AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2017

Hobby Gleitschirmfliegen Luftloch? Winken Sie um Hilfe!

Ein Gleitschirmschüler stürzte ab - sein Lehrer hatte ihn ohne Funkgerät starten lassen. Ein Versäumnis, doch der Verband wimmelt ab: "Handzeichen und Zurufe" müssten zur Verständigung ausreichen.

Gleitschirmflieger bei Calais: Zuruf über 220 Meter?
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Gleitschirmflieger bei Calais: Zuruf über 220 Meter?

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Dass das Gaudium eines Gleitsegelflugs mit Risiken verbunden ist, war dem Flugschüler Johann Huber durchaus bewusst. Dass aber bereits im Unterricht Lebensgefahr lauern kann, merkte er am späten Vormittag des 25. April 2011 an einem Übungshang im Landkreis Rosenheim. Der Flugschüler war noch in der Luft, der Schirm aber vor seinen Augen zu Boden gesaust. Dann stürzte Huber hinterher - aus etwa sechs Meter Höhe.

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Heft 19/2017
Der eitle Kampf der Verteidigungsministerin gegen ihre skandalreiche Truppe

Mit zwei gebrochenen Beinen und einem zertrümmerten Lendenwirbel überlebte der Elektromeister den Unfall. Er kann heute wieder laufen, verlor durch den langen Arbeitsausfall aber seine Firma und ist heute Angestellter. Folglich stellt sich die Frage nach der Entschädigung.

Huber hatte auf eine plötzlich auftretende Thermikblase falsch reagiert. Er hätte den Bremszug ziehen und halten müssen - doch niemand konnte ihm das mitteilen: Der Fluglehrer hatte ihm vor dem Start das Funkgerät weggenommen. Der Andrang war groß an diesem Tag, die Geräte waren knapp. So hing der Fluganfänger im kritischen Moment ratlos in den Seilen - im Grunde ein klarer Verstoß gegen die damals geltende Ausbildungsordnung. Die schrieb dem Wortlaut nach eine ständige Funkverbindung vor. Huber verklagte die Flugschule und den Lehrer.

Der Geschädigte bekam weitgehend recht - allerdings erst jetzt, fast sechs Jahre nach dem Unfall, in der zweiten Instanz eines turbulenten Verfahrens, das neben der betroffenen Brannenburger Flugschule Hochries vor allem den Deutschen Hängegleiterverband DHV blamierte.

Der Verein mit Sitz in Gmund am Tegernsee ist vom Bundesverkehrsministerium beauftragt, über die Sicherheit in dieser Flugdisziplin zu wachen, übt also eine hoheitliche Funktion aus. In den Gerichtsverhandlungen erwies sich der DHV jedoch als eine Art Interessenvertreter der beklagten Flugschule und entschärfte die Ausbildungsordnung schon während des noch laufenden Prozesses in einem entscheidenden Punkt: Seit Januar 2013 ist die Funkverbindung ausdrücklich nur noch bei Ausbildungsflügen ab einem Höhenunterschied von 100 Metern vorgeschrieben. Der Übungshang der Flugschule Hochries hat 55 Meter.

Das Landgericht Traunstein maß dem fehlenden Einsatz eines Funkgeräts offenbar keine zentrale Bedeutung bei und wies die Klage ab. Erst im Berufungsverfahren am Oberlandesgericht München kam dieser Aspekt zum Tragen. Huber wurden Schadensersatz und Schmerzensgeld zuerkannt.

Während er noch um die Höhe derselben verhandeln muss, kommt der Verband in Erklärungsnot. Karl Slezak, Referatsleiter im DHV für Ausbildung und Sicherheit, ist verantwortlich für den Eingriff in die Ausbildungsordnung. "Wir haben hier einen redaktionellen Fehler korrigiert", rechtfertigt er sich. "Es sollte nie vermittelt werden, dass Funkgeräte am Übungshang zwingend erforderlich sind." Entscheidend sei die "unmittelbare Fluglehrerbetreuung", und die könne durch "Handzeichen und Zurufe auf überschaubare Distanz in manchen Fällen besser funktionieren".

Doch was ist überschaubar? Ein Übungshang mit 100 Meter Höhenunterschied kann durchaus mehr als einen halben Kilometer lang sein. Huber geriet in etwa 170 Meter Entfernung von seinem Fluglehrer in Schwierigkeiten, klar außerhalb einer plausiblen Rufweite. Slezak behauptet nun auch, er habe "als Zeuge dargelegt, dass eine entsprechende Flugbeaufsichtigung, in diesem Fall mit einem Funkgerät, den Unfall wahrscheinlich hätte verhindern können".

Die Protokolle der Polizei und der Gerichte belegen hingegen, dass Verbandsexperte Slezak die Bedeutung des Funkgeräts wiederholt herunterspielte. Schon am 15. Mai 2011 erklärte er den Ermittlern, dass im Rahmen der Grundausbildung am Hang eine Funkverbindung nicht vorgeschrieben sei - im klaren Widerspruch zur damals geltenden Ausbildungsordnung.

