AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2018

Experten-Interview Woran Notdienst-Mitarbeiter erkennen, dass ein Kind in Gefahr ist

Hannah Kiesewetter und Jürgen Sominka arbeiten für den Kinder- und Jugendnotdienst in Hamburg. Wann schreiten sie ein?

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Ein Interview von


Alle Eltern haben das Recht und auch die Pflicht, für ihre Kinder zu sorgen. Sind sie dazu nicht imstande, muss der Staat helfen. Bei "dringender Gefahr" nehmen Jugendämter die Kinder oder Jugendlichen sogar in Obhut. Aber wann ist die Gefahr dringend? Und wie erfährt die Behörde davon?

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Heft 5/2018
Die Pflegekatastrophe: Deutschland lässt seine Familien im Stich

In Hamburg gibt es seit 1983 den Kinder- und Jugendnotdienst. Bürger sollen nicht wegsehen, sondern eine Hotline anrufen. Hier arbeiten Hannah Kiesewetter, 28, Sozialpädagogin, und Jürgen Sominka, 62, Erzieher. Geht wochenends oder nachts ein Anruf ein, muss das Team entscheiden, ob ein Einsatz bis zum nächsten Werktag warten kann oder ob sie sofort aufbrechen zum Hausbesuch. Ein Foto von sich möchten die beiden nicht veröffentlicht sehen, aber Fragen beantworteten sie gern. Der SPIEGEL stellte sie ihnen, noch bevor der fürchterliche Fall des missbrauchten Jungen aus dem Breisgau bekannt wurde - und die Debatte um den Schutz der Kinder befeuerte.


SPIEGEL: Frau Kiesewetter, Herr Sominka, wer ruft bei Ihnen an?

Kiesewetter: Verwandte, Ex-Partner, Arbeitskollegen aus dem Umfeld der Familien. Sie kriegen mit, wenn kleine Kinder in verdreckten Wohnungen leben, Drogenbestecke herumliegen, Medikamente. Oder wenn Eltern ihr Kind hart anpacken.

SPIEGEL: Wie reagieren die Leute, wenn Sie vor der Tür stehen?

Sominka: Das löst massive Ängste aus. Die Leute sind sofort in der Defensive, man sieht sie im Geist ihren persönlichen Schuldkatalog durchblättern. Manche drohen mit dem Anwalt. Oder es schlägt sich in purer Aggression nieder.

Kiesewetter: Wenn wir Hinweise haben, dass es eskalieren könnte, bitten wir die Polizei um Unterstützung. Die bleibt dann erst mal vor der Tür.

SPIEGEL: Sie gehen immer zu zweit los?

Kiesewetter: Ja. Wenn hinterher Vorwürfe kommen, ist es gut, wenn noch jemand die Situation gesehen hat. Vor allem wenn wir entscheiden, dass wir das Kind mitnehmen. Das ist ja ein extremer Eingriff.

SPIEGEL: Was sind die häufigsten Gründe dafür?

Kiesewetter: Überforderte Mütter und Väter. Beziehungsstreitigkeiten. Sehr oft geht es um Vernachlässigung. Dass uns jemand ruft, weil Kinder geschlagen werden, kommt seltener vor.

SPIEGEL: Laut Bundesstatistik ist bei Kindern unter 14 Jahren Misshandlung in 13 Prozent der Fälle der Grund für eine Inobhutnahme. Bitten Kinder und Jugendliche auch selbst um Obdach?

Sominka: Ja, ziemlich oft sogar. Die müssen wir laut Gesetz auch alle erst einmal aufnehmen. Es gibt schon Zwölfjährige, die nicht mehr nach Hause zurückwollen.

Kiesewetter: Natürlich fragen wir sie sehr genau: Worin besteht die Notlage? Gibt es nicht doch jemanden, der dich aufnehmen kann - Freunde, die Großmutter? Wir machen das auch, weil Jugendliche in einer vertrauten Umgebung nach schlimmen Ereignissen besser zur Ruhe kommen. Die Aufnahme bei uns ist das letzte Mittel.


