AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2018

"heute-show"-Star Hazel Brugger "Ein Mann findet es geil, wenn ich sage: toller Anzug"

Hazel Bruggers Interviews für die "heute-show" sind bei Politikern gefürchtet. Hier spricht sie über ihre eigene Psyche und warum sie glaubt, dass eine Frauenquote Frauen schadet.

Hazel Brugger
Ornella Cacace

Hazel Brugger

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Brugger, 24, ist Schweizerin. Ihre Karriere begann bei einem Poetry-Slam in Winterthur. Seit zwei Jahren gehört sie zum Ensemble der ZDF-"heute-show". 2017 gewann sie den Deutschen Kleinkunstpreis und die Kabarettauszeichnung "Salzburger Stier".

SPIEGEL: Frau Brugger, warum lachen Sie eigentlich nie bei Ihren Auftritten?

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Heft 12/2018
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

Brugger: Bei meinem ersten Auftritt war es ein Versehen. Ich war 17 und so nervös, dass ich mein Gesicht nicht unter Kontrolle hatte. Danach habe ich das beibehalten.

SPIEGEL: Um Ihr Gegenüber zu irritieren?

Brugger: Mir gefällt der Gedanke, mit einer gewissen Ernsthaftigkeit an die Arbeit zu gehen. Ich traue keinen Leuten, die immer lustig sind.

SPIEGEL: Für die "heute-show" führen Sie auf Parteitagen oder Wahlpartys überfallartige Interviews. Reagieren Politiker anders, weil Sie eine junge Frau sind?

Brugger: Bestimmt. Ich glaube, Frauen sprechen nicht so gern mit mir. Weil ich mich, platt gesagt, nicht davon mildern lasse, ob sie einen tiefen Ausschnitt haben. Ein Mann hingegen findet es schon geil, wenn ich sage: Herr Kubicki, Sie haben aber einen tollen Anzug an!

SPIEGEL: Macht es für Sie einen Unterschied aus, ob Sie zu CDU oder SPD gehen - oder zur AfD?

Brugger: Bei der AfD kalkuliere ich ein, dass ich am Tag danach auf keinen Fall arbeiten kann. Weil dort so viele Eindrücke auf einen zukommen, dass man hinterher körperlich kaputt ist. Ich wache auf mit einem emotionalen Kater, mit Kopfschmerzen, als hätte ich zwei Tage gesoffen. Bei anderen Parteien ist das nicht so.

SPIEGEL: Was genau macht Sie kaputt?

Brugger: Die Personen. Ihre Abneigung gegen uns, aber oft auch ihre Nettigkeit. Als Team der "heute-show" verkörpern wir das, was sie "Systemmedien" nennen. Beim AfD-Parteitag vor zwei Jahren in Magdeburg hatte ich zeitweise Angst, verprügelt zu werden. Es war nicht nur eine feindselige, sondern eine zutiefst verwirrende Stimmung. Man weiß gar nicht, was die wollen, wenn sie sagen: "Du bist aber dick geworden!" Ist das dann lustig gemeint oder böse oder einfach eine Beobachtung? Wenn Kommunikation nur auf dieser ungreifbaren Ebene stattfindet, erschöpft das. Mein zweiter Besuch war weniger schlimm, das war vorigen September am Abend der Bundestagswahl. Die Partei hatte ein gutes Ergebnis, entsprechend friedlich waren die AfDler.

SPIEGEL: In Ihrer Heimat sind Rechtspopulisten schon länger Teil des politischen Betriebs. Was kann Deutschland von der Schweiz lernen für den Umgang mit der AfD?

Brugger: Die Schweiz hat eine Grundgelassenheit entwickelt, die es verhindert, SVP-Wähler als Volldeppen abzutun. Ich glaube, dieser Zugang täte Deutschland gut, auch wenn es schwerfallen mag angesichts der seltsamen Vögel in der AfD. Wer den anderen für dumm hält, verhindert einen Austausch.

