AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2018

Gerry Adams über Nordirland und den Brexit "Ich bin überzeugt, dass der bewaffnete Kampf legitim war"

Gerry Adams hat vor 20 Jahren das nordirische Friedensabkommen mitverhandelt. Hier spricht er über die Frage, ob der Brexit für die Insel ein Fluch ist - oder womöglich ein Segen.

Politiker Adams: "Die britische Regierung weiß nicht, welchen Schaden sie in Irland anrichtet"
Kenneth O Halloran/ DER SPIEGEL

Politiker Adams: "Die britische Regierung weiß nicht, welchen Schaden sie in Irland anrichtet"

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Mehr als 3600 Tote, rund 50.000 Verletzte: Der Nordirlandkonflikt, beschönigend "Troubles" genannt, war einer der blutigsten Bürgerkriege in der jüngeren Geschichte Europas. Vor 20 Jahren, am 10. April 1998, wurde er mit dem Karfreitagsabkommen von Belfast offiziell beendet. Überwiegend katholische Republikaner, die eine Wiedervereinigung mit Irland anstreben, und überwiegend protestantische Unionisten, die Nordirland als legitimen Teil des britischen Königreichs betrachten, reichten sich erstmals die Hand zum Frieden. Die IRA (Irish Republican Army) - je nach Sichtweise Terrorgruppe oder Freiheitskämpfer - stimmte ihrer Entwaffnung zu. Republikaner und Unionisten bildeten eine gemeinsame Regionalregierung, die mehrfach zerbrach, zuletzt Anfang 2017. Auf beiden Seiten gibt es bis heute bewaffnete Gruppen, die den Friedensprozess torpedieren. Gerry Adams, 69, war einer der Architekten des Karfreitagsabkommens. Er war 34 Jahre lang Chef der republikanischen Partei Sinn Féin, die als politischer Arm der IRA galt. Adams sitzt für sie im Dubliner Parlament. Britische Behörden behaupten bis heute, er sei auch Kommandant der IRA gewesen. Adams bestreitet das.

SPIEGEL: Herr Adams, 20 Jahre nach dem Karfreitagsabkommen sind republikanische und unionistische Parteien tief zerstritten, die Gewalt auf den Straßen nimmt zu. Sieht so Frieden in Nordirland aus?

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Heft 15/2018
Wie die Zucker-Lobby uns belügt und verführt

Adams: Ich würde die Situation nicht überbewerten. In jeder deutschen Großstadt gibt es heutzutage vermutlich mehr Gewalt als im Norden der irischen Insel.

SPIEGEL: Paramilitärische Racheakte sind in Deutschland eher selten. In Nordirland haben sie in den letzten vier Jahren um 60 Prozent zugenommen.


Foto-Essay
Bobbie Hanvey hat den Nordirland-Konflikt 35 Jahre lang als Pressefotograf beobachtet. Für den SPIEGEL hat er seine historischen Aufnahmen kommentiert.

Adams: Das sind Überbleibsel der Vergangenheit. Bei den Tätern handelt es sich um Leute, die auf eigene Faust handeln. Sie sind nicht wirklich schlagkräftig, und sie haben keine Unterstützung in der Bevölkerung. Die IRA war dagegen sehr populär und in der Lage, Krieg gegen die britischen Besatzer zu führen. Das ist glücklicherweise vorbei. Die IRA ist verschwunden.

SPIEGEL: Im aktuellen Konflikt mischt eine Gruppe mit, die sich "Neue IRA" nennt. Wer ist das?

Adams: Es ist nicht meine Aufgabe, irgendeine dieser Gruppen zu erklären. Ich denke, bei den meisten handelt es sich um Kriminelle ohne jede politische Unterstützung. Es gibt jetzt einen demokratischen, populären, friedvollen Weg, ein vereinigtes Irland zu erreichen.

SPIEGEL: Offensichtlich gibt es aber immer noch genug Waffen im Norden. Und jetzt kommt der Brexit. Wird er den Friedensprozess torpedieren?

Adams: Die britische Regierung hat mit dem Referendum, ob bewusst oder nicht, vollständig ignoriert, welchen Schaden es in Irland anrichten wird. Die Menschen im Norden der Insel haben gegen den Brexit gestimmt. Wenn sich die englischen Konservativen durchsetzen, wird es eine harte Grenze zwischen dem Norden und dem Süden der Insel geben - das wäre ein Desaster.

