AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2018

Zucker- und Smartphone-Stress Warum ein Berliner Start-up kollektiv fastet

Wie können wir produktiver arbeiten, fragte sich ein Berliner Start-up - und fastete im Kollektiv: Weg mit dem Handy und dem Zucker.

Matratzen-Start-up Casper: "Flugmodus während der Arbeit"
Jan Philip Welchering/ DER SPIEGEL

Matratzen-Start-up Casper: "Flugmodus während der Arbeit"

Von Silvia Dahlkamp


Das Start-up Casper verkauft Matratzen. Ausgerechnet Matratzen. Symbol für Schlaf, Entspannung, lang gestrecktes Nichtstun. Doch das Berliner Team, das europaweit ein Schaumstoff-Latex-Modell hypt, war alles andere als entspannt.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 9/2018
Macht, Gewalt und Rache in der Filmindustrie

Constantin Eis, der Global Managing Director, sitzt in seinem Büro in einem Hinterhof in der Nähe der Hackeschen Höfe und erzählt genervt von Meetings, die ewig dauerten, weil Mitarbeiter bei Vorträgen einfach nicht zuhörten.

Neulich erst präsentierte ein Referent ein neues Tool. Schon nach wenigen Minuten hatten sich die ersten Zuhörer via Smartphone in die virtuelle Welt abgesetzt.

Da ist der Plan vom Fastenmonat entstanden.

Im Januar sind sie gestartet. Ein Experiment, abgeguckt bei den Großen im Silicon Valley. Vier Wochen lang hat das Team zumindest stundenweise verzichtet - auf die ständige digitale Dröhnung, die hier der Normalzustand ist.

Aber auch auf Kalorienbomben - Süßigkeiten kiloweise -, mit denen sich das Team sonst leistungsfähig hält. "Wir hoffen", sagt Eis, "dass wir durch Detox, Entgiftung, eine bessere Meetingkultur bekommen."

Die Gummibärchen hat der Putzdienst entsorgt. Die Köpfe sollte Nachhaltigkeitsmanagerin Ulrike Stöckle freiräumen. Sie war früher selbst ein News-Junkie, heute gibt sie Digital-Detox-Seminare.

Frage in die Runde: Habt ihr schon mal euer Smartphone ausgeschaltet? Seltsame Frage. Noch nie. Laut einer Studie der Universität Bonn von 2015 ist das ein Problem fürs Gehirn.

Jan Philip Welchering/ DER SPIEGEL

Fast 100-mal am Tag nehmen die Deutschen ihr Handy in die Hand. Doch weil der Denkapparat anschließend Minuten braucht, um wieder konzentriert zu arbeiten, bleiben nach Berechnungen von Studienleiter Alexander Markowetz zweieinhalb Stunden eines Arbeitstags für wirklich produktive Arbeit.

Stöckle redete noch, da wischte schon die erste Teilnehmerin wieder über ihren Touchscreen. Die Referentin fragte: "Das ist nicht Ihr Ernst?" Es war ein Reflex.

Im Küchenloft forderten bunte Post-its zum analogen Leben auf:

"Ohne Smartphone aufwachen."

"Kein Laptop im Meeting."

"Flugmodus während der Arbeit."

"Miteinander sprechen."

Keine Selbstverständlichkeiten für die Digital Natives, die ein Leben ohne Handy gar nicht mehr kennen.

Constantin Eis ist mit 34 Jahren der Senior hier. "Wir müssen der Always-on-Mentalität etwas entgegensetzen", sagt er. Nebenan, im Open Space, starren Hipster auf Bildschirme. Einige hocken auf Liegestühlen, den Laptop auf dem Schoß. Geredet wird kaum. Selbst Witze werden im Chat erzählt.

Studien zeigen, dass Digitalzombies unter Dauerstress stehen, weil das Gehirn die Plings und Plongs als Angriff wahrnimmt. Hungrig saugt es alle News auf. Und ist überfordert. Deshalb braucht es viel Energie. Schokoriegel holen den Körper vermeintlich aus dem Tief. Doch weil der Blutzuckerspiegel wieder sinkt, verlangt das Gehirn schnell mehr. Ein gefährlicher Kreislauf beginnt.

"Am Ende war schon am Donnerstag die Nasch-Schublade leer", so Anne Noack, 30, die für den Nachschub verantwortlich ist. "Das ging so nicht mehr weiter."

