AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2018

Ghana Ein deutsches Arbeitsamt für Afrika

Um Fluchtursachen zu bekämpfen, vermittelt Deutschland Jobs in Ghana. Nehmen die Afrikaner das Angebot an?

Koordinator Tette: "Every German who leaves School, goes to the Arbeitsamt"
Ruth McDowall / DER SPIEGEL

Koordinator Tette: "Every German who leaves School, goes to the Arbeitsamt"

Von und (Mitarbeit)


Wenn der Wind in diesen Tagen den Staub aus der Sahara Richtung Süden wirbelt, schimmert die Sonne auf der Glasfassade in mattem Glanz. Im Erdgeschoss des siebenstöckigen Geschäftsgebäudes schluckt eine Klimaanlage den Lärm der Independence Avenue, über die sich der Verkehr ins Zentrum der ghanaischen Hauptstadt Accra schiebt. Die Wände sind jetzt grau gestrichen. Die neuen Büromöbel sind aus schlichtem schwarzem Holz, und im Wartebereich vor den Beratungszimmern liegen auf einem Ständer ein paar Infoblättchen, die noch nach Druckerschwärze riechen.

Vier Stühle stehen dort. Für den Anfang, glaubt Tette, müsste das genug sein.

David Tette, der aus einem armen Dorf im Osten Ghanas stammt und jetzt so etwas wie der Chef des ersten deutschen Arbeitsamtes südlich der Sahara ist, hat alles dafür getan, um seinen Landsleuten den Eindruck einer seriösen deutschen Behörde zu vermitteln. An einem Morgen im Dezember, kurz nach der Eröffnung, steht Tette in seinem fensterlosen Büro und kramt in einem Regal nach einer Packung Jacobs Krönung, von der er sich, wie er sagt, zurzeit hauptsächlich ernährt; ein kleiner, 55-jähriger Mann mit akkurat gestutztem Schnauzer, Karojackett und Bügelfaltenhose, der sich nie hätte träumen lassen, einmal im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.

Tettes Blick fällt auf ein Foto, das ihn mit stolzem Lächeln neben dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zeigt, als plötzlich einer seiner beiden Jobberater in der Tür erscheint und ihm zuruft, dass da gerade ein junger Mann war, der sich auf eine Stelle bei einer Offshore-Ölfirma in Deutschland bewerben möchte. Tette fasst sich an den Kopf. "Offshore?", ruft er. "In Deutschland?" So geht es jetzt also los.

Gestern standen 13 Mitarbeiter von der Telefonfirma aus dem dritten Stock bei ihm auf der Matte und wollten wissen, ob Tette einen Job in Deutschland für sie habe. Heute früh kam dann ein Hausmeister mit Namen Freewill, der angab, eine Stelle als "Top Manager/Operations Executive" zu suchen, nach Möglichkeit im Ausland.

Tette guckt ein bisschen ratlos.

"Vielleicht liegt es am Schild", sagt er. "Ghanaian-German Centre for Jobs, Migration and Reintegration", so steht es draußen an der Fassade, und in der Tat könnte man meinen, dass sich in diesen Räumen Wege nach Europa auftäten. Aber das ist es nicht, im Gegenteil. Was Tette anbietet, sind Ausbildungs- und Arbeitsplätze in Ghana. Es geht um die, die bleiben wollen, und um Rückkehrer aus dem Ausland.

Ein paar Tage zuvor, in seiner Eröffnungsrede, hatte Tette gesagt, es sei nicht so, dass es in Ghana keine Perspektiven gebe. Anders als in Deutschland gebe es nur niemanden, der sie den jungen Leuten zeige. "Every German who leaves school, goes to the Arbeitsamt", rief er - und der deutsche Bundespräsident nickte mit ebenso staatstragender Miene wie der ghanaische Arbeitsminister Ignatius Baffour Awuah, der kurz zuvor mit feierlicher Geste ein gelbes Band durchschnitten hatte.

Ein Arbeitsamt für Afrika also.

Es ist ein Experiment, das an einer Weggabelung entsteht, an der sich deutsche und ghanaische Interessen treffen.

