AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2014

SPIEGEL-Gespräch mit Klaus Harpprecht "Ich war ein Brandt-Mann"

Der Journalist und Politikchronist Klaus Harpprecht über die Machtkämpfe der Bonner Republik, seine Abneigung gegenüber Helmut Schmidt und warum er sich am freisten in den USA gefühlt hat.

Willy Brandt und Klaus Harpprecht (1972)
Thomas Höpker / Agentur Focus

Willy Brandt und Klaus Harpprecht (1972)

Von und


Ein regnerischer Tag im November 2014, eine kleine Villa am Hang hoch über dem Mittelmeer bei Saint-Tropez: Die Gastgeber, Klaus und Renate Harpprecht, freuen sich über den Besuch aus Deutschland. Kaffee und Kuchen kommen auf den Tisch, man ist schnell im Gespräch, über den feuchten Sommer an der Côte d'Azur, über die Freunde, die zurück in die Heimat gezogen sind - und natürlich auch über den ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt, Harpprechts Freund, der ein halbes Jahr vor seinem Rücktritt ganz in der Nähe ein Ferienhaus gemietet hatte.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 49/2014
Energiewende: Wie Mieter und Hausbesitzer um Milliarden betrogen werden

Das Paar steht für deutsche Geschichte wie kaum ein anderes: Er, 87, hat seit den Fünfzigerjahren als Journalist für Fernsehen, Hörfunk und diverse Zeitungen gearbeitet, war Chef des S. Fischer Verlags und ist bis heute Autor der Zeit. Zwei Jahre lang, von 1972 bis 1974, hat er für Willy Brandt Reden geschrieben, wichtige Reden; auch danach war er über viele Jahre Brandts Berater.

Klaus Harpprecht am 06.09.2011 bei der Verleihung des Theodor-Wolff-Preises
DPA

Klaus Harpprecht am 06.09.2011 bei der Verleihung des Theodor-Wolff-Preises

Sie, 90, arbeitete nach dem Krieg als Journalistin für die BBC, später für den WDR und das ZDF, und noch heute legt sie öffentlich Zeugnis ab über ihre Leidenszeit in den Konzentrationslagern Auschwitz und Bergen-Belsen. Renate Lasker, die in Breslau geborene Jüdin, hat den Holocaust mit ihrer Schwester Anita überlebt, die Eltern der beiden wurden umgebracht.

Der Anlass des Besuchs: Klaus Harpprecht hat seine Memoiren geschrieben, "Schräges Licht. Erinnerungen ans Überleben und Leben" heißt das mehr als 500 Seiten starke und natürlich bei S. Fischer erschienene Buch, der Lebensbericht eines viel gereisten Journalisten, aber auch eine Liebeserklärung an seine Frau. Mit dem "Überleben" im Titel der Memoiren ist ihr Überleben gemeint, nicht seins.

Nach dem Kaffee zieht sie sich zurück, ihr Mann will jetzt über das Buch sprechen, sie selbst, so sagt sie freundlich, kenne das ja alles schon.

SPIEGEL: Herr Harpprecht, Ihr Lebensbericht dreht sich immer wieder um die Antipoden Willy Brandt und Helmut Schmidt. Von Schmidt heißt es an einer Stelle etwas überraschend, er habe jahrelang eine Geliebte in Hamburg gehabt. Ist das verbürgt?

Harpprecht: Ich habe das erwähnt, weil sich der Esel gegenüber Brandt immer schrecklich moralisierend aufgeführt hat. Er hat die Freundin dann abgelegt, als er Kanzler wurde, weil er meinte, er könne sich das Verhältnis nicht mehr leisten. Diese Frau ist daran fast zerbrochen. Sie hat einen völligen Zusammenbruch erlebt.

SPIEGEL: An anderer Stelle sagen Sie, Schmidt sei der Kanzler mit den schlechtesten Manieren gewesen. Worauf gründet dieses Urteil?

Harpprecht: Das bezieht sich auf den täglichen Umgang, den man bei ihm beobachten konnte. Ich erinnere mich an den Besuch von Ruth Carter, einer Schwester des damaligen amerikanischen Präsidenten. Brandt hätte selbstverständlich unten gestanden am Eingang, Schmidt hat sie von einem Referenten abholen und in seinem Arbeitszimmer in einer Sitzecke platzieren lassen. Er selbst saß am Schreibtisch und hat erst einmal in aller Seelenruhe seine Unterschriftenmappen bearbeitet, während sie wartete. So etwas kann man machen, wenn man einen Ministerialrat empfängt oder irgendeinen Bundestagsabgeordneten, aber doch nicht bei einer Dame.

