AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2018

Eingeschlossene in Ghuta "Leben wir eigentlich noch?"

Das Leid der Menschen zählt nichts in Ghuta: Das Assad-Regime zerbombt die letzte Bastion des Widerstands - und die Eingeschlossenen werden von grausamen Rebellen beherrscht.

Helfer mit verletztem Kind nach Bombenangriff in Ost-Ghuta
Abdulmonam Eassa / AFP

Helfer mit verletztem Kind nach Bombenangriff in Ost-Ghuta

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Dröhnende Einschläge, die Explosionen der Raketen der russischen und syrischen Jets, zerfetzte Leiber und die in weißen Staub gehüllten Davongekommenen, die wie Untote durchs apokalyptische Zwielicht irren - das ist Ost-Ghuta in diesen Tagen, jenes fast pausenlos bombardierte Areal der Vorstädte nordöstlich von Damaskus. Seit fast fünf Jahren wird es vom Regime Baschar al-Assads belagert.

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Heft 9/2018
Macht, Gewalt und Rache in der Filmindustrie

Noch etwa 380.000 Menschen leben hier, vergangene Woche starben mehr als 350 Menschen in vier Tagen, 1850 wurden verletzt. Es wird sturmreif geschossen für die finale Offensive, um das letzte Rebellengebiet nahe der Hauptstadt zu erobern.

Hinter dem Lärm der Detonationen und dem abstrakten Grauen der Zahlen verblasst leicht, was all dies für jene bedeutet, die in Ost-Ghuta noch leben. Die Geschichten der Einzelnen schaffen es kaum noch nach draußen: weil viele Menschen tagelang nicht mehr die selbst gegrabenen Behelfsbunker unter den Häusern verlassen; weil die Internetzugänge zerstört werden sowie die Generatoren. Es gibt ohnehin kaum noch Diesel, um sie zu betreiben. Mit den Menschen da drin zu sprechen ist für Journalisten schwierig geworden. Gespräche kommen nur über eine immer wieder kollabierende Internetverbindung zustande.

Sie erzählen Geschichten wie die des siebenjährigen Amar, der seinen Lebensmut verloren hat, als sein Vater starb, der Wochen später verstummte, als sein bester Freund in der Kellerschule "Hoffnung" im Ort Duma starb. Der nur noch malte, wie Hanan Halim erzählt, die ihn in einem Zentrum für traumatisierte Kinder betreute: "Ganz stumm hat er immer wieder die beiden Motive gemalt: seinen Vater, wie er läuft. Seinen Freund, wie er tot auf der Erde liegt. Vorher war er ein lebhaftes Kind, trotz der Belagerung." Bis auch er nun umkam, als eine Bombe den Keller einstürzen ließ, in dem Amar Schutz gesucht hatte.

Es sind Geschichten wie die von Birin Hassoun, einer Krankenschwester aus Harasta. Sie erzählt, wie sie tagelang mit ihrem dreijährigen Sohn Hussam in einem Keller mit 200 Menschen ausgeharrt hat, frierend und hungrig. Bis eine Rakete das Haus über ihnen traf. Ihnen sei nichts geschehen, sagt sie, das Geräusch des Jets habe sich entfernt, und Hussam sei ein paar Meter zu anderen Kindern gerannt. So fand ihn seine Mutter nicht, als die zweite Rakete einschlug. Panisch lief sie durch den Staubnebel, bis sie erkannte, dass das Kind, das sich an ihr festhielt, ihr eigenes war.

Minuten später habe ein Arzt sie gefragt, ob sie sich um ein Baby kümmern könne, dessen Mutter umgekommen sei. Es war Mohammed, der Sohn ihrer Nachbarin, die eben noch neben ihr gesessen hatte und nur kurz nach oben gegangen war, als die zweite Rakete kam. "Leben wir eigentlich noch?", erinnert sie sich an eines der unwirklichen Gespräche in den endlosen Stunden im Bunker: "Weiß die Welt, dass wir noch existieren hier in diesen Kellern?"