In Hamburg werden nicht mehr Kinder misshandelt als anderswo, aber mehrere Todesfälle machten Schlagzeilen. Im Jahr 2012 starb die elfjährige Chantal; sie hatte in der Wohnung ihrer drogensüchtigen Pflegeeltern Methadon geschluckt. 2013 starb Yagmur, drei Jahre alt, totgeprügelt von ihrer Mutter, zu der das Jugendamt sie aus einer Pflegefamilie zurückgeschickt hatte. Im vergangenen Oktober starb die zweijährige Ayesha, offenbar hatte der Vater ihr die Kehle durchgeschnitten; die Familie war den Behörden bekannt.

Der Hamburger Senat beschloss Verbesserungen. Die Kita wird nun informiert, wenn das Jugendamt in einer Familie tätig ist. Umgekehrt muss die Kita verdächtige blaue Flecken melden - und das den Eltern auch mitteilen. Ein Rechtsmediziner schaut sich jedes Kind an, bei dem der Verdacht auf Misshandlung besteht. Im Jahr 2016 wurden rund 700 Kinder beim Kinder-Kompetenzzentrum der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf vorgestellt, mehr als je zuvor, sagt dessen Direktor Klaus Püschel: "Hamburg ist eine aufmerksamere Stadt geworden."

Inzwischen werden in Hamburg auch mehr kleine Kinder aus den Familien genommen, 159 im Jahr 2016. Nun wird Kritik laut, das Jugendamt tue nicht zu wenig, sondern zu viel.


SPIEGEL: Nehmen Sie manchmal Eltern die Kinder weg aus Furcht, Fehler zu machen?

Sominka: Mit meiner Erfahrung deckt sich das nicht. Es stimmt schon, in der Sozialarbeit gibt es diese Angst. Trotzdem wundere ich mich manchmal, wie manche Kollegen in den Jugendämtern schwierige Verhältnisse hinnehmen.

SPIEGEL: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Sominka: Ich denke da an eine drogenabhängige Mutter im Methadonprogramm, bei der wir waren, weil sie ihre Termine beim Jugendamt nicht eingehalten hatte. Die Mutter hatte zwei kleine Kinder, eines davon noch ein Säugling. Es war eine chaotische Wohnung. Eine eingeschlagene Glastür, an der man sich gut hätte schneiden können, haben wir gleich mal aus der Wohnung geschafft. Ich hätte die Kinder auch mitgenommen, aber die Kollegen im Jugendamt meinten, eine klare Ansage würde reichen.

SPIEGEL: Ihnen reichte das nicht?

Sominka: Das Risiko ist jedenfalls groß. Diese Frau wird immer wieder in Krisen kommen und sich entziehen. Und mit jedem Kind, das sie in die Welt setzt, wird sie ihre Krise verschärfen.

Kiesewetter: Aber ist das Grund genug, die Kinder rauszunehmen? Ich meine, wir versuchen zu Recht alles, damit die Familie zusammenbleiben kann. Wir müssen das Kindeswohl schützen. Aber dazu gehört auch, dass Kinder mit ihren Eltern zusammen sein können und umgekehrt.


Im Jahr 2016 wurden bundesweit rund 84.000 Kinder in Obhut genommen. Rechnet man minderjährige Flüchtlinge heraus, die gut die Hälfte davon ausmachen, sind es geringfügig mehr als in den Jahren zuvor. Von den Kindern kehren 41 Prozent zurück zu ihren Sorgeberechtigten, von den Jugendlichen nur 13 Prozent. Alle anderen kommen in Pflegefamilien, in betreutes Wohnen oder in ein Heim. Jeder Vierte fand Aufnahme in Einrichtungen wie Jugendpsychiatrie oder Krankenhaus.


