AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2016

Kaiserärger im Harz Wie peinlich, das mit dem Heinrich

Aufregung um Heinrich III. - die Stadt Goslar will den 1000. Geburtstag des mittelalterlichen Kaisers feiern. Doch ojemine! Nun stellt sich heraus: Sein Geburtsdatum ist falsch. Von Matthias Schulz


Herrscher Heinrich III., Buchmalerei aus dem 11. Jahrhundert
Bremen, Staats- und Universitätsbibiliothek

Herrscher Heinrich III., Buchmalerei aus dem 11. Jahrhundert

Dass ein Stellvertreter Gottes im Harz Wildschweine schießt, klingt seltsam. Es ist auch schon lange her. Im Herbst 1056 n. Chr. eilte Papst Viktor II. Richtung Brocken und stieg in Bodfeld in einer knorrigen Jagdhütte ab, umgeben von Tannen und Fichten.

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Heft 31/2016
Wie Deutschland sich gegen den Terror wehren kann

Die Datsche gehörte Heinrich III. Der deutsche Kaiser hatte zur Pirsch geladen. Mit Pfeil, Bogen und Speeren - wie die Germanen - robbten die Weltenlenker durchs Unterholz.

Plötzlich wurde dem Gastgeber unwohl. Sieben Tage lang quälte ihn eine Krankheit. Im Fieberwahn, so darf man vermuten, flehte der Gekrönte zum Himmel. Doch die Gebete nutzten nichts. Der Leidende starb am 5. Oktober 1056. Eine Quelle nennt als Ursache ein schweres Gichtleiden. Anderen Notizen zufolge hatte er eine verdorbene Hirschleber verspeist.

So rätselhaft wie das Ableben sind auch die Umstände seiner Geburt. Wo die Mutter mit dem Knäblein niederkam, weiß keiner. Und auch sein Geburtsdatum wurde offenbar falsch berechnet. Ein verblüffende Debatte läuft derzeit: Demnach haben Scharen von Historikern beim kleinen Einmaleins versagt und die biografischen Daten des Kaisers vermasselt. Er kam nicht im Jahr 1017 zur Welt, sondern schon früher.

Der Wirrwarr betrifft einen Mann, dessen Macht bis an die Côte d'Azur und bis nach Ungarn reichte. Einmal, bei einem Besuch in Rom, setzte er auf einen Schlag drei Päpste ab. Der Dom von Speyer, einst die größte Kirche des Abendlandes - Heinrich III. war ihr Bauherr. Seine größte Leidenschaft aber galt dem Harz - und ebendort hat man nun ein Problem mit dem alten Heinrich.

Der Dom von Speyer, einst die größte Kirche des Abendlandes - Heinrich III. war ihr Bauherr
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Der Dom von Speyer, einst die größte Kirche des Abendlandes - Heinrich III. war ihr Bauherr

Der Reichschef verbrachte die meiste Zeit seines Lebens im Sattel. Doch wenn er Pause machte, dann am liebsten in Goslar. Überschwänglich bedachte er den Ort mit Schenkungen und architektonischen Schätzen - Kirchen, Türmen und Stiften. Es entstand ein "nordisches Rom". Auch seine Lieblingspfalz befand sich dort. Sie besaß zwei 47 Meter lange Säle, dazu eine Warmluftheizung.

Die Liebe für den Harz kam nicht von ungefähr. Dort lagen die Bergwerke, aus denen der Regent seinen Reichtum schöpfte. Ausgemergelte Kumpel, darunter auch Kinder, schlugen im Schein von Fackeln Blei und Kupfer aus den Stollen. Im Rammelsberg lag die Ausbeute an Silbererz bei jährlich bis zu 10.000 Tonnen.

Die Mine ist bis heute offen. Auch von Heinrichs Prachtbauten stehen einige in Goslar. Selbst die vergoldete Kapsel, in der sein Pumpmuskel bestattet wurde, west noch in einer Gruft.

All die Wohl- und Wundertaten des Kaisers will man nun feiern. Goslar bereitet fürs nächste Jahr eine Ausstellung zum 1000. Geburtstag des Monarchen vor. 15 ehrenamtliche Verbände sowie der örtliche Museumsverein haben Pläne entworfen, den "wohl mächtigsten Herrscher des Römisch-Deutschen Reichs" zu ehren, wie es stolz in der Lokalpresse heißt.

Sogar das "Evangeliar von Uppsala" wird aus Schweden herangeschafft. Der Kodex ist mit Farbbildern und Lettern aus goldfarbener Tinte verziert. Eine Reihe solcher Prachtbibeln ließ der gottesfürchtige Monarch herstellen. Bei Prozessionen trug man sie als Schaustücke.

Nun aber herrscht Verwirrung bei den Veranstaltern. Ein gewisser Gerhard Lubich behauptet, dass Heinrichs Personalien nicht stimmen. Zwar versucht Goslars Museumsverein, den Mann als "Spielverderber" abzutun. Doch das will nicht richtig klappen.

Denn Lubich ist Professor für Mediävistik an der Universität Bochum und ein anerkannter Fachmann. Er gehört zu den Leitern der "Regesta Imperii": Das Forschungsprojekt wertet alle Urkunden und Zeugnisse der römisch-deutschen Könige und Kaiser aus.

Seit einigen Monaten schon spürt der Professor den Originalquellen zu HeinrichIII. nach, der dem Geschlecht der Salier entstammt. Dafür sichtet er uralte Pergamente und vergilbte Briefe aus dem Hochmittelalter.

