AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2018

Griechischer Rechtsmediziner Am Evros, dem Fluss des Todes

Im Evros, dem Grenzfluss zwischen Griechenland und der Türkei, sterben immer wieder Flüchtlinge. Ein Rechtsmediziner versucht, den Verstorbenen eine Identität zu geben.

Rechtsmediziner Pavlidis: Die toten Migranten verstören selbst ihn, der viel gesehen hat
Emilien Urbano/ DER SPIEGEL

Rechtsmediziner Pavlidis: Die toten Migranten verstören selbst ihn, der viel gesehen hat

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Braun und schlammig ist er jetzt im Winter, der Fluss, der die Menschen schluckt. Der sie an seinem Grund festhält, in einem Grab aus Schlamm und Ästen. Bis zu 1200 Leichen könnten dort liegen, schätzt Pavlos Pavlidis, die Mehrheit der Toten, sie bleibe für immer dort unten, in den Tiefen des Flusses Evros.

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Heft 10/2018
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Etwa 500 Kilometer ist der Fluss lang, er windet sich aus den bulgarischen Bergen hinunter bis zur Ägäis, und auf den letzten 150 Kilometern bildet er die Grenze zwischen der Türkei und Griechenland. Schon immer kamen Menschen illegal über den Fluss, doch im Zeitalter der Migration, der Kriege und Unruhen ist der Evros ein Ort, an dem der Traum von Europa oft scheitert. Ein scheinbar harmloses Gewässer, an der breitesten Stelle gerade mal 150 Meter. Und dennoch sterben hier immer wieder Menschen; gerade in diesen eisigen Tagen, in denen am Ufer Schnee liegt.

Es ist ein stilles Drama ohne Bilder und somit ohne Aufschrei, die dunkle Seite des EU-Türkei-Abkommens, die man im restlichen Europa lieber nicht so genau beleuchten will. Denn dass weniger Flüchtlinge nach Nordeuropa kommen, liegt auch daran, dass die Grenzen immer schwieriger zu überwinden sind - und der Versuch, sie zu überqueren, immer riskanter wird.

Die, die ans Ufer gespült werden, zerbissen von Fischen und oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt, werden zu Pavlos Pavlidis gebracht, einem Mann von 47 Jahren, Rechtsmediziner am Universitätsklinikum von Alexandroupoli, einer kleinen Stadt nahe der Flussmündung. Seit 17 Jahren arbeitet er als Rechtsmediziner, er hat Mordopfer gesehen, Erwürgte, Erstochene und Gefolterte. Aber selbst einen wie Pavlidis verstören die toten Migranten.

Mit Schwung öffnet er ein Kühlfach und zieht einen Leichnam heraus. Ein weißes Stück Papier, mit Klebeband auf dem Leichensack angebracht, enthält alles, was man über den Toten weiß: "Nicht identifizierter Mann. 4. September 2017".

Seit dem Jahr 2000 wurden 362 Leichen am Evros gefunden, gerade mal ein Drittel von ihnen wurde identifiziert. Die wahre Zahl der Toten dürfte sehr viel höher liegen. Die meisten werden von der Polizei, von Grenzschützern oder Fischern entdeckt. "Einige sind so entstellt, dass wir untersuchen müssen, ob sie eine Gebärmutter oder eine Prostata haben, um das Geschlecht zu bestimmen", sagt Pavlidis.

Zuletzt fanden sie zwei junge Männer, vermutlich erfroren, und einen Ertrunkenen, dessen Leiche unter Schnee begraben war. Und drüben, auf der anderen Seite, wurden vor zwei Wochen die Leichen einer türkischen Lehrerin und ihrer zwei Kinder angespült. Die Frau war wegen angeblicher Verbindungen zum Gülen-Netzwerk aus dem Schuldienst entlassen worden.

Den Toten keinen Namen geben zu können, das ist für Pavlidis das Schrecklichste. Denn das bedeutet: Niemand weint um sie, nimmt am Grab Abschied, wird aus seiner quälenden Sorge um einen geliebten Angehörigen befreit. "Das finde ich verstörend. Sie verdienen unseren Respekt und eine anständige Beerdigung. Und wir schulden ihren Angehörigen Gewissheit."

Der Rechtsmediziner sagt, er habe viel über das Sterben nachgedacht, über die Boshaftigkeit des Menschen. "Ich bin an den Tod gewöhnt", sagt er. "Es gibt bei meiner Arbeit keinen Raum für Sentimentalitäten, man darf sich nicht von seinen Gefühlen überwältigen lassen."

Das heiße jedoch nicht, das Massensterben hinzunehmen. Er hat es sich daher zu seiner Lebensaufgabe gemacht, alles dafür zu tun, dass die Toten identifiziert werden können. Um ihnen ein letztes Stück Würde zu geben.

In diesen Tagen hat er mehr zu tun denn je. Noch nie während der derzeitigen Flüchtlingskrise kamen über den Evros so viele Menschen wie jetzt. Denn seit das EU-Türkei-Abkommen gilt, müssen alle Asylsuchenden, die auf einer der griechischen Inseln angelandet sind, dort in Lagern ausharren, bis ihr Asylantrag geprüft ist. Das kann Monate, sogar Jahre dauern, am Ende könnten sie abgeschoben werden. Die Zustände in den Lagern sind katastrophal. Doch wer es über den Evros schafft, fällt nicht unter diese Regelung. Er kann versuchen, sich nach Nordeuropa durchzuschlagen. Oder auf dem griechischen Festland, unter besseren Bedingungen, Asyl beantragen.

