AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2017

Eine Meldung und ihre Geschichte Ein griechischer Bestatter lässt eine Leiche auf der Straße liegen. Und nun?

Sie legten den Toten an den Straßenrand, dann fuhren die Bestatter in Thessaloniki davon. Eine schockierende Nachricht - und die ganze Geschichte.

Neoklis' Leichnam

Neoklis' Leichnam

Von


Der Bestatter Stathis Kessaniotis, 47 Jahre alt, klein und rund, kam gerade von einer langen Tour, er war müde, er hatte eine Leiche in den Norden von Thessaloniki gebracht, wo er zu Hause ist. Da klingelte das Telefon, eine Polizistin war dran. Er solle schnell kommen, es gebe eine Leiche. Die Leiche liege auf der Straße, und niemand hole sie ab. Die Polizistin, die ihn kannte, fragte: "Stathis, hilfst du uns?" Es war Samstagvormittag. Er dachte an sein Wochenende. Er hatte tagelang kaum geschlafen, nichts gegessen, weil essen müde macht, nur Kaffee getrunken, immer ohne Zucker. Aber dann sagte er: "Klar, ich komme."

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 21/2017
Wie Hacker die Welt attackieren. Wie wir uns schützen können.

Er fuhr sein Auto in den Stadtteil Panorama, eine Art Beverly Hills Thessalonikis, am Hang gelegen, mit Pools und Pinien. Warum, fragte er sich, sollte hier eine Leiche auf der Straße liegen?

Stathis hatte früher Fahrzeuge in einem Bergwerk gefahren, Baustoffe, dann war er arbeitslos geworden, weil immer weniger gebaut wurde. Er hatte eine Frau und drei Kinder zu versorgen und war auf die Idee gekommen, in Panorama ein Bestattungsinstitut zu eröffnen. Es dürfte nicht so schwer sein, Tote abzuholen und auf Friedhöfe zu fahren, dachte er, während er die Menschen auf der Straße beobachtete und von vielen Toten träumte.

Eine Zeit lang beobachtete er damals auf dem Gehweg einen alten Mann mit drei Hunden, der den Obdachlosen Essen gab. Bald jedoch hatte Stathis dafür keine Zeit mehr, sein Geschäft gedieh, er eröffnete sechs weitere Filialen.

Mit den Jahren wurde das Geschäft zäh. Es gab immer mehr Bestattungsinstitute, wahrscheinlich weil es eine krisenfeste Branche zu sein schien. Aber Stathis war immer ein Kämpfer, er arbeitet heute mit Krankenhäusern zusammen und holt Leichen für wenig Geld aus dem ganzen Land. "Ich glaube daran, dass man alles, was man im Leben gibt, eines Tages zurückbekommt", sagt er, als er in einem seiner Büros seine Geschichte erzählt, mit einer Stimme, die noch den Staub des Bergwerks trägt.

An jenem Samstagvormittag rollte er langsam vor das Anwesen, das ihm die Polizistin genannt hatte. Der Tote lag vor dem Tor auf dem Asphalt in einem dunkelblauen Leichensack, der seitlich geöffnet war. Eine Decke bedeckte den Kopf des alten Mannes.

Neoklis Kygais, geboren am 25. Februar 1931 als Kind von Fischern, war in den Siebzigern in diese Gegend gekommen, war früher Seefahrer, hatte bei Mönchen gelebt und dort einen reichen Arzt kennengelernt, der ihn, weil Neoklis Arbeit suchte, zu sich nach Panorama mitnahm. Der Arzt baute ihm im Garten ein kleines weißes Haus. Neoklis bewachte dafür sein Anwesen, fütterte und pflegte die Tiere, Hühner, Schafe, Hunde, Katzen. Neoklis hatte ein gutes Leben. Nach Feierabend zog er sich seinen Plastikstuhl an die Straße, saß in der Abendsonne, aß eine Bohnensuppe und grüßte die Leute.

Er war ein armer, alter, verrückter, liebenswerter Mann, sagen, übereinstimmend, die Nachbarn, die Polizistin, ein Sozialarbeiter. Er hatte keine Familie, nur die Tiere.

Vor Jahren hatte ihm eine Tierliebhaberin viel Geld geschenkt. Davon war Neoklis oft mit dem Taxi losgefahren und hatte Futter für die Tiere gekauft. Wenn eine Fahrt 10 Euro kostete, gab er 20. Er half auch sonst, wo er helfen konnte, brachte Obdachlosen Essen. So war sein Geld schnell wieder weg. Aber das störte Neoklis nicht.

Als der Arzt gestorben war, durfte er bleiben, er war ja selbst alt, hatte Herzprobleme, seine Nieren ließen nach. Eigentlich war im Winter allen in der Gegend klar, dass er nicht mehr lange zu leben hätte. Dass es aber so schnell gehen würde, war dann doch überraschend.

Von der Website Shortnews.de

Von der Website Shortnews.de

Ein Mitarbeiter der Stadt wollte ihm, wie jeden Morgen, seine warme Pita bringen. Als er die Tür öffnete, schlug ihm eine Rauchwolke entgegen, Neoklis lag tot hinter der Tür. Die Polizei ermittelte, es muss einen Kurzschluss im Haus gegeben haben. Eine Polizistin rief die Feuerwehr und ein Bestattungsunternehmen an.

Die Bestatter legten Neoklis in den Totensack und trugen ihn in den Leichenwagen. Dann wollten sie ihr Geld, 250 Euro. Aber es gab kein Geld im Haus von Neoklis Kygais. Zwar hatte Neoklis 1000 Euro auf dem Konto, aber die waren am Vortag vom Finanzamt gepfändet worden, weil er die Steuern für die Schenkung nicht bezahlt hatte.

"Was soll dann jetzt passieren?", fragte die Polizistin die Bestatter.

"Wir lassen ihn hier", sagten die.

Sie hoben die Leiche aus dem Wagen und legten sie auf den Asphalt.

Die Polizistin konnte erst mal nicht glauben, was sie sah. Sie überlegte eine Weile, dann rief sie Stathis an.

Der Bestatter Stathis Kessaniotis legte den Leichnam von Neoklis Kygais in sein Auto und fuhr ihn kostenlos ins Krankenhaus. Später wurde der Leichnam im Krematorium aufgebahrt, nach drei Tagen fuhr auch Stathis noch einmal hin. Da erst sah er das Gesicht des Mannes.

"Da habe ich ihn erkannt", sagt Stathis. Es war der alte Mann mit den Hunden, der eine Weile lang vor seinem Büro in Panomara den Obdachlosen Essen gegeben hatte.

In dem Moment fasste Stathis den Entschluss, dass dieser Mann keine einfache Beerdigung bekommen sollte.

Er ließ Blumen kaufen, eine Anzughose, Schuhe, Socken, ein Hemd, blütenweiß. Er bestellte vier Männer, die den Sarg tragen sollten. Die Fahrt zum Friedhof übernahm er selbst, in seiner besten Limousine.



© DER SPIEGEL 21/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.