Die Quellen sind spärlich. Das Datum von Heinrichs Wiegenfest wird in keiner Chronik direkt erwähnt. "Die Geburt galt damals wenig", so der Forscher, "viel wichtiger war der Todestag." Gleichwohl lässt sich der Geburtstag unzweifelhaft errechnen. In den "Annales Augustani", einem von Augsburger Mönchen verfassten Verzeichnis, finden sich wichtige Hinweise. Dort heißt es, dass der Kaiser am 28. Oktober, also mehr als drei Wochen nach seinem Ableben, beigesetzt wurde.

Grund für die Verzögerung: Ärzte hatten dem Toten zuerst die Bauchhöhle geöffnet, um seine Eingeweide zu entnehmen. Bei einem zweiten Eingriff wurde das Herz freigelegt und in jenem achteckigen Prachtgefäß verstaut, das heute in der Pfalzkapelle von Goslar liegt.

Den Leichnam dagegen wollte man in das rund 400 Kilometer entfernte Speyer schaffen. Dort war eine pompöse Beerdigung geplant. Deshalb versuchten die Kleriker, die Verwesung zu verlangsamen. Gängige Praxis waren das Abwaschen des Toten mit Wein sowie die Verwendung von Harzen und Duftstoffen.

Vielleicht wurde Heinrich auch erhitzt, um ihn unbeschadet über Land zu karren. "Die Deutschen aber entnehmen den Körpern jener Edlen, die in fremden Gegenden sterben, die Eingeweide und kochen dann in Kesseln die restlichen Körperteile ein, bis sich alles Fleisch, die Nerven und Knorpel von den Knochen lösen", schrieb um 1200 ein italienischer Gelehrter.

Laut den "Annales Augustani" wurde der Bestattungstermin in Speyer so gewählt, dass er mit dem Geburtstag des Kaisers zusammenfiel. Etwas umständlich meldet die Chronik, dass just am Tag der Beerdigung sein "41. Lebensjahr" begonnen habe. Er starb also mit 39 Jahren. Rechnet man von diesem Datum aus rückwärts, kam Klein Heini folglich bereits im Jahr 1016 zur Welt.

Bestätigt wird Lubichs Sterbe-Algebra durch eine weitere Schriftquelle, die der Dichter Wipo hinterließ, der Sinnsprüche und schmelzende Verse zur Auferstehung Jesu verfasste. Lange diente er als Erzieher des Prinzen, ehe er dem Trubel entfloh und als Eremit im böhmischen Grenzgebiet verstarb. Wipo erwähnt, dass der Junge elf Jahre alt war, als man ihn im April 1028 krönte. Auch diese Angabe führt zum Geburtsjahr 1016.

Wie peinlich. "Da wurde ein Versehen ungeprüft übernommen", erklärt Mediävist Lubich. Einer schrieb vom anderen ab. Wer die Falschmeldung als Erster in die Geschichtsbücher einschleppte, vermag der Forscher noch nicht zu sagen. Nur so viel: Es sei ein "seit Jahrhunderten transportierter Fehler".

Der Goslarer Kulturleiter Christoph Gutmann hält den Schnitzer für verzeihlich. Schließlich hätten sich auch die Chemiker lächerlich gemacht, als sie das Ernährungsmärchen vom hohen Eisenwert im Spinat in Umlauf brachten.

Heinrich III. würde die Posse dagegen nicht so lustig finden. Der Mann galt als Spaßbremse. Wegen seiner dunklen Haare und der finsteren Miene trug er den Beinamen "der Schwarze". Fast täglich las er in der Bibel. Als Verfechter eines "Gottesfriedens" wollte er Kriegshandlungen nur am Dienstag und am Mittwoch erlauben. Auch ging der Büßer gern barfuß und bezichtigte sich allerlei Sünden. Beim Tod seiner Mutter warf er sich in den Staub - eine Mode der Zeit. Weltliche Freuden genoss der Frömmler nur in kleinen Dosen. Musik und Komödiantentum waren ihm verdächtig. Zu seiner Hochzeit erteilte er den Gauklern Spielverbot.

Fachbücher, Lexika, aber auch Gedenktafeln oder Grabinschriften zu Heinrich III. müssen nun geändert werden. Goslar dagegen kann nichts mehr korrigieren. Um die 1000-Jahr-Schau zu verlegen, ist die Zeit zu knapp. Auch die Ausleihfrist für den kostbaren Kodex lässt sich nicht verschieben. Die Harzstadt kriegt den Fluch der frühen Geburt voll zu spüren.

Kulturexperte Gutmann nimmt es trotzdem gelassen: Die Geschichte klinge ohnehin wie ein Märchen. "Dann feiern wir eben den 1001. Geburtstag."

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insgesamt 2 Beiträge
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Rue 31.07.2016
1. Na und...
Wir haben doch auch alle die Jahrtausendwende zum Jahreswechsel 1999/2000 mit großem Enthusiasmus gefeiert. Keinen hat es gestört, dass das Jahrtausend erst am 31.12.2000 beendet war. Damals ein Jahr zu früh, diesmal ein Jahr zu spät- alles wieder im Lot.
radnomade 01.08.2016
2. Doch ojemine!
Nun stellt sich heraus: Sein Geburtsdatum ist falsch. Nun was solls, Abermillionen feiern falsche Geburtstage, oder wie war das noch mal mit Weihnachten
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