AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2017

Medizin-Apps Wie das Handy den Arzt ersetzt

Blutdruck, Lungenfunktion, Herzfrequenz: Neue Apps und Handyzubehör durchleuchten den menschlichen Körper. Demnächst werden Smartphones präzisere Diagnosen stellen können als ein Mediziner. Wer profitiert?

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Das Flugzeug war gerade gestartet, als ein Passagier das Bewusstsein verlor. Eric Topol zog sein Smartphone aus der Tasche und leitete damit ein EKG ab. Er machte eine Ultraschalluntersuchung vom Herzen des Mannes, maß die Sauerstoffsättigung im Blut. Dann gab er Entwarnung. Das Flugzeug konnte weiterfliegen, der Auslöser für den Kollaps war nur ein kurzzeitig langsamer Herzschlag.

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Heft 29/2017
Geheime Dokumente: Warum der Staat seine Bürger alleinließ

Topol ist Kardiologe in La Jolla im US-Bundesstaat Kalifornien. Er hat schon einige solcher Situationen über den Wolken erlebt. Einmal diagnostizierte sein Mobiltelefon einen Herzinfarkt, das Flugzeug musste notlanden. Was Topol fasziniert: Jeder hätte das EKG ableiten können, egal ob Medizinprofessor, Flugbegleiter oder Sitznachbar. Alles, was er dafür brauchte, wären ein Sensor für 200 Dollar und ein Smartphone mit einer App, die den Herzrhythmus interpretiert.

Kaum ein Gegenstand hat die Welt so schnell verändert wie das Smartphone. Völlig selbstverständlich wird damit eingekauft, es werden darüber Termine und Revolutionen organisiert, man kann damit den Partner fürs Leben finden oder eine Beerdigung planen. An einem Tag werden weltweit zehnmal so viele Mobiltelefone verkauft wie Babys geboren. Jetzt erobert das Smartphone die Medizin.

Seit Jahrtausenden sind Kranke auf einen anderen Menschen angewiesen, der ihnen hilft. Einen Heiler, einen Arzt. Nun schiebt sich ein Gerät in das etablierte Verhältnis. Gepaart mit der Macht künstlicher Intelligenz, wird das Handy die Medizin grundlegend verändern. Viele Untersuchungen, die bisher nur in einer Arztpraxis gemacht werden konnten, sind nun jederzeit - und für jeden - im heimischen Sessel möglich.

Mittels kleiner und nicht einmal teurer Zusatzgeräte kann das Smartphone Hirnströme ableiten, den Augeninnendruck messen, ein EKG aufzeichnen, den Blutdruck bestimmen, Vorhofflimmern erkennen, die Lungenfunktion prüfen, Herzgeräusche speichern, Innenohraufnahmen machen, den Atemalkoholgehalt analysieren, die Hauptschlagader schallen und sogar das Erbgut sequenzieren.

Kardiologe Topol
imago / ZUMA Press

Kardiologe Topol

Schon bald wird es kaum noch etwas geben, das die Praxis eines Hausarztes von einem aufgerüsteten Handy technisch unterscheidet. Im Gegenteil: Manchmal ist der Patient schon heute mit dem Handy besser bedient.

Apps wie M-Sense revolutionieren die Migränediagnostik. An der Universität Magdeburg wird an Neotiv gefeilt, einer Handysoftware, die Alzheimer zuverlässig erkennen soll. Sogar erste Tricorder wie aus "Star Trek" gibt es: Man hält sie gegen die Stirn und bekommt binnen Sekunden eine erste Auswertung, wie es dem Patienten geht. Eine israelische Firma liefert mit Scio das erste Molekular-Spektrometer fürs Smartphone. Kurz auf einen Apfel gehalten, erscheint auf dem Handybildschirm dessen Wasser- und Kohlenhydratgehalt. Auch mit Tabletten funktioniert das: Der Apparat scannt die Struktur, gleicht sie mit einer Datenbank ab und zeigt etwa an, dass es sich um Paracetamol handeln muss. In der Notaufnahme eines Krankenhauses wäre eine solche Überprüfung heute nicht ohne Weiteres möglich.

Es ist längst nicht ausgemacht, welche Folgen das für die Branche, für Patienten und Ärzte, für die Hersteller von medizinischen Großgeräten, die vielleicht bald keiner mehr braucht, haben wird. Sicher ist nur: Der Arzt bekommt Konkurrenz - und Konkurrenz belebt das Geschäft. Schon in ein paar Jahren wird der Patient nicht mehr nur entscheiden können, zu welchem Arzt er geht. Er wird wählen können zwischen Ärzten vor Ort, Onlinediagnosen, intelligenten Messgeräten, und vielleicht wird er sich auch in seinem Auto untersuchen lassen.

