AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2018

Interview mit Handball-Idol Kretzschmar "Wir haben hübsche Jungs. Aber es fehlt uns an Typen"

Die Handball-EM steht bevor. Ex-Superstar Stefan Kretzschmar erklärt, wie es in der deutschen Nationalmannschaft zugeht - und warum er bis heute Albträume hat.

Stefan Kretzschmar
Steffen Roth/ DER SPIEGEL

Stefan Kretzschmar

Ein Interview von und


Kretzschmar, 44, spielte zwischen 1993 und 2004 für die deutsche Nationalmannschaft und warf in 218 Länderspielen 821 Tore. Bei Olympia 2004 in Athen gewann er die Silbermedaille. Der gebürtige Leipziger arbeitet heute als Kommentator für das Fernsehen.


SPIEGEL: Handball ist eine urdeutsche Sportart. Fragt man aber auf der Straße, wann die nächste Europameisterschaft ist, wissen das nur wenige. Warum ist das so?

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Heft 2/2018
Geschlechterrollen und Sexualität 2018

Kretzschmar: Unsere Sportart ist sehr inflationär. Es gibt jedes Jahr ein Highlight, alle vier Jahre mit Olympia und der EM sogar zwei Höhepunkte. Das schmälert die Bedeutung des einzelnen Ereignisses. Du kannst die Leute auch fragen: Wer ist gerade Bundestrainer? Da sagen 50 Prozent: Heiner Brand. Der ist seit sieben Jahren nicht mehr im Amt. Und mir gratulieren 80 Prozent noch zum WM-Titel 2007. Da war ich gar nicht dabei.

SPIEGEL: Fußball hat das Problem nicht.

Kretzschmar: Wir sind eine Randsportart, da müssen wir uns nichts vormachen. Keine Sportart in Deutschland darf den Fehler machen, sich mit Fußball zu vergleichen. Dort kennt sich jeder irgendwie aus, das hat jeder mal auf irgendeinem Bolzplatz gespielt, die einzig strittige Regel ist Abseits. Handball ist da spezieller. Du brauchst immer eine Mannschaft, eine Halle. Da kann man beim Zugucken auch nicht immer rumgrölen, sondern muss sich schon ein wenig konzentrieren. Und uns fehlt natürlich die Stadionatmosphäre, die zusammenschweißt. Die mögen die Deutschen.

SPIEGEL: Wie viele Handballfans gibt es hierzulande?

Kretzschmar: Die Nationalmannschaft ist das Zugpferd. Wenn es Richtung EM-Finale geht, und dazu hat die jetzige Mannschaft das Zeug, kriegen wir wieder 13, 14, 15 Millionen vor die Bildschirme. In der Bundesliga sind die Hallen gut gefüllt, die Popularität ist in Ordnung. Aber das ist natürlich unsere große Herausforderung: die Attraktivität der Liga zu steigern.

SPIEGEL: Woran scheitert das bislang?

Kretzschmar: Wir haben seit Jahren keinen neuen Hero hervorgebracht. So einen wie Dirk Nowitzki im Basketball. Wir kriegen keine Personen transportiert, mit denen die Leute und die Kids sich identifizieren können, die sonst eigentlich mit Handball nichts am Hut haben. Wir haben hübsche Jungs, für die Mädchen auf Instagram schwärmen. Aber es fehlt uns an Typen mit dem Zeug zum Superstar.

SPIEGEL: Was braucht man dafür?

Kretzschmar: Eine gewisse Aura, eine Persönlichkeit. Man muss was zu erzählen haben, und zwar mehr als seine Handballhistorie. Ein Social-Media-Auftritt und eine Meinung, gern eine politische, wären auch nicht schlecht. Ganz wichtig ist es auch, Lust auf sportübergreifende Formate im Fernsehen zu haben und sich dort zumindest provokant zu verkaufen.

SPIEGEL: Sind Handballer also eher Langweiler?

