AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2017

Hannover 96 und Investor Kind Der Schrecken der Liga

Martin Kind will Hannover 96 besitzen. Seine Widersacher fürchten den Ausverkauf. Entscheidet sich hier die Zukunft des deutschen Profifußballs?

Hannover-96-Zuschauer mit Protestbanner
Bongarts/Getty Images

Hannover-96-Zuschauer mit Protestbanner

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In einem Moment des Übermuts, als Hannover 96 kurz vor dem Sieg über den Bundesliga-Spitzenreiter Borussia Dortmund steht, als das Stadion "Oh, wie ist das schön" anstimmt und eine Kellnerin Sektgläser in die Loge bringt, gestattet sich Martin Kind einen Scherz.

"Martin, wenn du hier gewinnst, wirst du zum Schrecken der Liga!", brüllt einer von Kinds Vertrauten. Der Vereinspräsident antwortet: "Bin ich jetzt schon, aber aus anderen Gründen." Schallendes Gelächter in der Präsidentensuite, Kind zeigt seine Zähne.

Der Schrecken der Liga hat vor 20 Jahren die Führung bei Hannover 96, damals ein hoch verschuldeter Drittligist, übernommen. Ohne Martin Kind würden die Fußballer der 96er heute womöglich nicht in der höchsten deutschen Spielklasse kicken. Es gibt wohl keinen zweiten Deutschen, der seit Jahrzehnten einen Verein so prägt wie Kind Hannover 96. Selbst die Bayern hatten Beckenbauer, Hoeneß, Rummenigge. Hannover hatte nur Kind.

Martin Kind, 73, hagere Figur und tiefe Augenhöhlen, trägt gern Lederjacke und Dreitagebart. Er gilt als Alleinherrscher, als unbequem, und er verfolgt seit Jahren eine klare Agenda: Fußballvereine sollen Wirtschaftsunternehmen werden, die 50+1-Regel soll fallen, Hannover 96 soll ihm gehören.

Damit ist er der erbitterte Widersacher traditionsverliebter Fußballfans, die sich gegen die Übernahme ihrer Sportart durch kühle Investoren wehren.

Bundesligavereine dürfen nicht mehrheitlich von einem Geldgeber geführt werden, das verbietet die 50+1-Regel. Kind hat für sich und Hannover 96 eine Ausnahme beantragt, die Entscheidung des Präsidiums der Deutschen Fußball Liga (DFL) steht wahrscheinlich kurz bevor. Damit geht der Kulturkampf um die Zukunft des deutschen Profifußballs in die entscheidende Runde, denn die 50+1-Regel ist in akuter Gefahr.

Kind ist siegessicher, doch seine gefährlichsten Gegner lauern im eigenen Verein. Sie werfen ihm vor, dass er sich den Klub unter den Nagel gerissen habe. Mit einem neuen, brisanten Gutachten, das dem SPIEGEL vorliegt, könnten sie Kind auf der Zielgerade noch zu Fall bringen.

Am vorvergangenen Samstag macht Kind sich sichtbar keine Sorgen. Er fühlt sich wohl, ist bestens gelaunt. "So was hat man lange nicht gesehn", singt das Stadion, Hannover schlägt Dortmund 4:2. Der 73-Jährige winkt seinem Enkel und dessen Freund: "Kommt, Kinder, wir gehen in die Kabine!" In den Katakomben klatscht er die verschwitzten Spieler ab und schleudert ihnen Sprüche um die Ohren. "Und jetzt: neun Tage frei", ruft ein Spieler. Kind: "Das wüsst ich aber." "Toll gespielt", gratuliert ein Spieler dem anderen. Kind: "Dafür wird er doch schließlich bezahlt!" Seine Sprüche klingen schroff, Gesprächsthemen beendet er gern mit "Tja, so ist das nun mal".

96-Spieler beim Torjubel gegen Dortmund
Getty Images

96-Spieler beim Torjubel gegen Dortmund

Martin Kind lebt diszipliniert und sparsam, giert nach Erfolg, hasst unprofessionelles Verhalten und hat höchste Ansprüche an die Menschen, mit denen er zusammenarbeitet. Das Hörgeräte-Imperium, das seinen Namen trägt, hat als kleines Fachgeschäft seiner Eltern in Großburgwedel bei Hannover begonnen. Der Erbe hat es zu einem Millionenunternehmen und sich zu einem Multimillionär gemacht.

