AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2018

Thomas von Heesen Die dubiosen Geschäfte des neuen HSV-Managers

Thomas von Heesen machte als Investor windige Deals.

HSV-Manager Heesen: "Nichts mit Verträgen zu tun"
IBRAHIM / ACTION PRESS

HSV-Manager Heesen: "Nichts mit Verträgen zu tun"

Von , , , Nicola Naber, und


Auf dem WhatsApp-Profil des neuen HSV-Managers Thomas von Heesen war bis vor wenigen Tagen eine schwarze Bombe mit brennender Lunte zu sehen. Vermutlich sollte die Botschaft lustig sein: Hey, ich bin's, der Tommi, wo ich auftauche, ist Leben in der Bude.

Heesen, 56, darf sich allerdings nicht wundern, dass es in der Fußballbranche womöglich Menschen gibt, die das Symbol anders gedeutet haben könnten: als Zeichen für die verbrannte Erde, die Thomas von Heesen immer wieder hinterlassen hat.

Denn fast egal, wo der gebürtige Westfale nach einer erfolgreichen Spielerkarriere als Trainer, Sportdirektor, Manager oder Berater anheuerte, ob in Nürnberg, Bielefeld, Saarbrücken, auf Zypern, in Polen oder in der Steiermark: Meist ging es in den Vereinen, für die Heesen Verantwortung übernahm, ziemlich turbulent zu, manchmal auch rasant bergab.

Das kann passieren, der Fußball ist ein launisches Gewerbe. Was bei Heesens Funktionärslaufbahn besonders in den letzten Jahren auffällt, hat eine andere Note. Es geht um seine privaten Geschäfte, die zuweilen in zweifelhafter Nähe zu jenem Klub stehen, für den er gerade ein Mandat hat oder bei dem er gerade angestellt ist.

Thomas von Heesen ist an mindestens 14 Unternehmen beteiligt. Manche wollen auf dem Transfermarkt an das große Geld kommen. Manche mischen, so steht es jedenfalls im Handelsregister, bei der Investorenbetreuung mit. Selbst im trüben Geschäft mit minderjährigen Fußballtalenten war Heesen aktiv.

Die Unschärfe im Umgang mit seinen Beteiligungen betrifft auch seine Zeit beim Hamburger SV. Dort saß der Netzwerker von Juli 2014 bis Februar 2015 als stellvertretender Vorsitzender im Aufsichtsrat. Zu dem hanseatischen Traditionsverein, für den er als Spieler zwei deutsche Meisterschaften und - als Höhepunkt der Klubhistorie - 1983 den Europapokal der Landesmeister gewann, kehrte Heesen nun in der Stunde größter Not zurück.

Vor knapp drei Wochen präsentierte HSV-Vorstand Frank Wettstein Thomas von Heesen als Nachfolger des geschassten Sportchefs Jens Todt. Den offiziellen Titel trägt Heesen nicht. Heesen werde den im Profifußball unerfahrenen Trainer Christian Titz unterstützen, kündigte Wettstein zunächst an. Außerdem werde er Ansprechpartner für Spielerberater sein. Das schloss Heesen gleich mal aus. Dem "Hamburger Abendblatt" sagte er: "Ich habe nichts mit Verträgen oder den Planungen für die Zukunft zu tun." Jetzt sieht Heesens Jobbeschreibung bis Saisonende laut HSV so aus: "Bindeglied zwischen dem Trainerteam, dem Direktor Sport und dem Vorstand".

Der HSV ist ein Musterbeispiel dafür, wie ein ruhmreicher Verein in Deutschland durch jahrelanges Missmanagement gegen die Wand gefahren wird. Miserable Transferpolitik und ein absurdes Gehaltsniveau sind Ursachen dafür, dass der einst so stolze Klub nun vor dem ersten Bundesligaabstieg seiner Geschichte steht und abhängig von den Geldspritzen eines Milliardärs ist.

Ein anderer Grund für die Misere ist das Chaos auf der Leitungsebene. Die jüngste Personalie Heesen steht stellvertretend für alles, was beim HSV seit Jahren schiefläuft. Vorstand Wettstein hätte die Chance gehabt, einen ersten Schritt Richtung Neustart zu wagen und einen unbelasteten Sportdirektor zu verpflichten. Einen Mann für die Zukunft. Stattdessen entschied sich der HSV für einen Mann aus der Vergangenheit mit einer ganz eigenen Agenda.

