AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2018

Gabor Steingart Was der wahre Grund für die Entlassung des "Handelsblatt"-Herausgebers ist

Gabor Steingart hatte ehrgeizige Pläne, doch sein Verleger Dieter von Holtzbrinck warf ihn lieber raus. Warum?

Journalist Steingart: Nirgends Gefahr gespürt
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Journalist Steingart: Nirgends Gefahr gespürt

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Das Ende ereilte Gabor Steingart in Hamburg, und es ereilte ihn schriftlich. Es war der Mittwoch der vergangenen Woche, Steingart war in den Norden gereist, weil er am nächsten Morgen vor Managern des Verlages Gruner + Jahr reden wollte. Darüber, wie man in digitalen Zeiten Erfolg haben kann. Steingart, Herausgeber und Geschäftsführer des "Handelsblatts", sieht sich und seine Zeitung da durchaus als Vorbild.

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Heft 8/2018
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Doch mit dem Erfolg hatte es sich dann erst einmal, zumindest mit dem persönlichen. Denn in dem Brief, den ihm sein Verleger Dieter von Holtzbrinck geschickt hatte, wurde Steingarts sofortige Abberufung von der Spitze des "Handelsblatt" ausgesprochen, sogar ein Hausverbot. Steingart traf das Schreiben wie ein Schock. Nichts, so berichten Vertraute, habe er weniger erwartet als das. Er habe sich unangreifbar gefühlt, sei sich des Vertrauens von Dieter von Holtzbrinck sicher gewesen. Nirgends habe er Warnsignale wahrgenommen, nirgends Gefahr gespürt.

Natürlich habe ihn die Form gewundert. Ein Rauswurf per Brief, kalt wie eine Mahnung vom Finanzamt. Das entsprach nicht der Beziehung zwischen ihm und Holtzbrinck, wie beide diese seit Jahren wahrgenommen und inszeniert hatten, als persönliche Freundschaft nämlich zwischen dem weisen Verleger und seinem ungestümen Erneuerer. Steingart sagte den Vortrag bei Gruner + Jahr ab und reiste nach Düsseldorf, zur Aussprache mit seinem Verleger. In der Zwischenzeit hatte er genug Muße, über die Gründe für das unerwartete Zerwürfnis nachzudenken.

Wenige Tage zuvor, am Montag, hatte es das letzte Vieraugengespräch zwischen Steingart und Holtzbrinck gegeben. Wie das genau ablief, lässt sich aus den Aussagen derer rekonstruieren, die anschließend mit Steingart und Holtzbrinck gesprochen haben. Die Betroffenen selbst möchten sich nicht äußern. Klar ist, dass es bei dem Treffen noch nicht zum offenen Streit kam. Es war wohl eher so, dass sich Steingart in diesen drei Stunden selbst ins Aus redete, in einer Mischung aus Forschheit, Selbstüberschätzung, manche sagen gar: Größenwahn - und gewiss einem Gefühl der Unverwundbarkeit.

Das Treffen hatte der "Handelsblatt"-Herausgeber selbst gewünscht. Er wollte von seinen Plänen für die kommenden Jahre reden, von Expansion, Markenstrategie, davon, viel mehr aufs "Handelsblatt" zu setzen und weniger auf die "Wirtschaftswoche", die zum gleichen Haus gehört. Es ging darum, eine Strategietagung vorzubereiten. Steingart wollte grünes Licht dafür, seine Pläne detailliert auszuarbeiten.

Wie hochtrabend die genau waren, darüber gibt es unterschiedliche Darstellungen. Diejenigen, die eher Steingart stützen, sagen, er habe bloß in den Etats "umschichten" und das Innovationstempo erhöhen wollen. 2020, so war wohl sein persönlicher Lebensplan, sollte sein Vertrag als Geschäftsführer ohnehin enden. Dann, so heißt es, hätte er gern als Herausgeber, Gesellschafter, vielleicht als Aufsichtsrat weitergemacht. In den verbleibenden drei Jahren aber wollte er noch einmal Gas geben. Er sei bei dem Treffen vielleicht etwas zu forsch aufgetreten, zu selbstsicher, ein wenig begeistert von sich selbst, soll Steingart später eingeräumt haben.

