AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2017

Deutsche Entwicklungshilfe im Kongo Wie weit darf grüner Kolonialismus gehen?

Mit deutschem Geld wird im Kongo ein Nationalpark gesichert. Obwohl dort die Ureinwohner vertrieben wurden und die Anzahl der Gorillas sinkt, fließt das Geld weiter.

Gorilla im Kahuzi-Biéga-Nationalpark: Wie weit darf grüner Kolonialismus gehen?
Evelyn Hockstein/ Polaris/ Laif

Gorilla im Kahuzi-Biéga-Nationalpark: Wie weit darf grüner Kolonialismus gehen?


Am Morgen des 26. August wurde Christian Nakulire erschossen. Mit seinem Vater war er im Kahuzi-Biéga-Nationalpark im Osten des Kongo unterwegs. Sie suchten Pflanzen, um den Durchfall seines kleinen Bruders zu behandeln. Ein Trupp von kongolesischen "Öko-Rangern" eröffnete das Feuer auf die beiden Männer vom Stamm der Batwa, eines Pygmäenvolkes. Nakulire war 17 Jahre alt, als er starb.

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Heft 44/2017
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Kahuzi-Biéga - das scheint erst mal weit weg und wäre wohl auch schnell vergessen, wenn nicht auch die Deutschen mit diesem Park zu tun hätten.

Genau genommen ist der Park ein Denkmal deutscher Entwicklungshilfe. Und ein Musterbeispiel ihres Scheiterns. Er ist verbunden mit der Frage, wie weit grüner Kolonialismus gehen darf und wie viele Vertriebene für den Naturschutz in Kauf genommen werden dürfen.

Die Deutschen arbeiten seit Langem mit der Demokratischen Republik Kongo, vormals Zaire, zusammen. Über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), ehemals GTZ, flossen seit Mitte der Achtzigerjahre viele Millionen Euro in die Region westlich des Kivusees. Der Park mit 6000 Quadratkilometern Regenwald am Fuße zweier erloschener Vulkane sollte ein touristisches Kleinod werden. Waldelefanten lebten damals noch da und eine der letzten Populationen der Östlichen Flachlandgorillas. Ein paar Tausend Tiere waren es damals. Heute sind es etwa 200.

Der Misserfolg scheint die deutschen Förderer allerdings nicht stutzig zu machen: Acht Millionen Euro schießt die GIZ jetzt wieder zu, die speziell der "Anrainerbevölkerung" des Parks zugutekommen sollen. Deren Lebensverhältnisse, sagt eine Sprecherin, habe die GIZ klar "verbessert".

Munganga Nakulire hat davon wenig gemerkt. Vor dem Tod seines Sohnes hätten sie als Tagelöhner auf den Bananenfeldern wenigstens noch umgerechnet einen Euro pro Tag verdienen können, erzählt der 48-Jährige. Nach den fünf Schüssen, die er bei dem Zwischenfall abbekam, sei ihm die Arbeit nicht mehr möglich. Nakulire steht mit einem Übersetzer vor seiner Strohhütte in Buyungule und berichtet via Skype. Buyungule ist eines der Dörfer am Parkrand, mit denen für die Batwa eine neue Ära beginnen sollte. "Wir leben hier wie die Tiere, ein bisschen schlechter vielleicht." Bestimmte Organisationen hätten zwar Schulen errichtet, aber das seien dieselben Organisationen, die dafür sorgten, die Kinder aus dem Wald fernzuhalten, um die Tiere und Touristen nicht zu stören. Doch die Touristen kommen im Osten des Kongo, der noch immer von Rebellengruppen beherrscht wird, nicht so oft vorbei.

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Etwa 6000 Pygmäen leben heute an den Parkgrenzen, die meisten von ihnen so verarmt wie Nakulire. Bevor der Park 1970 gegründet wurde, bewohnten sie die Wälder als Nomaden. Niemand konnte besser Tierspuren lesen und seltene Bäume oder Heilpflanzen lokalisieren als sie. Die ersten Europäer, die kamen, nannten die Batwa deshalb "natürliche Kompasse".

