AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 48/2016

Menschenleeres Görlitz Das Paradies modert vor sich hin

Görlitz gilt vielen als schönste Stadt Deutschlands, die Sanierung kostete Hunderte Millionen. Doch viele Prachtbauten stehen leer. Jetzt reagiert die Politik: Wer hinzieht, wohnt mietfrei - und bekommt Gratis-Bier.

Dreharbeiten zum Film "Goethe!" in Görlitz 2009
Europastadt Görlitz Zgorzelec GmbH

Dreharbeiten zum Film "Goethe!" in Görlitz 2009

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Die östlichste Stadt der Republik ist reich an Pioniertaten. Der Kabelbagger und die süßen Liebesperlen wurden dort erfunden. Im Jahr 1899 fuhr in Görlitz erstmals ein Auto durch einen Kreisverkehr. Die ältesten Renaissancehäuser des Landes, errichtet 1525 - auch sie stehen an der Neiße.

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Heft 48/2016
Eine schrecklich mächtige Familie

Schwärmer vergleichen den abseits liegenden Ort mit seinen spätgotischen Türmen und Wehranlagen gern mit dem italienischen Siena. Zu Luthers Zeiten war Görlitz eine Zollstelle an der "Via Regia", die von Paris nach Kiew führte. Die Kaufleute dort handelten mit Tuch und besaßen ein Monopol auf Färberwaid (Indigo). So kamen sie zu Reichtum und bauten sich ein steinernes Paradies.

Brücken, wuchtige Hallenhäuser aus schlesischem Sandstein und auch eine Synagoge wurden errichtet. Bald hatte die Siedlung rund 200 Brauereien, mit Kellern, deren Fundamente zum Teil in die Jungsteinzeit zurückreichen.

Um 1900 kam ein mit Stuck überladenes Belle-Époque-Viertel hinzu, wie es kaum eine andere deutsche Stadt besitzt. Die Post und die Amtsgebäude sehen aus wie Paläste. Doch die Schönheit genießen nur wenige Einwohner. Jetzt will Görlitz gegensteuern - mit ungewöhnlichen Methoden.

Was in Görlitz beinahe wie ein Wunder anmutet: Es steht noch fast alles. Kaum fünf Häuser wurden im Krieg durch Bomben getroffen. Die DDR hatte zum Abreißen kein Geld - und Gott sei Dank auch nicht für den Bau von hässlichen Fußgängerzonen und Hochgaragen.

Für Konservatoren ist das ein Glücksfall. Der Gründer der Stiftung Denkmalschutz, Gottfried Kiesow, nannte Görlitz "die schönste Stadt Deutschlands".

Eigentlich könnte also alles gut sein, zumal sich nach der Wende ein Füllhorn an Steuergeldern und Bausubventionen über die marode Kommune ergoss. Sie gilt heute als "größtes zusammenhängendes nationales Flächendenkmal".

Doch leider hat Görlitz noch einen weiteren Rekord zu vermelden. Der Ort ist auch der leerstehendste. Es fehlt an Menschen.

In seinen Vorher-Nachher-Fotos hat der Fotograf Jörg Schöner den Wandel von Görlitz über 40 Jahre dokumentiert. Hier zeigt er eine Auswahl seiner Bilder und erklärt, was dahintersteckt.

Zwar gelang es, mit den Fördergeldern und Spenden bislang 75 Prozent der Innenstadt zu sanieren. Im Umkehrschluss bedeutet das aber: Jedes vierte Haus gammelt noch immer vor sich hin. Überall in den Straßenfluchten stehen historische Gebäude mit blinden Scheiben, aus denen der Geruch von Moder und Schwamm weht. Davor stehen Warnschilder: "Vorsicht Dachlawinen".

Schlimmer noch: Sogar frisch renovierte Prachthäuser aus der Gründerzeit, ausgestattet mit neuen Küchen und Bädern, sind derzeit ohne Mieter. Es gibt einfach nicht genug Interessenten. Mit ungewöhnlichen Methoden setzt die Stadtverwaltung jetzt alles daran, Neubürger anzulocken, koste es, was es wolle.

"Auf dem Höhepunkt der Misere nach der Wende standen bei uns 10.000 Wohnungen leer", sagt Amtsleiter Hartmut Wilke, der in Görlitz für den "strategischen Stadtbau" zuständig ist. "Nun sind es noch 6000." In seinem Büro hängen große Katasterkarten und Luftbilder. Sie zeugen davon, welch beispiellose Auszehrungen die Kommune durchlitt.