Beratungszimmer im Jobcenter: Graue Wände, schwarzes Mobiliar, ein paar Infoblättchen - alles wie in Deutschland
Ruth McDowall / DER SPIEGEL

Beratungszimmer im Jobcenter: Graue Wände, schwarzes Mobiliar, ein paar Infoblättchen - alles wie in Deutschland

Es ist, aus deutscher Sicht, ein Echo auf mehrere traumatische Flüchtlingssommer, in denen das Land damit begann, langsam seine Grenzen zu verschieben. In Libyen helfen deutsche Polizisten beim Aufbau einer Küstenwache. In Niger lassen sie Zäune in den Wüstensand rammen. Im Sudan wollen sie Grenztruppen ausrüsten. Diese Maßnahmen, die den Strom der Menschen immer früher stauen sollen, werden flankiert von einer Politik, die tief im Inneren des afrikanischen Kontinents sogenannte Fluchtursachen bekämpfen soll. Zu diesem Zweck eröffnete im März das erste Migrationszentrum in Tunis, im September dann in Casablanca, auf Accra folgte im Januar Dakar; allesamt finanziert aus Bundesmitteln, organisiert von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). "Wir müssen Argumente liefern, warum es für die Menschen sinnvoller ist, einen Beitrag in ihrem Heimatland zu leisten", erklärte Steinmeier am Rande der Eröffnung.

4098 Ghanaer leben derzeit ohne Bleiberecht in Deutschland, statt auszureisen, verschwinden viele irgendwann in der Illegalität. Der Rückweg in die Heimat scheint ihnen versperrt. Auf gescheiterte Migranten, die mit leeren Händen aus Europa zurückkommen, warten in Ghana Hohn und Spott. Verstoßen von Familien, die zur Finanzierung der Flucht häufig ihr Hab und Gut aufbrachten, ziehen sie ziellos durch die Städte, frustriert, gebrandmarkt als Verlierer, nicht selten traumatisiert durch die Erlebnisse der Reise.

Für die ghanaische Regierung bedeuten diese jungen Männer ein unberechenbares Potenzial. Den Aufprall ihrer Rückkehr abzufedern ist eine Frage des inneren Friedens. Und man kann auch fragen, was es mit einer Gesellschaft macht, wenn innerhalb weniger Jahre schätzungsweise eine halbe Million Menschen ihre Heimat verlassen, weil sie dort keine Zukunft sehen.

Selbst wenn Ghana oft als Musterbeispiel einer stabilen afrikanischen Demokratie beschrieben wurde, ist das Land dem Kreislauf immer wiederkehrender Krisen nie entkommen. Infolge weltweit kollabierender Rohstoffpreise schrumpften die Exporterlöse zuletzt um mehr als 15 Prozent. Nana Akufo-Addo, ein Jurist, der seit Januar 2017 Präsident von Ghana ist, hat kürzlich in einer viel beachteten Wutrede erklärt, dass sein Land nicht länger abhängig sein dürfe von der Großzügigkeit europäischer Steuerzahler. All die Hilfen hätten nichts gebracht, sagte er, und auch künftig würden sie nichts bringen.

Was Akufo-Addo fordert, ist eine zweite Unabhängigkeit, 60 Jahre nach der ersten. Deshalb will er in Schulen und Universitäten investieren. Deshalb entstehen jetzt überall im Land Gewächshäuser, die die Agrarproduktion erhöhen sollen. Deshalb gibt es nun das Programm "One District, One Factory", dessen Ziel es ist, Rohstoffe schon in Ghana weiterzuverarbeiten.

Tausende Stellen will Akufo-Addo schaffen, aber das Problem ist, dass Job und Mensch zusammenfinden müssen.

Offiziell gibt es zwar 46 über das Land verstreute "Public Employment Centres", aber dort hängen nur ein paar leere Schwarze Bretter. Eine zentrale Datenbank für offene Stellen gibt es nicht. In diesem Punkt, so sieht es aus, könnten die Deutschen mit ihrem Arbeitsamt durchaus nützlich sein.

Das ist also die Versuchsanordnung.

Die Frage ist, was es bedeutet, wenn zwei Kulturen aufeinandertreffen. Was kommt dabei heraus, wenn deutsche Bürokratie auf ghanaische Wirklichkeit trifft? Und, wichtiger noch, nehmen die Ghanaer das Angebot der Deutschen überhaupt an?