Verleger Holtzbrinck: Klare Kante
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Verleger Holtzbrinck: Klare Kante

Diejenigen, die eher die Sichtweise des Verlegers verbreiten, berichten, Steingarts Forderungen seien maßlos gewesen. Er habe enorme Investitionen verlangt und offenbar erwartet, dass Holtzbrinck das Geld dafür bereitstelle. Steingart habe geglaubt, "er sei hier bei Google", ätzt ein Manager. Um seine hochfliegenden Zukunftspläne für das "Handelsblatt" zu bezahlen, soll Steingart sogar angeregt haben, der Verleger könne doch seine Fachzeitschriften verkaufen. Die "Wirtschaftswoche" hätte bei den gewünschten Investitionen offenbar deutlich zurückstehen müssen.

Dieter von Holtzbrinck ist nicht geizig, hart gespart wurde in der Verlagsgruppe nie, Verluste glich der Verleger in der Vergangenheit geduldig aus. Man darf deshalb davon ausgehen, dass es bei dem Konflikt nicht um ein paar Milliönchen ging, sondern um viel, viel Geld. Von einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag ist die Rede. Holtzbrinck, sagen Vertraute, sei von den selbst für Steingarts Verhältnisse ambitionierten Wachstumsideen schockiert gewesen. Und er habe gewusst: Einen wie Steingart kann man nicht bremsen. "Gute Journalisten fallen im Kampfe und sterben nicht im Bett", das sagt Steingart gern.

Am Ende aber ging es womöglich nicht bloß ums Geld. In dem vertraulichen Gespräch soll Steingart einen Fehler gemacht haben, der ihn in den Augen des Verlegers wohl endgültig als anmaßend erscheinen lassen musste. Er schoss gegen den Aufsichtsrat. Das Gremium sei falsch zusammengestellt, zu gestrig, nicht digital und nicht glamourös genug und überhaupt: mit alten Buddies des Verlegers besetzt. Gemeint war damit vor allem einer: Michael Grabner, engster Vertrauter Holtzbrincks und ärgster Widersacher von Steingart. Es gehört, je nach Lesart, viel Mut oder viel Dummheit dazu, den Verleger gegen seinen Freund Grabner in Stellung bringen zu wollen. "Am Ende gilt Dieter von Holtzbrincks Loyalität immer Michael Grabner", sagt ein Vertrauter.

Grabner ist, mit kurzer Unterbrechung, seit 1991 bei Holtzbrinck, der Österreicher war jahrelang Geschäftsführer in dem Medienkonzern. Wo Holtzbrinck die Öffentlichkeit mied, sprang Grabner ein, er stand im Zweifel für Niederlagen und Ärger ein - wie etwa bei dem gescheiterten Versuch, die "Berliner Zeitung" zu übernehmen - und hielt den Verleger damit aus der Schusslinie. Zu seinem 75. Geburtstag übergab Holtzbrinck seinen Posten als Aufsichtsratschef 2016 an den Weggefährten Grabner. Die beiden fahren seit langer Zeit einmal im Jahr zusammen in den Urlaub, gern auf Kreuzfahrt.

Grabner ist erfinderisch, er ließ Tabloids wie "20 Cent" oder "News" entwickeln und suchte nach neuen Einnahmequellen für den Verlag, aber mit Dieter von Holtzbrinck teilt er die Überzeugung, dass der Journalismus auch auf dem Papier noch Zukunft habe, nicht nur im Digitalen. Und beide mögen es überhaupt nicht, dafür als hinterwäldlerisch abgetan zu werden.

Dass Dieter von Holtzbrinck die klare Kante nicht scheut, hatte er schon im Konflikt mit seinem Halbbruder gezeigt: Stefan von Holtzbrinck entdeckte 2006 seinen Enthusiasmus für das Internet, Dieter ging der zu weit. Er zog sich zurück, der Familienbetrieb wurde später aufgespalten. Dass er den Langmut seines Verlegers überreizt hatte, wurde Steingart offenbar erst bei der Lektüre des Briefs am Mittwoch klar. Erst da, so berichten es Steingart-Vertraute, soll dem Journalisten bewusst geworden sein, dass er seine Situation falsch eingeschätzt habe. Auch wenn sich zumindest das Hausverbot schnell als Versehen entpuppte und wieder aufgehoben wurde.

In der "Handelsblatt"-Redaktion löste die Nachricht, die am Donnerstagabend vom SPIEGEL verbreitet wurde, mittlere Schockwellen aus. "Handelsblatt"-Chefredakteur Sven Afhüppe und andere ranghohe Journalisten und Geschäftsführer formulierten prompt eine Solidaritätserklärung für Steingart.