"Als ich fünf Jahre alt war, wurden wir aus dem Park geschmissen", erinnert sich Nakulire. "Ein weißer Mann, den sie Adrien Deschryver nannten, kam mit ein paar Dorfchefs und regelte das." Parkgründer Deschryver war ein Nachfahre des letzten belgischen Kongo-Ministers, ein Kind des Kolonialismus.

Es war die Zeit, als der Naturschutz immer mehr Vertriebene hinterließ. Die Zeit, als der Fernsehzoologe Bernhard Grzimek und der erste WWF-Präsident Prinz Bernhard der Niederlande afrikanische Potentaten dazu brachten, "Naturschutzfestungen" zu gründen, wie es Mark Dowie in seinem Buch "Conservation Refugees" schreibt. Weltweit seien seit 1900 über 108.000 offiziell geschützte Gebiete entstanden. Indigene Stammesvölker, die über Jahrhunderte dort gelebt hatten, galten plötzlich als "Wilderer". Weiße Großwildjäger wie der langjährige WWF-Ehrenpräsident Juan Carlos von Spanien, der gern auf Elefantenhatz geht, spielten sich dagegen als Naturschützer auf.

Auch die deutsche Entwicklungspolitik war da nicht viel besser: Das zuständige Ministerium war ab 1982 in CSU-Hand und förderte vorzugsweise autoritär regierende Potentaten. Großwildjäger Franz Josef Strauß war besonders von Zaires Diktator Mobuto Sese Seko angetan, der politischen Gegnern schon mal Extremitäten bei lebendigem Leibe abhacken ließ. Die Deutschen durften mit Erlaubnis des Potentaten den Bau von Straßen organisieren, darunter mehrere Abschnitte der Strecke zwischen Kisangani und Bukavu. Dass ein Teil quer durch den Kahuzi-Biéga-Park führte, störte die Zusammenarbeit ebenso wenig wie die Kritik der Unesco, die um den Weltkulturerbe-Status des Parks fürchtete. Insgesamt machte das Ministerium dafür seit den Achtzigerjahren rund 200 Millionen Mark an Darlehen locker.

"Die Straße zerschnitt nicht nur das Habitat der Gorillas, sondern bereitete einem damals schon absehbaren Krieg den Weg", sagt Karl-Heinz Kohnen, der mehrmals für die Berggorilla & Regenwald Direkthilfe vor Ort war.

Bis heute erleichtert die Piste außerdem die Selbstbedienung in der Region: Rebellengruppen, aber auch der Armee ermöglicht sie die Versorgung mit Wildfleisch und den Transport des für die Handyherstellung wichtigen Minerals Coltan. "Die ersten Profiteure aber waren deutsche Firmen", sagt Kohnen. Mitarbeiter einer Boehringer-Mannheim-Tochter etwa hätten sich von den Batwa die seltenen Prunus-africana-Bäume zeigen lassen, die dann abgeholzt wurden, um aus deren Rinde ein Prostatamittel zu gewinnen. Die Kenntnisse der Batwa auszunutzen, sie sonst aber aus dem Park fernzuhalten, "das war ein Fehler", sagt Kohnen.

Die KfW setzt bis heute auf das Konzept des Artenschutzes durch Aussperrung. Inzwischen ist sie der wichtigste Geldgeber des Parks: Allein im Jahr 2016 kamen gut zwei Millionen Dollar aus den Töpfen der Frankfurter Förderbank, so der Parkdirektor Lucien Lokumu - rund 60 Prozent des Budgets.

