AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2018

Steuertricks der Luxusmarke 8,04 Millionen netto für den Gucci-Gott

Gucci steht für Exklusivität, Extravaganz und extreme Preise. Jetzt kommt heraus: Bei den Steuern wird mit allen Tricks gearbeitet. Manchmal, das ist die Essenz, ist das Modelabel ganz schön billig.

Gucci-Chef Bizzarri (r.), Kreativdirektor Michele: Katzen-T-Shirts für 690 Euro
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Gucci-Chef Bizzarri (r.), Kreativdirektor Michele: Katzen-T-Shirts für 690 Euro

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Auf der Skala von eins bis zehn - eins für Mensch, zehn für Gott - ist Marco Bizzarri heute in Italien eine glatte Neun. Er hat zwar niemanden von den Toten erweckt, das gibt einen Punkt Abzug. Aber einen Sterbenden zu neuem Leben. Das hätte ja auch keiner für möglich gehalten.

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Heft 5/2018
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Bizzarri ist der Allmächtige hinter dem Wiederaufstehwunder Gucci. Jener Edelmarke, die 2014 nur noch die Aura einer zugepuderten alten Diva verströmte, kurz vorm Exitus. Und heute, vier Jahre später, auf dem Hochaltar der Modewelt steht. Angebetet als eines der heißesten Luxuslabels der Welt. Das ist sein Werk. Dafür wird der Gucci-Chef von Analysten vergöttert, die er mit fast 50 Prozent mehr Umsatz im Jahr mal wieder zum Daniederknien gebracht hat. Ganz so wie seine Entdeckung, der neue Kreativdirektor Alessandro Michele, die Gucci-Gläubigen mit seinen knallfrechen, blumenbunten Schöpfungen.

Wie der Große Bizzarri, der mit seinen 1,90 Meter auch sonst fast alles überragt, dieses Wunder geschafft hat? Rücksichtslos. Alles raus und alles anders. Neue Köpfe, neue Kollektionen. Radikal, rigoros, riskant. "Du musst immer ins Risiko gehen", sagte er 2016; wer nicht bereit sei, viel zu riskieren, der könne auch nicht viel gewinnen. Das ist seine Philosophie, auf dem Catwalk ist sie bestens gelaufen. In Bizzarris Steuererklärung wohl nicht. Denn auch bei seinem Gehalt ist Gucci voll ins Risiko gegangen.

Acht Millionen Euro hatte Bizzarri ausgehandelt, pro Jahr. Aber nicht brutto. Netto! Dafür hat ihm die Gucci-Mutter, der französische Kering-Konzern, zu dem auch Yves Saint Laurent und im Moment noch Puma gehören, eine Steuerkonstruktion eng auf Naht gearbeitet. Mit einem angeblichen Wohnsitz in der Schweiz und zwei Arbeitsverträgen. Der eine lief mit Gucci in Italien, der andere mit einer Briefkastenfirma in Luxemburg. Gerade mal 13 Prozent Einkommensteuer sollte Bizzarri so noch berappen. Nun aber ist die Naht anscheinend geplatzt. Mehrere Millionen Euro musste er angeblich nachzahlen, wenn man Gerüchten im Markt glauben darf.

Wie sich der Gucci-Chef ultraschlank durch europäische Steuerlöcher gedrückt hatte, das enthüllen nun interne Dokumente, die dem französischen Onlinemagazin Mediapart zugespielt wurden. Mediapart hat sie mit dem SPIEGEL und anderen Partnern des Journalistennetzwerks European Investigative Collaborations (EIC) ausgewertet. Es kommt selten vor, dass Papiere so einen Aha-Einblick in die Steuertricksereien eines Großkonzerns ermöglichen. Bis auf den Euro genau haben Manager darin vorgerechnet, wie man aus 9,49 Millionen brutto satte 8,04 Millionen netto zaubert. Auf Kosten der Allgemeinheit. Die Firma und ihr Boss, sie könnten so über die Jahre mehr als 50 Millionen Euro gespart haben.

