AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2018

Obdachlose im Überlebenskampf Nachts, wenn die Kälte wiederkommt

Viele Obdachlose in Deutschland stammen aus Osteuropa. Hamburg galt als besonders hilfsbereit - inzwischen will die Stadt die Menschen lieber loswerden.

Mauricio Bustamante / DER SPIEGEL

Von Bruno Schrep


Wo er heute Nacht schlafe? Piotr P. schaut auf den strömenden Regen, zuckt mit den Schultern, ratlos. Aus dem Treppenhaus, in dem er Unterschlupf gefunden hatte, haben ihn am Morgen Polizisten vertrieben, ein Mieter hatte ihn verpfiffen. In die überdachte Ladezone hinter dem Supermarkt, sein Ausweichquartier, kann er auch nicht mehr, der Hausmeister hat den Zugang mit Stacheldraht versperrt. Und die winzigen Kammern in der nahe gelegenen Kirchengemeinde, reserviert für arme Teufel wie ihn, sind alle belegt.

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Heft 11/2018
Depression: Wie gerät man hinein - wie kommt man heraus?

"Manchmal ist das Leben ein bisschen schwer", seufzt der Obdachlose aus Polen. Seit Stunden steht er jetzt, einen leeren Plastikbecher am ausgestreckten Arm, in einer Fußgängerzone in Hamburg-Altona. Außer einer 20-Cent-Münze, die ein mitleidiger Passant spendiert hat, hat er nichts eingesammelt. In seiner Verzweiflung versucht er es mit Humor. "Hast du mal 1000 Euro für mich?", ruft er Passanten zu. "Hat jemand Gold dabei?"

Er zittert, leert ein Fläschchen Kräuterlikör in einem Zug. Das war's. Alle Alkoholvorräte sind aufgebraucht, er brauchte so dringend Nachschub, und wenn es nur ein oder zwei Flaschen Bier wären. Wodka wäre besser.

Oder, noch viel besser, eine Prise Heroin zum Inhalieren.

26 Jahre ist er alt, seine Gesundheit ruiniert. Ohne Job, ohne Geld, ohne Wohnung. Ohne Perspektive. Und dann noch die verfluchte Sucht. "Ich möchte mich so gern ändern", sagt er, "aber ich kann nicht." Keine Kraft oder keinen Willen mehr, wen kümmert das schon?

Etwa 2000 Obdachlose leben derzeit auf Hamburgs Straßen. Sie betteln oder verkaufen Zeitungen, einige haben schon am Vormittag eine Pulle Schnaps in der Hand. Männer, Frauen, auch Kinder nächtigen in Hauseingängen und Ladenpassagen, kampieren unter Brücken, zelten neben Bahngleisen.

Erst am Dienstag starb einer von ihnen: Bei der Einfahrt in ein Parkhaus hatte ein Autofahrer den Schlafenden übersehen und mitgeschleift.

Andere Städte haben das gleiche Problem mit Wohnungslosen. In Köln lagern nachts viele rund um den Dom, Ordner wecken sie auf, bevor die Touristen kommen. In Frankfurt am Main fliehen die Berber vor der Kälte nach unten in die U- und S-Bahn-Station Hauptwache. In Dortmund, wo 300 bis 400 Menschen auf der Straße leben, setzt die Stadt auf Abschreckung. 2017 verteilten Mitarbeiter des Ordnungsamtes mehr als 400 Knöllchen an Obdachlose, als handelte es sich um Parksünder. Ein Mann, der vor einem Kiosk in der Innenstadt übernachtet hatte, erhielt ein Bußgeld von 20 Euro aufgebrummt, wegen "Lagerns, Kampierens und Übernachtens an öffentlichen Plätzen".

Rund die Hälfte der Wohnungslosen stammt aus Osteuropa. Seit sich in der Europäischen Union alle Bürger frei bewegen können, suchen vor allem Polen, Bulgaren und Rumänen in deutschen Großstädten nach einer Zukunft. Doch der rot-grüne Hamburger Senat versucht, den Zuzug zu stoppen und die Gestrandeten zur Rückkehr zu bewegen.