Und es sind Geschichten wie die des 70-jährigen, einst reichen Besitzers einer Autowerkstatt im Ort Irbin, den alle nur Onkel Mustafa nannten. Der eine Villa besaß, mehrere Grundstücke. Und der nun die letzten Olivenbäume in seinem Garten fällt, um das Holz zu verkaufen, weil er sonst verhungern würde.

Lauter leise Geschichten eines langsamen Untergangs. Zwar war schon im vergangenen Mai unter der Schirmherrschaft Russlands, Irans und der Türkei im kasachischen Astana vereinbart worden, Ost-Ghuta zu einer von vier "Deeskalationszonen" in Syrien zu erklären, wo nicht gekämpft, nicht gebombt wird. Doch in der Lesart von Damaskus hieß Deeskalation offensichtlich: Zeit, andere Orte niederzukämpfen, um dann mit konzentrierter Wucht diese letzten Zonen zusammenzuschießen.

Dass diese einstige Mittelstandsgegend überhaupt so lange ausgehalten hat, seitdem die syrische Armee im April 2013 ihren Belagerungsring um Ost-Ghuta geschlossen hat, liegt an drei Gründen, die auf den ersten Blick widersprüchlich scheinen: Zwischen den großen Städten lagen einst Aprikosen- und Olivenhaine, Ost-Ghuta war der Gemüsegarten der Hauptstadt, es gab Nahrung.

Dann gruben die Rebellen bis 2015 vier kilometerlange Tunnel, durch die Lebensmittel, Diesel, Medikamente geschmuggelt wurden. Und schließlich erwuchs eine hochprofitable Kriegswirtschaft, an der sowohl die Offiziere des Regimes als auch die Anführer vor allem der beiden großen Rebellengruppen immens verdienten: Ganz offen wurde der einstige Joghurtfabrikant Abu Ayman Manfush aus dem kleinen Dorf Misraba in Ost-Ghuta zum Importmonopolisten.

Mit offizieller Lizenz aus Damaskus (und einer Gebühr von zwei bis drei Dollar pro Kilogramm) durfte er Nahrungsmittel in das belagerte Gebiet bringen, die dort für das 15- bis 20-Fache des Preises in Damaskus verkauft wurden. Bis vor einem Monat, als das Regime sämtliche Lieferungen stoppte.

Die Belagerung Ost-Ghutas haben die Belagerten gewissermaßen selbst finanziert. Viele Wohlhabende dort hatten Geld, Gold, Autos, Geschäfte, die sie nach und nach verkaufen mussten, um zu überleben. Bis heute, mitten im Bombardement, werden über Geistliche als Mittler Häuser und Grundstücke in Ost-Ghuta für einen Bruchteil ihres früheren Wertes von Geschäftsleuten aus Damaskus erworben. Für die Zeit nach dem Krieg.

Und solange sie konnten, schickten Verwandte aus dem Ausland Geld - auch daran verdienten Geschäftsleute in Damaskus gut. "Anfangs kostete es vier Prozent Gebühr, Geld nach Ost-Ghuta zu schicken", erinnert sich einer der Transferexperten, "mittlerweile sind es 40 Prozent. Denn es gibt kaum noch Bargeld dort. Die Zitrone ist leer gepresst."

Allerdings blieb auch nirgendwo sonst in Syrien von den ursprünglichen Zielen der Aufständischen so wenig übrig wie in Ost-Ghuta: Die beiden mächtigsten Rebellengruppen, die Armee des Islam und die Brigade des Barmherzigen, sind in der Isolation von Ost-Ghuta zu Bonsai-Diktaturen geworden, die dem Assad-Regime immer ähnlicher wurden. Sie unterhalten beide einen eigenen Geheimdienst, foltern ihre Gefangenen und haben angebliche Ketzer umgebracht, "nur eben jetzt alles im Namen des Islam und der Revolution", spottet ein Exilant aus dem Ort Irbin, der mit Rücksicht auf seine Familie dort anonym bleiben will.

