AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2017

Messerattacke in Hamburger Supermarkt "Ja, ich bin Terrorist"

Mit einer 20 Zentimeter langen Klinge stach Ahmad A. in Hamburg auf Passanten ein. Sein Verhalten in den Monaten vor der Tat zeigt, wie er sich in den Hass hineinsteigerte.

Tatort Edeka-Markt in Hamburg-Barmbek am 28. Juli
Zuma Press/Action Press

Tatort Edeka-Markt in Hamburg-Barmbek am 28. Juli

Von


Als Ahmad A. um 15.09 Uhr den Edeka-Markt in der Fuhlsbüttler Straße betritt, geht er direkt zum Regal mit den Messern. Er reißt eines aus der Packung, Klingenlänge 20 Zentimeter, und stürmt auf einen Mann zu, der gerade fürs Wochenende einkaufen will. A. sticht unvermittelt auf den Kunden ein, in die Brust, in den Oberschenkel, in den Bauch. Mathias P., ein 50-jähriger Ingenieur, stirbt noch im Laden.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 46/2017
*AUFWACHEN! Warum China schon jetzt Weltmacht Nr. 1 ist - ein Weckruf für den Westen

Ahmad A. ist wie im Blutrausch. Er ruft "Allahu Akbar", Gott ist groß, und rammt an der Fleischtheke einem weiteren Mann das Messer zwischen die Rippen. Auf der Straße setzt der Palästinenser seine Attacken fort, er greift scheinbar wahllos Männer wie Frauen an. Als mehrere Passanten mit ausländischen Wurzeln versuchen, ihn aufzuhalten, ruft er ihnen zu, er habe es nicht auf sie abgesehen, sondern auf Deutsche und Christen. Die Männer lassen sich nicht beeindrucken, sie greifen zu Stühlen und Stangen, sie werfen mit Steinen, um ihn zu stoppen. Ein Treffer am Kopf lässt A. bewusstlos zu Boden sacken.

Die Messerattacke in Hamburg- Barmbek am 28. Juli schreckte Deutschland auf. Gerade mal ein halbes Jahr nach dem Anschlag vom Berliner Weihnachtsmarkt war wieder ein junger Mann, der als Asylbewerber nach Deutschland gekommen war, zum Attentäter geworden. Nur das Motiv blieb rätselhaft. Der Hamburger Innensenator Andy Grote (SPD) sprach von einer Mischung aus "psychischer Problematik und einer islamistischen Radikalisierung". Bekannte meldeten sich zu Wort: Ahmad A. sei "komisch im Kopf" gewesen. Mal trank er und kiffte, dann war er plötzlich strenggläubig, hielt wirre Reden und wurde aggressiv. Tötete hier ein religiös motivierter Terrorist? Oder ein geistig Unzurechnungsfähiger?

Gut drei Monate nach der Tat hat die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe nun Anklage gegen Ahmad A. erhoben. Die obersten Strafverfolger Deutschlands werfen dem 26-Jährigen Mord sowie sechsfachen versuchten Mord vor. Die Taten des Palästinensers stellten "terroristische Gewaltakte" dar, so die Ankläger, er habe seine Messerattacke als "Beitrag zum weltweiten Dschihad gegen die Ungläubigen" verstanden.

Als Gutachter beauftragten die Bundesanwälte den renommierten forensischen Psychiater Norbert Leygraf aus Essen. Er konnte an mehreren Tagen mit Ahmad A. in der Untersuchungshaft sprechen. Leygrafs vorläufige Einschätzung: A. sei zum Zeitpunkt der Tat wohl weder vermindert schuldfähig oder gar schuldunfähig gewesen, eine Psychose schließe er aus. A. konnte demnach erkennen, was Recht und was Unrecht war.

Bleibt es bei dieser Bewertung, droht A. eine lebenslange Gefängnisstrafe. Der Prozess gegen ihn wird voraussichtlich im Januar vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht beginnen.