Der Patient wird mächtiger - und der Arzt entbehrlicher.

Das Milliardengeschäft

Die erste Welle der Gesundheits-Apps bestand aus Tracking-Armbändern und ähnlichen Accessoires, die zu Recht als bessere Schrittzähler belächelt wurden. Doch die zweite Welle entwickelt sich zu einer ernst zu nehmenden Sparte der Medizintechnik; Investoren sprechen darum gern von "Serious Health". Es geht um Geld. Viel Geld. Und es geht um Vertrauen, Angst und die Überforderung eines tradierten Gesundheitssystems.

Das Epizentrum der digitalen Medizin liegt, anders als für verbrauchernahe Anwendungen wie Facebook oder Snapchat, nicht im Silicon Valley, sondern an der US-Ostküste, in Israel - und in Europa. Markus Müschenich, 56, gehört zu den Anführern der Szene in Berlin.

Müschenichs Leben ist rastlos, seit er sich der Digitalmedizin verschrieben hat. Hier ein Termin mit Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, dort eine Videokonferenz mit einem vielversprechenden Start-up. Müschenich redet quasi permanent in das Headset seines Telefons, die restliche Zeit hält er Vorträge vor Ärzten, Krankenkassenfunktionären und Politikern. Der frühere Kinderarzt wollte immer mehr machen, als nur Patienten behandeln. "Ich bereue es heute, nicht eher aus dem Kittel ausgestiegen zu sein", sagt er.

Mediziner Müschenich
HC Plambeck / DER SPIEGEL

Mediziner Müschenich

Müschenich war im Management am Unfallkrankenhaus Berlin und schließlich Vorstand beim Klinikkonzern Sana. Doch seine eigentliche Berufung fand er weder bei fiebernden Babys noch in Wirtschaftlichkeitskennziffern von Herzzentren. Er gründete eine Firma, ließ eine App entwickeln, die schielende Kinder heilen kann. Müschenich brachte die Barmer Krankenversicherung dazu, seine Anwendung für ihre Versicherten zu bezahlen - geboren war die erste App auf Rezept. Heute gehört ihm die Firma Flying Health, ein Start-up-Inkubator im Medizinbereich, der Geld und Wissen verteilt. Er begleitete Patientus aus Lübeck, eine Firma, die Sprechstunden per Videoverbindung anbietet, sowie das Diabetes-Start-up mySugr, welches gerade an den Pharmariesen Roche verkauft wurde. Er ist an einer Software für Schwangere, Onelife, beteiligt und will Neotiv wertvoll machen, jene Firma, die per Smartphone Alzheimer erkennen können will.

Müschenich residiert mit seinen zehn Mitarbeitern in Berlin in einem Co-Working-Space inmitten anderer Start-ups. Und er redet auch im typischen Optimismussprech der Szene. "Ich sehe hier jeden Tag junge Menschen, die mir zeigen, dass sie besser sind als wir. Das inspiriert."

Derzeit besteht das Gesundheitswesen aus dem ambulanten und dem stationären Sektor. Bald wird der digitale Sektor hinzukommen, sind sich Gesundheitsökonomen sicher. Bei einem Gesamtbudget für das deutsche Gesundheitswesen von 350 Milliarden Euro wird das Hightechsegment wohl auch Geld aus den angestammten Bereichen der Krankenhaus- und Praxisversorgung saugen. Der digitale Medizinbereich soll bereits 2025 allein in Deutschland jährlich 100 Milliarden Euro schwer sein, erwarten Müschenichs Leute. "Der digitale Sektor wird sich organisatorisch vor die beiden Bereiche schieben", sagt Müschenich. Künftig werde ein Arzt davon abhängig sein, ob er durch digitale Systeme Patienten zugewiesen bekomme.

Dass das Smartphone die "zentrale Schnittstelle" für die Gesundheitsversorgung werden wird, glaubt man auch am Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) im schweizerischen Rüschlikon, einem Thinktank, der sich mit Zukunftsfragen befasst. "Der Kostendruck wird das System ins Digitale drängen. Eine erste Untersuchung jedes Patienten durch Smartphone-Systeme erscheint sinnvoll. Unternehmen, die das als erste verstanden haben, werden die Gewinner sein", sagt Karin Frick, Forschungsleiterin am GDI.

Während Ärzte und Patienten gerade einmal ahnen, was ihnen bevorsteht, sind Medizingerätehersteller längst aufgeschreckt.