SPIEGEL: Sie mochten Schmidt nicht besonders?

Harpprecht: Das stimmt.

SPIEGEL: Er Sie aber auch nicht.

Harpprecht: Er mich auch nicht. Ich war ein Brandt-Mann, das reichte, um mich abzulehnen.

SPIEGEL: Schmidt hat Sie in einem seiner Bücher als "Höfling" bezeichnet.

Harpprecht: Zusammen mit Günter Grass und Günter Gaus, den Brandt mit dem Titel eines Staatssekretärs vom Chefredakteursposten des SPIEGEL weggelockt hatte. Grass war allerdings sehr selten im Kanzleramt, zu seinem großen Bedauern.

SPIEGEL: Sie dienten Willy Brandt zwei Jahre lang als Redenschreiber. Sie schreiben über die Zeit im Kanzleramt, Sie hätten nie wieder in Ihrem Leben so hart gearbeitet. War es auch die schönste Zeit Ihres Lebens?

Harpprecht: Es war sicherlich die erfüllteste Zeit. Die schönste Zeit waren für mich die ersten Jahre in Amerika als ZDF-Korrespondent, so frei habe ich mich nie wieder gefühlt.

SPIEGEL: Sie hatten zuvor den S. Fischer Verlag geleitet und die Kulturzeitschrift Der Monat herausgegeben. Was hat Sie daran gereizt, die Seiten zu wechseln?

Harpprecht: Man spürte wahrscheinlich eine gesellschaftliche Mitverantwortung. Ich war ja nicht der einzige Journalist, den es in die Politik zog. SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein saß für die FDP im Bundestag, der Zeit-Gründer Gerd Bucerius engagierte sich schon früh bei der CDU.

SPIEGEL: Sie hatten als Intellektueller noch nicht den Eindruck, dass Sie sich irgendwie schmutzig machen würden?

Harpprecht: Das hatten wir hinter uns, Politik als schmutziges Geschäft zu sehen. So zu denken war deutschnational, das war Nazi-Mitläufertum, der größte Dreck. Was das angeht, erleben wir wieder einen gewissen Rückfall.

SPIEGEL: Sie haben Brandt in Ihrer Zeit im Kanzleramt oft mehrmals täglich gesehen. Wie nah konnte man ihm kommen?

Harpprecht: Wenn man es ihm überließ, gab es Augenblicke großer Nähe. Er schickte Menschen lieber auf Distanz, aber er konnte das auch überwinden. Das musste von ihm ausgehen.

SPIEGEL: Der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann hat mal gesagt, wie viele große Männer habe man Brandt besser aus der Ferne bewundert. Aus der Nähe sei der Eindruck eher enttäuschend gewesen: zu viel Alkohol, zu viele schlechte Witze.

Harpprecht: Also gelegentlich schlechte Witze, über die dann die Korona lachte. Dieses Lachen ist mir sehr auf den Wecker gegangen, die Tonalität der Horde. Aber das waren bei Brandt Auswege, wenn er die Unterhaltung ablenken wollte. Ich habe nie einen obszönen Witz von ihm gehört.

SPIEGEL: Wurde viel getrunken?

Harpprecht: Es war zweifellos zu viel, aber ich habe Brandt nie besoffen gesehen. Es gab nie einen Auftritt, für den man sich genieren musste. Es wurde insgesamt tüchtig gebechert. Ich erinnere mich noch an Kollegen beim ZDF, die morgens mit halb Kaffee, halb Cognac in den Tag gegangen sind. Erst Ende der Siebzigerjahre nahm das langsam ab, das war der amerikanische Einfluss. Alkohol im Dienst ist in den USA absolut tabu, da waren die sehr strikt.

SPIEGEL: Man kennt Brandt als einen eher in sich gekehrten Menschen. Konnte er auch laut werden?