Vor dem Oberlandesgericht trat Slezak vier Jahre später als Zeuge auf. Dort erklärte er, dass am Unfallhang auch ohne Funkgerät gut hätte kommuniziert werden können: "Bei einem Gelände mit 220 Meter Länge funktioniert nach meiner Erfahrung ein Zuruf."

Zwei mit dem Fall betraute Gutachter widersprechen seiner These, die auch der gängigen Praxis spottet. Der SPIEGEL fragte bei mehreren Flugschulen an. Kein einziger Fluglehrer erklärte, an Übungshängen von 200 Meter Länge ohne Funkgerät auszubilden. Einigen ist gar nicht bewusst, dass sie es der Vorschrift nach dürften.

Was aber kann den Verband motiviert haben, die Verfehlung einer Flugschule auf derart fadenscheinig anmutende Weise zu entschuldigen? Fast alle deutschen Fluglehrer sind Mitglieder im DHV, der Verband selbst Teil einer Enthusiastenszene, in der man einander nicht wehtun will. Schon vor drei Jahren beschwerte sich einer der Gerichtsgutachter im Fall Huber über diese Kumpanei und alarmierte in einem Mahnschreiben das Luftfahrt-Bundesamt. Es könne nicht Aufgabe des DHV sein, heißt es darin, "Flugschulen bei Unfällen und fehlerhafter Ausbildung vor Haftungsansprüchen zu schützen".

Die Behörde hat den Vorgang untersucht, erklärt Sprecherin Cornelia Cramer. Es gebe "keine negativen Erkenntnisse".



insgesamt 8 Beiträge
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luftgott 10.05.2017
1. Dhv
Der DHV hat kaum eigene Interessen. Es sind mehr die Wünsche derjenigen Flugschulen, deren Besitzer selber Mitglieder sind und so zu starken Einfluss auf den DHV und deren Regelungen nehmen.
HelleSchulz 10.05.2017
2. Dhv
Fliege selbst Drachen und Gleitschirm und meiner Ansicht waren die Wetterbedingungen für Fluganfänger eher katastrophal. Besser wäre ruhiges Wetter am Morgen oder Abend. Da ist die Luft eindeutig weniger turbulent. Fehlversagen des Fluglehrers m.A. Ob ein Funkgerät bei einem Absturz aus 6 m Höhe die Rettung gebracht hätte, wage ich zu bezweifeln.
kalim.karemi 10.05.2017
3. Das will ich sehen
Wie der Fluganfänger in einer unerwarteten Situation in 6m Resthöhe auf die Funkanweisungen seines Fluglehrers reagiert. Der wäre wahrscheinlich nichtmal dazu gekommen die Taste zu drücken. Immer wieder schön wenn ma ün jemanden findet, auf den man die eigene Blödheit abwälzen kann, sagt übrigens jemand der selber Segelflugzeug fliegt. Ein Fluglehrer der in solch einer Situation seine Schüler auch noch ablenkt und den letzten Rest konzentration nimmt, indem er ihn anfunkt, ist völlig unüblich.
Tom Ford 10.05.2017
4. DHV ist ein einzige Klüngelei
Der DHV ist alles andere als unabhäng. Es sind alte Seilschaft und da kratzt keiner dem anderen die Augen aus. Die im Artikel aufgezeigte Haltung von Slezak zeigt es 1:1 auf. Der ganze Verein ist ein einziger Schmodder der dringend mal ausgeputzt werden müsste. Seit zig Jahren die gleichen Leute. Keinerlei vernünftige Kontrollinstanz. Jeder Flieger ist Mitglied aber 95% haben mit dereigentlichen Vereinsarbeit überhaupt nichts am Hut, daher halten sich die altgedienten Funktionäre und der Filz. Ernüchternd dass der Bund da keinen Handlungsbedarf sieht.
Joshua 11.05.2017
5. Probleme von DHV in dem Falle bedeutungslos
Was mit dem Flugschüler geschehen ist, tut mir aufrichtig leid. Aber ein Flug von einem Trainingshügel wird weder sicherer durch einen Reservefallschirm noch durch ein Funkgerät. Ich bin vor ein paar Jahren mit meinem Gleitschirm bei der Landung irgendwo in Kalifornien gecrasht. Ich habe nichts falsch gemacht. Mich hat kurz vor dem Aufsetzen eine Thermik erfasst (etwa 45C in der Landezone), welche mich mehrere Meter hochriss. Außerhalb der Thermik bin ich dann im freien Fall zu Boden gekracht. Ich hab sogar noch versucht mich abzurollen, und trotzdem habe ich mir heftig einen Fuß verstaucht. Den Rest haben wahrscheinlich meine Stiefel abgefangen. Jedenfalls hat die ganze Geschichte keine drei Sekunden gedauert. Und wenn der Paraglider gleichzeitig oder sogar vor mir zu Boden geht, gibt es kein Manöver dieser Welt, welches dies noch verhindern würde. Deshalb den Fluglehrer zu verklagen ist albern. Eine private Versicherung zur Vorsorge wäre eher ratsam, besonders als Flugschüler.
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