AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2017

Bestsellerautor Ferdinand von Schirach "Ob der Mensch gut oder böse ist, ist eine sinnlose Frage"

"Ich war schon mehr als zehn Jahre Strafverteidiger", schreibt Gastautor Ferdinand von Schirach, "aber erst im Kino habe ich zum ersten Mal ganz verstanden, was Schuld eigentlich ist." Was war das für ein Film?

Szene aus "Happy End", dem neuen Film von Michael Haneke
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Szene aus "Happy End", dem neuen Film von Michael Haneke


Ferdinand von Schirach
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Ferdinand von Schirach

Ferdinand von Schirach ist Strafverteidiger und Schriftsteller ("Verbrechen", "Der Fall Collini", "Schuld") in Berlin.


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Heft 41/2017
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Irgendwann hat man keine Vorbilder mehr. Man weiß zu viel, zu viel über sich selbst und zu viel über die anderen. Michael Haneke ist für mich die eine Ausnahme. Kunst ist kein demokratischer Prozess, kein sozialer Vorgang, sie ist das Gegenteil. Sie muss kompromisslos sein, und ich kenne keinen anderen Künstler, der weniger Kompromisse macht. Die Präzision seiner Arbeiten, das Unsentimentale, das Fehlen aller Klischees - das alles hat mich oft aufgerichtet, wenn ich aufgeben wollte. Aber ich kann keine Rezension eines Haneke-Films schreiben, ich bin kein Kritiker. Ich kann nur sagen, was mir diese Filme bedeuten, ich kann eine Geschichte erzählen.

Ayumi kam aus Kyoto, um hier in Berlin an der Universität der Künste Musik zu studieren. Drei Jahre saß sie beinahe jeden Tag dort, in einem winzigen Übungsraum am Klavier. Im Sommer ließ sie das Fenster offen, weil es zu stickig war. Meine Kanzlei lag in der Nähe der Hochschule, und manchmal, wenn ich unter ihrem Fenster vorbeiging, blieb ich stehen, rauchte und hörte ihr eine Zigarette lang zu.

Ab und zu trafen wir uns in einem Café, sie mochte den Birnenkuchen. Wir sprachen über ihre Übungen, ihre Lehrer und über Haikus, die japanischen Kurzgedichte. Sie sagte, sie seien so unmittelbar wie Musik, jeder Mensch würde sie sofort verstehen. Sie sprach über ein Haiku, das der Mönch Ryokan, kurz bevor er starb, einer Nonne diktierte. Ayumi schrieb es auf Deutsch und Japanisch auf eine Papierserviette und las es mir in beiden Sprachen vor:

"Mal zeigt es die Rückseite, mal die Vorderseite, ein Ahornblatt im Fallen."

Als ich sie das vierte oder fünfte Mal traf, geschah etwas Seltsames: Mitten in einem Satz hörte sie plötzlich auf zu sprechen, sie sah aus dem Fenster und bewegte sich nicht. Erst nach ein paar Sekunden redete sie weiter, so als ob nichts gewesen wäre. Nach einigen Wochen wurden die Pausen länger, und schließlich fragte ich sie, was das sei.

"Weißt du", sagte sie, "ich falle aus der Zeit." Zuerst verschwinde die Sprache, dann das Café, die Bäume, die Bürgersteige und am Ende sie selbst. In diesen Momenten werde es still, die täglichen Verletzungen lösten sich auf, das Dunkle und das Schwere. Und das sei immerhin ein Anfang. Dabei lächelte sie. Ich glaubte, sie zu verstehen. Ich täuschte mich.

Während des Abschlusskonzerts ihrer Klasse verlor sie das Bewusstsein, sie glitt zu Boden, ihr Kopf schlug auf das Klavier. Ein Rettungswagen brachte sie ins Krankenhaus, sie wurde geröntgt, die Ärzte entdeckten einen Hirntumor, groß wie ein Tischtennisball. Ihre Eltern reisten aus Japan an. Ihr Vater war ein kleiner Mann mit einer schweren Hornbrille, ihre Mutter trug ein schwarzes Kleid. Sie verbeugten sich vor den Ärzten und waren sehr still. Als ich Ayumi zuletzt sah, konnte sie nicht mehr sprechen, ihre Lippen waren so weiß wie ihre Haut, es sah aus, als hätte sie keinen Mund mehr. Ein paar Tage später starb sie.