Harpprecht: Er war ein kontrollierter Mann, was nicht bedeutete, dass er nicht auch mal jemanden runterputzen konnte. Aber er machte es sehr, sehr selten. Wenn er wirklich mit jemandem durch war, dann schwieg er. In einer Verhandlung habe ich das mal gesehen, wo die Rede an ihm gewesen wäre und er einfach nichts sagte. Vier, fünf Minuten lang. Ich bin fast gestorben. Als die Sitzung endlich vorbei war, habe ich gefragt: "Wie kannst du bloß?" - "Wieso? Ich habe zweimal gesagt, was ich zu sagen hatte", antwortete er nur.

SPIEGEL: Wie genau waren Sie über die depressiven Verschattungen im Bilde?

Harpprecht: Es waren die Depressionen, die man bei kreativen Menschen des Öfteren erlebt. Seine Handschrift war eine richtige Künstlerhandschrift, und so reagierte auch seine Seele. Nach Zeiten großer Anspannung gab es einen Abfall ins Dunkle. Das dauerte zwei, drei Tage, da musste man ihn in Ruhe lassen. Da half es auch nichts, wenn sein Vertrauter Horst Ehmke ankam und sagte: "Willy, wir müssen regieren."

SPIEGEL: Ließen sich die Absenzen vor der Öffentlichkeit verborgen halten?

Harpprecht: Es gab eine gewisse Diskretion, auch bei der Presse, bis dann zu seinem Rücktritt die Bestie losgelassen wurde. Da brachen alle Dämme.

SPIEGEL: Sie gehörten zu den wenigen, die versucht haben, Brandt vom Rücktritt abzuhalten.

Harpprecht: Er hätte die Auseinandersetzung mit Herbert Wehner, seinem Gegenspieler in der Partei, suchen müssen. Egon Bahr war der Meinung, dass Brandt die nicht gewinnen würde und dass Wehners Anhang in der Fraktion zu stark sei. Ich war vom Gegenteil überzeugt. Ich hätte Wehner sofort rausgeschmissen.

SPIEGEL: Der damalige Fraktionschef hatte den Kanzler in Moskau im Kreis von Journalisten mit bösen Bemerkungen wie "der Herr badet gerne lau" desavouiert.

Harpprecht: Es war ein unglaublicher Vorgang. In Moskau, ausgerechnet in Moskau, der Stätte seiner tiefsten Erniedrigung, hatte Wehner sich hinreißen lassen, jede Loyalität aufzukündigen. 1940 hatte er dort im Hotel Lux gehockt, wie die anderen Kommunisten auch, und jeden Tag auf seine Verhaftung gewartet.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, dass jemand wie Brandt, der dem Nationalsozialismus die Stirn geboten hatte, dem Konflikt mit seinem Fraktionschef aus dem Weg ging?

Harpprecht: Er war in diesem Fall nicht konfliktscheu, glaube ich. Brandt hat sich wirklich von dem Argument beeindrucken lassen, dass ein offener Streit mit Wehner die SPD in eine untragbare Zerreißprobe getrieben hätte. Ich denke, es wäre anders gekommen. Wehner war auf verquere Weise populär als Redner und Zwischenrufer im Parlament, aber eine wirkliche Basis in der Bevölkerung hatte er nie und auch in der Partei nur begrenzt.

SPIEGEL: Auch Schmidt hatte seinen Anteil daran, dass Brandt hinwarf.

Harpprecht: Schmidt konnte seine Eifersucht auf Brandt nicht bezähmen und redete ihn fast triebhaft schlecht. Er sagte im Ausland und zu Hause, ob es die Leute hören wollten oder nicht, dass Brandt nicht das Geringste von Wirtschaft verstehe und keine Ahnung von Finanzen habe. Es kam das generelle Ressentiment eines Mannes zum Vorschein, der im Leben nicht ganz erreicht hatte, wovon er träumt, und der das nicht verkraften kann. Das hängt natürlich auch mit seiner Statur zusammen. Es fehlten ihm zehn Zentimeter.

SPIEGEL: Hatte Schmidt nicht begründete Zweifel an Brandts ökonomischer Weitsicht?

Harpprecht: Brandt hatte den Bundeshaushalt so gut im Kopf wie sein von der Presse so hochgeschätzter Finanzminister. Er hatte auch im Kopf, was Projekte kosten, zum Beispiel europäische Projekte, bei denen Schmidt immer aufschrie. Dann sagte Brandt: "Heute stimmt er dagegen, in einem Vierteljahr akzeptiert er sie. Dann sind sie doppelt so teuer." Auf der anderen Seite hat Schmidt ihm dann persönlich recht bewegende Briefe geschrieben.