SPIEGEL: Und würde die Gewalt zurückbringen?

Adams: Das klingt so, als wäre der Norden ein brodelnder Vulkan. Nein. Die große Mehrheit der Bevölkerung weiß den Friedensprozess zu schätzen. Er ist nicht in Gefahr. Um wirtschaftliche Härten durch den Brexit zu minimieren, müssen wir für den Norden allerdings einen Sonderstatus verhandeln. Er muss in der Europäischen Union bleiben.

SPIEGEL: Das würde die nordirischen Unionisten auf die Palme bringen, von denen Theresa Mays Minderheitsregierung in London abhängig ist. Umgekehrt ist eine harte Grenze zwischen Nord und Süd für jeden Republikaner unzumutbar. Eine Zwickmühle.

Adams: Wichtiger als der Konflikt zwischen Unionisten und Republikanern ist die Tatsache, dass jeder wirtschaftliche Einbruch auf der Insel die einfachen Leute auf beiden Seiten treffen würde. Theresa May wird davon sicher nichts merken.

SPIEGEL: Viele Nordiren glauben, dass schon das kleinste Zollhäuschen an der Grenze attackiert werden würde. Um es zu schützen, kämen Polizisten und damit weitere Ziele. Es drohte ein Teufelskreis.

Adams: Natürlich wäre das eine Provokation. Und natürlich gibt es immer Gefahren. Aber als jemand, der 30 Jahre Kampf überlebt hat, kann ich Ihnen versichern: Die Vergangenheit kehrt nicht zurück. Es ist aus, vorbei.

SPIEGEL: Sie waren 17, als Sie sich in den Kampf stürzten. Warum?

Adams: Ich stamme aus einem sehr armen Arbeiterviertel in Belfast. Wir hatten nur ein Klo im Hinterhof, kein heißes Wasser, und so ging es allen Leuten in unserer Gegend. Ich ging auf die Schule in West-Belfast. 1964 wurde in der gesamten Region gewählt. Einmal, auf dem Weg zur Schule, sah ich, wie die Polizei ein Wahlbüro der republikanischen Partei Sinn Féin stürmte. Sinn Féin war von der Wahl ausgeschlossen, ihre Zeitungen und Symbole waren verboten. Aus Neugier habe ich mir ein Exemplar des Gesetzestextes besorgt, mit dem sich die britische Regierung Sonderrechte auf unserer Insel verschafft hatte. Es war für mich die Erklärung, warum Leute wie wir in bitterer Armut leben müssen. Ich bin danach Sinn-Féin-Mitglied geworden. Das war mein Weg, für die republikanische Sache aktiv zu werden.

SPIEGEL: Sie haben auch auf der Straße gekämpft. Haben Sie je auf Menschen geschossen?

Adams: Nein.

SPIEGEL: Ist Gewalt ein legitimes Mittel, seine Ziele zu erreichen?

Adams: Unter bestimmten Umständen, ja. Damals wurden den Menschen im Norden grundlegende Rechte versagt. Wer sie einforderte, wurde von den englischen Besatzern attackiert. Die schlimmste Fehlentscheidung der Regierung in London war, dass sie das Schicksal der Region in die Hände von Generälen legte. Das hat zur Militarisierung der gesamten Situation geführt. Soldaten sind nicht dafür da zu befrieden, sondern zu unterwerfen.

Anti-Brexit-Protest in Belfast: "Eine harte Grenze wäre ein Desaster"
Charles McQuillan/ Getty Images

Anti-Brexit-Protest in Belfast: "Eine harte Grenze wäre ein Desaster"

SPIEGEL: Die IRA hat auch nicht gerade deeskaliert.

Adams: Die Menschen, die ich kenne, sind nicht in den Krieg gegangen. Der Krieg kam zu ihnen. Eines Morgens bin ich aufgewacht, und plötzlich waren die Schule, der Bolzplatz, das Sozialzentrum von der britischen Armee besetzt. Sie haben dich gestoppt, gegen die Wand gepresst, eingesperrt, sie haben Frauen belästigt, sie haben gemacht, was sie wollten.

SPIEGEL: Sie haben die IRA-Gewalt vielfach als "legitimen Widerstand" verteidigt. Wie passt das mit Ihrem katholischen Glauben zusammen?