An jenem Morgen in seinem Büro sagt Tette, dass sich für die nächsten Tage der erste richtige Klient angekündigt habe, ein junger Fußballspieler, der seit Kurzem wieder zurück in Ghana sei. Außerdem hätten die Lokalzeitungen ausführlich über Steinmeiers Besuch berichtet. Der Sturm, glaubt Tette, werde also bald losbrechen.

Helfer beim Aufbau des Arbeitsamtes: Prüfmissionen, Mapping, Schnittstellenworkshops
Ruth McDowall / DER SPIEGEL

Helfer beim Aufbau des Arbeitsamtes: Prüfmissionen, Mapping, Schnittstellenworkshops

Dabei müsste er nach dem Stress der vergangenen Wochen eigentlich mal etwas runterkommen. Da waren all die Möbellieferanten, die erst ihre Fristen dehnten und dann gegen die Türen donnerten. Und schließlich all die Träumer. Es ist nicht so, dass Tette diese Leute nicht verstehen könnte. Er hat ja selbst neun Jahre in Berlin gelebt, in einer Zeit, als er für ein Visum nicht viel mehr brauchte als einen Pass, die Zulassung von einer Uni und 3000 D-Mark. Tettes Familie konnte es sich leisten. Seine Mutter leitete ein Mädcheninternat, sein Vater führte eine Straßenbaufirma.

Tettes älteste Schwester war die Erste, die ging. Für ihr Medizinstudium in den USA hatten die Eltern noch ihr Klavier verkauft. Eine zweite Schwester studierte in Hannover. Ein Cousin ist Braumeister in Bremen. Diese Sehnsucht nach der Ferne, glaubt Tette, liege an seinem Großvater, der Deutschlehrer war und auf dessen Röhrenfernseher immer "Spiel ohne Grenzen" flimmerte. "Ältere Braunschweiger, die sich mit älteren Bielefeldern duellieren, so etwas prägt", sagt Tette.

Mit 27 fasste er den Entschluss, nach Biochemie in Kumasi noch Lebensmitteltechnologie in Berlin zu studieren. Er lernte Walzer tanzen, um bei Feiern seiner katholischen Studentengemeinde nicht am Rand zu stehen. Seine Schrittgeschwindigkeit hat sich beschleunigt, und im Restaurant entschuldigt er sich heute, wenn er seinen Fufu mit den Händen isst. Die Frage, ob er bleiben wolle, stellte sich ihm nie. Er wollte "Wissen akquirieren", sagt er, "um damit in Ghana etwas aufzubauen".

Nach Jobs bei einer Chemiefirma und einem Institut für Marktökologie kam Tette 2010 zur GIZ. Sieben Jahre half er Ghanaern dabei, nach einem Auslandsstudium in der Heimat Fuß zu fassen. Es ist kein Zufall, dass man ausgerechnet ihm das Arbeitsamt anvertraut hat. Es braucht einen Brückenbauer, der beide Welten kennt.

Tette spricht die Sprache der Entwicklungshelfer mittlerweile fließend. In seinem Büro berichtet er von einer "Prüfmission", die die Lage in Accra sondierte. Er erzählt von einem "Mapping", das er in Auftrag gab, um auszuloten, inwieweit er bei der Arbeitsplatzvermittlung auf bestehende Programme der Entwicklungshilfe zugreifen kann. Es folgten Skype-Konferenzen, Schnittstellenworkshops, Dauerkommunikation. Es ist eine sensible Angelegenheit. Damit es nicht so wirkt, als würden sie sich in die Belange eines souveränen Staats einmischen, brauchte es einen "bilateralen Partner", der das Projekt im besten Fall als das seinige betrachtet.

In mehreren Gesprächen, sagt Tette, habe er den neuen Arbeitsminister Baffour zur Einsicht "gepusht", dass es sich bei der Arbeitsvermittlung um eine Kernaufgabe seines Ministeriums handle.