Die Hersteller

In der Nähe des Hamburger Flughafens, in der Röntgenstraße, befindet sich die Deutschlandzentrale von Philips. Der niederländische Weltkonzern ist seit 2014 nicht mehr derselbe wie in den fast hundert Jahren davor. Das ist sogar an der Architektur zu sehen. Etagen heißen hier Speicherstadt oder Reeperbahn, konferiert wird in Boxen. Der CEO sitzt im Großraumbüro. Neben den Toiletten sind Halter für die Mobiltelefone der Mitarbeiter installiert.

Fernsehgeräte, die den Namen Philips tragen, haben nichts mehr mit dem Unternehmen zu tun, sondern sind nur noch ein Lizenzgeschäft. Die Glühlampensparte ist verkauft. Bleiben Medizingeräte. "Wo ich hinkomme, muss ich erklären, dass Philips heute ein reines Medizintechnikunternehmen ist", sagt Peter Vullinghs, Deutschlandchef des Unternehmens und Herr über mehr als 4800 Mitarbeiter. Er sieht Parallelen zum Geschäft mit TV-Geräten, das er mal verantwortete. "Die sind von High-End-Produkten zu simplen Gebrauchsgegenständen geworden. Das Gleiche passiert jetzt mit der Medizintechnik." Neue Konkurrenten seien hinzugekommen. Vullinghs nennt Google, Apple, Samsung oder IBM.

Philips-Manager Vullinghs
picture alliance / Jan Haas

Philips-Manager Vullinghs

Philips ist führend im Bereich elektrische Zahnbürsten. Über Sensoren erkennen manche Modelle das Zahnputzverhalten und zeigen dies in einer Smartphone-App an. Zum Geschäft mit den "Kisten", so nennt Vullinghs Klinikgroßgeräte wie Computertomografen, kommen mehr und mehr Anwendungen für Endkunden hinzu. Die Firma baut an einem Sturzsensor für gebrechliche Menschen, der erkennt, wie stark der Aufprall war und ob ein Notruf abgesetzt werden muss. Die Software Vital Signs Camera kann aus einem simplen Handykamerabild die Herz- und Atemfrequenz sowie ein EKG ableiten - mit verblüffender Genauigkeit.

Auch die Geschäftsmodelle ändern sich. War es bisher üblich, dass Arztpraxen oder Krankenhäuser in großen Abständen Geräte für viele Tausend oder gar Millionen Euro kauften, könnten sich künftig Gebühren für deren Nutzung durchsetzen. Das Taschen-Ultraschallgerät Lumify etwa, welches gekoppelt an ein Smartphone gut aufgelöste Bilder liefert, wird mit einer monatlichen Nutzungsgebühr für die Software angeboten. Als Kunden hat Philips auch Hebammen im Visier. Sie könnten vor Ort eine Aufnahme machen und diese an einen Frauenarzt senden. Wie lange dessen Urteil noch gebraucht wird, ist wohl nur eine Frage der Entwicklung kluger Software, die die Analyse des Ultraschalls übernimmt.

Etwas konservativer geht man die Sache bei Siemens Healthineers an, der Medizingerätesparte des deutschen Industriegiganten. "Unsere Kunden sind nicht die Patienten, sondern nach wie vor Krankenhäuser und Praxen", sagt Arthur Kaindl, Leiter Digital Health Services. Pro Stunde werden weltweit über 200.000 Patienten mit Siemens-Geräten untersucht.

Gesammelt könnten die millionenfachen Daten bald wertvoller sein als das Gerät an sich. Denn Daten sind kostbar. "Es wird darauf hinauslaufen, dass wir auch Software bauen, welche den Arzt in der Diagnose unterstützt", sagt Kaindl. Aus Unterstützung könnte mehr und mehr die Übernahme ärztlicher Aufgaben werden, doch das sagen Hersteller, wenn überhaupt, nur mit der Vorgabe, sie damit nicht zu zitieren. Die Kunden - Kliniken, Rettungsdienste oder Fachärzte - sollen nicht unnötig verärgert werden.

Der Beatmungsgerätespezialist Dräger aus Lübeck sieht die Entwicklung lang-sam, aber stetig kommen. Bei aufwendigen Prozeduren wie der Entwöhnung eines Patienten vom Beatmungsgerät ließen sich heute schon immer mehr Ärzte durch Software unterstützen. Auch Daten von Überwachungsmonitoren werden längst auf Handys übertragen. Der US-Konzern Johnson&Johnson hat mit Sedasys sogar eine Maschine entwickelt, die quasi allein eine komplette Kurzzeitnarkose fahren konnte - für bis zu ein Zehntel des Preises der Betäubung durch einen Anästhesisten. Der Hersteller zog das Produkt zurück - die Verkaufszahlen waren zu gering.