Pole Piotr P.
Mauricio Bustmamante / DER SPIEGEL

Pole Piotr P.

Nicolae T., 32, geboren in Bukarest, ist über Wien nach Hamburg gekommen. Jetzt sitzt er vor einem Lebensmittelmarkt und löffelt eine Suppe, ausgegeben vom Imbiss gegenüber. Das Leben auf der Straße hat Spuren hinterlassen. Seine Bewegungen sind fahrig, sein Gang ist unsicher, ständig kratzt er sich am Rücken.

Gerade mal sechs Jahre lang besuchte er eine Schule, einen Beruf hat er nie gelernt. Als er Rumänien verließ, weil es für ihn weder Arbeit noch Hoffnung gab, glaubte er an eine Wende, doch das ist vorbei. "Wenn du kein Deutsch sprichst, hast du null Chancen auf einen Job", erklärte ihm ein Sozialarbeiter. Seitdem lebt er in den Tag hinein, bettelnd, angewiesen auf die Gnade von Menschen, die ihn nicht verstehen und die er nicht versteht. Gedanken an die Zukunft habe er längst aufgeben, erzählt er. Er denke nur noch: "Was kriege ich morgen zu essen?"

Kiril B. aus Bulgarien fleht um Almosen, damit seine Verwandten in der Heimat überleben können. Der Mann aus Sofia trinkt nicht, raucht nicht, spart jeden Cent. Stolz zieht er den Beleg einer Überweisung nach Bulgarien aus der Brieftasche, 50 Euro. "Für meine vier Kinder", sagt der 44-Jährige, und Großeltern gebe es auch noch. Seine Frau sei tot, die Familie auf ihn angewiesen.

Um neun, bevor die meisten Geschäfte öffnen, setzt er sich trotz Eiseskälte vor die Läden in Hamburgs bekanntester Einkaufsmeile, der Mönckebergstraße, vor sich ein Schild mit der Aufschrift "Ich habe Hunger". Ein Landsmann hat es für ihn geschrieben, Kiril B. kann kaum lesen und schreiben. Manche Passanten schenken ihm Lebensmittel, mal einen Hamburger, eine Laugenbrezel, die meisten geben Geld. Erst wenn die Läden schließen, räumt Kiril B. seinen Standort. Wenn 20 Euro zusammengekommen sind, ist er zufrieden.

Dreimal in den vergangenen Wochen haben ihn Polizisten, gerufen von Ladenbesitzern, von seinem Sitzplatz vertrieben; kurz darauf saß er wieder da, nur ein paar Meter weiter. Die Zettel, die ihm die Beamten in die Hand drückten, konnte er nicht entziffern, und von dem, was sie sagten, verstand er nur das Wort "Platzverweis".

Die Stadt Hamburg versucht, Menschen wie Nicolae T. und Kiril B. loszuwerden, lieber heute als morgen. Als Hebel dazu dienen unter anderem die Vorschriften des Freizügigkeitsrechts: EU-Ausländer, die sich länger als ein Vierteljahr in Deutschland aufhalten, müssen belegen, dass sie eine feste Arbeit haben oder zumindest nachweislich eine Beschäftigung suchen.

Wer das nicht kann oder will, soll raus, denn die bettelnden Obdachlosen aus Osteuropa werden zunehmend als Ärgernis empfunden: von Geschäftsleuten in der Innenstadt, die einen Protestbrief an den Senat schrieben; von Bürgern und Touristen, die sich durch den Anblick oder die Anmache belästigt fühlen; von Politikern der etablierten Parteien, die ein weiteres Erstarken der AfD fürchten.

Hamburgs Innensenator Andy Grote spricht von "Grenzen der Freizügigkeit", sein Sprecher ergänzt: Wenn die Bewegungsfreiheit in der EU missbraucht werde, müsse ein "Stoppsignal" gesetzt werden. In der Praxis heißt das: Auf Straßen und Plätzen werden ausländische Obdachlose immer öfter kontrolliert, Polizisten lassen sich Pässe und Papiere zeigen.