SPIEGEL: Der Anlass für Brandts Rücktritt war vergleichsweise nichtig. Die Enthüllung, dass die DDR einen Spion in der Umgebung des Kanzlers platziert hatte, genügte eigentlich nicht als Grund.

Harpprecht: Brandt hat seinen Rücktritt mir gegenüber so begründet, er habe nicht die Kraft, seine private Welt zu verteidigen und gleichzeitig seine Pflicht als Kanzler so zu erfüllen, wie er das von sich selbst erwarte. Es hieß ja, der Kanzlerspion habe ihm auch Frauen zugeführt. Genscher, der damals als Innenminister den Verfassungsschutz und das BKA beaufsichtigte, machte in der Krise keine gute Figur. Er ließ es zu, dass den sogenannten Frauengeschichten mehr nachgeschnüffelt wurde als den Spionage-Indizien. Brandt stieß dies bitter auf.

SPIEGEL: Was war dran an den Affärengerüchten?

Harpprecht: Brandt hatte eine feste Freundin in Bonn, das lief sehr diskret. Ich habe mal zu ihm gesagt: Wenn die Geschichten, die man sich über dich erzählt, auch nur halbwegs stimmten, ginge es dir besser. Er meinte dazu nur lapidar: "Das könnte sein."

SPIEGEL: Sie kannten auch seine Frau Rut gut. Wie hat sie seine Affären ertragen?

Harpprecht: Ich habe das erst mit der Zeit begriffen, aber die Rut hatte in der Zeit auch schon eine Bindung, zu einem dänischen Journalisten. Deswegen wollte sie die Scheidung. Brandt wäre es lieber gewesen, wenn die Ehe aufrechterhalten worden wäre. So stand Brigitte Seebacher an. Er wusste, das wird auch nicht leicht.

SPIEGEL: Es heißt immer, der Journalismus sei erbarmungslos geworden. Aber wenn man Ihre Lebenserinnerungen liest, muss man zu dem Schluss kommen: Rudeljournalismus gab es schon früher.

Harpprecht: Ich weiß nicht mehr, ob es die Quick war oder eine andere Zeitung, die in der Endphase der Kanzlerschaft über meine Frau, die gerade auf Verwandtenbesuch in Israel war, schrieb, sie sei aus Deutschland geflohen. Es war unbeschreiblich, was da zusammengelogen wurde.

SPIEGEL: Ihrer Frau wurde sogar ein Verhältnis zu Brandt angedichtet.

Harpprecht: Als ich das las, habe ich zu ihm gesagt: "Wenn das stimmt, habt ihr beide guten Geschmack bewiesen." Ihm war es furchtbar unangenehm.

SPIEGEL: Wie enttäuschend war der Rücktritt für Sie persönlich?

Harpprecht: Ich war natürlich tieftraurig, das waren wir alle. Meine Sekretärin hat Rotz und Wasser geheult. Aber als beruflichen Knick habe ich das nicht empfunden. Ich wollte nach dem Ende der Legislaturperiode als Fernsehkorrespondent ohnehin wieder nach Amerika, dazu hatte ich jetzt eben früher Gelegenheit.

SPIEGEL: Neben Brandt ist Adenauer heute die überragende Figur der Nachkriegszeit.

Harpprecht: Die Bundesrepublik hat mit beiden ungeheures Glück gehabt. Der Adenauer war für die Anfänge goldrichtig, auch mit seinem Hang zum leicht Autoritären. Die Deutschen hätten zu seiner Zeit einen liberalen Regierungsstil, wie ihn Brandt pflegte, gar nicht ertragen. Die waren noch so im Obrigkeitsdenken gefangen, dass sie gerne geführt wurden.

SPIEGEL: Grass hat einmal gesagt, die Spießigkeit unter Adenauer sei noch schlimmer gewesen als unter den Nationalsozialisten.

Harpprecht: Ich weiß nicht, wovon er redet. Er vermutlich auch nicht. Grass hat sowieso die Hälfte der Fünfzigerjahre in Paris gelebt, ohne das französische Leben nur im Geringsten zur Kenntnis zu nehmen. Das ist auch eine Leistung.

SPIEGEL: Ein paar Freundschaften halten fürs Leben, ein paar Abneigungen offenbar auch.