Etwas anderes als Erfolg akzeptiert er offenbar auch im Fußball nicht. Hannover 96 ist sein Eigentum, das Stadion sein Reich, der Sieg dort auch sein Sieg, so empfindet es der Unternehmer. In der Umkleidekabine beugt er sich zum Sohn eines seiner Spieler hinunter: "Willst du später auch mal Profi werden? Dann komm zu mir, ich weiß, wie das Geschäft funktioniert."

Unter seiner Ägide hat Hannover 96 anderthalb Jahrzehnte in der Ersten Bundesliga gespielt, 2012 stießen die Niedersachsen bis ins Viertelfinale der Europa League vor. Kind sieht sein Engagement als Erfolgsmodell: Regionale Investoren stützen Hannover 96 und damit die Stadt. Lasst die Millionäre mal machen, die verstehen mehr vom Geschäft als Vereinsmitglieder.

Die Zentralen der größten 96-Gesellschafter liegen in Großburgwedel. Von Kinds Firmensitz in einem unscheinbaren Gewerbegebiet blickt man auch auf den Hauptsitz des 96-Mitgesellschafters Dirk Roßmann. Kinds Tennisfreund, der Milliardär Roßmann, hat mit seinen Drogeriemärkten einen ähnlichen Werdegang hingelegt wie Kind.

An einem Tag im Oktober sitzt Martin Kind auf der Terrasse seines Hotels in Großburgwedel und verschlingt Zitronenkuchen. Eigentlich hängen ihm die Diskussionen um 50+1 zum Hals raus, sie machten ihn "rammdösig", aber so sei das nun mal, die Leute wollten mit ihm darüber sprechen, auch wenn es die meisten einfach nicht verstehen würden.

Fußballfans, das ist ein besonderer Schlag Mensch, zu dem Kind sich selbst nicht zählt und der ihm in all den Jahren bei Hannover 96 fremd geblieben ist. Er hatte sich das anders vorgestellt, als er damals die Verantwortung übernahm, pragmatischer, vernünftiger, weniger gefühlsgesteuert.

Martin Kind bei einer Pressekonferenz im August 2017 über die Zukunftsplanung von Hannover 96
DPA

Martin Kind bei einer Pressekonferenz im August 2017 über die Zukunftsplanung von Hannover 96

Bereut er sein Engagement für Hannover 96? Nein, er bereue niemals, sagt Kind, aber was er danach sagt, klingt so: "Ich würde heute sehr viel länger darüber nachdenken und würde wahrscheinlich mit dem Wissen von heute zu einer negativen Entscheidung kommen." Ungern gibt er zu, dass die Proteste einiger Fans an ihm nagen.

Wer den Streit in Hannover verstehen will, muss wissen, wie die 50+1-Regel funktioniert. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat sie 1998 eingeführt, um Vereine vor skrupellosen Investoren zu schützen. Sie ist ein Anachronismus in der kommerzialisierten Fußballwelt.

Damals bot der DFB den Bundesligavereinen zwar erstmals die Möglichkeit, ihre Fußballabteilung in ein Unternehmen auszulagern und sich damit für fremde Kapitalgeber zu öffnen. Aber die 50+1-Regel stellt gleichzeitig sicher, dass der Verein immer die Kontrolle über die Geschicke der Lizenzspielerabteilung behält, indem er eben mindestens 50 Prozent plus einen weiteren Stimmenanteil in der Versammlung der Anteilseigner hält. Diese Öffnung für Investoren reiche nicht, um ordentlich Kapital einzusammeln, findet Martin Kind: "Das Kapital muss die Entscheidungen treffen."

Das ist in ganz Europa der Fall. Viele ehemalige Vereine in England, Frankreich und Italien werden von Scheichs kontrolliert, von Oligarchen und US-Investoren. Besonders die organisierten Fangruppierungen in Deutschland wehren sich gegen diese fremden Mächte.

