich dagegen schon früh auf ihren Haus-und-Hof-Anwalt Balke.

Der Jurist hat unter anderem in Berlin und Bilbao studiert, sich auf Handels- und Gesellschaftsrecht spezialisiert und Mutter Bischoff erfolgreich bei einem Immobiliendeal auf Mallorca unterstützt. In ihren Augen qualifizierte ihn das offenbar für Höheres: Bereits 2012 rückte Balke zum Generalbevollmächtigten auf, obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum operative Erfahrungen in der Luftfahrt besaß.

Firmenchef Balke: Abenteuer in Afrika
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Firmenchef Balke: Abenteuer in Afrika

Zwei Jahre später wurde er dann auch offiziell Germania-Chef - und das, obwohl er für die bislang größte Pleite der Firma mitverantwortlich ist: den gescheiterten Versuch, in Westafrika Fuß zu fassen und sogar Inlandsverbindungen anzubieten. Der Betrieb wurde nach gut zwei Jahren wieder eingestellt, das Abenteuer kostete die Firma über 30 Millionen Euro.

Kurz darauf wurden Flugzeugersatzteile und ein Hotel verkauft. Außerdem fanden mehrere Kapitalerhöhungen statt. Erik und seine Mutter nahmen daran bald nicht mehr teil. Sie hatten sich wegen der Afrika-Pleite zerstritten und haben inzwischen keinen Kontakt mehr.

Stattdessen stieg Balke, unterstützt von der Mutter, über seine Beteiligungsgesellschaft GBG ein; angeblich mit Millionen, die ihm die Schwesterfirma der Germania in Form von Darlehen zur Verfügung stellte. Er selbst bestreitet das, sagt aber nicht, woher er die Mittel hatte. Sie sei mit gut 70 Jahren nun mal schon etwas älter, rechtfertigte Eriks Mutter damals ihre Zurückhaltung. Außerdem sei die Firma bei Balke doch in guten Händen.

Das sieht sie noch heute so. Sie sei überzeugt, versichert sie auf Anfrage, dass die Fluglinie "ohne den Einsatz von Herrn Balke die gravierenden Veränderungen in der Luftfahrt nicht überlebt hätte".

Bischoff junior ist da anderer Meinung. Er wirft sich selbst vor, Balkes Aufstieg zu lange toleriert zu haben - aus Loyalität seiner Mutter gegenüber.

Die reichte ihrem Günstling bald auch ihre verbliebenen Anteile weiter, sodass Balke nach dem versuchten Einzug von Eriks Beteiligung im September 2015 zum Quasialleinherrscher aufstieg. Das nötige Geld für sein Beteiligungsvehikel GBG soll er sich erneut beim Flugzeugableger der Gruppe geliehen haben. Balke sagt, das Geld habe anderen Zwecken gedient. Welchen, verrät er nicht. Fest steht nur: Laut Jahresabschluss flossen 2015 vier Darlehen über insgesamt 43 Millionen Euro an Balkes GBG, die mit bis zu 3,5 Prozent verzinst werden und von denen zwei schon fällig wurden.

Nach der Entscheidung des Berliner Kammergerichts vom April vergangenen Jahres darf Erik inzwischen zwar wieder mit acht Prozent der Anteile rechnen. Allerdings ist das zu wenig, um maßgeblich Einfluss zu nehmen.

So bleibt ihm nur, weiter auf die Gerichte zu vertrauen und sich zu wehren. Die Energie dazu scheint er trotz seiner Einschränkungen zu haben. Zwar musste er bei der Verhandlung Ende März in Cottbus per Brustgurt im Rollstuhl gesichert werden, geistig zeigte er sich jedoch hellwach.

Als der Vorsitzende Richter gegen Ende für einen Vergleich warb und eine Summe vorschlug, platzte Bischoff der Kragen. "Viel zu wenig", empörte sich der Nachfahre des Firmengründers ungefragt.

Dabei wirkte der schwerkranke Mann fast ein bisschen beleidigt. Es gehe ihm nicht ums Geld, sondern um Gerechtigkeit.

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