Die Vorgehensweise ist umstritten. Zwar sind Kontrollen erlaubt, "aber nur im Einzelfall", moniert Rechtsanwalt Heiko Habbe, ein Sozialrechtsexperte, der die Hamburger Diakonie berät. Die systematische Überprüfung ausländischer Wohnungsloser ohne akuten Anlass ist nach seiner Ansicht "rechtlich nicht zulässig".

Die praktischen Folgen für die Betroffenen: Wer nicht arbeitet, dem drücken Polizisten eine schriftliche Aufforderung in die Hand, sich umgehend bei der Ausländerbehörde zu melden. Wer dort nicht binnen vier Wochen einen Beschäftigungsnachweis vorlegt, bekommt ein Busticket in die Heimat spendiert, zwecks mehr oder minder freiwilliger Ausreise.

Von März bis Mitte Dezember 2017 erhielten 577 Hamburger Obdachlose eine solche Vorladung. Weil sich jedoch herumgesprochen hat, was ihnen auf dem Amt blüht, gehen die meisten gar nicht erst hin. Die Folge: Per Beschluss kann die Abschiebung verfügt werden. Die Anordnung wird dann im Amt öffentlich ausgehängt und gilt damit als zugestellt. Die Betroffenen erfahren das meistens nicht einmal.

Auch Sami M. scheute den Weg zum Amt. Der kräftige Mann mit der schwarzen Tolle auf dem Kopf und den modisch abrasierten Seiten will nur eines: hierbleiben. "Ich werde nicht freiwillig ausreisen", sagt der 37-jährige Rumäne, "das sagt mir mein Herz." Er begründet das so: "Dies ist ein Land, in dem du wenigstens nicht verhungern musst."

In Rumänien, wo er Fabriken bewacht habe, war er nach der Pleite der Sicherheitsfirma mittellos. In Italien, wo er in einer Bar die Gläser spülte, wurde er gemobbt und weggejagt. In Hamburg erhielt er immerhin die Chance, die Obdachlosenzeitung "Hinz&Kunzt" zu verkaufen. Mit dem Blatt in der Hand steht er seitdem bei Wind und Wetter vor einem Supermarkt.

Rumäne Nicolae T.
Mauricio Bustmamante / DER SPIEGEL

Rumäne Nicolae T.

Sein Glück: Mit dem Erlös und mit Flaschensammeln kommt Sami M. knapp über die Runden. Sein Pech: Der Zeitungsverkauf wird von den Behörden nicht als Arbeit anerkannt.

Bei einer Polizeikontrolle am Hauptbahnhof fiel auf, dass Sami M. schon mehr als ein Jahr lang ohne regulären Job auf Hamburgs Straßen lebt, mithin ausreisepflichtig ist. Seitdem ist er in ständiger Angst. Er weiß genau, dass er bei der nächsten Kontrolle womöglich festgenommen und abgeschoben wird. Dann würde er vermutlich auch mit einem Einreiseverbot belegt werden. Wer hingegen freiwillig geht, darf in der Regel wiederkommen, wann er will, theoretisch schon zwei Tage nach der Ausreise.

Im Gegensatz zu vielen Landsleuten, die auch bei Schnee und Kälte im Freien schlafen, hat Sami M. nachts ein Dach über dem Kopf. Er ist in einem umgebauten Bürogebäude untergekommen, das wie andere Wohnheime zum sogenannten Winternotprogramm gehört. Das Haus mit seinen hellen Zimmern wirkt auf Menschen, die sonst draußen kampieren müssten, luxuriös wie ein Fünfsternehotel. Frauen und Männer sind in verschiedenen Trakten untergebracht, es gibt Mehrbettzimmer, Gemeinschaftsräume, sogar Stuben für Paare. Geöffnet ist es von Anfang November bis Anfang April, vom frühen Abend bis morgens um 9.30 Uhr.

Doch um das in Deutschland größte Obdachlosenprogramm, das vor 25 Jahren als "niedrigschwelliger Erfrierungsschutz" gegründet wurde und heute 873 Schlafplätze bietet, ist heftiger Streit entbrannt. Mehr als 100.000 Bürger unterschrieben eine Onlinepetition mit der Forderung, die Einrichtungen auch tagsüber offen zu halten. Die Stadt will das nicht, der Senat versucht stattdessen, mit Einschränkungen des Notprogramms die Zahl der osteuropäischen Obdachlosen zu reduzieren.