Adams: Ich bin nach wie vor überzeugt davon, dass der bewaffnete Kampf in diesem Fall legitim war. Ob man ihn selbst führen will, ist eine Frage, die jeder für sich beantworten musste. Und natürlich hat die IRA vieles gemacht, was sie nicht hätte tun sollen. Ich habe das damals verurteilt und bedauere es bis heute.

SPIEGEL: Wann haben Sie erkannt, dass eine friedvolle Lösung die klügere ist?

Adams: Ich würde sagen, dass ich von Anfang an Frieden wollte. Bedenken Sie bitte, dass ich schon politisch aktiv war, bevor der Konflikt eskalierte.

SPIEGEL: Für Republikaner galt jedes Zugeständnis lange als Verrat. Was hat Sie so sicher gemacht, dass Sie nicht mit einer Kugel im Kopf enden, als Sie sich für Frieden mit dem Erzfeind starkmachten?

Adams: Ich war nicht sicher. Aber ich war ja nicht allein. Wir hatten innerhalb Sinn Féins als Gruppe entschieden, dass wir unseren unionistischen Nachbarn die Hand reichen wollen. Uns war klar, dass wir niemals die Art Republik bekommen würden, die wir haben wollen, wenn Sinn Féin als politische Kraft nicht vorangehen würde. Natürlich war das riskant. Aber wissen Sie, und das soll nicht überheblich klingen, es gab vorher schon viele Leute, die es auf Menschen wie mich abgesehen hatten.

SPIEGEL: War es schwieriger, mit der eigenen oder mit der gegnerischen Seite zu verhandeln?

Adams: Die kniffligsten Verhandlungen finden immer mit den eigenen Leuten statt.

SPIEGEL: Als das Karfreitagsabkommen 1998 endlich fertig war, waren mehr als 3600 Menschen tot. War es das wert?

Adams: Man kann das nicht aufrechnen. Natürlich wäre es besser, wenn kein einziger Mensch getötet oder verletzt worden wäre. Aber ohne Kampf kommt man nicht voran. Und das sage ich als jemand, der viele Familienmitglieder und Freunde verloren hat und der selbst gefoltert und angeschossen wurde. Ich war auf vielen, vielen Beerdigungen. Ob es für irgendetwas gut war, wird man erst am Ende sehen. Und ich glaube daran, dass am Ende ein vereinigtes Irland stehen wird.

SPIEGEL: Für dieses Ziel mussten auch Hunderte unschuldige Menschen sterben.

Adams: An diesem Konflikt waren viele bewaffnete Gruppen beteiligt. Und egal, wer dafür verantwortlich ist, mir tut es um jeden einzelnen Toten leid. Wir haben die Verantwortung sicherzustellen, dass so etwas nie wieder passiert.

SPIEGEL: Haben Sie Ihren Feinden je verziehen?

Adams: Ja. Ich habe vor sehr langer Zeit gelernt, dass Hass vor allem mir selbst schadet. Ich habe mich in den Friedensverhandlungen sogar dafür eingesetzt, dass die Jungs, die auf mich geschossen haben, aus dem Knast kommen. Man muss ihnen zugestehen, dass auch sie dachten, für die richtige Sache zu kämpfen.

SPIEGEL: Konnten Ihre Feinde umgekehrt Ihnen verzeihen?

Adams beim SPIEGEL-Gespräch (mit dem Redakteur Jörg Schindler im Dubliner Parlament): "Es wird ein vereinigtes Irland geben"
Kenneth O Halloran/ DER SPIEGEL

Adams beim SPIEGEL-Gespräch (mit dem Redakteur Jörg Schindler im Dubliner Parlament): "Es wird ein vereinigtes Irland geben"

Adams: Man kann das nicht pauschalisieren. Es gibt noch immer viele Leute, die die Engländer oder die Unionisten oder die IRA oder wen auch immer hassen. Das darf nur nicht zum Hindernis auf dem Weg zum Frieden werden.

SPIEGEL: Katholiken und Protestanten in Nordirland sind heute strikter voneinander getrennt als 1998. Sie schicken ihre Kinder auf unterschiedliche Schulen, beerdigen ihre Toten auf unterschiedlichen Friedhöfen.