Sominka: Wenn Eltern mit den Maßnahmen der Jugendhilfe nicht einverstanden sind, treffen Gerichte die letzte Entscheidung, und die fällt manchmal anders aus. Es ist ein Dilemma: Solange nichts Schlimmes passiert, sind wir das Jugendamt, das den Eltern zu schnell die Kinder wegnimmt. Wenn etwas schiefgeht, heißt es: Hätte man das Kind rechtzeitig aus der Familie genommen, wäre das nicht passiert.

Kiesewetter: Die Öffentlichkeit richtet ihren Blick schonungslos darauf, wenn ein Kind zu Tode kommt. Die Kollegen werden an den Pranger gestellt. Ich kann das verstehen, und ich möchte hier niemanden in Schutz nehmen. Aber hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Wir können nicht in die Köpfe der Leute hineinsehen.

Sominka: Durch die Berichterstattung ist die Sensibilität auf allen Ebenen gestiegen. Das finde ich in Ordnung so. Auch ich habe in meinen ersten Berufsjahren einen Todesfall erlebt, der mir heute nicht mehr passieren würde.

SPIEGEL: Was war passiert?

Sominka: Das war in den Achtzigerjahren. Ein anonymer Anrufer vom Kiez meldete ein vernachlässigtes Baby. Er wollte an einer Telefonzelle auf uns warten und uns die Wohnung zeigen. Durch unglückliche Umstände kamen wir zu spät an, er war nicht mehr da. Wir haben in der Umgebung an ein paar Türen gelauscht, wurden aber nicht fündig. Später konnten wir rekonstruieren, dass der Anrufer mit seiner Meldung noch zur Polizeiwache gegangen war. Aber bis die Information von dort zum zuständigen Jugendamt gelangte, dauerte es. Alles zog sich so lange hin, bis das Kind gestorben war, an Unterernährung.

SPIEGEL: So etwas kommt auch heute vor.

Sominka: Ja, aber dieser Fall wäre so nicht mehr möglich. Solch eine Information würde heute nicht verloren gehen, undenkbar.

SPIEGEL: Ihnen geht der Fall noch nahe.

Sominka: Ja, weil ich mit meinem heutigen Kenntnisstand das Kind gefunden hätte. Ich hätte es an diesem Tag ermittelt, mit der Polizei und dem Jugendamt und durch intensive Nachbarschaftsbefragung. Ich hätte keine Ruhe gegeben, nicht bei einem Säugling! Aber in den Achtzigerjahren hatte man noch zu wenig Erfahrung.

SPIEGEL: Warum? Vernachlässigte Kinder gab es damals doch auch schon.

Sominka: Ja, aber beim Kinder- und Jugendnotdienst standen wir damals ganz am Anfang. Bis dahin hatte es gar keine Institutionen für solche Notfälle gegeben. Da rief man die Polizei, die ging in die Familien und entschied: Die Kinder bleiben zu Hause, oder sie gehen ins Heim.


In Deutschland ist es Eltern seit dem Jahr 2000 verboten, ihre Kinder zu schlagen. Unter den Begriff der Kindesmisshandlung fallen auch seelische Gewalt und Vernachlässigung. Im Jahr 1992 wies die Polizeistatistik 1575 Opfer von Kindesmisshandlung aus. Im Jahr 2016 fast dreimal so viele: 4204. Aber werden tatsächlich mehr Kinder misshandelt? Manches spricht dafür, dass nur die Zahl der Anzeigen gestiegen ist. Jedenfalls werden weniger Kinder als früher getötet. Gab es vor 150 Jahren geschätzt noch mehrere Tausend Opfer pro Jahr und um 1953 rund 200 Opfer im alten Bundesgebiet, starben im Jahr 2016 in Deutschland laut der Polizeistatistik 133 Kinder gewaltsam. Die Täter sind meist Eltern oder Stiefeltern.


Sominka: Man muss bei Misshandlung nicht immer gleich an den Tod denken, sondern auch an verpasste Lebenschancen. Es muss wirklich nicht jeder Abitur machen. Aber jeder sollte eine halbwegs gesunde, beschützte Kindheit haben und auch eine positive Entwicklung machen können.