Die Ermittler halten Ahmad A. für einen Einzeltäter. Direkte Verbindungen zum "Islamischen Staat" (IS) fanden sie nicht, auch wenn A. sich nach der Tat zu dessen Anführer Abu Bakr al-Baghdadi bekannte. Reue zeigte der Palästinenser keine, im Gegenteil: Er hätte gern noch mehr Menschen umgebracht und selbst als Märtyrer sterben wollen, sagte A. bei der Vernehmung. Auf den Belehrungsbogen kritzelte er: "Ja, ich bin Terrorist." Dem psychiatrischen Gutachter verriet er später, er wünschte sich die Todesstrafe für sich, aber die gebe es in Deutschland leider nicht.

Es bleibt ein Fall mit Fragezeichen. Denn der Mann, der an jenem Freitag im Sommer zum Messer griff, hat wenig zu tun mit dem Mann, den Flüchtlingshelfer im Herbst 2015 kennenlernten, als er in die Containersiedlung in Hamburg-Langenhorn zog.

In Norwegen, Spanien und Schweden war er mit Asylanträgen gescheitert, seit gut sechs Jahren irrte er in Europa umher. Er hätte nach den geltenden Regeln eigentlich sofort wieder nach Skandinavien zurückgeschickt werden können, aber die deutschen Behörden verbummelten die Frist. A. durfte vorerst bleiben und hoffte nun auf Angela Merkels Bundesrepublik.

Zunächst schien Ahmad A. bereit, sich zu integrieren. Er lud Deutsche ein, kochte für sie und sang mit ihnen, ging in die Disco, lernte Frauen kennen.

Im Heim galt der junge Mann aus Gaza als hilfsbereit, er übersetzte für andere Bewohner. In einem Videointerview mit Asylaktivisten sagte er: "Ich glaube an Werte, an gute Werte. Ich hoffe auf Frieden, und ich hasse niemanden" (SPIEGEL 32/2017).

Doch spätestens im Jahr 2016, so glauben die Ermittler, fing Ahmad A. an, sich mit dem Dschihad zu beschäftigen. Er verfolgte die Propaganda des "Islamischen Staats", schaute sich Fotos von Hinrichtungen an und hängte in seinem Zimmer eine kleine selbst gebastelte Fahne auf, die der des IS ähnelte. Er begann gelbe Zettel an die Wand zu kleben mit den 99 schönsten Namen Gottes. In einem Notizbuch befasste er sich mit dem Märtyrertod.

In langen Gesprächen hat Ahmad A. dem psychiatrischen Gutachter Leygraf Einblicke in die Genese seiner Radikalisierung ermöglicht. Die verlief offenbar in mehreren, immer heftigeren Schüben.

Im Frühjahr 2016 habe er festgestellt, dass sein bisheriges Leben falsch gewesen sei, berichtete A. Er habe zum ersten Mal richtig den Koran gelesen und sich wie neugeboren gefühlt. Von da an habe er die Menschen um sich herum in Gläubige und Ungläubige eingeteilt.

Die plötzliche Veränderung fiel auch seinen Freunden auf. Ohne erkennbaren Anlass weinte A. stundenlang. Im April meldete sich erstmals ein Kurde bei der Polizei: Er berichtete, dass sein Bekannter A. aufgehört habe, Alkohol zu trinken und Cannabis zu rauchen, und sich nun offen zum IS bekenne. Doch der Hinweis versickerte zunächst monatelang im Behördenapparat, wegen einer Namensverwechslung.

Die erste radikale Phase hielt bei Ahmad A. nur wenige Monate an, zu verlockend waren offenbar die Drogen, der Alkohol, die Frauen. Doch im Herbst 2016 schlug das Pendel wieder in die andere Richtung.

Ahmad A. tauchte in einem langen Gewand im Flüchtlingscafé an der Hamburger Universität auf, wo er lange Zeit ein gern gesehener Gast war. Er verlas einen selbst verfassten Text aus seinem Notizbuch, wonach die Muslime weltweit unterdrückt würden. Daran sei auch Deutschland schuld. "Wie könnt ihr alle glücklich zusammensitzen", soll er gerufen haben, "der Terror wird auch zu euch kommen." Die Café-Besucher reagierten entsetzt.