Schneller setzt sich Digitales vor allem dann durch, wenn Patienten direkt profitieren. Medtronic hat ein System für Diabetiker auf den deutschen Markt gebracht; mittels eines Sensors unter der Haut wird stetig der Blutzuckerspiegel gemessen und auf dem Smartphone angezeigt. Eine Pumpe injiziert exakt die benötigte Menge des Zuckerkillers Insulin. Doch was Betroffenen hilft, muss längst nicht jeder Arzt gut finden. "Leider stellen wir fest, dass es heute immer noch Praxen gibt, die nicht an das Internet angeschlossen sind", sagt Michael Struck, Leiter der Medtronic-Diabetessparte. Auch dass die Einweisung der Patienten in das Smartphone-System dem Arzt nicht vergütet wird, erweist sich als Problem.

 Smartphone-Apps und zusätzliche Messinstrumente machen es ohne großen technischen Aufwand möglich, bei Beschwerden den Gesundheitszustand zu überwachen. Auch Ärzten erleichtern manche dieser günstigen und portablen Geräte die Arbeit. Besonders Patienten mit chronischen Krankheiten können in Zukunft regelmäßig ihre Werte überprüfen und somit eine Veränderung früh erkennen. Diese schnelle Untersuchungsmethode könnte auch die Entscheidung erleichtern, ob ein Arztbesuch erforderlich ist.

Smartphone-Apps und zusätzliche Messinstrumente machen es ohne großen technischen Aufwand möglich, bei Beschwerden den Gesundheitszustand zu überwachen. Auch Ärzten erleichtern manche dieser günstigen und portablen Geräte die Arbeit.

Besonders Patienten mit chronischen Krankheiten können in Zukunft regelmäßig ihre Werte überprüfen und somit eine Veränderung früh erkennen. Diese schnelle Untersuchungsmethode könnte auch die Entscheidung erleichtern, ob ein Arztbesuch erforderlich ist.

Dabei drängt die Zeit. Angestachelt von neuen technischen Möglichkeiten, kommen Anbieter auf den Medizinmarkt, mit denen niemand gerechnet hat. Etwa der Automobilkonzern Audi. Seit Jahren arbeitet man dort an einem rollenden Gesundheitscenter. Das Kalkül: Durch selbstfahrende Autos wird viel freie Zeit entstehen. Bisher experimentieren die Ingenieure noch mit Wellness-Angeboten für die Fahrer. Mittels sogenannten Biofeedbacks und EKG-Ableitung werden Atemübungen vorgeschlagen, ein Vibrationsmassagesitz wurde entwickelt.

Doch die Ziele sind ehrgeiziger. "Das Auto ist wie gemacht für einen Arztbesuch", sagt Christiane Stark, Leiterin des Projekts, das bei Audi unter dem Namen Fit Driver geführt wird. Die Karosserie biete einen privaten und geschützten Raum, schon heute sei ein Auto mit unzähligen Sensoren ausgestattet. "Eine Basisuntersuchung des Fahrers wäre bereits in naher Zukunft kein Problem", sagt Stark. Über eine gesicherte Verbindung könnte Kontakt zum Telearzt hergestellt werden. Wäre eine Konsultation nötig, würde das Navigationssystem direkt zu einem geeigneten Ort leiten.

Weit weniger Aufmerksamkeit als Crashs von Teslas, deren Fahrer sich auf die umstrittene Selbstfahrfunktion "Autopilot" verließen, bekommen Fälle wie dieser: Im vergangenen Juli erlitt ein Mann eine Lungenembolie - während der Fahrt auf einem US-Highway in seinem Tesla. Er konnte noch ein Krankenhaus als Zielort eingeben und ließ sich automatisch dorthin fahren, während er im Fahrersitz litt. Der Mann überlebte - wohl wegen seines Teslas. Wird das Auto zukünftig lebensgefährliche Zustände automatisch erkennen? "Das ist denkbar", sagt Audi-Fachfrau Stark. Und Mediziner Müschenich ist sich sicher: "Patienten werden mit fertigen Diagnosen zum Arzt kommen. Die können vom Auto erstellt worden sein oder vom Smartphone."