SPIEGEL: Für die "heute-show" ist die AfD ein verlässlicher Lieferant von Pointen. Sehen Sie sich als Krisengewinnerin?

Brugger: Vielleicht bin ich sogar eine Krisenförderin, das frage ich mich manchmal. Man muss vorsichtig sein. Wenn Claudia Roth mal für eine Minute gut dasteht, ist das unverfänglicher als bei Alexander Gauland. Indem ich mich über AfDler lustig mache, verharmlose ich sie womöglich. Und ich biete ihnen eine Bühne. Deshalb möchte ich auch nicht, dass sich unser Gespräch nur um die AfD dreht, sonst macht der SPIEGEL drei Seiten Werbung für sie.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass das Thematisieren der AfD einer Werbung gleichkommt?

Brugger: Nein. Aber für eine klare Antiwerbung müsste man extrem tief gehen - und die AfD auf der faktischen Ebene auseinandernehmen.

SPIEGEL: Das machen Sie bei Ihren Interviews eher nicht. Stattdessen bitten Sie Beatrix von Storch, einen Witz zu erzählen.

Brugger: Stimmt. Aber ich bilde mir auch nicht ein, dass ich die AfD schwäche.

SPIEGEL: Welche Rückmeldungen geben Ihnen die ZDF-Zuschauer?

Brugger: Mails werden nur an mich weitergeleitet, wenn sie mit Anliegen verbunden sind. Ich will weder lesen: Du bist scheiße. Noch: Yeah, bist du super! Beides ist unreflektiert. Manchmal schaue ich bei Facebook oder YouTube in die Kommentare rein. Das ist, wie wenn man das Pflaster abnimmt und prüft, ob die Eiterbeule schon verheilt ist. Man drückt rum. Merkt, es tut voll weh. Aber es ist irgendwie geil, wenn Eiter rauskommt.

SPIEGEL: Was tut am meisten weh?

Brugger: Morddrohungen. Oder die Androhung von Vergewaltigungen gegenüber meiner Familie. Das erreicht eine Intimität, die nicht okay ist.

SPIEGEL: Wie ist das innerhalb der Comedyszene: Sind Sexismus und #MeToo dort ein Thema?

Brugger: Auf jeden Fall. Ich würde zwar sagen, dass unsere Branche erschreckend asexuell ist. Aber wie überall gibt es eine Ungleichheit in der Verteilung von Macht und Geld. Wenn einer 20-mal mehr verdient als die Menschen untendran, findet er sich auch 20-mal geiler. Das sind Faktoren, die sexuelle Belästigung begünstigen können.

SPIEGEL: Wurden Sie mal bedrängt?

Brugger: Ich bin nie in eine Situation geraten, aus der ich nicht mehr herauskam. Aber ich merke, dass mit mir anders gesprochen wird als mit einem Mann im selben Alter. Es gab auch Einladungen ins Hotelzimmer ...

SPIEGEL: ... tatsächlich?

Brugger: Natürlich. Da sagt man halt ab.

SPIEGEL: Von wem kommen solche Einladungen? Von TV-Produzenten? Von Verantwortlichen in Sendern?

Brugger: Von Leuten. In meinem Fall fünfmal von derselben Person. Dann sagt man eben fünfmal Nein.

SPIEGEL: Gibt es einen Harvey Weinstein der deutschen Comedyszene?

Brugger: Da fiele mir jetzt niemand ein. Die mutmaßlichen Übergriffe des Hollywoodproduzenten Weinstein hatten ja System, die Branche hat ihn gedeckt. Mich irritiert, dass alle erstaunt waren: Waaas, Hollywood ist sexistisch? Natürlich ist es das. Ich frage mich, ob die Leute noch nie im Kino waren. In jedem Film kommt doch eine Frau mit geilen Titten vor.