In der Untersuchungshaft erzählte Ahmad A. dem Sachverständigen, er habe sich absichtlich auffällig gekleidet und Leute provoziert. Er habe Angst und Panik verbreiten wollen, damit die Deutschen spürten, wie es den Muslimen in vielen Ländern erginge. Zum Töten sei er damals noch nicht entschlossen gewesen.

Ende November lehnte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Ahmad A.s Asylantrag ab. Kurz danach sprachen Hamburger Beamte erneut mit seinem Bekannten, dem Kurden, der schon Monate zuvor vor ihm gewarnt hatte. Er berichtete, A. sei in schlechter Verfassung, er sei traurig und sehe "scheiße" aus. Der Heimleiter meldete der Polizei, dass der Palästinenser nachts durch die Unterkunft laufe und wild gegen die Türen trommle.

Anfang 2017 empfahl der Verfassungsschutz, der seit Monaten in den Fall eingebunden war, den sozialpsychiatrischen Dienst einzuschalten. Die Polizei sah keinen dringenden Handlungsbedarf. Es sei weder eine akute Gefährdung noch eine Straftat ersichtlich, vermerkte eine Beamtin Ende Januar. Ahmad A. schien sich wieder beruhigt zu haben, doch der Eindruck täuschte. Im Internet beschäftigte er sich weiter mit islamistischer Propaganda, wie die Ermittler später herausfanden.

Ahmad A.s Hass steigerte sich womöglich auch deshalb, weil ihm eine Rückkehr in den Gazastreifen verwehrt wurde. Nachdem Deutschland seinen Asylantrag abgelehnt hatte, wollte er zurück in die alte Heimat, zu seiner Familie. Doch die palästinensischen Behörden stellten ihm die nö- tigen Papiere nicht aus. Und so steckte A. in einem Land fest, das ihn nicht wollte, ihn aber auch nicht loswurde. Ein Land, das er inzwischen für ein "Land des Unglaubens" hielt, wie er es nach seiner Festnahme formulierte.

Im Juli 2017 kapselt sich Ahmad A. ab und meidet den Kontakt zu anderen Menschen. Seine alten Freunde sind für ihn nur noch "Hunde". Über das Internet verfolgt er den Konflikt um den Tempelberg in Jerusalem, der in jenen Tagen blutig eskaliert. Es ist wohl der letzte Auslöser für seine Tat.

Am Tag, bevor er im Supermarkt zusticht, ist er wieder im Netz unterwegs. Er liest auf der Seite des arabischen Senders Al Jazeera einen Text über einen palästinensischen Attentäter, der als Vergeltung für die zeitweise Abriegelung der Aksa-Moschee drei Israelis mit einem Messer erstach.

Am nächsten Morgen wirkt A. zunächst unauffällig. Er besucht einen Sprachkurs in der Nähe der Alster, danach geht er zur Ausländerbehörde. Dort wiederholt er, dass er so schnell wie möglich nach Gaza ausreisen wolle, doch die Dokumente fehlen immer noch.

Am frühen Nachmittag nimmt A. am Freitagsgebet in einer Moschee in Barmbek teil. Das Thema, ausgerechnet: der Konflikt um den Tempelberg. Obwohl der Imam alles andere als eine aufwiegelnde Predigt hält, scheint sich A. nun entschieden zu haben: Er will heute zum Attentäter werden.

Als er kurz vor 15 Uhr den Edeka-Markt betritt, kauft er zunächst nur Toastbrot und verlässt das Geschäft wieder. Er zögert. Zwölf Minuten später stürmt er in den Laden zurück.

SPIEGEL TV Magazin: Wie Ahmad A zum Messerangreifer wurde - und was er vor der Tat über sein Leben in Deutschland sagte

SPIEGEL TV


© DER SPIEGEL 46/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.