Manchmal, das ist die Essenz, darf es also auch bei Gucci ein bisschen billig sein. Bei einer Marke, die ihre Kunden nicht einfach nur mit Mode ausstattet, sondern mit einem Lebensgefühl: dass nichts zu teuer sein kann, wenn es nur exklusiv genug ist. Nicht das Katzen-T-Shirt für 690 Euro, nicht die Kinderjeans für 495, nicht das Damencape für 9800 Euro. Wenn es um Steuern und Abgaben geht, ist Geiz dann aber plötzlich doch ganz geil.

Dieser Eindruck drängte sich schon Ende November auf. Da wühlte sich die italienische Finanzpolizei drei Tage lang durch die Büros von Gucci in Mailand und Florenz. Der Verdacht: Steuerhinterziehung in einer unglaublichen Dimension. 1,3 Milliarden Euro soll Gucci am italienischen Fiskus vorbeigemogelt haben. Das Unternehmen soll dazu Ware in großem Stil und im großen Bogen über die Schweiz geleitet haben, um die Gewinne dort zu versteuern, nicht in Italien.

Als die Razzia durchsickerte, bestätigte die Firma das Verfahren mit den Standardsätzen in solchen Fällen: dass man darauf vertraue, nichts falsch gemacht zu haben. Und natürlich kooperiere man voll mit den Ermittlern.

Offenbar aber setzt die Gucci-Spitze in Mailand und Florenz schon länger auf Steuersparmodelle, die mindestens so originell und so verwegen sind wie die Modelle, die Chefdesigner Michele kreiert. Das zeigt nun der Fall Bizzarri. Er wohnte jahrelang nicht in Italien, wo er seine Millionen verdiente, sondern im Schweizer Tessin. Angeblich zumindest. Für die Steuer.

Dort findet man bis heute seinen Namen auf einem Klingelschild in Vico Morcote am Luganer See, einem Dorf mit herrlichem Ausblick auf Berge, Wasser und einen sehr freundlichen Pauschalsteuersatz. Den bieten Schweizer Kantone rund 5000 reichen Ausländern an; ein Lockangebot für Multimillionäre. Marco Bizzarri - das geht zumindest aus einer Auflistung von Gucci hervor - war im Jahr mit 146.000 Euro dabei, ganz egal wie viel er verdiente. Ob Bizzarri und die oberen Fünftausend auch anderswo noch etwas versteuern, in den Ländern nämlich, wo das Geld herkommt, das interessiert die Eidgenossen nicht weiter.

Ein paar Bedingungen muss der Steuerschnäppchenjäger aber erfüllen, neben einem großen Vermögen. Die Italiener entlassen einen Topverdiener wie Bizzarri nicht einfach so ins nahe gelegene Steuerparadies. Wer mehr als 183 Tage im Jahr in Italien lebt, muss seine Steuern in Italien zahlen. Wer seinen Arbeitsplatz oder seine Familie in Italien hat, der auch.

Das alles macht es schwer für viel beschäftigte Manager wie den Gucci-Chef, der ein Weltunternehmen mit 4,4 Milliarden Euro Umsatz führen muss - aber nicht in Vico Morcote, sondern in Florenz und in Mailand. Mailand ist 81 Kilometer entfernt; schon wenn es gut läuft, braucht man fast eineinviertel Stunden für die Fahrt. Bei Staus länger.

Bizzarris Apartment hoch über dem Luganer See macht heute auch nicht den Eindruck, als ob er noch oft hier sei. Im Briefkasten stapeln sich mehr als 30 Briefe, die Jalousien vor den Fenstern sind unten; es sieht aus, als habe Bizzarri wochenlang nicht mehr vorbeigeschaut. Wie eine Ferienwohnung in der Nachsaison. 2012 hatte sich Bizzarri hier eingekauft, vorher wohnte er offiziell in einem Nachbarort. Aber wohnte er dort wirklich?

Sein Aufstieg im Mutterkonzern Kering begann 2005, zunächst in London. 2009 wechselte er nach Italien, an die Spitze von Bottega Veneta, der Ledermanufaktur. Bekannt für handgeflochtene Damentaschen wie die große "Cabat", die beim Shoppen auf der Fifth Avenue so gut zu großen Sonnenbrillen wie zu großen Portemonnaies passt - da aber eher zum Inhalt.