SPIEGEL: "Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit", verlangt das Gesetz - ein weit gefasstes Ziel. In Berlin schlägt die FDP vor, Kinder aus kriminellen Clans herauszunehmen.

Kiesewetter: Wenn sich die Clan-Eltern um ihre Kinder kümmern und keine Anzeichen für eine Kindeswohlgefährdung vorliegen, gibt es dafür aber keine rechtliche Handhabe.

SPIEGEL: Das schlechte Beispiel zählt nicht?

Sominka: Nein. Man kann nicht einfach machen, was man selbst vielleicht sinnvoll findet. Wenn einer Frau schon vier Kinder weggenommen wurden, und nun kommt das fünfte, kann ich es nicht mitnehmen, auch wenn ich ahne, wie es laufen wird. Die Frau könnte ja zu diesem Kind eine bessere Beziehung aufbauen als zu den anderen. Aber wir müssen dafür sorgen, dass sie Hilfe bekommt und auch annimmt.

SPIEGEL: Welches sind für Sie Anzeichen konkreter Gefahr?

Sominka: Abgekratzte Tapeten am Kinderbett zum Beispiel. Das lässt darauf schließen, dass man das Kind lange allein im Bett hat liegen lassen. Der Blick ins Kinderzimmer ist immer wichtig. Gefahrenquellen wie lose Steckdosen - das lässt sich ja alles noch regeln. Aber hat man das Gefühl, hier lebt ein Kind, das sich wohlfühlt?

Wenn jemand seit Wochen seinen Müll in der Wohnung gesammelt hat, habe ich nicht viel Hoffnung, dass sich das ändert. Das ist dann auch eine Gefahr. Aber ich sag mal so: Wenn Eltern und Kinder liebevoll miteinander umgehen, können wir uns vielleicht darüber unterhalten, wie wir zum Beispiel das Problem mit dem eingekoteten Bett lösen.

Kiesewetter: Wenn es zwischen den Erwachsenen gewalttätig wird, sind auch die Kinder in Gefahr. Die nehmen wir dann so gut wie immer mit. Neulich rief uns die Polizei zu einer Familie, die hatte ein Mädchen und einen Jungen, ein und vier Jahre alt. Als wir kamen, hatte die Polizei den Kindsvater schon der Wohnung verwiesen. Die Mutter wirkte nicht zurechnungsfähig. Sie gab zu, Marihuana konsumiert zu haben. Es roch dort auch nach Katzenurin. Das alles wäre schon Anlass genug, die Kinder mitzunehmen, aber hier kam noch etwas dazu.

SPIEGEL: Was war das?

Kiesewetter: Normalerweise reagieren Kinder stark, wenn es zu Gewalt kommt und die Mutter weint. Diese beiden saßen apathisch auf dem Arm der Polizisten. Ich habe das ältere Kind angesprochen, es hat nicht reagiert, da war kein Blickkontakt.

SPIEGEL: Und die Mutter?

Kiesewetter: Als wir ihr sagten, wir nehmen die Kinder erst mal für die Nacht mit, hat sie das zur Kenntnis genommen: Ja, okay. Auch als die Polizisten uns die Kinder in den Arm gaben, war da keinerlei Abschiedsgeste. Das ist für mich ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Es muss nicht zu dramatischen Szenen kommen. Aber wenn Mutter und Kinder so apathisch reagieren, gehen bei mir die Alarmglocken an.

SPIEGEL: Was geschah mit den Kindern?

Kiesewetter: Wir haben sie im Kinder-Kompetenzzentrum der Rechtsmedizin vorgestellt. Die Ärztin ging davon aus, dass sie in ihrer Entwicklung beeinträchtigt waren, weil sie emotional vernachlässigt worden sind. Sie kamen erst mal in eine Einrichtung. Zwei Wochen später habe ich sie dort noch mal gesehen. Diesmal hat der Kleine reagiert, er wollte mir Sachen zeigen. Da merkt man, wie stark die Umgebung auf ein Kind wirkt.