Adams: Es ist enorm frustrierend, dass die Gesellschaft so gespalten ist. Andererseits war es am 12. Juli, als früher immer die Hölle los war, in den letzten Jahren relativ friedlich. Die Märsche des protestantischen Oranier-Ordens durch katholische Viertel sind weniger geworden.

SPIEGEL: Trotzdem bewegen sich die Nordiren auf dünnem Eis.

Adams: Sie können Geschichte nicht in ein paar Jahren vergessen machen. Im Norden der Insel ging es stets um Menschen, die für ihr Recht gekämpft haben, und um andere, die dieses Recht verwehrt haben. Es mag im Jahr 2018 etwas seltsam klingen, aber das ist bis heute Teil der Realität.

SPIEGEL: War es ein Fehler, dass es nie eine Wahrheitskommission nach südafrikanischem Vorbild gab?

Adams: Sinn Féin will noch immer eine internationale, unabhängige Wahrheitskommission. Es ist die britische Regierung, die das verhindert.

SPIEGEL: In einem vereinigten Irland wären künftig Unionisten in der Minderheit. Glauben Sie wirklich, der Konflikt wäre damit ein für alle Mal gelöst?

Adams: Es kommt darauf an, welche Art vereinigtes Irland wir haben werden. Wir brauchen eines, über das alle abgestimmt haben und das die Rechte jedes Einzelnen garantiert. Die unionistischen Parteien weigern sich bislang zu akzeptieren, dass die Menschen das demokratische Recht bekommen, über eine Vereinigung abzustimmen. Da liegt noch viel Arbeit vor uns. Aber sind wir dazu in der Lage, ein egalitäres Irland zu schaffen? Ja, das sind wir.

SPIEGEL: Nehmen wir an, es gäbe ein knappes 52:48-Votum für die Vereinigung. Und dann?

Adams: Funktioniert so nicht Demokratie? Wer die meisten Stimmen bekommt, gewinnt, oder? Und im Karfreitagsabkommen wurde die Möglichkeit einer Abstimmung explizit festgeschrieben. Um zu einem stabilen neuen Irland zu kommen, sind wir bereit, den Übergang in mehreren Schritten zu gestalten. In gewisser Weise werden wir uns wohl am Tempo des Langsamsten in der Gruppe orientieren müssen.

SPIEGEL: Kann der Brexit womöglich die Tür zu einem vereinigten Irland öffnen?

Adams: Der Brexit ist ein solches Debakel, dass ich mich nicht dem Vorwurf aussetzen will, ihn auszunutzen. Aber klar ist, dass die schrecklichen Konsequenzen, die eine harte Grenze zwischen Nord und Süd mit sich bringen würde, selbst Menschen alarmiert hat, die nicht gerade Freunde einer Vereinigung sind. Schauen Sie sich die heutige Situation an: Es gibt eine enge Zusammenarbeit im Gesundheitswesen, im Energiesektor, in der Landwirtschaft, von kleinen Unternehmen und bei der Wasserversorgung. Es passiert so viel auf dieser Insel, und beide Seiten profitieren davon. Deswegen halten gerade alle die Luft an, weil keiner weiß, was der Brexit bringen wird.

SPIEGEL: Sinn Féin hat in Nordirland sieben gewählte Abgeordnete, die ins Londoner Parlament einziehen könnten, sich aber traditionell weigern. Wieso gibt die Partei diese Haltung nicht auf, um die britische Politik zu ändern?

Adams: Zum einen würden die sieben dafür rechnerisch noch nicht reichen. Aber der Hauptgrund ist, dass wir von den Wählern dafür kein Mandat bekommen haben.

SPIEGEL: Ist der Grund nicht vielmehr, dass Sinn-Féin-Leute niemals einen Eid auf die Queen schwören würden?

Adams: Das ist auch ein fundamentales Hindernis. Aber wir würden auch nicht in den Bundestag gehen. Und wissen Sie, warum? Weil es nicht unser Parlament ist. Wir müssen die Dinge in Irland regeln.

SPIEGEL: Sie sind kürzlich als Sinn-Féin-Chef zurückgetreten. Mission erfüllt?

Adams: In diesem Job, ja. Und es ist eine ziemliche Erleichterung. Aber ich werde weder die Partei verlassen noch aufhören, mich für ihre Ziele einzusetzen.

SPIEGEL: Herr Adams, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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