Heesen sei "ein wandelnder Interessenkonflikt", sagt ein Spielerberater. Er wolle seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, weil er Nachteile für seinen Spieler beim HSV befürchte, sagt der Agent: "Aber wie kann dieser Verein in dieser Situation auf diesem Posten einen Mann einsetzen, der selbst Firmen hat und in der Branche Geld verdienen will?" Heesen habe nun "Zugang zu Insiderwissen, an das er sonst niemals herankäme", wettert der Berater. "Ich werde mich zu Vertragsverhandlungen nicht mit von Heesen an einen Tisch setzen, und ich glaube auch nicht, dass ein anderer Kollege das tun wird." HSV-Chef Wettstein kanzelt Kritiker Heesens als diejenigen ab, die nur weitere Unruhe in einen eh schon aufgewühlten Klub bringen wollten. "Es sind alte Kamellen, die hochkommen, weil er jetzt in der Öffentlichkeit steht", sagte Wettstein. Damit macht er es sich einfach. Wettstein müsste wissen, wie rätselhaft die Deals sind, die Thomas von Heesen während seiner Zeit beim HSV schloss.

Allein als er stellvertretender Aufsichtsratschef des HSV war, gründete Thomas von Heesen drei Firmen, die in Transferrechte von Spielern oder Vereine investieren wollten. Am 15. Juni 2015, dreieinhalb Monate nach seinem Ausscheiden aus dem Kontrollgremium der Profifußballabteilung, ließ Heesen eine weitere Gesellschaft ins Handelsregister eintragen. Ihr Name: Triple A Talents Management UG & Co. KG. Der eingetragene Firmenzweck: "Investitionen und Beteiligungen an Transferrechten an Sportlern und Vereinen sowie deren Rechte, insbesondere im Zusammenhang mit der HSV Fußball AG". Sowohl Heesen als auch der HSV schrieben dem SPIEGEL jetzt auf Nachfrage, diese Firma habe keine Geschäfte mit dem Klub gemacht.

Im Februar 2016 gründete Thomas von Heesen zudem im irischen Cork die Firma International Sportsfinance & Invest Company, er ist alleiniger Gesellschafter. "Geschäftsbeziehungen außerhalb von Ticketverkäufen zwischen dem HSV und der International Sportsfinance & Invest Company Limited, Irland, bestehen nicht", schrieb der Klub. Heesens Anwalt erklärte: "Es gibt keine Geschäfte oder Interessenkonflikte zwischen dieser Firma und der Tätigkeit unseres Mandanten beim HSV."

Über Heesens geschäftliche Aktivitäten mit dem HSV hatte der SPIEGEL bereits im Dezember 2016 berichtet. Der Vorgang findet sich auch in dem Buch "Football Leaks - Die schmutzigen Geschäfte im Profifußball" wieder, das im Mai 2017 in den Handel kam.

Dort wird beschrieben, wie sich der HSV im März 2015 auf Gespräche mit dem Investor Doyen einließ. Der ewig klamme Klub brauchte mal wieder dringend Geld, und unter Beteiligung Heesens, nur wenige Tage zuvor aus dem Aufsichtsrat ausgeschieden, begannen die Kontakte mit Doyen - einer Firma aus London, die zu den skrupellosesten Finanziers in der Fußballbranche gehört und deren Eigentümer aus der kasachisch-türkischen Oligarchenszene stammen. Harte Jungs.

Die Idee war, Doyen Anteile an den Transferrechten von sechs Spielern zu verkaufen, darunter Pierre-Michel Lasogga, Cléber, Jonathan Tah und Maximilian Beister. Im Raum standen Erlöse für den HSV in Höhe von 12,2 Millionen Euro. Sowohl der HSV als auch Doyen bestätigten damals die Recherchen des SPIEGEL. Am Ende kam es doch nicht zu einem Vertrag - der Weltfußballverband Fifa hatte den Verkauf von Transferrechten, die sogenannte Third-Party Ownership (TPO), ab Mai 2015 untersagt.

Als Heesen vor wenigen Wochen beim HSV plötzlich wieder in verantwortlicher Rolle auftauchte, nahmen zahlreiche Medien die Doyen-Episode noch einmal auf. Vom "Hamburger Abendblatt" befragt, erwiderte Heesen: "Wir sind auf Anfrage von Doyen nach London geflogen und hatten dort einen Termin vor Ort. Didi hat das Gespräch geführt. Ich hatte keine Handlungsbefugnis und keinen Auftrag von der Fußball AG. Am Ende des Tages hat sich herausgestellt, dass das Geschäftsmodell überhaupt nicht infrage kommt. Punkt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen." Mit Didi ist Dietmar Beiersdorfer gemeint, damals Vorstandsvorsitzender des HSV.