Während die Tunesier in dem Projekt der Deutschen zunächst einen Winkelzug vermuteten, um islamistische Gefährder loszuwerden, fragten die Ghanaer vor allem nach der Höhe des Budgets. Außerdem fand Baffour, dass das ein schöner Anlass wäre, um die über die gesamte Stadt verteilten Abteilungen seines Ministeriums unter einem Dach zu versammeln. Tette sagt, er habe das geprüft und sich mehrere Gebäude angesehen, unter anderem eines, in dem mal die Unesco saß. Aber: alte Mauern, alles mit Asbest verseucht. Tette senkt den Daumen. "Eine Komplettsanierung ist mit unseren Buchhaltern nicht drin."

Grundstück für den Neubau: Im Takt der Deutschen
Ruth McDowall / DER SPIEGEL

Grundstück für den Neubau: Im Takt der Deutschen

Sie einigten sich schließlich auf einen Kompromiss. Weil die Zeit drängte, mietete Tette zunächst die Räume an der Independence Avenue an. Parallel planen sie auf einem Parkplatz vor Baffours Büro ein neues Haus, das sie in einem halben Jahr beziehen wollen. Damit es finanzierbar ist, schwebt Tette "eine modulartige Struktur aus recycelten Schiffscontainern" vor.

Zurzeit evaluieren sie drei Entwürfe einheimischer Architekten. Das heißt, Tette war schon Ende November fertig, aber Baffours Leute halten ihn hin. "Die bringen mich zur Weißglut", ruft er, während er zum dritten Mal an diesem Morgen die Nummer von Emma Ofori wählt, seiner Ansprechpartnerin im Arbeitsministerium.

Dass Tette längst ein Deutscher sei, glaubt Emma Ofori, erkenne man daran, dass er sich selbst viel zu sehr unter Druck setze. Ofori, eine junge Frau mit kurzen Rastalöckchen, muss es wissen. "Ich sehe ihn ja häufiger als meinen Mann", sagt sie ein paar Tage später, während sie ihren schwarzen BMW-Geländewagen fluchend durch die Rushhour von Accra steuert. Als Ministerialbeamtin gehört Ofori zu einer kleinen Oberschicht in Accra, die eine Art Jetset-Leben führt und Businessclass zu internationalen Konferenzen fliegt.

"Mein Minister", sagt sie, "wäre begeistert, wenn er das neue Haus noch während seiner Amtszeit einweihen könnte." Aber wie Tette hat auch Ofori den Eindruck, dass die Dinge dauern. Jedes Möbelstück muss Tette sich von seinen Procurement-Leuten absegnen lassen. Er hält ihr lange Vorträge über Steuergelder und Asbest, aber was sollen sie tun?

"Wir passen uns dem Takt der Deutschen an", sagt Ofori. "Wir wollen nicht zu sehr drängeln."

Im November, einen knappen Monat vor der Einweihung, sitzt sie mit Tette und dessen Vorgesetztem Alan Walsch in Baffours Büro, wo die gelb gestrichenen Wände schimmeln. Während sich Baffour tief in einem Polstersessel rekelt, hocken Walsch und Tette wie Schüler vorn auf der Stuhlkante. Sie sind froh, dass der Minister eine halbe Stunde für sie hat. Nach dem Austausch von ein paar Nettigkeiten erwähnt Tette, dass sie in der Frühe eine Konferenz mit einigen lokalen NGO hatten. Baffour richtet sich an Ofori und fragt etwas spitz: "Waren wir eingeladen?" Ofori schüttelt den Kopf. Baffour blickt zu Walsch hinüber, aber ehe der etwas sagen kann, erklärt Tette, dass sie beim nächsten Mal ganz sicher wieder dabei seien. "Warum nicht dieses Mal?", hakt der Minister nach, aber die Sache lässt sich nicht klären. Dann fallen ihm die Augen zu.

Walsch redet weiter, über die Entwürfe der Architekten. Als er ankündigt, sie zeitnah in die Zentrale nach Eschborn schicken zu wollen, meldet sich Baffour mit einem Räuspern zurück. "Selbstverständlich kriegt ihr sie vorher", beschwichtigt Tette, was Baffour mit einem zufriedenen Brummen kommentiert.