Ihre Eltern wollten sie zu Hause beerdigen. Ich half ihnen mit den Papieren; das war alles, was ich tun konnte. Wir sahen zu, wie die Kiste in den Laderaum des Flugzeugs geschoben wurde. Sie sah aus wie eine normale Kiste, in der Surfbretter oder Stehlampen oder Aluminiumprofile transportiert werden. Aber in der Kiste war ein Holzsarg, und in dem Holzsarg war eine Zinkwanne, die zugelötet worden war, und darin lagen Holzspäne und Torf und Ayumi in einem weißen Kleid.

Das Flugzeug hob ab wie jedes andere Flugzeug an diesem Tag. Ich blieb in der Lounge sitzen und wartete darauf, dass etwas passiert. Die Menschen sahen auf ihre Handys, sie bestellten Essen und Getränke und diskutierten die Fußballergebnisse. Das war alles. Ich fuhr mit dem Taxi nach Hause.

An diesem Abend habe ich Hanekes Film "Caché" das erste Mal gesehen. Ich war damals schon mehr als zehn Jahre Strafverteidiger, aber erst dort im Kino habe ich zum ersten Mal ganz verstanden, was Schuld eigentlich ist. Die Psychologen und Psychiater sagen, es gebe keine Schuld, sie denken, solche Sätze würden helfen, und vielleicht tun sie das auch.

Aber es stimmt nicht. Wir werden schuldig, an jedem einzelnen Tag. In "Happy End" töten die Menschen, sie verletzen, betrügen und schweigen. Sie können nicht anders. Sie stehen nebeneinander, sie berühren sich nicht, sie nehmen sich nicht wahr oder sind sich lästig und peinlich. Jeder ist einsam, und alle bleiben sich fremd. Wenn sie glauben, sich zu lieben, schreiben sie über Sex und Zerstörung im blauen Licht eines Computerbildschirms. Einmal sagt die 13-jährige Eve zu ihrem Vater: "Ich weiß, dass du niemand liebst. Du hast Mama nicht geliebt, du liebst Anaïs nicht, du liebst diese Claire nicht, und du liebst mich nicht. Das ist weiter nicht schlimm."

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Jeder Haneke-Film hat mich verunsichert. Um "Funny Games" zu Ende zu sehen, brauchte ich vier Anläufe. Er ist kaum zu ertragen, weil er die Wahrheit über Gewalt zeigt. Das Morden ist keine amüsante Popveranstaltung wie bei Tarantino. "Das weiße Band" war der einzige Film, in dem ich vollkommene Stille in einem ausverkauften Kino erlebte. Niemand aß Popcorn, niemand hustete, niemand sagte ein Wort. "Liebe" erinnerte mich an "Letzte Einkehr" von Imre Kertész. "Schließlich, nach drei Jahren widerlichen und sinnlosen Leidens, hab ich sie erstickt", sagt Georges über den Tod seiner Frau in "Happy End". Ich dachte damals an Sokrates: In seinem letzten Moment bat er die Freunde, dem Gott der Gesundheit einen Hahn zu opfern - der Tod ist die Heilung vom Leben.

Für mich jedenfalls sind Hanekes Filme wie Haikus, die japanischen Kurzgedichte. Sie sagen genau das, was sie sagen wollen, nichts anderes. Es gibt Geheimnisse und Anspielungen, die Geschichten lösen sich nie ganz auf, aber es gibt keine Metaphern, so wie es im Leben keine Metaphern gibt. Das Bild eines Haikus ist sofort da, es ist einfach, und es ist vollkommen. In der Schule lernen wir das Gegenteil. Literatur, Theater und bildende Kunst seien nur dann Hochkultur, wenn nur wenige sie noch verstehen. Martin Heidegger schrieb: "Das Sichverständlichmachen ist der Selbstmord der Philosophie." Das Komplizierte, so wird uns gesagt, sei das Wertvolle. Aber das ist Unsinn. In Wirklichkeit ist das Einfachste das Schwierigste - und es ist das Größte. Michael Hanekes Filme sind gültig, weil sie uns selbst infrage stellen. Sie zeigen uns, dass es keine Antworten gibt. Das ist vielleicht unsere einzige Wahrheit, ich habe lange gebraucht, das zu verstehen.