In den Dreißigerjahren lag die Zahl der Einwohner nahe 100.000. Einen Tag vor der Kapitulation, am 7. Mai 1945, sprengte die Wehrmacht alle sieben Neißebrücken. Tausende Görlitzer, die auf der anderen Seite des Flusses siedelten, wurden abgeschnitten.

Nach der neuen Grenzziehung zu Polen fanden sich die Leute in DDR-Randlage im Tal der Ahnungslosen wieder. Zwar schafften die sozialistischen Planwirtschaftler einen Neuanfang. Sie siedelten Maschinen- und Eisenbahnbetriebe an. Der Astronaut Siegmund Jähn flog mit optischen Instrumenten aus Görlitz 1978 in den Weltraum.

Doch zum Erhalt der Altstadt reichte es nicht. Das Zentrum mit seinen Portalen und gotischen Kirchen verfiel. Bei Sturm hüllte sich die City in eine Staubwolke, gespeist vom Abrieb morscher Balken und blätternden Putz.

Die Einwohner wurden derweil schrittweise in Plattenbauten am Stadtrand umgesiedelt. Am Ende der DDR lebte jeder zweite Görlitzer in eintönigen Trabantensiedlungen.

Nach der Wiedervereinigung folgte der industrielle Kahlschlag. Von den verbliebenen 77.000 Einwohnern zogen 17.000 weg. Es waren jene Tage, als Glücksritter aus dem Westen ganze Straßenzüge in Görlitz aufzukaufen versuchten und Diebe mit gestohlenen Baggern und Radladern nachts durch die seichten Furten der Neiße nach Osteuropa fuhren.

Und die "Perle der Oberlausitz" schrumpfte weiter. Vor zwei Jahren lebten noch 54.000 Menschen dort. Für 2020 hat das Statistische Landesamt einen weiteren dramatischen Rückgang prognostiziert.

Gegen dieses drohende Schicksal kämpft man nun tapfer an. "Wir stemmen uns gegen die Abwanderung", sagt Oberbürgermeister Siegfried Deinege, 61, ein ehemaliges Mitglied der "Kampfgruppen der Arbeiterklasse" im VEB Waggonbau. Dabei schaut der stämmige Stadtoberst so entschlossen, als könnte er den demografischen Wandel mit eigener Lendenkraft stoppen.

Hauseingang vor, nach der Restaurierung: Probewohnen in der Oberlausitz
Jörg Schöner

Hauseingang vor, nach der Restaurierung: Probewohnen in der Oberlausitz

Zum Zweck des Wiedererblühens seiner Heimat greift Deinege zu erstaunlichen Mitteln. "Wer zu uns übersiedelt, bekommt zwei Kaltmieten und einen Monat Strom geschenkt", verspricht er. Auch dürfen Umzügler drei Monate lang umsonst Bus fahren, sie kriegen Freikarten fürs Theater und vier Flaschen Bier. Obendrein zahlt ihnen die Stadt für ein Jahr die Haftpflichtversicherung und die Kontogebühren.

Jungen Leuten bietet der Bürgermeister WG-Zimmer zum Preis von 195 Euro warm an. Und für die Zögerlichen gibt es das "Probewohnen": kostenlos, für eine Woche.

Polen, Holländer, auch eine Frau aus Phoenix in Arizona haben das Schnupperangebot bereits angenommen. "Wir mussten nur das Bettzeug mitbringen", erzählt Gabriele Nehrmann aus Berlin, der man ein Testapartment in der Schwarzen Straße anbot.

Rund 2000 Neubürger ließen sich auf diese Weise bislang anlocken, darunter viele Senioren. Randy Braumann, ein ehemaliger Kriegsreporter des "Stern", wohnt jetzt ebenso im fernen Osten wie der rheinländische Ingenieur Jürgen Fromberg, 78, der seinen Lebensabend eigentlich am Mittelmeer verbringen wollte.

Bei Heilbuttcarpaccio oder Niederlausitzer Prasselfleisch chillen die Rentner unter Tonnengewölben oder in urigen Patrizierhäusern wie dem "Sankt Jonathan", wo die Gäste unter bemalten Holzdecken speisen. Und Görlitz hat noch mehr zu bieten: Parks, ein Theater, sogar eine Sternwarte.

Das zieht auch Touristen an. Im vergangenen Jahr kamen 118.000 Besucher ins Pensionopolis an der Neiße.

Sogar Hollywood ist vor Ort - wegen der gediegenen Kulisse. Kate Winslet hat hier gedreht, auch Quentin Tarantino oder Jackie Chan ("In 80 Tagen um die Welt"). Den größten Aufwand betrieb der Regisseur Wes Anderson, der ein pleitegegangenes Luxuskaufhaus aus dem Jahr 1913 anmietete: Er baute den Jugendstiltempel zum "Grand Budapest Hotel" um, in dem er die gleichnamige Filmkomödie (vier Oscars) schuf. Auch der Film "Goethe!" mit Moritz Bleibtreu entstand in Görlitz.