Kretzschmar: Wir haben schon eher realistische Jungs, die für ihren Sport leben und darüber hinaus keine großen Ansprüche haben. Die sind trotzdem cool, aber nicht locker vor der Kamera. Mich fragen Showproduzenten manchmal, wen sie einladen können. Die Antwort ist schwierig. Es gibt schon den einen oder anderen lustigen Typ, aber die bei ProSieben in einer Show? Da kommt der Produzent danach und sagt: So, Kretzsche, und jetze? Schönes Eigentor hast du uns da geschossen.

"Handball war eine absolute Machosportart - du warst raus, wenn du Apfelschorle bestellt hast."

SPIEGEL: Was hilft gegen diese Kamerascheu - Medientraining?

Kretzschmar: Ich finde, Medientraining ist der Anfang vom Ende. Wir haben gerade das ganze Sky-Paket mit einer Konferenz am Sonntag, dem Topspiel und einem Highlight-Magazin am Abend. Wir machen relativ viele Homestorys. Man dreht einen halben Tag, und da kriegen die Leute schon ein Bild, dass das gute Jungs sind. Nun brauchten wir noch ein paar in den großen Samstagabendformaten. Andy Wolff hat das nach der letzten EM schon ganz gut gemacht. Das hat aber nicht lange gehalten.

SPIEGEL: Bis vor Kurzem hatten Sie eine Talkshow auf Sky. Warum wurde sie plötzlich abgesetzt?

Kretzschmar: Da müssen Sie den Sender fragen.

SPIEGEL: Belegt es, dass die Deutschen sich nicht für Handball erwärmen können?

Kretzschmar: Da müssen Sie den Sender fragen.

SPIEGEL: Und wie stehen Sie zu dieser Entscheidung?

Kretzschmar: Ich finde es schade für den Handball. Da wurde eine Chance vertan. Vielleicht müssen wir uns alle fragen, ob wir zusammen alles geben für unseren Sport oder ob am Ende jeder nur an sich denkt. Die persönlichen Rückmeldungen auf die Show waren gut, aber hat jeder Verein auch alles investiert und seine Kanäle genutzt, um das Produkt Handball auf Sky ordentlich zu promoten? Ich denke, da liegt noch viel Potenzial brach.

SPIEGEL: Wie reagiert denn die Mannschaft, wenn einer den Kopf rausstreckt?

Kretzschmar: Natürlich, sobald einer einen kleinen Superstar-Status hat, gucken einige argwöhnisch. Bei Olympia in Sydney 2000 beispielsweise, als ich im Viertelfinale den letzten Wurf vergeigt habe und Spanien weiter war, da waren auch viele froh, mich mal ganz unten zu sehen.

SPIEGEL: Wie sah dieses "Unten" aus?

Kretzschmar: Das ist eine schwierige Frage, da sie sehr komplex ist. Du musst dir folgendes Szenario vorstellen: Diese deutsche Nationalmannschaft damals war die beste, die es je gab. Hätten wir die Spanier geschlagen, wären wir Olympiasieger geworden. Wir haben hoch geführt, dann kamen die ran, und es war klar, wenn meine Jungs mich freikriegen, geben sie mir den letzten Ball. Und so war es auch: Kurz vor Ende komme ich frei zum Wurf, gucke, was der Torwart macht, sehe, er nimmt das Bein hoch, ich werfe ihm durch die Beine, der Ball geht ins Tor, ach nein, doch nicht, Latte, raus. Die kriegen den Gegenstoß, und Sekunden vor Schluss macht ein Spanier das Tor, und wir sind raus.

SPIEGEL: Und dann?

Kretzschmar: Siehst du, wie 15 Männer zusammenbrechen und weinen wie kleine Kinder. Olympische Spiele, vier Jahre hast du darauf hingearbeitet. Und dann kommst du in die Kabine, und da liegt deine ganze Mannschaft auf dem Boden und heult. Da fühlst du dich natürlich schuldig. Weil du deine Jungs enttäuscht hast. (Pause) Das war so ein traumatisches Erlebnis, davon träume ich heute noch.

SPIEGEL: Wie sind Sie als Team damit umgegangen?