Die Krankenkassen

Jens Baas redet gern und viel über die Digitalisierung der Medizin. Er macht bei seinem Lieblingsthema aus einer für den Termin angesetzten Stunde fast drei. Vor seinem Büro wartet eine Traube von Mitarbeitern, die längst ein Meeting mit ihm gehabt hätten. Er kommentiert das mit einem kurzen Lachen. Baas, 50, ist Chef der Techniker Krankenkasse. Finanziell hat er sich verschlechtert, als er 2011 erst Vorstand und später Vorsitzender bei Deutschlands größter Kasse wurde. Zuvor war Baas, selbst Arzt, Partner bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group.

Man könnte meinen, dass der Kassenchef, der in seiner Freizeit historische chirurgische Instrumente sammelt, Partei für seine Medizinkollegen ergreift. Doch dann kommen Sätze wie diese: "Der Arztberuf wird sich in weiten Teilen radikal verändern. Software kann schon bald immer mehr Mustererkennung übernehmen und damit eine wertvolle Unterstützung für den Arzt sein - eine Unterstützung, die er heute so nicht hat. Seine Rolle wird dann mehr und mehr die eines medizinisch kompetenten Mittlers werden." Glaubt man Baas, steht das Gesundheitswesen vor einem gewaltigen Erdbeben. "In fünf bis zehn Jahren wird es zu einem großen Ruck kommen", prophezeit er. Baas sieht sich gern in der Rolle des digitalen Antreibers. "Wir müssen uns bewegen, sonst kommt der Druck von außen", sagt er. Er meint damit digitale Großkonzerne, aber auch Start-ups, die die Medizin so umkrempeln wollen, wie Amazon es mit dem Einzelhandel getan hat.

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Die Krankenkassen sind oft die erste Anlaufstelle für junge Digitalunternehmen - vor allem weil sich die Kassen langfristig Kostenersparnis durch Digitalmedizin erhoffen. Trotzdem scheitert manches derzeit noch an Grundsätzlichem: So ist eine ausschließliche Behandlung aus der Ferne hierzulande Ärzten verboten, und auch die Bezahlung ist ungeklärt.

Doch im Internet kann sich keine Branche abschotten, und so kommt der Druck aus dem Ausland. Die amerikanische Klinikkette Mayo, weltbekannt für ihr weitgefächertes Spezialistentum, will schon 2020 mehr als 200 Millionen Patienten jährlich behandeln. Mit den großen drei Mayo-Klinikkomplexen in den USA wäre das nicht zu schaffen. Der Konzern setzt auf Behandlung übers Internet.

"Medizin wird mit der Digitalisierung zum Exportgut", sagt Markus Müschenich. Und wäre den Vor- und Nachteilen eines globalen Marktes ausgesetzt. Künftig könnten sich nicht nur Kranke auf der ganzen Welt selbst Experten suchen, auch Krankenkassen könnten mit - billigeren - Anbietern aus dem Ausland ins Geschäft kommen. Der Techniker-Kassenchef kann sich das vorstellen. "Wenn die Rechtslage es hergibt und den Versicherten daraus ein Vorteil entsteht, halte ich es für möglich, telemedizinische Leistungen auch im Ausland einzukaufen", sagt Baas.

Die Ärzte

Auf Kongressen witzeln Ärzte gern, es müsse eine Abrechnungsziffer für das "Entgoogeln" von manchen Patienten geben, also jenen Menschen, die Selbstdiagnose im Netz betrieben haben und dabei Krankheiten entdeckten, von deren Existenz sie bisher nichts ahnten. Nach ein paar Klicks wird aus einer laufenden Nase dann schnell etwas Inoperables. Der Hohn über "Dokor Google" löst zuverlässig das leicht herablassende Lachen der Kollegen aus. Dabei kann das Gegenteil genauso richtig sein: Der Rat von Software kann helfen.

Längst kann Amazons Sprachassistentin Alexa bei der Wiederbelebung assistieren: Sie erinnert etwa daran, einen Notruf abzusetzen, und gibt den Takt für die Herzdruckmassage vor. Der von einem Deutschen mitgegründete Facebook-Bot Gyant kann per Messenger-Chat erkennen, ob sich ein Patient mit dem Zika-Virus infiziert haben könnte. Menschen auf der ganzen Welt haben sich bereits beraten lassen - gratis und ohne Wartezeit. Derzeit macht eine Studie Schlagzeilen, die beweist, dass ein Computeralgorithmus Herzerkrankungen besser vorhersah als nach den Leitlinien arbeitende Ärzten.