Jan Philip Welchering/ DER SPIEGEL

Darum stand auch eine Ernährungsumstellung auf dem Fastenplan. Weg mit den Gummibären, Lakritzschnecken, Schokokeksen. Stattdessen hat das Team "healthy lunches" mit viel Vollkornprodukten gegessen. Eine Ernährungsberaterin mixte Obst- und Gemüsesmoothies. Wer in der Süßigkeitenschublade wühlte, fand Brainfood: Trockenobst, Beeren, Nüsse.

In vielen Religionen wirkt Fasten als Kitt - gemeinsamer Verzicht stärkt die Verbundenheit. Jetzt also auch am Arbeitsplatz? Geht das nicht zu weit? "Wir sind in zwei Jahren von 4 auf 50 Mitarbeiter gewachsen", sagt Eis. "Das ist unser Weg, ein Team zu werden."

Das Fazit nach vier Wochen: Es gibt nun ein Detox-Budget. Davon wird eine Nachhaltigkeitsmanagerin bezahlt, die regelmäßig Nachhilfe im Abschalten geben soll. Über Naschereien wird noch diskutiert. Zucker oder Nüsse?



SO KÖNNEN SIE SELBST ESSPAUSEN LERNEN

Das SPIEGEL-WISSEN-Coaching: Wir stellen Ihnen drei verschiedene Ess- und Fastenrhythmen vor, die sich unkompliziert im Alltag umsetzen lassen. Wählen Sie die für Sie einfachste Form.

1) FÜR VORSICHTIGE:
Essenszeiten verschieben

Es hat erstaunlich positive Auswirkungen auf den Körper, wenn man täglich eine Esspause von 12 bis 14 Stunden einhält. Das ist machbar, wenn man das Frühstück auf die Zeit zwischen 9 und 10 Uhr verschiebt und abends bis 20 Uhr mit dem Abendbrot fertig ist. Stellen Sie einen für Ihren Tagesablauf praktischen Zeitplan auf - und halten Sie ihn an mindestens fünf Tagen in der Woche ein.

Wichtig: "Esspause" heißt, tatsächlich keine Kalorien zu konsumieren; auch Snacks, Alkohol oder süße Drinks sind dann tabu. Fällt Ihnen das schwer? Dann wählen Sie die Fastenspanne lieber kürzer, sodass Sie besser durchhalten.

2) FÜR ENTSCHLOSSENE:
Frühstück streichen

Wer nicht viel frühstückt, kann versuchen, erst mittags mit dem Essen anzufangen. So kommt man recht einfach auf 16 Stunden Fastenzeit. Auch wenn diese Variante erst einmal ungesund klingt - sie fällt vielen Menschen erstaunlich leicht. Sie brauchen keine Sorge zu haben, dass Sie ohne Frühstück nicht leistungsfähig sind. Der Körper schaltet auch in diesen Phasen auf den gesunden Fastenstoffwechsel um - genug Energie ist also da. Wichtig: Wenn Sie sich für diese Form entscheiden, versuchen Sie, eine Woche lang jeden Tag so zu essen - die Regelmäßigkeit macht es leichter.

3) FÜR GEWOHNHEITSMENSCHEN:
Drei Mahlzeiten

Sie gehören zu den Leuten, die es unvorstellbar finden, Mahlzeiten auszulassen? Dann probieren Sie es mit einer noch einfacheren Form der Esspause: Wissenschaftler wissen heute, dass es bereits einen positiven Effekt hat, wenn man nur die Hauptmahlzeiten isst - und zwischendurch wirklich nichts.

Testen Sie also eine Woche lang, Frühstück, Mittagessen und Abendessen einzunehmen wie sonst, aber dazwischen eine Kalorienpause von vier bis fünf Stunden einzulegen. Selbst bei dieser Variante bekommt man ein Gefühl dafür, dass es guttut, wenn man zwischendurch mal gar nichts isst.

Dies ist die erste Übungseinheit eines achtwöchigen Coachings für Fasteninteressierte, das Andreas Michalsen, Professor für Naturheilkunde an der Berliner Charité und einer der bekanntesten Fastenforscher Deutschlands, exklusiv für SPIEGEL WISSEN entwickelt hat. Wer sich online für das Coaching anmeldet, bekommt vom 2. März an acht Wochen lang freitags eine Übungseinheit per E-Mail zugeschickt, mit der man lernen kann, im Alltag weniger und bewusster zu essen - und die Mahlzeiten dennoch zu genießen.

Hier den Newsletter zum Fasten-Coaching bestellen:



© DER SPIEGEL 9/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.