Sominka: Es gibt auch ganz andere Beispiele: Vor einigen Jahren wurden wir wegen eines Beziehungsstreits in eine Hochhaussiedlung gerufen. Die Familie hatte ein Neugeborenes, damit war sie wohl überfordert. Als der Vater die Tür aufmachte, hatte die Mutter sofort die Angst: Ich verliere mein Baby. Sie klammerte es an sich, lief auf das geöffnete Fenster zu, neunter Stock, und schrie, dass sie sich da runterstürzen würde. Während mein Kollege mit dem Mann beschäftigt war, habe ich mit der Frau am Fenster gerangelt, um an das Kind heranzukommen, zeitweise hingen wir beide halb draußen.

SPIEGEL: Müssen Sie öfter Eltern ihre Kinder mit Gewalt wegnehmen?

Sominka: Es kommt vor, zum Beispiel, wenn die Polizei einen Haftbefehl umsetzen will. Eine Rumänin saß immer mit einem Baby am Bahnhof und bettelte. Die Polizei hatte sie am Wickel. Sie konnte nicht belegen, dass es ihr Kind ist. Wir haben ihr angeboten, mit ihr dorthin zu fahren, wo sie wohnt, damit sie uns ihre Papiere zeigt. Alles vergebens. Am Ende war ich gezwungen, der Frau das Kind aus den Armen zu reißen - und es dabei nicht zu verletzen.

SPIEGEL: Wie fühlt sich das an?

Sominka: Schlimm.

Kiesewetter: Kinder, die schon verstehen, worum es geht, fangen manchmal an zu weinen, wenn man ihnen sagt: Du kommst jetzt mit. Eine natürliche Reaktion, die hängen ja auch an ihren Eltern. Das ist schwer zu ertragen. Einmal kamen wir zu einer Mutter, mit der das Jugendamt die Absprache hatte: Sie hat nicht mehr betrunken zu sein, sonst sind ihre Kinder weg. Sie hatte ihre Chance, aber nun torkelte sie herum, war nicht Herrin ihrer Sinne.

Als wir sagten, dass wir die Kinder mitnähmen, geriet sie völlig außer sich, hyperventilierte, die Kinder weinten und haben sich uns verweigert. Sie waren auch noch nicht so alt, dass wir hätten sagen können: Okay, dann lassen wir euch hier. Eine Kollegin hat sich mit der Mutter auseinandergesetzt, ich habe mit den Kindern geredet und habe sie nach draußen gebracht.

SPIEGEL: Wie?

Kiesewetter: Ohne Gewalt, aber mit Nachdruck. Ich frage: Möchtest du noch ein Kuscheltier mitnehmen? Ich zerre sie nicht an der Hand aus der Wohnung. Ich versuche, sie durch eine Berührung in Richtung Tür zu lenken. Irgendwie habe ich auch diese beiden dazu bewegt, mit uns ins Auto zu steigen.

Sominka: Kinder wollen auch in solchen Familien bei den Eltern bleiben. Selbst im schlimmsten Dreck oder wenn sie Schläge bekommen - es ist ihre Welt. Wir versuchen dann, ihnen klarzumachen, dass es erst einmal vorläufig ist.


Der Hamburger Kinder- und Jugendnotdienst ist auf einem weitläufigen Gelände in einer ruhigen Gegend untergebracht. In Wohngruppen kommen bis zu 50 Jugendliche kurzzeitig unter. Auch auswärtige Jugendliche, die in Hamburg stranden, finden vorübergehend Obdach. Die Türen nach draußen sind offen, aber wer hinein will, muss klingeln. Eigentlich soll die Unterbringung hier nur wenige Tage dauern, bis eine dauerhafte Lösung gefunden ist. Aber es gibt Kinder und Jugendliche, die länger bleiben, manchmal über Monate, weil sie schon alle Einrichtungen durchlaufen haben, sogenannte Systemsprenger.