Harpprecht: Wir standen einander mal ziemlich nahe, aber wir haben uns dann sehr entfernt. Ich musste Grass immer beschwichtigen, wenn er im Kanzleramt mit einer sehr verrückten Ideen ankam. Das war unserer Beziehung nicht förderlich.

SPIEGEL: Was für Ideen?

Harpprecht: Die Mauer durchlässiger zu machen, indem man ganz viele Sinti und Roma nach Deutschland holt, weil die wüssten, wie man Mauern überwindet. Jeder sollte eine Zigeunerfamilie im Garten haben. Solche Geschichten. Wenn ich es richtig sehe, hat er gerade die Zwangseinquartierung von Flüchtlingen angeregt, er bleibt sich also treu.

SPIEGEL: Sie zeichnen ein erstaunlich freundliches Bild der Fünfzigerjahre. Sie waren also nicht die Dunkelzeit, für die sie viele heute halten?

Harpprecht: Ich würde behaupten, wir haben Anfang der Fünfzigerjahre freier gelebt als die 68er, die nach uns kamen. Wir waren so glücklich, überlebt zu haben, dass man jeden Tag wirklich genossen hat. Unterdrückt war da keiner.

SPIEGEL: Wie verträgt sich das mit dem Anspruch der 68er, Deutschland in einer Art zweiter Staatsgründung erst wirklich demokratisiert zu haben?

Harpprecht: Ich halte das für eine grandiose Angeberei. Es tut mir leid, aber ich kann das nicht anders sagen. Dass man vorher über die Nazi-Zeit nicht geschrieben und gesprochen hätte, ist schierer Quatsch. Ich glaube, es ging darum, in Sprechchören den Widerstand zu leisten, den die Väter und Mütter nicht geleistet hatten. Es war ein Versuch, sich ein gutes Gewissen zu verschaffen. Da liegt es dann nahe, den Zeigefinger ganz weit auszustrecken.

SPIEGEL: Sie haben sich nie an Adenauers Nachsicht gegenüber den Tätern gestoßen?

Harpprecht: Nehmen Sie einen Stall wie das Auswärtige Amt. Da gab es ein paar vereinzelte Widerstandskämpfer, einige echte Altnazis und ansonsten viele hochdotierte Mitläufer, die zwölf Jahre gegen Hitler angefrühstückt hatten. Der Adenauer hat sich gesagt, ist mir doch wurscht, solange sie sich meiner Autorität fügen. Die haben ihn bewundert und ohne einen Versuch der Sabotage seine Außenpolitik umgesetzt. So hat er für eine Normalisierung gesorgt.

SPIEGEL: Ihre Frau Renate, die Sie 1956 in London bei der BBC kennenlernten, hat als Jüdin Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt. Wie hat sie das mit all den halben und ganzen Nazis ausgehalten?

Harpprecht: Da sie in Deutschland aufgewachsen war, wenn auch zum Schluss unter den schrecklichsten Umständen, konnte sie nuancieren, wer sich wie benommen hatte. Sie wusste, dass nicht alle Mörder und Totschläger waren. Bei der BBC gab es viele deutsche Mitarbeiter, Hanns

Joachim Friedrichs war einer oder Franz Wördemann, später Fernsehchef des WDR, die wurden von den deutschen Immigranten in England sehr kühl aufgenommen. Renate ist ihnen entgegengekommen und hat versucht, ihnen die Eingewöhnung ins Londoner Leben zu erleichtern.

SPIEGEL: Hat Ihre Frau nie gedacht: Ist das vielleicht auch einer, der mir in der Nazi-Zeit nach dem Leben getrachtet hat?

Harpprecht: Merkwürdigerweise konnte sie damit sehr gut umgehen. Sonst wäre es für sie auch völlig ausgeschlossen gewesen, in Deutschland zu leben. Und dann ist ihr natürlich in meinem Freundeskreis eine große Aufgeschlossenheit begegnet.

SPIEGEL: Sie schreiben, dass es manche mit dem Philosemitismus übertrieben hätten.

Harpprecht: Da gab es mitunter einen etwas pathologischen Ausschlag zur anderen Seite. Wenn wir Gäste hatten, meinten alle, sie müssten über Juden und das Judenproblem sprechen. Renate hing das irgendwann ein bisschen zum Hals heraus. Sie hat ja die ungeheure Gabe, den Leuten mit nüchterner Normalität zu begegnen.