Kretzschmar: So, wie Handballer damit umgehen: Wir haben uns die Lichter ausgeschossen. In einer ganz ekligen verruchten Eckkneipe mit irgendwelchen Locals. Die Bar haben wir vernichtet.

SPIEGEL: Und wie haben Sie persönlich das verarbeitet?

Kretzschmar: Ich habe mich jahrelang gegeißelt, das aber mit mir ausgemacht. Handball war der absolute Machosport. Dass du ein harter Kerl bist, musstest du deinem Gegner suggerieren, aber auch deinen Teamkollegen. Da hat man nicht über Probleme gesprochen oder so. Das war noch eine andere Mannschaftskultur.

SPIEGEL: Wie sieht sie heute aus?

Kretzschmar: Die individuellen Eigenheiten werden viel mehr akzeptiert. Damals warst du schon raus, wenn du abends Apfelschorle bestellt hast. Es wird auch in der Freizeit nicht mehr so viel miteinander unternommen. Heute fahren die meisten nach dem Spiel nach Hause. Und auf die Mannschaftsfahrt nach Malle kommen vielleicht drei Leute mit.

SPIEGEL: Hat dieser Kulturwandel auch das Spiel verändert?

Kretzschmar: Ja, auch das ist längst nicht mehr so hart. In den Achtzigern wusstest du, wenn du einen foulst, kriegst du im nächsten Angriff einen in die Fresse. Wenn du gegen Essen gespielt hast, dann war da Piet Krebs, und da war klar: Jetzt tut's weh. Jede Mannschaft hatte so einen Drecksack. Diese Mentalität hat sich sehr geändert.

SPIEGEL: Warum hat es der Handball eigentlich nie in die Metropolen geschafft?

Kretzschmar: Das wird jetzt kommen. Berlin, Stuttgart und Mannheim zeigen, wie es geht. Vereine mit überschaubarem Budget und überschaubaren Zuschauerzahlen müssen sich dann etwas einfallen lassen, um ökonomisch den Anschluss nicht zu verlieren.

Kretzschmar beim SPIEGEL-Gespräch mit den Redakteuren Antje Windmann und Udo Ludwig in Wandlitz bei Berlin: "Die Lichter ausgeschossen"
Steffen Roth/ DER SPIEGEL

Kretzschmar beim SPIEGEL-Gespräch mit den Redakteuren Antje Windmann und Udo Ludwig in Wandlitz bei Berlin: "Die Lichter ausgeschossen"

SPIEGEL: Was sollen die Ihrer Meinung nach tun?

Kretzschmar: Sich zusammenschließen, auch wenn das für die Fans erst mal schmerzhaft ist. Nehmen wir etwa Lemgo, Minden und Nettelstedt in Ostwestfalen. Die sollten einen Verein gründen und in Halle im Gerry-Weber-Stadion spielen. Das ist deren einzige Chance, dass sie mal wieder ganz oben angreifen können.

SPIEGEL: Wo liegen derzeit die Gehälter für die Spieler?

Kretzschmar: Ich würde sagen, durchschnittlich so bei 3000 bis 4000 Euro netto im Monat. Die meisten Spieler haben ein Dualleben, bauen sich eine Karriere auf oder finanzieren sich mit dem Sport ein Studium. Als Handballer hast du ja nicht ausgesorgt, wenn du aufhörst.

SPIEGEL: Sie haben Ihre Karriere mit 34 Jahren beendet. Was war der Grund?

Kretzschmar: Ich hatte von jetzt auf gleich eine tiefe Abneigung gegen das Spiel. Ich wollte nicht noch zwei Jahre lang morgens mit kurzen Hosen in der Halle stehen, jedes Wochenende zu Spielen fahren. Ich wollte raus aus diesem Hamsterrad, frei sein. Deshalb habe ich ein Jahr vor Vertragsablauf aufgehört.

SPIEGEL: Haben Sie Ihre Karriere gesund überstanden?