An einem Mittwoch warten kurz vor 17 Uhr, der offiziellen Einlasszeit, schon zahlreiche Obdachlose vor dem Eingang: Junge, Alte, Zerlumpte, Vitale, Menschen aus vielen Nationen. Die Stimmung ist entspannt. Sicherheitskräfte mit knallgelben Westen tasten die Ankömmlinge auf Alkoholvorräte und Waffen ab. Bei der Anmeldung muss kein Ausweis vorgelegt werden. Auch Menschen, die sich als "Mickey Mouse" oder "Herr Hase" vorstellen, bekommen ein Bett.

"Hier kommt jeder rein", versichert Katrin Wollberg, Bereichsleiterin Obdachlosigkeit beim städtischen Dienstleister Fördern&Wohnen. Auch Leute, die total verdreckt oder schwer betrunken seien, die Läuse oder anderes Ungeziefer hätten, würden nicht abgewiesen. "So wie sie auf der Straße leben, so nehmen wir sie an."

Doch die Sache hat einen Haken. Schon in den nächsten Tagen müssen die Neuankömmlinge zu "Perspektivberatungen". Mithilfe von Übersetzern werden viele Fragen gestellt: Woher kommen Sie? Haben Sie einen Beruf gelernt? Stellt sich bei der Befragung von Osteuropäern heraus, dass diese in der Heimat einen festen Wohnsitz haben, können sie nicht in der Unterkunft bleiben. Sie gelten dann als "freiwillig obdachlos". Sie müssen gehen und dürfen auch nicht wiederkommen. Schon die Angabe einer Adresse im Pass kann als Wohnsitznachweis gewertet werden.

Als Alternative bietet die Stadt eine Wärmestube an, in der es statt Betten nur Stühle gibt. Dort war es, berichten Zeugen, bis vor einem Jahr nicht erlaubt, auf den Stühlen einzuschlafen. Inzwischen wird den Besuchern gestattet, sich auf den Fußboden zu legen. Marcel Schweitzer, Sprecher der Hamburger Sozialbehörde, verteidigt die Zugangsbeschränkung als eine Art Notwehr. Das Winternotprogramm habe Menschen aus Osteuropa angezogen wie ein Magnet, unter ihnen viele ohne Anspruch auf staatliche Unterbringung. "So war das nicht gemeint", sagt der Behördensprecher.

In den vergangenen Wintern hätten zu einem großen Teil Osteuropäer das zweieinhalb Millionen Euro teure Programm in Anspruch genommen. Erst im vorigen Jahr, als die Einschränkungen erstmals galten, hätten wieder mehr Not leidende deutsche Wohnungslose Unterschlupf gefunden. Allerdings lag ihr Anteil trotzdem nur bei knapp 17 Prozent.

"Hier werden einheimische und ausländische Obdachlose gegeneinander ausgespielt", kritisiert der Hamburger Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. "Da die guten deutschen, dort die bösen osteuropäischen Obdachlosen." Die so entstandene Zweiklassengesellschaft führe zu Konflikten, es gebe Überfälle, Diebstähle und sogar Raufereien um die attraktivsten Bettelplätze. "So etwas habe ich in 30 Jahren Sozialarbeit noch nicht erlebt."

Die harte Hamburger Gangart scheint Wirkung zu zeigen. In diesem Winter übernachteten tatsächlich deutlich weniger Obdachlose im Winternotprogramm. Während im vergangenen Jahr 91 Prozent der Betten belegt waren, waren es Mitte Februar nur um die 80 Prozent - die geringste Auslastung seit Jahren. Hunderte Obdachlose, die abgewiesen wurden, sind in ihre Heimat zurückgekehrt.