Andreas Rettig, früher Geschäftsführer bei der DFL, heute beim FC St. Pauli, gibt ihnen eine Stimme. "Wollen wir wirklich einen Sport komplett privatisieren, in dem sich Millionen Menschen ehrenamtlich engagieren?", fragt Rettig, "einen Sport, den Bund und Länder für die WM 2006 mit Steuergeldern von über drei Milliarden Euro unterstützt haben?"

"Wir haben verstanden", hat DFB-Präsident Reinhard Grindel kürzlich gesagt. Der Fußball in Deutschland stehe auch für "Stehplätze, faire Eintrittspreise und die 50+1-Regel". Versteht das Martin Kind genauso?

Abende wie der 25. Oktober gehen Kind auf die Nerven. DFB-Pokal in Wolfsburg, der Weg zum Finale ist "der kürzeste Weg in die Europa League", sagt Kind, und Europapokal bedeutet: Geld. An diesem Abend, zweite Pokalrunde, ist die Volkswagen-Arena halb leer, sie sieht ein schlechtes Spiel. Die 96er scheinen sich in Zeitlupe zu bewegen, weite Pässe wehen ins Nichts, Hannover scheidet aus.

In der vollen Auswärtskurve stehen und schweigen die 96-Fans. Seit Monaten halten Teile der Ultras einen Stimmungsboykott ab, um gegen ihren Präsidenten zu protestieren. Ihr größtes Banner trägt drei Worte: "KIND MUSS WEG!" In der 75. Minute solidarisieren sich einige Fans im Wolfsburger Block mit dem Anhang aus der Landeshauptstadt und skandieren diese drei Worte.

Das ist mindestens kurios, schließlich will Kind für Hannover nur das erreichen, was in Wolfsburg schon längst gilt: eine Ausnahme von der 50+1-Regel. Neben dem Volkswagen-Klub genießt auch Bayer Leverkusen als Werkself diese Sonderbehandlung, ebenso die TSG Hoffenheim mit ihrem Mäzen Dietmar Hopp.

Hannover 96 passt nicht in diese Reihe, denn die anderen drei Vereine würden ohne ihre Firma nicht existieren oder ohne ihren Investor höchstens gegen andere Dorfklubs kicken. Hannover 96 hingegen war schon vor Martin Kind ein Bundesligist, Deutscher Meister 1938 und 1954, Pokalsieger 1992. Wenn Kind gewinnt, ist Hannover 96 der erste Traditionsverein, der den Wandel zur Investorenfirma mit Fußballbetrieb vollzieht.

Genau das will die Kind-Opposition in Hannover verhindern - einer von ihnen ist Ralf Nestler. Der Fachanwalt für Steuer- und Insolvenzrecht legt demonstrativ einen Aktenordner auf den Tisch in seiner Kanzlei. "Das ist allein die Korrespondenz, in der ich Unterlagen vom Verein angefordert habe. Meistens kriege ich darauf nicht mal eine Antwort." Nestler, 52, graue Haare, graue Brille, ist der Kopf des Widerstands gegen Kinds Übernahmepläne. Er ist Aufsichtsratsmitglied im Hannoverschen Sportverein und soll eigentlich den Vorstand kontrollieren. Der habe daran wohl kein Interesse, sagt Nestler. Kind widerspricht: Der Aufsichtsrat werde vom Vorstand vollumfänglich informiert, nur Herr Nestler habe die notwendige Vertraulichkeit "in der Vergangenheit nicht immer berücksichtigt". In jedem Fall steht Nestler im Aufsichtsrat auf verlorenem Posten. Denn der ist, wie alles bei Hannover 96, fest im Griff der Kind-Befürworter.

DER SPIEGEL

Kind ist nicht nur Präsident des Hannoverschen Sportvereins von 1896 e.V., sondern auch Geschäftsführer der ausgelagerten Lizenzspielerabteilung, der Hannover 96 GmbH & Co. KGaA. Diese KGaA gehört komplett einer Investorengesellschaft, der Hannover 96 Sales & Service GmbH & Co. KG (S&S). Deren Hauptgesellschafter und Geschäftsführer ist ebenfalls Kind. Kurz gesagt: Über jedem Bestandteil von Hannover 96 thront immer derselbe Boss.