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Im Jahr 2010 meldete sich Bizzarri als Schweizer Steuerbürger im Tessin an. Schon vorher hatte ihm der Konzern aber in Mailand eine Wohnung beschafft, ganz diskret. Am 23. Juli 2009 unterschrieb eine Firma namens BV Servizi einen Vierjahresvertrag für ein Luxusapartment an der Piazza Armando Diaz. Besser kann man in Mailand kaum wohnen: nur ein paar Meter vom Dom entfernt, mit Blick über die Stadt; es ist das Penthouse im neunten Stock. BV Servizi? Das BV steht für Bottega Veneta.

Was die Edeltaschenfirma mit dem Apartment vorhatte, stand nicht im Mietvertrag, aber als Büro durfte es ausdrücklich nicht genutzt werden. Mails deuten auf eine Wohnung für Bizzarri in Mailand hin: Ein Kering-Immobilienmann bezeichnete die Suite mal als "Bizzarri-Haus Mailand". Und als es später darum ging, ob Gucci den Mietvertrag von Bottega Veneta übernehmen würde, da bettelte Bizzarri in einer Mail gespielt dramatisch: "Lasst mich nur nicht unter einer Brücke enden."

Offiziell allerdings tauchte er an der Piazza Diaz nicht auf; alle Abrechnungen liefen über den Konzern. So störte nichts den Eindruck, dass Bizzarri in der Schweiz lebt. Alles nach Plan.

Auch sonst lief es perfekt: Ende 2014 ging es der Taschenfirma unter Bizzarri so gut, dem Flaggschiff der Kering-Gruppe, Gucci, dagegen so schlecht, dass Bizzarri noch eine Stufe höher kletterte. Die Mission: Gucci retten.

Bizzarri wusste, was er wert war - und was es der Konzernspitze wert sein würde, ihn als Nothelfer zu bekommen. Kering-Patron François-Henri Pinault, Chef der französischen Eigentümerfamilie, traf sich mit ihm und bot ein exorbitantes Salär. Allerdings nicht allein auf Kosten der Unternehmensgruppe: Der Fiskus sollte beim Megagehalt kräftig mitzahlen.

Das ergibt sich aus einer Mail, die kurz nach dem Treffen bei Bizzarri ankam. Darin bestätigte ein Vertrauter von Pinault das Angebot: "Du wirst in dem angehängten Dokument sehen, dass die Gehaltsteile angesichts deines Status als Nicht-Resident in Italien eine geschätzte Totalvergütung von 8.041 K Euro als Nettogehalt ergeben." 8.041 K, das sind 8,041 Millionen Euro. Doch den Konzern sollte das üppige Gehaltspaket mit allen Nebenkosten nur 9,5 Millionen Euro kosten. Das geht aus einem Anhang der Mail hervor. Um das hinzubekommen, mussten Steuern und Sozialabgaben also auf ein Minimum schrumpfen.

Der Wohnsitz in der Schweiz war dabei aber nicht die ganze Steuerzauberei. Der eigentliche Trick war ein anderer. Bizzarri bekam zwei Arbeitsverträge. Einen in Italien. Und einen zweiten, fetter dotierten, mit einer Briefkastenfirma in Luxemburg.

Es war vermutlich die übliche Masche bei Kering. Schon als Bizzarri bei Bottega Veneta arbeitete, hatte er so einen Luxemburg-Vertrag. Ausgeheckt hatten das die Steuerexperten des Kering-Konzerns, um möglichst viel Geld am italienischen Fiskus vorbeizuschleusen.

Obwohl also Bizzarri bei Bottega Veneta in Italien saß, war er auch bei der Luxemburger Klitsche Castera angestellt. Diese Briefkastenbude war schon im Jahr 2000 von Gucci gekauft worden. Seitdem wird sie von einem Steuerberater geführt, außerdem in wechselnder Besetzung: mal vom früheren Gucci-Chef, mal von Gucci-Hausjuristen, mal von den Personalchefs. Genau die sind zuständig für Arbeitsverträge. Wie es aussieht, hatte die Scheinfirma damit in erster Linie den Zweck, Konzernmanager so steuergünstig wie möglich zu bezahlen.

Als nun Bizzarri Anfang 2015 neuer Gucci-Chef werden sollte, machte ihm Konzernchef Pinault persönlich das Angebot, mit der schrägen Nummer einfach weiterzumachen. "Wir schlagen dir zwei Arbeitsverträge vor", schrieb ihm Pinaults Vertrauter. Einen Angestelltenvertrag mit Castera in Luxemburg - im Jahr 5,8 Millionen Euro brutto. Daneben noch einen Direktorenvertrag mit der italienischen Guccio Gucci; 3,7 Millionen Euro brutto.

