Der SPIEGEL

Der SPIEGEL

05. Oktober 2017, 11:11 Uhr

Haustierforschung

Wie uns Hunde manipulieren

Von

Kein Geschöpf versteht den Menschen so gut wie der Hund. Jetzt gehen Forscher der Frage nach: Setzt er den Dackelblick bewusst ein?

Alfie hat braunes Fell und Kulleraugen im gleichen Schokoton. Er schaut hoch zu Juliane Kaminski, die ihre Hände zu einer Schale formt, als hielte sie etwas darin. Bloß was? Leckerli?

Unbeirrt starrt der Labrador, manchmal zieht er die Brauen hoch, seine Augen sehen dann noch größer aus, noch niedlicher. Eine Kamera hält jede Regung im Hundeantlitz fest.

Später wird Kaminski Alfies Mimik analysieren. Sie will wissen: Bewegt der Hund seine Gesichtsmuskeln auch dann, wenn sie sich umdreht und ihm ihre Hände hinter dem Rücken zeigt? Wenn er sieht, dass sie ihn gar nicht anguckt? Also nicht sehen kann, ob er gerade fragend, bittend, fordernd schaut?

Die Biologin Juliane Kaminski leitet das Dog Cognition Centre an der südenglischen University of Portsmouth. Etwa 700 Hundebesitzer aus der Küstenstadt und deren Umgebung hat sie in ihrer Probandenkartei - genügend Halter, die ihre Lieblinge vorbeibringen, wann immer Kaminski eine neue Versuchsreihe startet.

"Die Besitzer sind sehr motiviert", sagt Kaminski. Klar, wer möchte nicht beweisen, dass sein Hund der klügste ist?

Und so ist eine der ersten Umgangsregeln, die Mitarbeiter im Forschungszentrum lernen, Hund und Herrchen stets zu loben - auch wenn sich der Vierbeiner noch so blöde anstellt. Kaminski: "Es ist, als würden da Eltern mit ihren Kindern kommen."

So ähnlich fühlt sich das wohl tatsächlich für die Halter an. "Hunde verstehen den Menschen wie kein anderes Tier", sagt Kaminski, "und sie reagieren auf unsere Signale wie kein anderes Tier." Das gelte sogar für Welpen: "Hunde werden mit der Bereitschaft geboren, Menschen relevant zu finden."

Über Jahrtausende hat der Homo sapiens aus wölfischen Wesen die Retriever, Dackel und Border Collies von heute gezüchtet: Gefährten, die bei der Jagd oder beim Hüten von Nutztieren helfen, die Blinde führen, Drogen oder Lawinenopfer finden, Haus und Hof beschützen oder einfach da sind, wenn es irgendwann einsam wird um einen herum.

Dies gelang, weil Menschen systematisch jene Tiere bevorzugten, die besonders gelehrig und anhänglich sind, wenig Aggressionen zeigen und, vor allem, dem Menschen gefallen wollen.

Diese gezielte Domestizierung macht Canis familiaris zum perfekten Haustier - aber auch zum idealen Studienobjekt für die Kognitionswissenschaft. "Hunde deuten menschliche Signale", sagt Kaminski, "aber was sie wirklich verstehen, wissen wir noch nicht genau." Die Erforschung dieser Mechanismen, glaubt sie, könne wichtige Hinweise darauf liefern, wie sich soziale und kognitive Fähigkeiten im Laufe der Evolution herausgebildet haben.

Am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, wo Kaminskis Laufbahn vor rund 15 Jahren begann, verglichen Wissenschaftler Affen mit Menschenkindern. Mit menschlichen Zeigegesten, die Kleinkinder auf Anhieb korrekt deuteten, vermochten die Affen nichts anzufangen. "Ein Kollege sagte dann, sein Hund könne das aber", erinnert sich Kaminski. Der Kollege hatte recht.

Seither hat Kaminski vielfach nachgewiesen, dass Hunde in der Lage sind, ihr menschliches Gegenüber zu interpretieren. So stibitzen sie eher ein Leckerli, wenn ein Mensch im selben Raum sitzt und offensichtlich abgelenkt ist, als wenn er sie beobachtet - sie wissen also, wann Frauchen sie nicht sieht. Und stehen zwei Objekte zur Auswahl, von denen der Mensch aufgrund einer Trennwand nur eines sehen kann, der Hund aber beide, schleppt der Hund auf das Kommando "Bring!" meist dasjenige herbei, das der Mensch im Blickfeld hat.

Doch gehen solche Fähigkeiten so weit, dass Hunde sie gezielt für sich nutzen? Das will Kaminski jetzt herausfinden. Gemeinsam mit der Evolutionspsychologin Bridget Waller hat sie ein System entwickelt, mit dem sich jede Hundegrimasse exakt vermessen lässt; bislang kann es elf Gesichtsausdrücke und fünf Ohrenstellungen klar unterscheiden. "Jetzt können wir die Mimik von Hunden objektiv beschreiben, anstatt sie aus unserer menschlichen Perspektive zu interpretieren", sagt Kaminski.

"Action Unit 101" steht für: den inneren Teil der Augenbrauen nach oben ziehen. Das macht die Augen größer, verleiht dem Tier einen Anflug von Welpe, und zugleich sieht es sehr, sehr traurig aus.

Dieser Mischung aus Gram und Kindchenschema kann kaum ein Mensch widerstehen - wie Kaminski und Waller im Fachblatt "Plos One" berichteten. In englischen Tierheimen dokumentierten sie, wie oft ein Hund sein Welpengesicht machte, wenn ein Mensch vorm Käfig stand - und wie lange es dann brauchte, bis er ein neues Zuhause fand. Ergebnis: Je öfter ein Hund die Brauen lüpfte, desto schneller schaffte er es aus dem Tierheim raus. Andere Faktoren wie eifriges Schwanzwedeln verschafften keinen Vorteil.

Im Laufe der Evolution, glaubt Kaminski, habe dem Hund Herrchens und Frauchens Schwäche für Niedlichkeit genutzt. Dass Hunde diesen Trumpf wirklich bewusst ausspielen, könnte sich indes als vermenschlichte Sichtweise entpuppen.

Oder doch nicht? Im Mimikexperiment, bei dem Kaminski Alfie und Artgenossen mal das Gesicht, mal den Rücken zuwendet, zeigt sich immerhin: Die Tiere verziehen häufiger das Gesicht, wenn der Mensch dies sehen kann.

URL:


© DER SPIEGEL 40/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH