AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2017

Kapitalismuskritik "Europa hat die Aussicht auf ein goldenes Jahrzehnt"

Die Wirtschaft boomt, trotzdem fühlen sich viele Menschen als Verlierer der Globalisierung. Wie können die Probleme gelöst werden? Philipp Hildebrand, Vizechef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, gibt Antworten.

Bankenstadt Frankfurt am Main
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Bankenstadt Frankfurt am Main

Ein Interview von


Jason Alden/Bloomberg/Getty Images

Philipp Hildebrand, 53, gehört seit 2012 dem globalen Führungskomitee von Blackrock an. Der weltweit größte Vermögensverwalter steuert 5,4 Billionen Dollar und ist über Fonds an fast allen wichtigen börsennotierten Konzernen beteiligt. In Deutschland zählt Blackrock beispielsweise zu den größten Aktionären von Deutscher Bank, Deutscher Börse und Daimler. Bevor der Schweizer zu Blackrock stieß, war Hildebrand zwei Jahre lang Präsident der Schweizerischen Nationalbank.


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Heft 24/2017
Wie Paare friedlich auseinandergehen

SPIEGEL: Herr Hildebrand, die Welt sorgt sich um Donald Trumps Amerika. Der Spekulant George Soros wettet in großem Stil auf einen Absturz des amerikanischen Aktienmarkts. Liegt er damit richtig?

Hildebrand: Das glaube ich nicht. Zehn Jahre nach der Finanzkrise befinden wir uns endlich weltweit in einem günstigen wirtschaftlichen Umfeld. Die positive Dynamik, die aus solch einem in allen großen Volkswirtschaften synchronen Aufschwung entsteht, wird nach wie vor unterschätzt.

SPIEGEL: Das politische Führungschaos unter Trump und die wachsende Kluft zwischen Amerika und Europa sind keine Gefahr für die Börse?

Hildebrand: Wenn es eine Vertrauenskrise im Zentrum der Weltwirtschaft gibt, dann ist das immer gefährlich. Das haben wir in der Finanzkrise 2007/08 gesehen, die ja in Amerika ihren Ursprung gehabt hat. Wenn es in den USA nun dauerhaft zu einer politischen Lähmung käme, wäre das sicher nicht gut. Aber für ein solches Urteil ist es zu früh, die amerikanischen Institutionen sind sehr stark und robust.

SPIEGEL: Ist der Börsenaufschwung nicht einfach eine Folge der ultralockeren Geldpolitik der Notenbanken?

Hildebrand: Die Geldpolitik war enorm wichtig, um sich verstärkende Deflationsrisiken abzuwenden, also eine Abwärtsspirale mit stetig fallenden Preisen und schrumpfender Wirtschaft. Jetzt spiegelt sich an den Finanzmärkten, dass die Notenbanken damit erfolgreich waren.

SPIEGEL: Die gefährlichen Nebenwirkungen nehmen allerdings zu, es drohen Spekulationsblasen an den Finanzmärkten. Kommt die Wende zu langsam?

Hildebrand: Zu langsam würde bedeuten, dass die Preisstabilität gefährdet ist. Das sehe ich im Moment nicht. Die EZB muss nun darüber nachdenken, wie sie ihre Politik schrittweise normalisieren kann - und das tut sie.

SPIEGEL: Wann die Zinswende kommt, wird von der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung Europas abhängen. Ist nach der Wahl Emmanuel Macrons in Frankreich die Gefahr gebannt, dass Populismus und Nationalismus die Eurozone sprengen?

Hildebrand: Ja. Ich war immer zuversichtlich, dass die Mitte in Europa hält. Amerikaner und Briten haben die Probleme, die im Brexit und der Wahl Trumps zum Ausdruck kamen, direkt auf Europa projiziert. Das war eine Fehlanalyse, weil das europäische Wirtschaftsmodell anders und besser ist, insbesondere was die Einkommen und Vermögen angeht. Sie sind in Europa ausgewogener verteilt.

SPIEGEL: Auch in Europa gibt es viele Menschen, die sich als Verlierer der Globalisierung sehen. Die Arbeitslosigkeit ist vor allem in einigen Peripherieländern hoch, aber auch in Frankreich. Was muss Europa tun, um das zu überwinden und eine neue Welle der Radikalisierung zu verhindern?

Hildebrand: Europa hat die Aussicht auf ein goldenes Jahrzehnt. Aber die Chance, die das wirtschaftlich günstige Umfeld jetzt eröffnet, muss man ergreifen. Der Schlüssel liegt in Frankreich. Das Kernproblem ist, dass Frankreich in den vergangenen Jahren verheerend abgedriftet ist und sich von Deutschland entfernt hat.

SPIEGEL: Wie zeigt sich diese Kluft?

Hildebrand: Zwischen 2004 und 2014 hat der Privatsektor in Frankreich unter dem Strich fast keine neuen Arbeitsplätze geschaffen. Das hat die öffentlichen Finanzen belastet und dazu geführt, dass die Staatsquote heute in Frankreich bei 56 Prozent liegt und in Deutschland bei 44 Prozent.

SPIEGEL: Was also sollte Macron tun?

Hildebrand: Frankreich hat eine Bringschuld gegenüber Deutschland. Präsident Macron muss die strukturellen Probleme beheben, indem er vor allem den Arbeitsmarkt reformiert. Nur wenn Frankreich ein mit Deutschland kompatibles Wirtschaftsmodell entwickelt, kann die deutsch-französische Partnerschaft wieder zum Anker und Motor für Europa werden und die EU ihre Krise überwinden. Macron versteht das sehr gut, er ist ein äußerst mutiger Reformer. Die Arbeitsmarktreformen sind schließlich das Herzstück seines Regierungsprogramms.

SPIEGEL: In Deutschland sind eher Macrons Aussagen zu Europa angekommen: der Ruf nach einer Fiskalunion, einem gemeinsamen Budget, mancher hat sogar das Wort Eurobonds gehört ...

Hildebrand: Macron hat Eurobonds nie erwähnt, und Europa braucht sie zurzeit auch nicht. Aber die Deutschen haben verständlicherweise Zweifel, das Misstrauen gegenüber Frankreich sitzt tief. Es ist wichtig, dass Frankreich seine fiskalpolitische Glaubwürdigkeit zurückgewinnt. Zuallererst sollte es jedoch seinen wirtschaftspolitischen Kurs korrigieren. Aber auch Deutschland kann etwas tun. Das Land hat enorm vom Euro profitiert, die Wirtschaft boomt, doch bei den Löhnen besteht immer noch Nachholbedarf. Sie sind in der Industrie über lange Zeit schwächer gestiegen als die Produktivität. Man kann nicht auf Dauer alle Gewinne bei den Kapitaleigentümern abliefern.

SPIEGEL: Das sagt der Vizechef des größten Kapitalverwalters weltweit?

Hildebrand: Ja, weil solch eine Entwicklung nicht nachhaltig ist. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Löhne in Deutschland von selbst steigen werden. Anders ist es mit den öffentlichen Investitionen. Der Anteil des staatlichen Anlagevermögens an der Wirtschaftsleistung ist heute zehn Prozentpunkte geringer als vor 20 Jahren. Mit höheren Investitionen insbesondere in die Infrastruktur würde Deutschland sein langfristiges Wachstumspotenzial erhöhen. Außerdem würde sich der viel kritisierte Leistungsbilanzüberschuss verringern.

SPIEGEL: Und das reicht, um Europa wieder nach vorn zu bringen?

Hildebrand: Nein. Es gibt vieles, was Europa in Richtung von mehr Integration tun kann und muss. Wenn Frankreich den Arbeitsmarkt reformiert hat, könnte eine einheitliche, europäisch finanzierte Arbeitslosenunterstützung sinnvoll sein. Ich kann mir auch vorstellen, dass man mehr Forschungs- und Entwicklungsprojekte europäisch finanziert und vorantreibt. Außerdem könnte man den europäischen Rettungsmechanismus ESM zu einem europäischen Währungsfonds ausbauen. Und schließlich hat die EU durch den Brexit eine große Chance, die Probleme in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik neu anzugehen.

SPIEGEL: Als Schwäche gilt auch das europäische Bankensystem. Könnte der Brexit und damit der Abschied des Finanzzentrums London aus der EU auch da einen Neuanfang erleichtern?

Hildebrand: Wir müssen uns überlegen, wie wir es unseren Banken ermöglichen, in ihrem Heimatmarkt Europa erfolgreich und mit der dafür erforderlichen Größe zu agieren. Das funktioniert nur, wenn es einen integrierten europäischen Markt gibt.

SPIEGEL: Was heißt das konkret?

Hildebrand: Bankenaufsicht und Regulierung sind noch immer zu stark von nationalen Interessen getrieben. In der Anfangsphase konnte eine europäische Bankenaufsicht nur dank der EZB glaubwürdig sein. Langfristig sollte man sich überlegen, die Aufsicht aus der EZB herauszulösen und als unabhängige Institution zu positionieren. Außerdem muss Europa sich in vielen Bereichen von der amerikanischen Dominanz befreien: Wir sind abhängig von amerikanischen Zahlungssystemen, Ratingagenturen und Stimmrechtsberatern. Wir sollten Alternativen entwickeln.

SPIEGEL: Braucht es auch paneuropäische Banken, um den Amerikanern etwas entgegensetzen zu können?

Hildebrand: Absolut. Die Deutsche Bank, BNP Paribas oder Santander könnten den Nukleus für solche europäischen Bankengruppen bilden, aber auch Schweizer Institute könnten eine Rolle spielen. Wo diese Banken sitzen, ist zweitrangig.

SPIEGEL: Sie kritisieren, Europa habe sich zu sehr vom angelsächsischen Wirtschaftsmodell beeinflussen lassen. Ist dieses Modell schuld an der politischen Radikalisierung?

Hildebrand: Sicher nicht allein. Aber eine der wichtigsten Lehren, die Europas Banken aus der Krise ziehen müssen, ist, dass ihr Ausflug in das Investmentbanking angelsächsischer Prägung einen Scherbenhaufen hinterlassen hat. Viele Probleme, die Europa heute belasten, sind eine direkte Folge davon.

SPIEGEL: Hat sich die Deutsche Bank von diesem Abenteuer ausreichend verabschiedet?

Hildebrand: Ich möchte nicht einzelne Institute beurteilen. Aber insgesamt ist die Einsicht, dass dies ein Irrweg war, bei europäischen Banken noch nicht ausgeprägt genug.

SPIEGEL: Auch Blackrock verkörpert den angelsächsischen Kapitalismus. Welche Mitverantwortung tragen Sie für die Spaltung der Gesellschaft und die politische Radikalisierung?

Hildebrand: Wir haben ein komplett anderes Geschäftsmodell als die Banken. Letztlich sind wir ein großer Treuhänder und machen keine Eigengeschäfte. Rund 70 Prozent unseres Vermögens sind Pensionsgelder. Wir bedienen nicht eine abgehobene Oberschicht, sondern vor allem aktuelle und zukünftige Rentner.

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Sie haben doch auch dem Shareholder-Value gehuldigt und die exzessiven Boni mitgetragen. Als Teilhaber großer Konzerne und Banken müssten Sie Ihre Verantwortung anders wahrnehmen.

Hildebrand: In den vergangenen Jahren haben wir uns immer wieder für nachhaltige Geschäftsmodelle starkgemacht und gegen kurzfristige Gewinnmaximierung gekämpft. Wir haben auch im Bereich der Kompensation kritische Voten abgegeben.

SPIEGEL: Seit 2014 haben sich die Boni von Fondsmanagern im Durchschnitt fast verdoppelt, sie sind schneller gestiegen als die der Investmentbanker. Können Sie da glaubwürdig eine Mäßigung bei der Managervergütung anmahnen?

Hildebrand: Bei uns haben sich die Boni sicher nicht verdoppelt, wenngleich zweifellos auch bei Blackrock hohe Gehälter gezahlt werden. Alle, die an den Kapitalismus glauben, müssen sich Sorgen über die ungleiche Entwicklung der Einkommen und Vermögen machen. Deshalb ist es so wichtig, dass Europa sein von Solidarität geprägtes Wirtschaftsmodell wiederbelebt.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Denkt mal selber nach 09.06.2017
1. Stell dir vor, es ist Boom und keiner merkts...
Nachdem Herr Müller, wie sonntags üblich, einen Boom herbei reden wollte nun schon wieder solche Töne. Es ist wohl mal wider Märchenstunde hier auf SPON. Was habe ich verpasst? Ist die Schuldenkrise plötzlich gelöst? Sind 0,6 % Wachstum jetzt schon ein Boom? Wie schaffe ich es in diese Parallelwelt?
Annabelle_ 09.06.2017
2. Wohlstand muss erarbeitet statt im Kern nur ererbt werden
Oder aber, falls Arbeit weiterhin wie gegenwärtig gesellschaftlich als Selbstzweck definiert wird, zumindest ein bedingungsloses Grundeinkommen her. Nur so wird sich das Schlimmste verhindern lassen.
clara78 09.06.2017
3.
Was soll das, lieber Spiegel? "Europa" steht mit Sicherheit kein "goldenes Jahrzehnt" bevor, denn allein die Euro-Krise ist längst nicht gelöst, geschweige denn andere Krisen. Auch sollte man vorsichtig sein, wenn derartige Leute von "Verflechtung" und "Gemeinschaft" reden. Dahinter steht leider nicht selten, neue Verträge zur Aushebelung von Sozialstandards etc. zu nutzen. Auch sollte man Macron vielleicht nicht ganz so in den Himmel heben. Es nervt inzwischen, der Mann hat außer Händeschütteln und Absichtserklärungen noch nichts gemacht.
Annabelle_ 09.06.2017
4. Wohlstand muss erarbeitet statt im Kern nur ererbt werden,
oder aber, falls Arbeit wie gegenwärtig weiterhin als gesellschaftlicher Selbstzweck propagiert werden soll, ein bedingungsloses Grundeinkommen her. Nur so wird sich das Schlimmste verhindern lassen.
schnapporatz 09.06.2017
5. Die (Groß-)Wirtschaft und ihre Helfershelfer
...haben seit 3 Jahrzehnten ihr "Goldenes Jahrzehnt". Allen anderen geht es immer schlechter.
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