Der zweite, der Italien-Vertrag, war offenbar fürs Schaufenster gedacht. Dieses Geld musste Bizzarri in Italien versteuern. Auch da zahlte sich der Wohnsitz im Tessin zwar schon aus. Direktor Bizzarri bekam einen günstigeren Steuersatz, 30 statt 45 Prozent, weil er offiziell als Steuerausländer in der Schweiz lebte. Mehr aber war für ihn bei diesem Arbeitsvertrag nicht herauszuholen. Solche Direktorengehälter werden an der Quelle versteuert, beim Arbeitgeber. Und Gucci in Italien konnte schlecht behaupten, man habe dem eigenen Chef überhaupt kein Geld gezahlt.

Die 5,8 Millionen aus Luxemburg boten da ganz andere Chancen. Wusste der italienische Fiskus überhaupt davon? Oder glaubten die Finanzbeamten, dass die Gucci-Millionen aus Italien alles waren?

Jedenfalls sollte die italienische Steuer vom Luxemburg-Geld nichts abgreifen. Und auch sonst niemand. Da spielte die Wohnung in der Schweiz offenbar eine noch wichtigere Rolle. Als Sichtschutzwand, zwischen Luxemburg und Italien. Der Plan ging offenbar so: Das Geld kam zwar von dort; mit Luxemburg hatte Bizzarri aber tatsächlich nichts zu tun. "Herr Bizzarri geht in Luxemburg keiner Erwerbstätigkeit nach", schrieb der Castera-Steuerberater schon 2013. Deshalb werde das Gehalt auch nicht im Großherzogtum besteuert. "In allen Papieren haben wir angegeben, dass Herr Bizzarri in der Schweiz ansässig ist." Die Luxemburger gaben sich damit zufrieden.

Also landeten die Gelder bei Bizzarri im schönen Tessin, ohne dort eigens versteuert zu werden. Der Gucci-Chef sollte nur jene 146.000 Euro zahlen, mit denen die Schweizer Behörden ihn pauschal eingestuft hatten. So zumindest nachzulesen in einer Aufstellung von Gucci. 146.000 Euro, das machte bei 5,8 Millionen Gehalt aus Luxemburg lächerliche 2,5 Prozent Steuern. Bei den Sozialabgaben sah es ähnlich aus: alles ganz schlank geschnitten. 91.000 Euro blieben in Luxemburg hängen, keine 2 Prozent.

Die Gefahr aber drohte aus Italien: Dort wurde das Geld tatsächlich verdient, dort, in Mailand, hatte Bizzarri wohl in Wahrheit seinen Hauptwohnsitz, dort hätte er sein Gehalt dann versteuern müssen. Sein gesamtes Gehalt, auch das aus Luxemburg. Was aber, wenn die Italiener davon nichts ahnten oder sich nicht weiter darum kümmerten? Schließlich lebte Bizzarri offiziell in der Schweiz.

Dass so eine selten besuchte Wohnung mit überfülltem Briefkasten in der Schweiz allerdings ein riskantes, zu riskantes Steuersparmodell sein könnte, soll auch dem Risiko-Junkie Bizzarri im vergangenen Sommer klar geworden sein. Deshalb, so heißt es, sei Bizzarri plötzlich wieder zum italienischen Steuerbürger geworden und habe freiwillig Millionen nachgezahlt. Am Ende soll dafür der Konzern geradegestanden haben.

War es so? Weder von Kering noch von Marco Bizzarri und Gucci war dazu etwas zu erfahren. Bis Redaktionsschluss reagierten sie nicht auf diese und all die anderen Fragen der EIC-Journalisten. Wer bei Gucci in der Pressestelle nachhakte, strandete nach der Begrüßung in der Telefondauerschleife. Damit bleibt nur, was Kering so treffend auf seiner Homepage schreibt: "Smartes Geschäft macht nicht vor Konventionen halt, es respektiert ein Denken gegen den Strich."

Der Strich, das war in diesem Fall das Gemeinwohl.

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