AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2017

Archäologie Wie Bienen die Entwicklung der Steinzeitmenschen beflügelten

Haben die Steinzeitmenschen die Imkerei erfunden? Funde belegen, dass sich schon vor vielen Tausend Jahren Urmenschen die Leistungskraft der Bienen zunutze machten.

Honigjäger auf Borneo
Biosphoto / fotofinder.com

Honigjäger auf Borneo


Die Bienen gehören zu den meistunterschätzten Geschöpfen des Tierreichs. Zwar ist ihr Fleiß legendär, aber sie gelten auch als anfällig: Stechen sie einen Menschen, zerreißt es sie. Weniger bekannt ist, dass sie ähnlich große Gegner wie Wespen im Luftkampf locker aufspießen. Zudem bewältigen Bienen Sisyphusaufgaben, an denen die meisten Menschen verzweifeln würden.

"Bienen neigen nicht zur Depression, die fangen nach einem Rückschlag immer wieder von vorne an", schwärmt die Archäologin Sonja Guber. Auf einer Grünfläche im Marburger Land hat die Forscherin ein Bienenvolk in einen ausgehöhlten Baumstamm "einlogiert", wie es im Fachjargon der Imker heißt. Ungefähr so, vermutet Guber, könnten es die ersten Imker der Weltgeschichte bereits in der Jungsteinzeit getan haben.

Für den Menschen der Gegenwart ist die sagenhafte Produktivität der Bienen unverzichtbar. Hinter Rindern und Schweinen rangieren die hyperaktiven Insekten auf Platz drei der wichtigsten Nutztiere, haben Bienenkundler der Universität Hohenheim errechnet.

Beflügelte die Leistungskraft der Honigbiene womöglich sogar vor vielen Tausend Jahren den Aufstieg des Homo sapiens?

Zahlreiche Hinweise deuten darauf hin: So haben Archäologen auf prähistorischen Funden aus Mitteleuropa Spuren von Bienenwachs entdeckt - ein Indiz dafür, dass die Frühmenschen bereits Bienenvölker kultivierten.

Nur: Die Imkerei gilt als hochspezialisierte Kulturleistung des modernen Menschen - wie also sollen unsere grobklötzigen Ahnen das bereits in grauer Vorzeit angestellt haben?

Genau dies will Guber im Zuge eines neuen Forschungsprojekts ergründen: In welchen Behausungen hegten die Steinzeitimker ihre Bienenvölker? Und wie gelang ihnen deren Bewirtschaftung?

Denn die Ausbeutung eines Bienenkollektivs gilt als überaus knifflige Aufgabe. Raubt man den Schwerstarbeitern zu viel von ihrem Ertrag, ist deren Fortbestand akut gefährdet. Damit die Bienen genug Energie haben, ihre Wachswaben hochzuziehen oder den Winter zu überstehen, müssen sie ausreichende Mengen des eigenen Honigs süffeln können.

Bislang galt unter Archäologen als gesichert, dass sich die Bewohner der Steinzeit um derlei Fragen der Nachhaltigkeit im Umgang mit der Honigbiene eher wenig gekümmert haben. Uralte Höhlenmalereien aus Spanien bezeugen, wie frühe Honigjäger auf Strickleitern zu den Bienenbehausungen vordrangen und den süßen Stoff aus den Waben klaubten.

Mittelalterliche Darstellung der Imkerei
The British Library

Mittelalterliche Darstellung der Imkerei

Bei einzelnen Bergvölkern im Himalaja rauben Waghalsige auf ähnliche Weise bis heute Wildbienenwaben, indem sie sich ihre Beute an steilen Felswänden erklettern. Derlei Raubzüge sind gewiss tollkühn, aber auch ineffizient und gefährden die Bienenbestände.

Inzwischen sind die Geschichtskundler überzeugt: Den Paläobauern verhalfen nicht nur Ackerbau und Viehzucht zum Durchbruch, sondern auch die Könnerschaft bei der Bienenzucht. Eine Vielzahl prähistorischer Artefakte weist darauf hin, dass die Landwirte der Steinzeit bereits vor 7000 Jahren Wachs und Honig in Serie sammelten - und das mitten in Europa, einem Gebiet, das den Archäologen bislang als imkerische Ödnis galt.

Erst in jüngerer Zeit sei es überhaupt möglich geworden, Zeugnisse der uralten Imkerkultur auch als solche zu erkennen, sagt Guber. Zwei Baumstammröhren aus Weißtannenholz aus dem vierten Jahrtausend vor Christus etwa, die am schweizerischen Bodenseeufer geborgen wurden, ließen sich erst kürzlich als Bienenkästen aus der Jungsteinzeit identifizieren.

Ein weiterer Sensationsfund befand sich bereits seit Jahrzehnten im Besitz von Ausgräbern; doch erst jetzt erkannten die Experten, welcher Schatz ihnen da in die Hände gefallen war.