Doch reicht das?

Mit seiner Politik des Köderns hat Bürgermeister Deinege zwar den Niedergang gestoppt. Aber noch immer stehen Tausende Wohnungen leer. Die bisherige Verringerung des Leerstands gelang zudem nur, weil die Planer systematisch die Plattenbauten abreißen. Wenn Mieter bereit sind, aus den oberen Etagen nach unten zu ziehen, werden die Betonblöcke einfach abgesägt.

In der Altstadt sind solche Methoden nicht erlaubt. Dort ist jeder Ziegelstein heilig. Schätzungen zufolge hat die Rettung von Görlitz bislang rund eine Milliarde Euro verschlungen. Wer wissen will, wohin der Soli floss - hier kann man es bestaunen.

Aufgehübscht und dennoch leblos, eine Stadt unterm Sauerstoffzelt des Bundesfinanzministeriums - vielleicht wirkt die Stätte deshalb ein bisschen wie ein Potemkinsches Dorf oder eine angemalte Totenkiste. "Wir sind nicht über den Berg", gibt Deinege zu. "Noch kommen bei uns zwei Sterbefälle auf eine Geburt."

Gleichwohl besteht Hoffnung. Anders als sonst wo ist in Görlitz die Schönheit billig zu haben. Das lockt die Leute an. Neubürger Benjamin Andreas, 32, der im Internet mit Abendgarderobe aus China handelt, wohnt seit Kurzem in einem Renaissancepalazzo, in dem schon der Astronom Johannes Kepler übernachtet hat. Durch ein Atrium mit einem Steingeländer steigt man zu seiner Luxuswohnung empor. Sie kostet pro Quadratmeter sechs Euro.

Für die Neiße ist das teuer. Die Mietpreise fangen hier bei drei Euro an.



insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
EinMensch 30.11.2016
1. Würde gerne nach Görlitz kommen
Hört sich alles sehr gut an. Wenn es da Arbeit für einen Mittzwanziger Controller geben würde, der sich langfristig auf DBMS spezialiseren will, dann hätte ich nichts dagegen.
eunegin 18.08.2018
2. wunderbares Alters- und Pflegeheim - in groß
Eine wunderschöne (Alt)stadt, die sich wunderbar als riesiges Altersheim eignet. Das muss nicht negative Assoziationen hervorrufen, bringt aber unglaublich viele Jobs und belebt damit die ganze Stadt. Nur einfach einmal groß denken und ein Großprojekt aufziehen. Viele Rentner/Pensionäre suchen nach einem würdevollen altersgerechten Ruhesitz.
DMenakker 30.11.2016
3.
Reizvoll mit Sicherheit. Nur die Einheimischen und die Nachbarn stören ein bisschen. Solange dort AFD, NPD Linke zusammen eine theoretische absolute Mehrheit schaffen könnten, so lange kann man mir dort eine Villa auf Dauer schenken, mich sieht da keiner.
Bundeszentrale 30.11.2016
4. mal wieder die Lüge vom Solidaritätszuschlag
Zitat: "Wer wissen will, wohin der Soli floss - hier kann man es bestaunen." Falsch! Da der Soli für jeden in Ost und West einfach nur ein Zuschlag zur Einkommenssteuer ist, der völlig ohne Zweckbindung in den Staatshaushalt fließt, ist der Soli überall in Europa zu "bewundern". Der steckt genauso in der Elbphilharmonie, in Stuttgart 21 oder im Kindergarten um die Ecke. Oder in der ukrainischen Armee. Überall dort, wo unsere Steuern etwas finanziert haben. Also auch in den Diäten der Abgeordneten und in den Pensionen der Beamten. Wenn sich der Kreis schließt, dann eher bei den West-Pensionären, die es ins billige Görlitz zieht.
MHille 18.08.2018
5.
Görlitz ist schön und Görlitz ist ein Paradies, man muss es nur sehen wollen! Von Geburt an lebe ich hier und kann nur sagen, dass man auch hier glücklich sein kann. In meinem Freundeskreis ist niemand arbeitssuchend, ergo muss man nicht zwangsläufig wegziehen um in Lohn und Brot zu stehen. Wenngleich es hier tatsächlich schwer ist den Job zu finden den man sich wünscht. Doch trotzdem ist Görlitz wahrhaft eine Perle, die sich immer weiter herausputzt. Dafür benötigt es engagierte Bürger, die etwas bewegen wollen und zum Glück haben wir davon einige!
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