Ambulanzbereich Universitätsklinikum Frankfurt am Main
Juliane Werner

Ambulanzbereich Universitätsklinikum Frankfurt am Main

"Approbation schützt nicht vor Wettbewerb", sagt Digitalunternehmer Müschenich. Er glaubt, dass schon bald Bots ernsthafte Konkurrenten für Mediziner werden, spätestens dann, wenn nicht mehr klar erkennbar ist, ob ein Mensch oder eine Software die Anamnese erhebt und eine Diagnose stellt. "Der Arzt muss beweisen, dass er gleich gut ist. Das wird zunehmend schwerer, wenn die künstliche Intelligenz mit voller Wucht aufholt", sagt er.

Wie lange vertrauen sich Patienten noch einem Dermatologen an, wenn Software die fragliche Hautveränderung in Sekunden mit Millionen Aufnahmen abgleicht? Wird ein Blutdruckwert, der erwiesenermaßen höher ist, wenn er in der Praxis gemessen wird, künftig noch eine Rolle im Vergleich zu den Messergebnissen einer Smartwatch spielen, die unauffällig mehrmals die Stunde misst? Der Dammbruch komme dann, wenn digitale Systeme besser und preiswerter seien als Ärzte, glaubt Müschenich.

Das Medizinstudium, da sind sich viele einig, bereite auf die digitale Herausforderung kaum vor. Wird es Patienten künftig noch beeindrucken, wenn Ärzte auf Latein fachsimpeln - wenn sie anderswo Informationen verständlich aufbereitet bekommen? Können Arzt-Patienten-Gespräche noch auf Minuten genormt werden, wenn die Alternative ein Bot ist, der Zeit hat und geduldig jede Frage beantwortet, auch mehrmals die gleiche? Wird der Patient drei Monate Wartezeit für einen Termin und eine Stunde im Wartezimmer noch akzeptieren, um am Ende mit dem Arzt ein im Schnitt siebenminütiges Gespräch führen zu dürfen, wenn es ebenso gute digitale Alternativen gibt?

Die Patienten

Eine Umfrage des Medizininkubators Flying Health zeigt, dass sich die Mehrheit der Patienten schon heute lieber von einer zertifizierten App behandeln lassen würde als von einem Arzt. Die Entfernungen zur Praxis oder die Wartezeiten waren dafür keine relevanten Kriterien.

"Die Qualität von Ärzten folgt der gaußschen Normalverteilung", sagt Müschenich. "Da sind exzellente Behandler dabei, Totalausfälle und ein breites Feld an Medizinern, die okay, aber nicht perfekt sind." Müschenich glaubt, dass Technologie den Patienten mündiger macht. "Er kann nun überprüfen, ob der Arzt wirklich weiß, wovon er spricht."

Bleibt die wohl größte Schwachstelle der neuen Medizinwelt: die Datensicherheit. Je mehr sich die Medizin digitalisiert, desto angreifbarer machen sich die Patienten. Die Datenbanken von drei der größten Medizingerätehersteller der Welt - Medtronic, St. Jude Medical und Boston Scientific - wurden gehackt. Im Mai legte eine Sicherheitslücke in Windows-Rechnern Krankenhäuser in England lahm.

Softwareanbieter argumentieren oft, dass die Identität des Nutzers für den Service keine Rolle spiele. Doch Firmen wie Drawbridge haben es sich zur Aufgabe gemacht, verschiedene Geräte einem konkreten Nutzer zuzuordnen, etwa indem sie Daten von Websites und Apps zusammenführen, die Uhrzeit der Nutzung auswerten und den Standort tracken. Viele Gesundheits-Apps haben keinen hohen Datenschutzstandard; längst nicht jede Ergänzung für das Smartphone hat eine Zulassung der US-Gesundheitsaufsichtsbehörde FDA.

Wie gehen Patienten damit um, wenn sie ein Diensttelefon nutzen und der Arbeitgeber wesentliche Funktionen des Geräts überwachen kann? Hat er dann auch Zugriff auf sensible Gesundheitsinformationen?

Und wo speichert der Patient all seine Gesundheitsdaten? Die elektronische Gesundheitsakte ist wohl nur dann der richtige Ort dafür, wenn jeder Patient vollumfänglichen Zugriff darauf hat und selbst entscheidet, mit wem er seine Daten teilen will. Richtig heikel werden all diese Fragen, wenn es um Erbgutinformationen geht. "Datenschutz darf kein Totschlagargument werden. Klug gemacht, überwiegen die Vorteile bei Weitem", sagt Mediziner Müschenich. Auch Philips-Manager Peter Vullinghs mahnt: "Zu viel Datenschutz kann in der Medizin auch Menschen töten." Haben sie recht?