Sominka: Wir haben hier gerade einen Jungen von außerhalb. Er ist 14, war monatelang allein in ganz Deutschland unterwegs. In Hamburg hat er sich einer Bande angeschlossen, die gewerbsmäßig Alkohol klaut. Die Polizei hat ihn bei uns abgegeben. Das Familiengericht hat angeordnet, dass er geschlossen untergebracht werden soll, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Aber in ganz Hamburg findet er keine Aufnahme.

SPIEGEL: Kommt so etwas häufiger vor?

Sominka: In einer Stadt wie Hamburg gibt es immer Jugendliche, die nicht erreichbar sind, auch nicht durch die Jugendhilfe. Sie gehen nicht zur Schule. Sie versinken in Kriminalität und Drogenkonsum. Sie werden nach ihrer Behandlung aus der Psychiatrie entlassen oder fliegen aus ihrer Einrichtung, und dann sind wir wieder ihre Anlaufstelle.

SPIEGEL: Wieso fliegen die dort raus?

Sominka: Das sind alle möglichen Regelverstöße: Einer geht nicht regelmäßig zur Schule, kommt abends spät nach Hause, stört das Miteinander in der Gruppe.

SPIEGEL: Manche nehmen Sie in Einzelbetreuung. Was sind das für Jugendliche?

Kiesewetter: Einige hängen irgendwie zwischen Jugendpsychiatrie und Jugendhilfe. Sie sind traumatisiert, laufen weg, verletzen sich selbst, nehmen Drogen. Selbst in unseren Wohngruppen finden es manche schwer, sich an die Regeln zu halten.

SPIEGEL: Schließen Sie Jugendliche ein?

Sominka: Das dürfen wir nicht, egal wie aggressiv jemand wird. Das wäre Freiheitsentziehung, die kann nur ein Richter genehmigen. Aber wir haben wegen einzelner Jugendlicher Polizeieinsätze auf dem Gelände.

SPIEGEL: Was steckt dahinter, wenn Kinder von sich aus bei Ihnen Zuflucht suchen?

Sominka: Oft sind es die typischen Probleme der Pubertät. Der Wunsch nach mehr Freiheit. Aber auch häusliche Gewalt. Konflikte mit den Eltern werden heute mitunter sehr aggressiv ausgetragen, auch vonseiten der Kinder.

Kiesewetter: Manche Eltern prügeln sich mit ihren Kindern. Der Sohn schlägt beim Vater zurück. Oder schlägt als Erster zu. Das geht so mit 15, 16 los.

SPIEGEL: Kinder bedrohen ihre Eltern?

Sominka: Ja, von denen schauen sie sich das ja zum Teil auch ab: Ein Mädchen wirft Dinge durch die Wohnung, weil seine Eltern nicht wollen, dass es bei der Freundin schläft. Es holt sich ein Messer aus der Küchenschublade, um seine Bedürfnisse durchzusetzen. Uns rufen völlig verzweifelte Eltern an. Sie sagen: Ich stehe vor meiner Wohnung und traue mich nicht aufzuschließen, sonst läuft sie weg oder geht auf mich los.

SPIEGEL: War das schon immer so?

Sominka: Nach meiner Wahrnehmung nimmt das zu. Schon bei kleineren Kindern kommt es vor, dass sie abends keine Ruhe geben, sondern ihre Mütter terrorisieren - sodass die hier anrufen und sagen: Ich kann nicht mehr, ich krieg das Kind nicht ins Bett.

SPIEGEL: Und dann fahren Sie los und bringen das Kind ins Bett?

Sominka: Im Einzelfall vielleicht, ja. Ich erinnere mich an einen Sechsjährigen, dessen Eltern sich nicht trauten, ihm Grenzen zu setzen. Der Junge drohte, Mobiliar zu zerstören, und hatte auch schon Scheiben eingeworfen. Mir blieb nichts anderes, als ihn zu Boden zu bringen und ihn mir vor die Brust zu klemmen, bis der Wutausbruch vorbei war und er Ruhe gab.