"Ich bin ein überzeugter Demokrat", hat Kind einmal gesagt. Ein lupenreiner, könnte man im Sinne des KGaA-Aufsichtsratschefs Gerhard Schröder wohl hinzufügen. In den 20 Jahren unter Kind hat der Verein 15 Trainer und 9 Sportdirektoren verschlissen, Kind blieb.

Es gibt keine zwei Meinungen darüber, wer bei Hannover 96 das Sagen hat. "Martin Kind ist der Chef", sagt Mitgesellschafter Roßmann. Voriges Jahr gab es im Gesellschafterkreis Unmut, als Kind die Mehrheit der S&S übernahm. "So ist das nun mal", sagt Kind dazu. Andere Gesellschafter hätten damals ja auch weitere Anteile übernommen.

Mit Kapitalerhöhungen haben die S&S-Investoren um Kind über Jahre hinweg die Stimmrechtsanteile des Vereins in der Hannover 96 KGaA verringert. Denn der Verein hatte selbst nie genug Eigenkapital, um bei Investorenrunden mitzuhalten. So hat das Kapital den Verein aus der Lizenzgesellschaft gedrängt. Der verbliebene Anteil des Vereins an der KGaA: null Prozent.

Verstößt diese Struktur mit dem allmächtigen Kind nicht gegen die 50+1-Regel? Ja, befand bereits 2008 ein Gutachten, das für die DFL erstellt und bis heute unter Verschluss gehalten wurde. Nein, sagt die DFL, denn in der komplexen Unternehmensstruktur gibt es noch eine formale Verbindung zwischen Verein und KGaA: die Management GmbH.

Sie gehört komplett dem Verein und ist ein wichtiger Baustein im Hannover-Konstrukt. Denn wer in der Management GmbH das Sagen hat, kann mittelbar die Geschäftsführung der Lizenzspielerabteilung bestimmen. Nun will Kind 51 Prozent der Management GmbH erwerben. Mit dem Beschluss hat er aber womöglich einen entscheidenden Fehler begangen.

Was ist die Mehrheit eines Unternehmens wert, das zwar substanzlos ist, aber dessen Übernahme die vollständige Kontrolle über einen Bundesligisten im Wert von mehr als 100 Millionen Euro sichert? 12.750 Euro, fand Kind, nach Beratung mit Wirtschaftsprüfern, wie er sagt. Es ist das Ergebnis einer simplen Rechnung: Die Management GmbH weist ein Stammkapital von 25.000 Euro auf, 51 Prozent davon sind 12.750 Euro. So ist das nun mal. "Entsprechende Gutachten liegen vor", sagt Kind.

Am 31. Juli sollte der Aufsichtsrat einen Vorstandsbeschluss des Vereins umsetzen, der den Verkauf der Anteile an Kind vorschlug. Es sei "im Interesse" des Vereins, so heißt es in dem vertraulichen Vorstandspapier, dass der Verein die Kontrolle über die Lizenzspielerabteilung verliere.

Übernahmegegner Nestler legte bei der Aufsichtsratssitzung ein Gutachten vor, das den Kaufpreis als viel zu niedrig bezeichnete. Erstellt wurde es vom ehemaligen DFL-Finanzchef Christian Müller, einem Bankkaufmann und Sportmanagement-Dozenten. "Aber dafür haben sich meine Aufsichtsratskollegen überhaupt nicht interessiert", sagt Nestler. Ein Vorstandsmitglied antwortete stattdessen, er habe selbst ein Gutachten vorliegen. Auf Nestlers Frage, was denn darin stehe, habe er die Antwort erhalten: "Nur ein Satz: Die Anteile sind 12.750 Euro wert." Nestler fühlte sich nicht ernst genommen. Andere Beteiligte bestreiten Nestlers Schilderung.

Der Oppositionsführer hat daraufhin ein weiteres Gutachten in Auftrag gegeben, diesmal bei der renommierten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Baker Tilly. Die gibt Nestler recht: Die Anteile der Management GmbH hätten mindestens einen Wert von 10 bis 30 Millionen Euro. Kurz gesagt: Der Vereinspräsident Kind, sein Vorstand und sein Aufsichtsrat hätten demnach der Privatperson Kind einen Freundschaftspreis gemacht: etwa 0,1 Prozent des eigentlichen Werts.