Am nächsten Morgen sitzt der Minister hinter seinem Schreibtisch und hält auf die Frage, was sein Beitrag sei zu dem Projekt, einen ausführlichen Vortrag über die neue Arbeitspolitik des Präsidenten. Baffour erwähnt kurz die Knappheit seines Budgets. Dann blickte er entschuldigend aus dem Fenster. Unten liegt der Parkplatz, den er für den Bau des neuen Amtes zur Verfügung stellt, ein Flecken rote Erde, auf dem ein paar alte Autos vor sich hinrosten. Baffour macht eine Pause.

"Mein Beitrag?", sagt er schließlich. "Well, I am the boss."

Die Deutschen sagen, der Arbeitsminister sei eigentlich niemand, der sich querstelle. Sie erkennen in ihm einen Mann, dem Umgangsformen wichtig sind, Bewusstsein für die Kolonialgeschichte, Augenhöhe. Dass er sich als Boss bezeichnet, deuten sie als positives Zeichen. Wir wollen Ownership, sagen die Deutschen, aber sie sagen es auch mit einem Schmunzeln.

Minister Baffour: "Mein Beitrag? Well, I am the Boss"
Ruth McDowall / DER SPIEGEL

Minister Baffour: "Mein Beitrag? Well, I am the Boss"

An einem Mittwochmorgen, an dem Tette noch immer Baffours Evaluierungsbericht hinterhertelefoniert, sitzt im Büro des Jobberaters Kwaku Yeboah der erste Rückkehrer. Yeboah, Anfang dreißig, trägt einen grauen Anzug. Er hat in Osnabrück studiert und später das Diasporareferat des Außenministeriums mitaufgebaut. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Fragebogen.

"Hey Jude, wie geht's?", wendet sich Yeboah an den jungen Mann, der ihm mit zitternden Händen gegenübersitzt.

"Gut. Beziehungsweise: geht so."

"Wie alt bist du?"

"27."

Yeboah mustert ihn. Am Telefon hatte ihm Jude erzählt, dass er Fußballer sei, und mit seinen fein rasierten Bartlinien, den schicken Turnschuhen und der großen Uhr sieht er tatsächlich wie einer aus.

"Wie lange warst du in Deutschland?"

"Etwa zwei Jahre."

"Wie bist du dorthin gekommen?"

Während sich Yeboah ein paar Notizen macht, erzählt Jude von einem Erstligaverein im Norden Ghanas, von Prämien, die nicht zum Leben reichten, von der Arbeit in illegalen Goldminen. Ein ghanaischer Geschäftsmann, sagt er, habe ihn dann bei einem Freizeitkick entdeckt und mit einem tschechischen Agenten in Kontakt gebracht, der ihm versprach, seinen Traum von einer Karriere in Europa wahr werden zu lassen.

"Aber der Mann war schwul, weißt du", sagt Jude.

"Schwul?", fragt Yeboah.

In ihr Kichern hinein erzählt Jude weiter, dass er nicht wisse, ob der Tscheche überhaupt ein Spieleragent war. Irgendwann habe er sich abgesetzt aus Prag und in Deutschland einen Antrag auf Asyl gestellt. Es folgten Flüchtlingsheime, Duldungen, ein Brief des Bürgermeisters der Stadt Langenfeld, der sich bei den Behörden für ihn einsetzte, auch weil er die örtliche Kreisligatruppe auf ein besseres Niveau gehoben hat.

"Warum bist du zurück?"

"Zu viel Kopfschmerzen."

"Hast du einen Platz zum Schlafen?"

"Kein Problem, kein Problem."

Yeboah lehnt sich zurück.

Hinter den heruntergelassenen Lamellen rauscht die Independence Avenue. Yeboah sagt, er kenne jemanden, der vielleicht ein Probetraining beim Spitzenklub Wa All Stars organisieren könnte. Wenn er Neuigkeiten habe, rufe er an.

Später, als Jude längst aus der Tür ist, geht Yeboah ein paar andere Optionen durch. Auf der größten Müllhalde von Accra, sagt er, habe die GIZ seit Kurzem ein Projekt, in dem sie junge Leute darin unterrichten, wie man Elektroschrott wiederverwertet. Andererseits, meint er, sei heute früh ein Chief, ein lokaler Clanchef, im Büro gewesen, der IT-Kurse anbietet. Seine Schüler schlafen in einem Heim. Warum nicht so was, wenn aus den All Stars nichts wird?