Die Technik ist da, und sie wird besser. Die Patienten sind zunehmend bereit für digitale Medizin. Es wird weiterhin ein Bedürfnis geben, einem leibhaftigen Menschen gegenüberzusitzen, der die Kompetenz eines honorigen Chefarztes ausstrahlt. Doch braucht diese Person eine Approbation als Arzt, oder genügt eine Ausbildung in Patientenkommunikation?

So schnell sich die Branche auch entwickelt - der Mediziner der Zukunft wird ein Mensch bleiben, vorerst. Denn trotz aller Innovationen wird sich der Smartphone-Taschenarzt nicht von heute auf morgen durchsetzen. Das ist in der Medizin nichts Ungewöhnliches. Aktuell dauert es im Schnitt 17 Jahre, bis es innovative Medizin von ihrer Entwicklung zur breiteren Anwendung schafft.

Das war sogar bei Dingen so, die dann über Jahrhunderte nicht infrage gestellt wurden. So brauchte es von der Erfindung 1816 über zwanzig Jahre, bis das Stethoskop die massiven Widerstände in der Ärzteschaft überwinden konnte. Heute wollen sich viele Mediziner nicht mehr davon trennen - obwohl es Alternativen gibt.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
chalchiuhtlicue 24.07.2017
1. Einfach lächerlich ...
... ist die Aussage, dass der Arzt im Flugzeug mittels seines Smartphones eine "Ultraschalluntersuchung des Herzens" des Patienten gemacht hätte. Wie bitte soll das gehen? Wie soll das Smartphone die notwendige Ultraschallfrequenz von 2,5 MHz erzeugen? Sicher nicht mittels seiner Lautsprecher. Ohne einen entsprechenden Schallkopf als Zubehör geht da gar nichts. Und was das EKG anbetrifft: Bestenfalls ein Einkanal-EKG, dass außer einer Kontrolle von Rhythmus und Frequenz nichts kann. Wie hat der erwähnte ärztliche Kollege kardiale Ischämie, akutes Koronarsyndrom und Rechtsherzbelastungszeichen (als Zeichen für eine Lungenembolie) ausgeschlossen? Dazu bedarf es eines 12-Kanal-EKGs und ggf. erweiterten Ableitungen. Das einzige, was ein Smartphone evtl. ausreichend korrekt hinbringen kann, wäre die Pulsoxymetrie. ----- Geht der Spiegel in seinem Ärztehass jetzt soweit, dass einfach mal Fake News konstruiert werden, um zu erklären, dass Ärzte bald nicht mehr notwendig seien? Es wird langsam richtig lächerlich ....
murksdoc 24.07.2017
2. Optimisten
Nehmen wir einmal an, ich bewerbe mich auf einen Chefposten bei irgendeiner Firma und hätte einen Mitbewerber. Was spräche dagegen, meinem verarmten Nachbar, von dem ich weiss, dass er an bestimmten Geschlechtkrankheiten leidet, 100 Euro zu bezahlen, damit ich mein Wunderhandy in sei nen Schritt stecken darf, um dann die Nummer des Hausarztes meines Konkurrenten zu wählen, mich unter dessen Namen zu melden und scheinheilig um eine Ferndiagnose zu bitten. In dessen elektronischer Patientenakte, natürlich auch dem Arbeitgeber einsehbar (dieser besteht als Einstellungkriterium darauf, dass man ihm diese Einsicht gestattet) steht dann: "Syphilis, weicher und harter Schanker, Trichomonaden, alles hochinfektiös, Lebenserwartung kleiner/gleich 6 Monate". Damit wäre das erste Problem beschrieben: die fehlende Garantie, dass das empfangene Signal auch von einer bestimmten Person als Quelle stammt. Zweites Problem: wer bestimmt, was in diese Akte hinein und auch, was wieder herauskommt? Der Hausarzt? Habe ich nicht. Ich selber? Dann kann ich es auch gleich auf einen DIN-A 10 Zettel schreiben. Es steht nämlich nichts drin, weil es niemanden etwas angeht. Die Krankenkasse? Werde ich dann beweispflichtig, dass ich weder Schanker, noch Trichomonaden noch die Maul-und Klauenseuche habe, sondern dass das alles von einem Troll eingefügt wurde, der den AOK-Account gehackt hat? Das dritte und grösste Problem: als medizinisches Diagnostikgerät unterliegt mein Smartphone dem Medizinproduktegesetz MPG und für mich als Betreiber gilt die Medizinproduktebetreiberverordnung. DAS braucht wirklich kein Mensch. Da telefoniere ich lieber mit meinem Telefon.
m.m.s. 24.07.2017
3. Medizinisch-holografisches Notfallprogramm