Da gingen noch alle davon aus, dem Herausgeber sei vor allem sein letztes "Morning Briefing" zum Verhängnis geworden. In seiner an rund 700000 Abonnenten per Mail verschickten Kolumne hatte Steingart über einen politischen Mord des SPD-Chefs Martin Schulz an Außenminister Sigmar Gabriel fantasiert. Dieter von Holtzbrinck missfiel die Tonlage so sehr, dass er sich dafür in einem kurzen Brief an Schulz entschuldigte.

Als Holtzbrinck am Freitagnachmittag dann zum ersten Mal wenigstens einer kleiner Öffentlichkeit zu erklären suchte, worum es in dem Streit gegangen war, bei einem Auftritt vor der Belegschaft, blieb er nebulös. Er sprach bloß von "finanziellen und gesellschaftsrechtlichen Differenzen". Auf die Frage, welche "Differenzen" er denn meine, blieb Holtzbrinck wortkarg. Dazu könne er nichts sagen, das sei privat. Es blieben vor allem Fragezeichen.

Zweifelsohne sind da am Ende zwei starke, ja sture Charaktere aufeinandergeprallt. Für das Steingart-Lager wurde ein digitaler Vordenker abgeräumt, der für die vorsichtigen Rechner aus Stuttgart zu groß dachte, wurde der Mann der Zukunft gestoppt von Leuten, die zu sehr in der Vergangenheit verhaftet waren.

Die Holtzbrinck-Leute dagegen liefern eher die Erzählung von einem Angestellten, dem der Erfolg zu Kopf gestiegen war, der sich allen anderen - inklusive des Verlegers - überlegen fühlte. Wie sehr er in der Branche beachtet, von manchen für den Umbau des "Handelsblatt" durchaus gefeiert wurde - damit hielt Steingart auch vor dem Verleger nicht groß hinter dem Berg. Auch nicht damit, dass andere Verlagshäuser an ihm interessiert seien, dass sein Marktwert beständig steige. Tatsächlich soll in jüngster Zeit Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner Interesse gezeigt haben. Peu à peu sei Steingart abgehoben, so beschreiben es diejenigen, die ihm nicht bis ins Letzte wohlgesinnt sind. Und immer mehr sei deutlich geworden, wie sehr er offenbar auf die anderen herabblicke.

Eine Anekdote illustriert das gut. Alljährlich treffen sich die Manager und Chefredakteure des gesamten Holtzbrinck-Reichs am Tegernsee. Auch im vergangenen Mai. Unter anderem waren "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und dessen Stellvertreter Bernd Ulrich dabei. Steingart platzierte in das Treffen ein "Morning Briefing", in dem er über Ulrich und dessen eher Schulz-freundlichen Text vom Tag zuvor herzog: "Wo der Glaube beginnt, endet der Qualitätsjournalismus", schrieb Steingart. "Man könnte es Starrsinn nennen, oder - etwas freundlicher - als publizistischen Übermut einer in Blüte stehenden Hamburger Institution interpretieren." Dann attestierte er dem Kollegen in Anlehnung an Friedrich Nietzsche "Freude am Unsinn". Es war ein Affront. Die Stimmung zwischen den Journalisten, so schildern es Teilnehmer, geriet eisig.

Die Angriffe auf Schulz und der Angriff auf Kollegen, die Schulz verteidigen, werden hier oder dort auch als Freundschaftsdienst für einen anderen Sozialdemokraten gedeutet: Sigmar Gabriel. Noch vor wenigen Wochen soll Steingart zumindest kurzzeitig die Idee verfolgt haben, den Noch-Außenminister später einmal ans "Handelsblatt" zu binden.

Nun geht es erst einmal um Geld. Steingart ist nicht nur Herausgeber und Geschäftsführer. Er besitzt auch einige Anteile an der Handelsblatt Media Group, die nun ausgezahlt werden müssen. Um wie viel es sich dabei handelt, da gehen die Darstellungen zwischen Steingart und Holtzbrinck-Leuten wieder einmal auseinander. Steingart redete auch in Interviews von fünf Prozent, für die er verantwortlich sei. Laut Handelsregister sind es nur drei.

Noch ist der Auflösungsvertrag nicht ausgehandelt. Vermutlich könnte es damit auch noch ein bisschen dauern. Dieter von Holtzbrinck macht gerade Urlaub - gemeinsam mit Michael Grabner.



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