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Die türkischen Behörden geben an, im vergangenen Jahr 50.000 Menschen davon abgehalten zu haben, über die Landgrenze nach Griechenland oder Bulgarien zu gelangen; das sind fast doppelt so viele wie 2016. Rund 6000 Grenzüberquerer sollen von den Griechen angeblich direkt in die Türkei zurückgebracht worden sein.

Die griechische Polizei nimmt immer mehr Migranten im Land fest, die über diese Route gekommen sind. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk hat 2017 rund 5550 Evros-Migranten gezählt. Allein im vergangenen Dezember waren es 450.

Aber all diese Zahlen geben nicht das vollständige Bild wieder, niemand weiß, wie viele wirklich kommen. Und wie viele es nicht schaffen.

Weil die Grenzer auf beiden Seiten aufgerüstet haben, mit Zäunen, Patrouillen und Wärmebildkameras, ist die Überquerung schwerer geworden. Die Flüchtlinge probieren es daher vor allem nachts, aber der Fluss ist heimtückisch, gerade in der Dunkelheit. Da die Schmuggler meist kein Gepäck erlauben, ziehen sich die Fliehenden all ihre Kleidung über den Körper, in mehreren Schichten. Wer von einem der kleinen Schlauchboote fällt, ertrinkt dann schnell. Aus diesem Grund sterben hier, im Evros, Menschen, die den Krieg überlebt haben, die sich Tausende Kilometer durchgeschlagen haben, ein paar Meter bevor sie die Grenze der EU erreichen.

Und selbst wer den Fluss überlebt, ist noch nicht gerettet. Manche sterben danach an Erschöpfung und Unterkühlung, gerade jetzt, im Winter.

Pavlidis geht in sein Büro gegenüber der Leichenhalle. Er startet seinen Computer und klickt auf Polizeifotos von Toten, die am Flussufer gefunden wurden. Da liegt ein junger Mann, der Körper aufgequollen, der Mund offen, das Gesicht verzerrt, die linke Hand an ein Seil gebunden, die rechte Hand wie flehend in den Himmel gereckt.

"Ich bin Wissenschaftler, ein Realist", sagt Pavlidis. "Aber wenn ich das Schicksal dieser Menschen sehe, dann muss ich einfach an Gott glauben, daran, dass das, was geschieht, eine Bedeutung hat, einen Sinn."

Bevor er den Job übernahm, wurden die Leichen schnell beerdigt. Jetzt macht er jedes Mal eine Autopsie und entnimmt Gewebe, um die DNA zu bestimmen; diese Informationen schickt er dann an die Polizei und das Rote Kreuz. Jeder Leichnam bekommt eine ID-Nummer. Alle Informationen, Fotos, persönlichen Gegenstände werden aufgezeichnet und aufbewahrt. Handys, Glücksbringer, Briefe, Ringe, Uhren, meist ist es nicht viel - manchmal allerdings die einzige Möglichkeit, jemanden später zu identifizieren.

Oftmals gibt es nicht mal eine Leiche.

Pavlidis erinnert sich an einen syrischen Großvater, der zusammen mit seinem Schwiegersohn und zwei Enkeln, sechs und acht Jahre alt, den Evros in einem Schlauchboot überqueren wollte. Es kenterte, nur der Großvater schaffte es ans Ufer. Seither sucht er verzweifelt nach seinen Angehörigen, aber er findet nichts, nicht die geringste Spur.

Es gibt auch andere Fälle, wie den jener 55-jährigen Syrerin und ihres 19-jährigen Sohnes. Die beiden wollten den Fluss überqueren, doch dann meldeten sie sich nicht bei ihren Angehörigen. Der ältere Sohn machte sich Sorgen und flog aus Großbritannien nach Griechenland, wo er nach ihnen suchte. Er fand seine Mutter in einem Kühlfach von Pavlidis.

"Das ist meine Belohnung", sagt Pavlidis. "Zu wissen, dass ich manchmal die Toten ihren Angehörigen übergeben kann, dass ich die unerträgliche Pein der Ungewissheit beenden kann." Nur der jüngere Sohn der Syrerin wurde nie gefunden. Auch er liegt vermutlich im Flussbett oder wurde hinunter in die Ägäis gespült.

Wenn sich keine Angehörigen aufgemacht haben, um die Vermissten zu finden, was meistens der Fall ist, werden die Toten nach drei Monaten bestattet. Pavlidis hat den Bürgermeister des kleinen Städtchens Orestiada weit im Norden überzeugt, eine Ecke seines Friedhofs für die toten Flüchtlinge nutzen zu dürfen.

Es ist schwierig, dort, in Orestiada, die Gräber der Migranten zu finden. Keine Grabsteine, Blumen oder Kerzen markieren sie, nur kleine Erdhügel, bedeckt mit Blättern und Zweigen. Einziges sichtbares Zeichen sind kleine Holzkreuze und weiße Plaketten, darauf jeweils eine Zahlenreihe. Es ist die ID-Nummer, die der Rechtsmediziner ihnen gegeben hat.



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