"Ein trauriger Erfolg, auf den die Stadt nicht stolz sein kann", sagt Dirk Hauer, zuständig für Migration und Existenzsicherung bei der Hamburger Diakonie. Es sei zutiefst unethisch, "den Leuten das Leben so zu vermiesen, dass sie abhauen". Viele würden trotz der Schikanen nicht nach Hause fahren, sondern untertauchen.

Bulgare Kiril B.
Mauricio Bustamante / DER SPIEGEL

Bulgare Kiril B.

"Ich habe immer Angst", sagt der untergetauchte Bettler Ceausu-Ilie F. aus Rumänien. Nicht vor Polizisten oder Ladenbesitzern, sondern vor Leuten wie diesen betrunkenen Jugendlichen, die ihn vor ein paar Tagen angerempelt, geschubst und bedroht hatten, bis er wegrannte, so schnell er konnte.

Tatsächlich gibt es immer wieder Aggressionen gegen Obdachlose. Die Attacken reichen von verbalen Angriffen ("Geh endlich arbeiten, du faule Sau") bis hin zu schweren Körperverletzungen und Tötungsdelikten. In Delmenhorst starb im November 2017 eine polnische Wohnungslose nach brutalen Misshandlungen. In einem Berliner U-Bahnhof wurden Mitte Januar drei Männer von einem Unbekannten mit Schlägen, Tritten und einem Messer attackiert. In Bochum kam ein 55-jähriger Pole nur knapp mit dem Leben davon, nachdem ihn ein Angreifer mit einem Pflasterstein niedergestreckt hatte.

Die Täter sind nicht nur Rechtsradikale oder Wutbürger, sondern auch Obdachlose selbst. Das Hamburger Landgericht verurteilte im September 2017 einen wohnungslosen Mann in erster Instanz zu sechs Jahren Gefängnis, weil er das Lager zweier osteuropäischer Wohnungsloser angezündet hatte. Die Männer erlitten schwere Verbrennungen. Der Täter neidete den schlafenden Opfern den windgeschützten Schlafplatz in einem Parkhaus am Hafen.

Ein Wintertag. Es regnet wieder ununterbrochen. Die Passanten hasten mit Schirm oder übergestülpter Kapuze durch die Hamburger Fußgängerzone. Vor dem großen Kaufhaus in Bahnhofsnähe ist eine Gruppe Rumänen gestrandet. Vor drei Tagen sind sie mit dem Bus gekommen. Ihre Habseligkeiten, in Decken verpackte große Bündel sowie Einkaufswagen mit Essensvorräten, haben sie vor den Schaufenstern abgestellt. Wohin jetzt?

Im Winternotprogramm sind sie abgewiesen worden, keine Zugangsberechtigung. Noch mal im Freien schlafen wie letzte Nacht, bei diesem Wetter? Maria P., Mutter von vier Kindern, macht ihrem Bruder Vorwürfe. "Du hast mir doch gesagt, hier gibt es gut bezahlte Arbeit", schimpft die 35-Jährige, "aber das war gelogen." Überall, wo sie gefragt habe, sei sie gleich wieder weggeschickt worden: auf dem Amt, bei der Diakonie, in dem Geschäft, in dem sie putzen wollte. Dabei habe sie sich das Geld für die Busfahrt nur geliehen, wie solle sie das jemals zurückzahlen?

Aus dem Kaufhaus eilt ein kräftiger Mann vom Sicherheitsdienst, deutet auf die Bündel vor den Schaufenstern. Sie sollten ihren Krempel nehmen und verschwinden, ruft er. "Aber fix, sonst hole ich die Polizei." Bei dem Wort Polizei packen die Gruppenmitglieder blitzschnell ihre Sachen. Maria P. weint. Sie wolle heim zu ihren Kindern, schluchzt sie, jetzt, sofort.

Rund hundert Meter weiter trotzen einige Musiker aus dem rumänischen Iasi dem Sauwetter. Zwei Männer haben ihre Akkordeons ausgepackt und spielen schmissige Melodien, ein dritter haut mit einem Löffel auf einen Koffer, ein paar Frauen und Männer klatschen und singen dazu im Takt. Es sind die einzigen Menschen, die an diesem Tag in der Fußgängerzone lachen.



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