Auf rund 600 Stellen, schätzt Yeboah, könne er bislang zurückgreifen. Sie haben Agrartrainings im Angebot, wo man lernen kann, wie Reis und Zuckerrohr gepflanzt werden, und sie kooperieren mit sozialen Organisationen, die Fischfarmen betreiben, Schneidereien oder Werkstätten. Bei jenem Treffen, zu dem das Arbeitsministerium nicht eingeladen war, haben sie lokale NGOs darüber informiert, wie sie bei der GIZ Projekthilfen beantragen können. Und ihnen erklärt, dass jene Anträge mehr Aussicht auf Erfolg hätten, die nicht 90 Prozent des Budgets für Reisekosten und Gehälter vorsehen.

Die ersten dieser Anträge trudeln jetzt ein, und der Jobvermittler Yeboah, der sie durchsieht, runzelt die Stirn über surreale Summen und vage formulierte Ziele. "Es muss für Eschborn lesbar sein", hat er am Morgen dem Chief erklärt, ehe sie dessen blumig formuliertes Dokument Zeile für Zeile zusammen durchgegangen sind. Jetzt liegt es auf einem hohen Stapel vor Yeboah auf dem Schreibtisch; ganz oben liegt die Vita jenes Hausmeisters, der von einer Karriere als Topmanager träumt.

Yeboah greift den Wisch und wedelt mit ihm durch die Luft.

"Fünf Seiten bla, bla, bla!", ruft er. "Manchmal kommt es mir so vor, als produzierten wir Afrikaner nur Papier."

Deutsche und Ghanaer haben verschiedene Arten zu kommunizieren. Die Deutschen, glaubt Tette, seien direkter. Ein Mann, ein Wort, so hat er es von seinem Großvater gelernt. Die Ghanaer zögen sich zurück ins Vage, vor allem wenn sie einer Respektsperson gegenübersäßen. Wie schnell dann Missverständnisse entstehen können, begreift man, wenn man den Rest von Judes Geschichte kennt.

Fußballer Jude: Zu viel Kopfschmerzen in Deutschland
Ruth McDowall / DER SPIEGEL

Fußballer Jude: Zu viel Kopfschmerzen in Deutschland

Der Geruch von gebratenem Hühnchen sättigt die Abendluft des Vororts Teshie am Rand von Accra, als Jude erschöpft in einen Plastikstuhl vor einer Kirche sinkt. Er wartet auf einen Bekannten, der ihm für die Nacht eine Matratze angeboten hat.

Jeden Tag, sagt Jude, schlafe er woanders. Die Leute, die ihm Obdach gäben, guckten ihn schief an, als würde er etwas verschweigen. Als er sich gestern am Hafen nach einem Tagelöhnerjob umhörte, scheuchte man ihn weg wie eine Fliege. Außer Fußball, sagt Jude, habe er nichts gelernt. Mit 15 verkaufte er Sachen auf der Straße. Da war sein Vater bereits tot, und wo seine Mutter war, wusste er nicht. Seine Schwester, sagt er, habe jetzt ein Baby. Er wolle ihr nicht zur Last fallen.

Was hatte es mit dem tschechischen Agenten auf sich?

Judes Blick verliert sich in einem Mangobaum. "Drei Wochen war ich in seiner Wohnung", sagt er. "Er hat mich angefasst. Er hat versucht, mich in sein Bett zu ziehen, aber ich habe mich gewehrt, auch als er einmal eine Pistole auf mich richtete."

Jude schlug sich nach Deutschland durch, dort erzählte er den Beamten, was geschehen war, aber natürlich ahnte er, dass dies kein Asylgrund war. Stattdessen teilte man ihm mit, dass er nur dann eine Chance habe, wieder einzureisen, wenn er zunächst seiner Ausreisepflicht nachkomme. Würde er abgeschoben, bliebe er für bis zu drei Jahre gesperrt. Er will daher jetzt auch lieber nicht mit vollem Namen genannt und erkennbar fotografiert werden.

Jude zieht sein Handy aus der Tasche. Fotos einer älteren blonden Frau leuchten in der Dämmerung auf.

"Elka", sagt er.