SPIEGEL: Haben Sie ihn mitgenommen?

Sominka: Nein, das mussten wir dann gar nicht mehr. Die Eltern waren fasziniert, welche Möglichkeiten man hat. Die haben sich einfach nicht getraut, dieses Kind anzufassen und mal festzuhalten.

Kiesewetter: Das ist ja auch schwierig...

Sominka: Es ist auch keine dauerhafte Lösung. Klar braucht die Familie therapeutische Unterstützung. Aber als Notdienst müssen wir nur eine Minimalstlösung finden. Bis am nächsten Werktag die Kollegen vom zuständigen Jugendamt übernehmen. Wir sind nur die Feuerwehr.

SPIEGEL: Warum, glauben Sie, kommt es heute häufiger zu solchen Situationen?

Sominka: Eine Tatsache ist: Die Pubertät setzt immer früher ein. Oft haben aber schon die Eltern nicht gelernt, sich eigene Grenzen zu setzen. Oder sie sind selbst noch halbe Kinder. Sie stellen den Nachwuchs mit Elektronik ruhig. Es gibt keinen Hausbesuch, wo nicht der Fernseher läuft. Bierdosen stehen rum, Hunde gehören dazu, am besten ein Kampfhund. Oder Katzen, aber dann gleich mehrere.

SPIEGEL: In Hamburg ist jedes fünfte Kind armutsgefährdet. Sind Eltern so arm, dass sie ihre Kinder nicht ernähren können?

Kiesewetter: Nein. Es gibt aber Familien, die mit ihrem Geld nicht auskommen. Neulich hatten wir so eine Familie mit drei Kindern. Da gehen wir hin und schauen nach, ob im Kühlschrank noch genug zu essen ist. Wir hatten Geld dabei, um Brot, Nudeln und so weiter zu kaufen, damit die Familie über das Wochenende kommt. Aber die hatten noch genug. Sie haben auch einen Plan vorgelegt, wie es weiterlaufen soll. Die Kita hatte angeboten, Essenspakete bereitzustellen. Da war die Hilfe schon ins Rollen gekommen. Wenn Unterernährung ein Thema ist, hat das mit Vernachlässigung zu tun.

SPIEGEL: Haben Sie auch Einsätze in besseren Vierteln?

Kiesewetter: Ja, und nicht mal so wenige. Die Problemlagen sind aber im Prinzip die gleichen: Beziehungskonflikte, Alkohol, andere Suchterkrankungen.

Sominka: Ein Unterschied ist: Wohlhabende können sich einen teuren Anwalt und Gutachten leisten. Ich finde es ja richtig, dass Eltern sich gegen unsere Entscheidungen wehren können, um ihr Recht durchzusetzen. Aber den Preis dafür zahlen in manchen Fällen die Kinder. Dabei können wir durchaus kreativ sein, wenn es darum geht, eine Lösung zu finden. Ich hatte mal vom Jugendamt eine Meldung über eine alleinerziehende Mutter bekommen. Die Wohnung sei extrem verschmutzt, es liege Drogenbesteck auf dem Tisch. Da wollten die Kollegen eigentlich, dass wir die Kinder rausholen. Ich hatte aber in den Berichten gelesen, dass die Beziehung zwischen den Kindern und der Mutter eigentlich stimmte. Ich habe die Frau angerufen: Passen Sie auf, wir haben eine Meldung über Sie, ich komme im Laufe des Tages vorbei.

SPIEGEL: Und?

Sominka: Als ich kam, war der Fußboden noch feucht, ich habe selten so viel Putzmittel gerochen. Eigentlich wissen viele Leute ja, was bei ihnen falsch läuft. Es fehlt ihnen bloß jemand, der sie mit der Nase hineinsteckt und sagt: Du musst was verändern.



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