SPIEGEL: Auch unter den Journalisten, mit denen Sie beide verkehrten, waren viele, die dem alten Regime treu gedient hatten: Werner Höfer, Henri Nannen oder Peter von Zahn, der in einer Propagandakompanie der Wehrmacht gewesen war.

Harpprecht: Das war jeder, der eingezogen wurde und weiter schrieb. Auf der anderen Seite hat jemand wie Höfer mit seinem "Frühschoppen" zur Entwicklung eines internationalen und doch freien Denkens ungeheuer viel beigetragen. Ich habe mal in Bezug auf die Zeitung Christ und Welt gesagt, dass mir die bekehrten Nazis dort lieber waren als die unbekehrten Deutschnationalen, die lange die Zeit beherrschten.

SPIEGEL: Sie schildern in Ihrem Buch die gespenstische Szene, wie Höfer immer die "Jiddische Mamme" auf den Plattenspieler legte, sobald bei privaten Zusammenkünften Juden zugegen waren.

Harpprecht: Furchtbar. Er war halt tief drinnen eine zermanschte deutsche Kleinbürgerseele. So wie jeder SS-Offizier bei Zigeunermusik weich wurde, so schmolz Höfer bei der "Jiddischen Mamme" dahin.

SPIEGEL: Die Schwester Ihrer Frau, Anita, hat dem Auschwitz-Arzt Josef Mengele im KZ auf dem Cello Schumanns "Träumerei" vorspielen müssen.

Harpprecht: Diese sentimentalen Winkel gab es in jeder Nazi-Seele. Ich fürchte, auch Heinrich Himmler hat sie gehabt.

SPIEGEL: Was ist eigentlich aus dem SSOffizier geworden, den Ihre Schwester in den letzten Kriegstagen angeschleppt hat?

Harpprecht: Den hat sie geheiratet. Meine Schwester hat ihren Antinazismus nie verborgen, aber sie hatte eine Schwäche für schnittige Kerle. Er wurde dann Notar, ein grummeliger, innerlich labiler Mann, der natürlich mit der Zeit auch seine "good looks" verloren hatte.

SPIEGEL: Das heißt, bei Familienzusammenkünften im Hause Harpprecht saß Ihre Frau in Rufweite eines ehemaligen SS-Offiziers, der jetzt ein Schwager war?

Harpprecht: Renate hatte sich wohl davon überzeugt, dass er sich nichts Unanständiges oder gar Kriminelles hatte zuschulden kommen lassen. Sie war da von einer Großzügigkeit, die manchmal an den Rand meines Begreifens ging.

SPIEGEL: Bei Ihnen kann man nachlesen, dass die SPD in den Fünfzigern verzweifelt überlegte, wie sie aus dem 30-Prozent-Turm herausfinden sollte. Heute steckt die SPD bestenfalls in einem 25-Prozent-Turm.

Harpprecht: Ich glaube nicht an eine Koalition mit der Linken, die so viele leise vorbereiten. Es gibt keine linke Mehrheit in Deutschland, gab es nie, wird es auch nie geben. Es gibt nur eine Mehrheit in der Mitte. Das war schon 1969 und 1972, als wir mit Willy Brandt antraten, meine ewige innere Wahlkampfrede.

SPIEGEL: Sie sind noch einmal bei Brandt gewesen, als Sie wussten, dass es zu Ende geht.

Harpprecht: Das war zehn oder zwölf Tage vor seinem Tod. Mit dem Takt, der ihr sonst nicht immer zu eigen war, hat uns die Seebacher sogar eine halbe Stunde allein gelassen, und wir konnten Abschied nehmen.

SPIEGEL: Wissen Sie noch, worüber Sie geredet haben?

Harpprecht: Ja, aber das bleibt privat. Worum es mir ging, war, ihm zu zeigen, wie sehr ich mich ihm verbunden fühlte. Das war mir wichtig, und vielleicht war es auch ihm nicht gleichgültig.

SPIEGEL: Herr Harpprecht, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Dieses Gespräch wurde im SPIEGEL 49/2014 zum ersten Mal veröffentlicht.