Kretzschmar: Ja, schon. Ich brauche bestimmt mal ein künstliches Knie irgendwann, das macht mir manchmal zu schaffen. Andererseits, ich kenne keinen aus der Generation über mir, der nicht ein künstliches Knie oder eine künstliche Hüfte hätte. Überrascht hat das aber keinen. Bei dem Sport leiden die Knochen.

SPIEGEL: Zurzeit wird heftig darüber diskutiert, ob mit der Reform der Champions League die Belastung der Handballer noch weiter zunimmt. Wie sehen Sie das?

Kretzschmar: Diese Neuformierung ist von der Anzahl der Spiele für deutsche Spieler tödlich. Zumindest für die Spieler, die Nationalmannschaft, Champions League und Bundesliga spielen. Im olympischen Jahr sind die dann bei fast 100 Spielen. Das ist Wahnsinn.

SPIEGEL: Wie ging es nach Ihrem Karriereende weiter?

Kretzschmar: Das war eine wahnsinnig große Herausforderung. Plötzlich wachst du auf und musst zum ersten Mal selber entscheiden, was du nun machst. Das hat dir vorher immer der Verein abgenommen. Ich wurde dann Sportdirektor in Magdeburg. Leider hat sich mein Gehalt plötzlich gedrittelt, obwohl meine Ausgaben gleich geblieben sind. Das war nicht ohne.

SPIEGEL: Waren Sie damals pleite?

Kretzschmar: Pleite nicht, aber ich hatte Zeiten, in denen es mir nicht so gut ging.

SPIEGEL: Hatten Sie kein Management?

Kretzschmar: Doch. Denen habe ich sogar Post zum Aufmachen weitergeleitet, denn ich wollte mit nichts etwas zu tun haben. Ich war zu leichtgläubig und gutgläubig, denke ich. Aber was soll's. Ich bin niemand, der Dingen nachweint. Seit drei, vier Jahren weiß ich, was ich verdiene und wie ich mit dem Geld verantwortungsvoll umgehe.

SPIEGEL: Was ist da passiert?

Kretzschmar: Mein Management hat mir damals gekündigt. Mein Vertrag bei Sport1 war ausgelaufen, und ich war noch nicht bei Sky. Ich hatte versucht, dass mein Management trotzdem weitermacht, weil ich es wahnsinnig beängstigend und schlimm fand, mich plötzlich um alles allein zu kümmern. So war es dann aber. Heute, drei Jahre später, finde ich es mega. Und es geht mir finanziell besser als je zuvor.

SPIEGEL: Warum ist aus Ihnen nie ein einflussreicher Funktionär geworden?

Kretzschmar: Pädagogisch bin ich dazu nicht in der Lage. Als Sportdirektor in Magdeburg musste ich jeden Montag dem Aufsichtsrat über das Sonntagsspiel Rapport ablegen: dem Chef der Wohnungsbaugesellschaft, dem Chef der Stadtwerke, den Hauptsponsoren eben. Du kannst dir nicht vorstellen, was für Fragen du da beantworten musst. Am Ende wurde ich dann enteiert: Mir wurde ein Präsident vor die Nase gesetzt, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Ich habe dann freiwillig hingeschmissen. Das ist einfach nicht meine Welt.

SPIEGEL: Woran hapert es, wenn es darum geht, den Sport voranzubringen?

Kretzschmar: Alle Klubmanager sind sich einig, dass sie zusammenhalten müssen, wenn sie was bewegen wollen. Aber allein das Durchsetzen eines einheitlichen Hallenbodens, was für uns in der medialen Darstellung wahnsinnig wichtig ist, das hat Jahre gedauert. Weil viele kleinkariert sind und natürlich keiner Werbeaufkleber vom Spielfeld nehmen wollte, die sind ja eine entscheidende Einnahmequelle.

SPIEGEL: Haben Sie noch ein Beispiel?

Kretzschmar: Die digitale Bandenwerbung. Erklär das mal, dass die jeder haben muss. Es gibt immer noch Hallen in Deutschland, da werden vor jedem Spiel die Werbebanner auf Sperrholz getackert.

SPIEGEL: Herr Kretzschmar, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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