Als ich jung war, schien mir eine der wichtigsten Fragen zu sein: Was ist das "Böse"? Ich war damals gerade als Rechtsanwalt zugelassen worden, und mein erstes großes Mandat war eine junge Frau, die ihr Baby getötet hatte. Ich besuchte sie im Gefängnis. Mein Kopf war voll von den großen Philosophen, ich hatte Platon, Aristoteles, Kant, Nietzsche, Rawls und Popper gelesen. Aber jetzt war plötzlich alles anders. Die Wände der Gefängniszelle waren mit grüner Ölfarbe gestrichen, sie sollte beruhigen. An einem winzigen Tisch saß die junge Frau. Sie weinte. Sie weinte, weil ihr Kind tot, sie eingesperrt und ihr Freund nicht mehr da war. Und genau in diesem Moment verstand ich, dass ich immer die falschen Fragen gestellt hatte.

Es geht ja nie um Theorien und Systeme. Das Leben dauert nur einen kurzen Moment, in wenigen Jahren werden wir alle tot sein. Wir sind endlich, zerbrechlich und verletzbar, und auch wenn wir es manchmal glauben, sind wir nie in der Lage, unser Leben ganz zu begreifen. Goethe schrieb vor mehr als 200 Jahren: "Der Mensch ist zu einer beschränkten Lage geboren; einfache, nahe, bestimmte Zwecke vermag er einzusehen; sobald er aber ins Weite kommt, weiß er weder, was er will, noch, was er soll." Das Gültige an diesem Satz liegt in seiner Bescheidenheit. Für mich jedenfalls sind Begriffe wie "das Böse", "das Gute", "die Moral", "die Wahrheit" heute zu groß und zu weit geworden. Ich habe 20 Jahre lang Mörder und Totschläger verteidigt, habe Zimmer gesehen, in denen das Blut stand, abgeschnittene Köpfe, herausgerissene Geschlechtsteile und zerschnittene Körper. Ich habe Menschen am Abgrund gesprochen, die nackt waren, zerstört, verwirrt und entsetzt über sich selbst. Und nach all diesen Jahren habe ich begriffen, dass die Frage, ob der Mensch gut oder böse ist, eine ganz und gar sinnlose Frage ist. Der Mensch kann ja alles sein, er kann "Figaros Hochzeit" komponieren, die Sixtinische Kapelle erschaffen und das Penizillin erfinden. Oder er kann Kriege führen, vergewaltigen und morden. Es ist immer der gleiche Mensch, dieser strahlende, verzweifelte, geschundene Mensch.

"Das ohnmächtige, vollkommene Ausgeliefertsein an ein durchaus Fremdes, Bedrohliches: das Leben, die Natur; an ein dem Menschen, der Existenz feindliches Sein, an die Verfinsterung, das Schweigen, den Wahnsinn." Das schrieb Michael Haneke als junger Rezensent über Thomas Bernhards "Verstörung". Es scheint mir heute das Programm seiner Filme. Natürlich wollen wir eine Erklärung für das alles hier, das ist in uns angelegt, wir können nicht anders. Gerade beginnen wir zu verstehen, wie das Leben biologisch entstanden ist, wir stehen kurz davor, den Ursprung des Universums zu begreifen. Aber die eigentliche Frage, das Warum, werden wir nicht beantworten. Wir können uns ja nicht über unsere Sprache erheben, unser Leben begreifen wir immer nur mit unserem Verstand, wir können es immer nur mit unseren Begriffen beschreiben, etwas anderes haben wir nicht. Aber der Natur, dem Leben, dem All bedeuten diese Begriffe nichts. Die Gravitationswellen sind weder gut noch böse, die Fotosynthese hat kein Gewissen, und wir können auch nicht für oder gegen die Schwerkraft sein. Das alles ist einfach nur da. Am Ende ist es wie in dem berühmten Satz aus Blaise Pascals "Pensées", den Thomas Bernhard der "Verstörung" vorangestellt hat: "Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern."

Aber was bedeutet das? Hat das Leben tatsächlich keinen Richter über sich? Und wenn doch? Ist es nicht möglich, dass wir uns irren? Wir wissen es nicht. Wir müssen uns also damit abfinden, dass es genauso töricht ist zu sagen, das Leben habe einen Sinn, wie das Gegenteil. Haneke stellt uns genau diese Fragen. Aber das ist kein kalter Nihilismus, kein zynisches Weltbild, keine Abkehr und kein Aufgeben. Es ist das Gegenteil. Verunsichert verlassen wir das Kino, wir begreifen, dass wir über uns nachdenken müssen. "Das ist die ganze Geschichte, die ich dir erzählen wollte", sagt Georges zu Eve in "Happy End".

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