Den SPIEGEL erreichte am Donnerstag vorvergangener Woche Post von einer Hamburger Medienanwältin. Als "rechtliche Vertretung von Thomas von Heesen" forderte sie die beiden Autoren des Buches "Football Leaks" auf, eine Unterlassungserklärung zu unterschreiben. Die Darstellung der Gespräche zwischen dem HSV, Heesen und Doyen sei "unwahr" und stelle "einen schweren Eingriff in die Persönlichkeitsrechte unseres Mandanten dar". Weiter hieß es: "Unser Mandant verhandelte nicht mit der Investorengruppe Doyen im März 2015 über den Verkauf von Spieleranteilen. Hierzu hatte er auch weder einen Auftrag noch Handlungsvollmacht." Ähnlich formulierte Abmahnungen verschickte die Anwältin an weitere Medienhäuser in Deutschland, die Heesens Doyen-Connection nacherzählt hatten.

Wenige Tage nach Eingang des Schreibens riefen zwei Reporter des SPIEGEL bei Heesen an. Er sei in einer Besprechung, antwortete er, er wisse nichts von einem Unterlassungsbegehren. "Ein Buch?" "Football Leaks?" "Doyen?" "Belege?" Heesens Antworten waren Echos mit Fragezeichen, er gab sich ratlos. Er habe seiner Anwältin kein Mandat erteilt, die Schreiben zu verschicken, versicherte er. Dies sei ein Missverständnis, das er klären wolle. Er versprach einen schnellen Rückruf.

Knapp eine Stunde später meldete er sich. "Vergessen Sie es, wir machen da nichts mehr", sagte Heesen. Und was sei mit den Abmahnungen gegen die anderen Verlage? Er werde sich kümmern, sagte er, versprochen, niemand könne jetzt Ärger brauchen, er habe genug mit seiner aktuellen Aufgabe zu tun. Tschüs.

Am Abend erreichte den SPIEGEL ein weiteres Schreiben seiner Anwältin. "Wir möchten Sie bitten, künftig jegliche Korrespondenz in dieser Angelegenheit mit uns zu führen und unseren Mandanten nicht mehr direkt zu kontaktieren." Sie bat zudem darum, dass ihr die Belege ausgehändigt würden, "damit unser Mandant die Gelegenheit bekommt, sich ein Bild von der Sach- und Rechtslage zu machen". Bis dahin würden keine "gerichtlichen Maßnahmen" ergriffen.

Im Football-Leaks-Material finden sich zahlreiche Dokumente, aus denen zweifelsfrei hervorgeht, wie stark Heesen mit oder ohne Auftrag und Handlungsvollmacht in die Gespräche des HSV mit Doyen eingebunden war. Er hatte sich mit Unterhändlern der Firma in München getroffen, er war mit Beiersdorfer zu Verhandlungen nach London gereist, über Monate hatte Heesen damals den Kontakt zu den möglichen Geldgebern gehalten. Zwischenzeitlich skizzierte er sogar die Idee, wie Doyen Aktionär bei der HSV Fußball AG werden könnte. "That's the way it works in Germany", schrieb er unter einen Fünf-Punkte-Plan für einen Doyen-Boss, "so läuft das bei uns in Deutschland".

Wie es bei Heesen in Österreich so gelaufen war, enthüllte das "Hamburger Abendblatt". Beim Kapfenberger SV in der Steiermark hatte Heesen bis November 2012 als Trainer gearbeitet.

Das "Abendblatt" beschrieb zum Beispiel, dass sich Heesen mit seiner Firma TvH Sportmarketing noch in seiner Zeit als Chefcoach des Vereins mit insgesamt 100.000 Euro jeweils 50 Prozent der Transferrechte seiner Spieler Mario Grgi und Thomas Hirschhofer gesichert hatte. Seine Wette: je höher die Ablöse beim Verkauf der Spieler seiner Mannschaft, desto höher sein Gewinn.

Das Geschäft mit Transferbeteiligungen hatte es Heesen offenbar besonders angetan. Fünf Tage nach seinem Abgang als Trainer gründete er in Hamburg die Agentur VOH 2 Sportmanagement. Als Geldgeber fand er einen österreichischen Millionär, der in die Firma einstieg. Zahlreiche Unterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen, geben einen tiefen Einblick in das Geschäftsgebaren Heesens, welche großspurigen Versprechen Heesen seinem Partner machte - und welche windigen Ausflüchte er dann fand, als die erhofften Einnahmen ausblieben.