Damit steht nun womöglich der Vorwurf der Untreue im Raum, weil der Präsident seinem Verein statt Millioneneinnahmen nur 12.750 Euro gegönnt hat. Der Verkauf der Anteile hätte "vorrangig wirtschaftliche Interessen des Erwerbers Martin Kind zu Lasten des Vereinszwecks" unterstützt, sagen die Experten von Baker Tilly. Kind würde sich damit "sittenwidrig einen erheblichen Vermögensvorteil verschaffen". Die Kind-Opposition wird mit diesem Gutachten vor Gericht ziehen.

Kinds Mitgesellschafter Matthias Wilkening, Chef des psychiatrischen Klinikums Wahrendorff im hannoverschen Umland, ist sauer, dass sich Kind als Privatmann weiter breitmacht. Er hält Kinds Vorhaben für "äußerst fragwürdig" und "eklatant rechtswidrig". Er ist wie Nestler mit einer einstweiligen Verfügung vor Gericht gescheitert. Doch es ist absehbar, dass sich noch ein weiteres Gericht mit der Übernahme des Vereins beschäftigen wird.

Kind zeigt sich von der Gegenwehr unbeeindruckt. Er hält die Angelegenheit längst für entschieden und plant die Zukunft mit ihm als Eigentümer von Hannover 96. Er wolle nur regionale Investoren an Bord holen und langsam einen Nachfolger für sich aufbauen, sagt er. Seine Anteile solle sein Sohn Alexander übernehmen, ohne eine aktive Rolle im Verein zu spielen.

Als die Fanopposition am vergangenen Samstag während des Spiels Banner mit den Aktenzeichen von Wilkenings Verfahren hochhalten lässt, verspeist Kind eine Eiswaffel in seiner Loge und zuckt mit den Schultern. "Das ist ein kleiner Teil unter den Fans, der hier gegen mich Stimmung macht", sagt er. "Die meisten können die Ergebnisse der Arbeit beurteilen."

Genau will er selbst seine Verdienste nicht beschreiben, außer dass er für Hannover 96 stets ehrenamtlich und unentgeltlich gearbeitet habe. Aber wie viel Geld er investiert hat, verrät er nicht. "Für meine Verhältnisse zu viel", sagt er.

Doch damit könnte er es sich zu leicht machen. Für die Ausnahmegenehmigung von der 50+1-Regel hat die DFL nämlich Richtlinien formuliert. Kind müsste Hannover mehr als 20 Jahre lang in erheblichem Umfang und ohne Gegenleistung gefördert haben. Er geht davon aus, dass er diese Anforderungen erfüllt. Doch "erhebliche" Förderung bedeutet laut DFL: so viel, wie der jeweilige Hauptsponsor über 20 Jahre gegeben hat. Das wären in Hannover zusammengerechnet mehr als 50 Millionen Euro. Die hat Kind aber wohl bei Weitem nicht ohne Gegenleistung investiert, sagen zwei Insider, die sich gut mit den Finanzen des Vereins auskennen. "Für so wenig Geld ist noch nie ein etablierter Fußballklub über den Tisch gegangen", sagt der ehemalige DFL-Geschäftsführer Christian Müller. Zum Vergleich: Der Mäzen Hopp hat in Hoffenheim angeblich etwa 350 Millionen Euro ausgegeben.

Kommende Woche könnte sich das DFL-Präsidium mit dem Fall Hannover beschäftigen. Insider sagen: Die Liga tue alles, um einem Rechtsstreit aus dem Weg zu gehen. Und Kind hat angekündigt, dass er klagen werde, wenn er die Ausnahmegenehmigung nicht bekomme.

Damit ist die Wirkung der 50+1-Regel in Gefahr: Bekommt Kind recht, hätte Hannover 96 einen Wettbewerbsvorteil, und die DFL verwässerte ihr eigenes Regelwerk. Verliert Kind und zieht vor Gericht, könnte die Regel komplett fallen. Dann würde das Wettrennen um die Milliarden im Fußball-Business Bundesliga beginnen. Kind wäre auch so am Ziel.



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