Schon Ende der Fünfziger- und Anfang der Sechzigerjahre hatten Archäologen nahe der Ortschaft Pöhlde am südwestlichen Rand des Harzes eine Reihe steinerner Klingen und Werkzeuge aus dem Jungpaläolithikum gefunden - einem Zeitabschnitt, der vor etwa 40.000 Jahren begann.

Die Gegenstände gehörten offenbar einer Gruppe Urmenschen, die sich auf ein schwer zugängliches Bergplateau zurückgezogen hatten, um von dort aus die Jagdgründe im Tal zu überblicken. Wie fortschrittlich die Jäger gerüstet waren, kam erst jetzt ans Licht.

Den Forschern fielen Flecken eines schwärzlichen Materials auf, mit denen eine Klinge von der Form eines Teppichmessers behaftet war. Zunächst hielten die Gelehrten die Reste für Birkenpech - doch weit gefehlt.

Eine chemische Analyse der Überbleibsel hat ergeben, dass es sich um einen urzeitlichen Superklebstoff handelt. Offenbar hatten die Steinzeitler ihn aus Wachs und Harz angerührt. Zur besseren Handhabung hatten die Urmenschen mithilfe des Klebers einen Holz- oder Knochengriff mit Schaft an ihre Klinge montiert - eine bemerkenswerte handwerkliche Leistung.

Weit mehr noch verblüfft die Forscher jedoch der Klebstoff. Hinweise auf ein urzeitliches Pattex aus Bienenwachs hatten Archäologen bisher nur durch Experimente im Labor erhalten. Der schwarze Wachsrest an der Klinge von Pöhlde ist der erste Beleg dafür, dass die Steinzeitmenschen tatsächlich bereits in der Lage waren, einen gut haftenden Kleister herzustellen.

Mehr noch offenbart dieser Fund, dass schon die Jäger und Sammler vor über 10.000 Jahren in der Lage waren, Honig und Wachsquellen zu erschließen. Vermutlich war der Boden für die Revolution in der Bienenhaltung dadurch bereits bereitet, als die Menschheit sesshaft wurde.

Ein Team von Wissenschaftlern hat unlängst mehr als 6400 tönerne Töpfe, Pfannen und andere Gefäße aus der Jungsteinzeit untersucht und aufgedeckt, wie verbreitet die Nutzung von Bienenwachs im heutigen Europa zur Zeit des Neolithikums war. Als hilfreich erwies sich bei der Untersuchung, dass der Stoff eine einzigartige chemische Signatur hinterlässt und vergleichsweise schwer abbaubar ist.

Die Forscher untersuchten unter anderem Funde aus der Ortschaft Niederhummel in Oberbayern und der niederösterreichischen Gemeinde Brunn am Gebirge, die mehr als 7000 Jahre alt waren.

Ab 2200 vor Christus hatten die Bewohner der Bronzezeit vermutlich bereits eine boomende Imkerindustrie aufgebaut. Der Bedarf war groß: Honig ergänzte als energiereicher Snack den Speiseplan; Kerzen aus Bienenwachs brachten in den Abendstunden Licht - der wahre Motor der Entwicklung war jedoch wohl schon damals die Rüstung.

Frühzeitliche Waffenschmiede nutzten ein geniales Verfahren zur Herstellung von Kriegsgerät: Schwerter wurden zunächst als Wachsmodell gegossen, anschließend mit Ton ummantelt und über dem Feuer gebrannt; dabei verdampfte unter großer Hitze das Wachs; in die hohle Tonform gossen die Handwerker nun eine Legierung aus Kupfer und Zinn - Bronze.

Diesen Vorgang haben Historiker plausibel rekonstruiert. Doch in der Forschung klafft noch eine erhebliche Lücke: Wie gelang es den Waffentechnikern der Bronzezeit, für jedes einzelne Schwert rund 150 Gramm Bienenwachs aufzutreiben?

Direkte Belege für imkerische Tätigkeit in dieser Zeit sind rar. In Berlin-Lichterfelde entdeckten Ausgräber einen ausgehöhlten Eichenstamm, der in einer bronzezeitlichen Siedlung als Brunneneinfassung verwendet worden war. Diese Zweitverwertung hatte das Artefakt zwar über die Zeit gerettet, doch es war auch lange übersehen worden, dass die Holzröhre ursprünglich um etwa 1100 vor Christus als Bienenbehausung gedient hatte.

Für Guber erweist sich die Enträtselung der prähistorischen Imkerei als fordernder Balanceakt zwischen Fürsorge für die "kleinen Bienchen" - und den Zumutungen des Experiments.

Anfänglich haderte die Archäologin mit den fremdartigen Bienenbehausungen aus Baumholz: Versehentlich zerbrach sie die ausgefeilten Wabenkonstrukte eines Bienenvolks, das sie in einer sogenannten Klotzbeute nach historischem Vorbild untergebracht hatte. Der Schock über dieses Missgeschick saß tief.

"Aber vermutlich", meint Guber, "hat mir das sehr viel mehr ausgemacht als den Bienen."



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