Im März 2013 berichtete Heesen seinem Geschäftsfreund von zahlreichen Deals, die er in Aussicht habe, von Investments in Firmen, Transferabtretungen, Vermittlungsprovisionen und einer "Kooperation" mit einer schwäbischen Firma "in einer Gesamthöhe von ca. 40.000.000 Euro. Beteiligung von VOH 2 als Gesellschafter zu 50%!" Seine Mail beendete er wie die an einen guten Freund: "Ganz liebe Grüße an alle, Thomas".

Anderthalb Jahre später prahlte Heesen noch immer von seinen Geschäftsideen aus der großen, bunten Welt des Fußballs. Ihre gemeinsame Firma VOH 2 sei nun zu 47 Prozent an der European Talents AG beteiligt, schrieb er seinem Partner. Die restlichen 53 Prozent halte ein Investor aus Málaga, der 2,6 Millionen Euro zugeschossen habe.

Einen Teil dieses Geldes habe die European Talents bereits in Spieler investiert, schrieb Heesen, allein 500.000 Euro in den damals 17-jährigen Gonçalo Manuel Ganchinho Guedes von Benfica Lissabon. Heesens Kompagnon war da schon skeptisch. Er antwortete: "Möchte aber dabei schon hinzufügen, dass ich bis heute noch nie von Dir oder von unseren Steuerberatern irgendwelche Unterlagen unserer Agentur bekommen habe."

Dem SPIEGEL liegt ein vier Seiten umfassendes "Co-Operation Agreement" vom 28. August 2014 vor, das Thomas von Heesen unterzeichnet hat und das die 500.000-Euro-Beteiligung an dem portugiesischen Jungstar Guedes belegen soll. Heesen firmierte demnach als "Member of the Board" der Firma European Talent Resources AG. Vertragspartner waren die Firma von Guedes' Spielerberater mit Sitz in Luxemburg und der Berater persönlich. Für ihren Einsatz sollte die European Talents demnach an Transfererlösen, Prämien und Werbeeinnahmen des Spielers Guedes beteiligt werden.

Heesen hatte seinem österreichischen Geschäftspartner geschrieben, dass die halbe Million Euro für Guedes "investiert" sei: "Investiert bedeutet, dass die VOH 2 dort investiert und bezahlt hat." Doch in Wahrheit wurden die 500.000 Euro nicht überwiesen. Eine Firma namens European Talent Resources AG wurde niemals registriert. Folglich wurde Heesen offiziell auch niemals ihr "Member of the Board".

Guedes wechselte im Januar 2017 für 30 Millionen Euro von Benfica zu Paris Saint-Germain, Heesen spielte dabei keine Rolle. Für Heesen scheint das alles kein Problem. Sein Anwalt antwortete, die European Talent Resources AG sei "letztlich nie gegründet worden". Grund sei das "fehlende Kapital" des anderen Investors aus Málaga gewesen. Dieses Geld sei "Voraussetzung für die Durchführung" des 500.000-Euro-Vertrags mit dem Berater von Guedes gewesen, der deshalb "verworfen" worden sei. "Zahlungen diesbezüglich sind nie geleistet worden." Das sind auch die Einlassungen des Anwalts zum Vorwurf des Betrugs: "Mehr gibt es hierüber nicht zu sagen."

Festzuhalten bleibt: Heesen hat für eine Aktiengesellschaft, die nie gegründet wurde, einen Vertrag unterschrieben. Als er das damals tat, war er bereits beim Hamburger SV: als stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats.

Nachtrag der Redaktion: Die im Artikel nicht benannte "Hamburger Medienanwältin", Frau Dr. Patricia Cronemeyer, hat anwaltlich durch Abmahnung mitteilen lassen, dass sie keineswegs ohne Auftrag ihres Mandanten Thomas von Heesen gehandelt habe und dass dessen im Text wiedergegebene Äußerung inhaltlich falsch sei. Ein solcher Eindruck sollte auch gar nicht erweckt werden, der SPIEGEL hat die Äußerung von Herrn von Heesen aber korrekt wiedergegeben. Ob Frau Dr. Cronemeyer auch rechtliche Schritte gegen ihren Mandanten eingeleitet hat, ist unbekannt.



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