Im Herbst 2017 gingen Tausende in Ost-Ghuta auf die Straße gegen die Willkür und die Korruption der beiden Gruppen: mit denselben Slogans wie sechs Jahre zuvor gegen Assads Diktatur, woraufhin die Bewaffneten erst in die Luft, schließlich in die Menge schossen und den letzten Neurologen von Ost-Ghuta tödlich verwundeten.

Doch im Angesicht der Vernichtung, der Wiederaufnahme von Chemiewaffenangriffen - nun mit Chlorgas anstatt Sarin wie 2013 - bleibt kein Raum für die Hoffnungen, derentwegen einst Zehntausende auf die Straßen gingen. "Wir haben doch überhaupt keine politischen Forderungen mehr gestellt in letzter Zeit", sagt der Lokalaktivist Belal Kharpotly, im Hintergrund zwei Explosionen, "die meisten Menschen hier wollen nur noch überleben!"

Um ihnen das so schwer wie möglich zu machen, lässt Damaskus systematisch alle verbliebenen Krankenhäuser bombardieren - und hindert selbst die Uno daran, ebenjene medizinischen Güter nach Ost-Ghuta zu bringen, die zur Rettung Verletzter notwendig wären. Blutkonserven, intravenös zu verabreichende Antibiotika, Narkosemittel, selbst Wundfäden und Mullbinden dürfen nicht geliefert werden. "Wir hätten Hunderte retten können, wenn wir diese Dinge hätten", schreibt Dr. Abdulkader Shami aus Duma am Ende einer Dringlichkeitsliste. Auch die Ärzte ohne Grenzen, die mehrere Feldkliniken in Ost-Ghuta unterstützen, melden, dass ihre Vorräte zu Ende seien - bis auf Wundfäden und intravenöse Flüssigkeit für etwa 200 schwere Fälle. Weniger, als an einem halben Tag verletzt wurden.

Uno-Generalsekretär António Guterres sei "zutiefst beunruhigt", teilte sein Sprecher mit. Kanzlerin Angela Merkel sagte: "Die Tötung von Kindern, das Zerstören von Krankenhäusern, all das ist ein Massaker, das es zu verurteilen gilt."

Die Äußerung des russischen Außenministers Sergej Lawrow spricht für sich: "Wir wollen unsere Erfahrungen, die wir bei der Befreiung von Aleppo gesammelt haben, in Ost-Ghuta einsetzen." Sprich: so lange bombardieren, bis auch hier die Rebellen aufgeben und sich die überlebenden Zivilisten deportieren lassen.

Eine Flugverbotszone, wie sie seit 2012 immer wieder aus allen bombardierten Gebieten Syriens gefordert wurde, fanden die Regierungen der USA und Europas stets zu heikel, zu schwierig durchzusetzen gegen die angeblich so hochgerüstete syrische Luftabwehr. Dabei hätte sie das Sterben der Unbeteiligten jenseits der Fronten verhindern können.

Zu schwierig? Dass in Ost-Ghuta nach vier Jahren wieder Fassbomben des Regimes fielen, lag daran, dass die örtlichen Rebellen es geschafft haben, eine eigene Flugverbotszone zumindest gegen Hubschrauber zu schaffen. Sie hatten 2013 ein einziges mobiles Flugabwehrraketensystem mit eigenem Radar aus der Armeekaserne von Harasta erbeutet und nach drei Monaten Reparatur wieder einsatzfähig gemacht.

Das System 9K33 Osa aus sowjetischer Produktion stammt aus den Siebzigerjahren. Nachdem die Rebellen im Januar 2014 damit einen Hubschrauber abgeschossen und einen weiteren nur knapp verfehlt hatten, fielen zumindest keine der tonnenschweren Fassbomben mehr auf Ost-Ghuta. Das tun sie erst jetzt wieder - seitdem das Regime für den finalen Kampf mit der vollen Unterstützung der russischen Luftwaffe zuschlägt, die Radaraufklärer einsetzt, um auch diese letzte Abwehrwaffe treffen zu können.



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