Zwar betont eine KfW-Sprecherin, wie sehr man die "Teilhabe lokaler Gemeinschaften" fördere. Die Batwa aber kann sie kaum meinen: Im Parkmanagement bekleiden sie, wenn überhaupt, lediglich untergeordnete Jobs. "In diesem Kolonialmodell von Naturschutz ist die Rolle der Batwa die von verarmten Statisten für Touristen", sagt Stephen Corry, Direktor von Survival International, einer Organisation, die sich für die Rechte von Indigenen einsetzt. "Deutsche Entwicklungshilfe sollte nicht über Stammesland der Batwa entscheiden, ohne deren Genehmigung. Vielleicht denken einige, Gorillas seien wichtiger als Menschen, die Position der deutschen Regierung sollte das nicht sein."

Ganz sicher scheint das nicht: Ein Teil der Unterstützung fließt in die Parkverteidigung und entsprechende Aus- und Aufrüstung. So ermöglicht die deutsche Förderung auch paramilitärische Camps, in denen die Ranger trainiert werden. Dabei geht es in der Regel nicht gegen Rebellen, denn weiter als ein paar Kilometer trauen sich die Wächter sowieso nicht in den Park. Es geht gegen die Batwa.

Was die GIZ- und KfW-Leute zudem übersehen: Forderungen wie der Schutz der biologischen Vielfalt in Naturparks ist in vielen Gegenden Afrikas Verhandlungssache. Kommt eine Ölgesellschaft als möglicher Investor (wie im benachbarten Virunga-Park), sind Kompromisse schnell möglich.

Ist diese deutsche Art des Naturschutzes von GIZ und KfW je hinterfragt worden? Bei der KfW heißt es, ein "Consultant" begleite das Projekt. Bei der GIZ schweigt man dazu.

Weltweit fördert die KfW inzwischen 510 Naturschutzgebiete, 78 davon in Afrika. Immer wieder kommt es dort zu Konflikten. Im Südosten Kameruns arbeitet die Bank mit dem WWF zusammen, der dort Wildhüter unterstützt. Seit Jahren schon gibt es Berichte, wonach diese die dortigen Baka-Ureinwohner foltern und vertreiben, teils sogar selbst Wilderei betreiben. Der WWF räumt eine "heikle Lage" vor Ort ein. Man betont, sich für die Baka einzusetzen, könne aber Übergriffe der vom WWF geschulten und ausgerüsteten "staatlichen Eco Guards" nicht ausschließen.

Survival International hat bei der OECD deswegen kürzlich eine Beschwerde gegen den WWF eingelegt. "Die Arbeit des WWF hat zu jahrzehntelangem Leid für die Baka geführt", sagt Stephen Corry. Statt die Indigenen auszuschließen, sollten sie "an die Front des Naturschutzes gestellt werden. Niemand kann das besser als sie".

Lucien Lokumu, der Parkdirektor im Kongo, schickt noch einen Patrouillenreport vom Tag des Todes Christian Nakulires. Dem unbewaffneten Jungen wird darin vorgehalten, ein "notorischer" Wilderer gewesen zu sein. Sein Vater, lässt Lokumu wissen, sei schließlich kürzlich mit einer erlegten Gazelle erwischt worden. Ansonsten lesen sich die drei Seiten des Berichts wie das Protokoll eines normalen Tagesdienstes: Die Gorillas seien "mit Erfolg" lokalisiert worden, die "illegalen Aktivitäten wurden aufgedeckt" und die Touristen hätten die Affen anschließend "mit Erfolg und Befriedigung" beobachten können.

Die Nachricht vom Tod des 17-Jährigen nahm bei den deutschen Geldgebern des Parks den üblichen Dienstweg. Bei der GIZ dankte eine "Integritätsberaterin" für die E-Mail, die man sehr ernst nehme, sprach den Vater aber ansonsten mit "Frau Nakulire" an.

Die KfW bedauerte den Vorfall. Personen, die sich "negativ betroffen" fühlten, hätten die Möglichkeit zur Beschwerde. Etwa per Onlineformular.



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