Sie trafen sich in einem Flüchtlingsheim in Hilden, der Nachbarstadt von Langenfeld. Elka, die gerade ihren Job verloren hatte, half dort als Freiwillige aus. Sie verliebten sich. Er kochte Fufu für sie, und sie begleitete ihn mit dem Fahrrad, wenn er durch die Erdbeerfelder zum Training fuhr. Von den 50 Euro, die Elka ihm am Düsseldorfer Flughafen zusteckte, kaufte er Schuhe für das Baby seiner Schwester.

"Wir wollen heiraten", sagt Jude.

Nächstes Jahr, wenn sie genügend Geld gespart hat, will Elka ihn in Ghana abholen. Bis dahin muss er über die Runden kommen. Jude ist sich nicht sicher, ob ein Probetraining die richtige Idee ist. Bei seinem letzten Klub Eleven Wise zahlten sie im Monat sieben Euro. Eigentlich, sagt er, hatte er gehofft, dass Yeboah ihm etwas vermitteln würde, wovon er leben könnte. Zum Beispiel was mit Landwirtschaft.

Warum hat er das nicht gesagt?

"Ich ging davon aus", sagt Jude, "dass Yeboah es schon wissen würde."

Schwer zu sagen, ob Jude konkreter hätte werden können. Ob ein Fragebogen ausreicht, um ein Leben zu erfassen wie das von Jude. Der erste Rückkehrer, so sieht es aus, ist jedenfalls kein Mann, der sich dauerhaft reintegrieren will. Die Frage ist, was das für die Zukunft des Arbeitsamtes bedeutet.

Tette sagt, er sei sich des Problems bewusst. Von einem Psychologen, der sich künftig um ihre Härtefälle kümmern soll, weiß er, dass es bei einer Rückkehr Übergangsphasen gibt. "Es dauert, bis der Kopf da ist", sagt Tette.

Die Köpfe, darum geht es eigentlich: um diesen Mythos, wonach es jeder in Europa mit geringem Aufwand schnell zu Reichtum bringen kann. An dessen Stelle muss Tette die Einsicht pflanzen, dass harte Arbeit und ein bescheidenes Auskommen in der Heimat die bessere Wahl sein können. Aber es ist nicht leicht. Die 300 Euro, die Jude jeden Monat vom deutschen Staat geschenkt bekam, verdient in Ghana nicht mal ein Lehrer.

"Wir brauchen Zeit", sagt Tette. "Und wir brauchen Vorbilder."

Auf einem Fernseher im Wartezimmer läuft jetzt eine Al-Jazeera-Doku, die in Endlosschleife Horrorbilder von sinkenden Gummibooten im Mittelmeer zeigt.

Dann reißt Tette der Geduldsfaden. Nachdem ihn Emma Ofori ein weiteres Mal wegen des Evaluierungsberichts wortreich vertröstet hat, schickt er seinen Sekretär ins Ministerium. Eine halbe Stunde später kommt per SMS die Nachricht, dass es ein Problem mit dem Kopierer gebe. Tette bläst die Backen auf.

"Ein Mann, ein Wort", sagt er und lacht hysterisch. "Ein Ghanaer, tausend Worte."

Seit Monaten, sagt Tette, arbeite er 120 Prozent, aber manchmal komme es ihm vor, als baue er keine Brücken, sondern gerate zwischen die Fronten. Es sind ja nicht nur die Ghanaer, die ihm zusetzen. Auch die Deutschen, die für alles einen Bericht anfordern. An manchen Tagen fühle es sich so an, als müsste er immer noch beweisen, dass man einem schwarzen Mann wie ihm vertrauen kann.

2000 Klienten, hatte das Haus in Tunis angekündigt, wolle man im ersten Jahr beraten. Am Ende waren es deutlich weniger, und auch deshalb hütet Tette sich vor einer Prognose. Fest steht nur, dass er das Arbeitsamt in zwei Jahren vollständig in die Hände der Ghanaer übergeben wird. Tette weiß, um wirklich etwas zu verändern, brauchte es Jobs, die nicht an Projekthilfen hängen. Es brauchte Minister, die dieses Projekt tatsächlich als ihres begreifen, aber fürs Erste wäre er schon glücklich, wenn er bald damit beginnen könnte, den Parkplatz vor Baffours Büro zu asphaltieren.



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