Es handelt sich hier um das Medizinisch-holografisches Notfallprogramm aus Starship Enterprise. Das passt heute schon auf ein Handy, wie man soeben erfährt. Der dahinterstehende Kardiologe ist völlig, komplett, absolut unerheblich, das weiß ja jetzt mit letzgültiger Sicherheit. ;-)
Stefan_G 24.07.2017
4. zu #1
Zitat von chalchiuhtlicue... ist die Aussage, dass der Arzt im Flugzeug mittels seines Smartphones eine "Ultraschalluntersuchung des Herzens" des Patienten gemacht hätte. Wie bitte soll das gehen? Wie soll das Smartphone die notwendige Ultraschallfrequenz von 2,5 MHz erzeugen? Sicher nicht mittels seiner Lautsprecher. Ohne einen entsprechenden Schallkopf als Zubehör geht da gar nichts. Und was das EKG anbetrifft: Bestenfalls ein Einkanal-EKG, dass außer einer Kontrolle von Rhythmus und Frequenz nichts kann. Wie hat der erwähnte ärztliche Kollege kardiale Ischämie, akutes Koronarsyndrom und Rechtsherzbelastungszeichen (als Zeichen für eine Lungenembolie) ausgeschlossen? Dazu bedarf es eines 12-Kanal-EKGs und ggf. erweiterten Ableitungen. Das einzige, was ein Smartphone evtl. ausreichend korrekt hinbringen kann, wäre die Pulsoxymetrie. ----- Geht der Spiegel in seinem Ärztehass jetzt soweit, dass einfach mal Fake News konstruiert werden, um zu erklären, dass Ärzte bald nicht mehr notwendig seien? Es wird langsam richtig lächerlich ....
Die angebliche Nutzung des Smartphones als Massenspektrometer und zur Genanalyse ist noch viel lächerlicher. Hier ein Bild eines Massenspektrometers https://de.wikipedia.org/wiki/Massenspektrometrie#/media/File:Mass-spectrometer_awi_hg.jpg Zu beachten: alle abgebildeten Teile gehören dazu. Klar, es geht heutzutage auch ein bisschen kompakter, unter 100 kg sind kaum drin, nebenbei kostet das Teil einen 6stelligen Betrag. Ach ja, daneben braucht es noch einen Laborraum für die Probenvorbereitung, einfach mal ein Tröpfchen Blut in das System einzubringen bedeutet tagelanges Putzen. Noch absurder wird es bei der Genanalyse. Hier braucht es neben den auch sehr teuren Gerätschaften vor allem viel Zeit, es geht ja bei einem Notfallpatienten nicht darum, die Vaterschaft nachzuweisen. Also beides nix für das Handgepäck im Flugzeug.
ruhepuls 25.07.2017
5. Doch, gibt es wirklich...
Zitat von Stefan_GDie angebliche Nutzung des Smartphones als Massenspektrometer und zur Genanalyse ist noch viel lächerlicher. Hier ein Bild eines Massenspektrometers https://de.wikipedia.org/wiki/Massenspektrometrie#/media/File:Mass-spectrometer_awi_hg.jpg Zu beachten: alle abgebildeten Teile gehören dazu. Klar, es geht heutzutage auch ein bisschen kompakter, unter 100 kg sind kaum drin, nebenbei kostet das Teil einen 6stelligen Betrag. Ach ja, daneben braucht es noch einen Laborraum für die Probenvorbereitung, einfach mal ein Tröpfchen Blut in das System einzubringen bedeutet tagelanges Putzen. Noch absurder wird es bei der Genanalyse. Hier braucht es neben den auch sehr teuren Gerätschaften vor allem viel Zeit, es geht ja bei einem Notfallpatienten nicht darum, die Vaterschaft nachzuweisen. Also beides nix für das Handgepäck im Flugzeug.
Das Gerät nennt sich SCIO (https://www.consumerphysics.com) und kostet um die 250 EUR. Ich habe es und experimentiere damit rum. Allerdings beschränken sich die Anwendungen derzeit auf das Thema Ernährung, sowie erkennen von Pharmaka. Außerdem gibt es eine OEM-Anwendung für die Landwirtschaft. Die Software läuft auf den Servern der Hersteller - ohne Internetverbindung bleibt die Hardware "dumm". Vergleichsmessungen zu bereits bekannten Zusammensetzungen zeigen relative Genauigkeit (Abweichungen 5-10%). Grundsätzlich lässt das Messverfahren aber fast jede Art von Probe zu, sofern diese flüssig oder fest ist (Oberfläche). Es ist einfach eine Frage der Datenbasis. Je mehr Substanzen erfasst sind, desto mehr können analysiert werden.
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