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spontanistin 21.09.2016
1. Klare Worte!
Wenn die Schere zwischen arm und reich größer wird, wird die zitierte Mitte schrumpfen. Wir haben dann die Wahl zwischen einer fragmentierten Gesellschaft (Ghettobildung) bestehend aus scharf abgegrenzten Einzelinteressen (Multikulti in Vollendung) (Kreisdiagramm mit Tortenstückenohne Verbindung untereinander) oder einer Konsensgesellschaft, die gemeinsame Grundwerte überzeugend lebt. Das wäre ein Kreisdiagramm mit großem Innenkreis und konzentrischen Kreisen, die extremer werdende Randgruppen repräsentieren. Schön wäre, wenn die "goldene Mitte" wertgeschätzt bliebe!
timtonic 21.09.2016
2. Schlechtes Interview
Ein unfassbar schlecht geführtes Interview. Da ist ein Mann, der bundesdeutsche Zeitgeschichte hautnah miterlebt und -geprägt hat, und bis auf ein paar Ausnahmen zum Schluss sind die meisten Fragen furchtbar oberflächlich. Gerade am Anfang bieten sich auf seine Antworten so viele mögliche Anknüpfungspunkte und es drängen sich die Folgefragen geradezu auf... aber die Interviewer springen einfach direkt zum nächsten Thema und weichen keinen Millimeter von ihren vorbereiteten Fragen ab. Ach so, Fleischhauer, kein Wunder.
chrimirk 21.09.2016
3. Schade, sehr schade!
Nur noch sehr wenige der großen Männer und Frauen, die Deutschland nach 1945 wieder international achtbar gemacht haben, leben noch. Irgendwie macht das traurig. Aber so das Leben.
plutinowski 21.09.2016
4. Buch lesen
Zitat von timtonicEin unfassbar schlecht geführtes Interview. Da ist ein Mann, der bundesdeutsche Zeitgeschichte hautnah miterlebt und -geprägt hat, und bis auf ein paar Ausnahmen zum Schluss sind die meisten Fragen furchtbar oberflächlich. Gerade am Anfang bieten sich auf seine Antworten so viele mögliche Anknüpfungspunkte und es drängen sich die Folgefragen geradezu auf... aber die Interviewer springen einfach direkt zum nächsten Thema und weichen keinen Millimeter von ihren vorbereiteten Fragen ab. Ach so, Fleischhauer, kein Wunder.
Das seh ich anders. Die Fragen, die (bzw. deren Antworten) Sie vermutlich gern gesehen hätten, sind komplex und lassen sich kaum in einem Interview "abfrühstücken". Man sollte Harpprechts Biografie lesen. Wenn das Interview Appetit auf das Buch gemacht hat, hat es m.E. sein Ziel erreicht. Ich habe das Buch kürzlich gelesen, es bietet viele und hoch interessante Hintergründe.
frackundfeder 21.09.2016
5. #2
Q. e. d. // Ein erster Gedanke // auf halbem Weg der Lektüre war es: Die Erzählung eines Zeitzeugen analog eines teilweise nahezu schwerelosen Seidenschals über bedeutungsschw[ang]er{st}e Jahre - von vor der Gründerzeit bis fast an die Gegenwart heranreichend, ausgebreitet, inklusive sowohl wohltuend schlicht eingewobener Webmuster im Stile seiner ihm eigenen Sprachornamentik als auch partiell sanft dahingleitender Färbungen, gleich hinterlassener Spuren der in seiner Rede eingeflochtenen Reisebegleiter zusammen auf dem Trip durch gemeinsam ausgestaltet gewesene Zeit aus seiner ihm eigenen Perspektive - begreifen zu wollen. Dennoch, oder gerade deshalb, bleibt in weiten Teilen noch viel, fast... wenn nicht überhaupt ein Zuviel an Raum für weitere Betrachtungen, der so - resp. dergestalt - spärlich, schier lückenhaft Bekleideten. // Nachträglich stellt sich mir die Frage, was dazwischen - unbedeckt oder unverhüllt - zu Tage zu treten vermögend sein sollte, wenn nicht neuerlich nacktes pures Gewese [Zeit-Fleisch-"Gewebe"], des quasi längst verrottenden [Zeit-]Körpers, welchem in pathologenetischer Erinnerung stets ein ihm angemessener Platz eingeräumt bleiben darf, welcher sich jeder, mehr oder minder taktvoll, in [nur {>bitte nicht
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 49/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.