SPIEGEL: Haben Sie mal einen Job nicht bekommen, weil Sie eine Frau sind?

Brugger: Ich wüsste nicht. Manchmal wurde ich nur deswegen engagiert. Viele Sendungen leiden darunter, dass sie fast nur männliche Gäste haben. Frauen haben es deshalb einfacher, eingeladen zu werden. Was wiederum bedeutet, dass der Qualitätsanspruch an Frauen nicht so groß ist. Das hindert mich, mir mehr Mühe zu geben und besser zu werden.

SPIEGEL: Das kommt jetzt überraschend.

Brugger: Es geht noch weiter. In 20 Jahren beißt sich das nämlich alles in den Arsch. Wenn man jetzt junge Frauen fördert, bleiben die schlechter. Männer hingegen müssen sich doppelt anstrengen, ins Fernsehen zu kommen, wenn es nur noch halb so viele Plätze gibt. Am Ende gibt es dann wieder mehr gute Männer.

SPIEGEL: Ist das Ironie - oder ein ernst gemeintes Plädoyer gegen Frauenförderung?

Brugger: Es ist ein Fingerzeig, dass ein Teil der Lösung schon das nächste Problem sein könnte. Ein gutes Beispiel war vor zwei Jahren der Versuch, ein Remake der Fantasykomödie "Ghostbusters" zu drehen, ausschließlich mit Frauen. Es war - leider - ein Scheißfilm. Mit einer Frauenquote steigt auch die Verantwortung, denn man darf nicht enttäuschen. Wenn eine Regisseurin schlecht ist, schadet sie den Frauen noch mehr, weil hinterher alle sagen: Siehste! Ich rege mich auch viel öfter über schlechte Frauen auf als über schlechte Männer. Weil ich dann denke: Jetzt reißt euch doch zusammen!

SPIEGEL: Sie würden sich vermutlich nicht als Feministin bezeichnen.

Brugger: Ich praktiziere passiven Feminismus, indem ich auf der Bühne etwas anbiete, was andere Frauen vielleicht inspiriert. Aber ich verplempere nicht meine Zeit damit, sechs Stunden pro Woche in einer Gruppe über die Sorgen von Frauen zu reden. Oft ist ein bewusstes Hinwegsehen über Probleme die beste Art, damit umzugehen.

SPIEGEL: Es ändert nur nichts am Problem.

Brugger: Doch. Wer sich zwingen will einzuschlafen und dabei nur daran denkt, dass er gerade nicht schlafen kann, wird nie Ruhe finden. Man muss eine Egalheit dem eigenen Schlaf gegenüber entwickeln. So funktioniert auch Feminismus. Wenn man immer sagt: Ich werde unterdrückt, ich habe nichts zu melden, alle behandeln mich schlecht - dann fängt das an, so zu werden. Eine Komikerin sollte sich auf der Bühne auch nicht auf den Aspekt des Frauseins beschränken. Wenn in einer Show mehrere Künstler auftreten, darunter Männer, die über Politik reden, über Erlebnisse im Supermarkt, die Deutsche Bahn, Tiere, alles Mögliche, und vielleicht einer über das Mannsein - und dann kommen nur Frauen, die über ihr Leben als Frau reden: Da hört doch keiner mehr zu.

SPIEGEL: Zu den Themen, über die Sie Witze machen, gehört der Tod. Was fasziniert Sie daran?

Brugger: Der Tod gibt allem einen Sinn. Wenn wir nicht sterben würden, müsste man sich ständig fragen: Was mache ich eigentlich hier?

SPIEGEL: Leben?

Brugger: Das Leben ist zu groß, um es zu verstehen. Finden Sie nicht auch, dass es etwas Erleichterndes hat, dass man irgendwann tot ist?

SPIEGEL: Nein, wirklich nicht.

Brugger: Man könnte sagen: Ich habe meine 40 Jahre des Arbeitens, die muss ich richtig gut nutzen, danach bin ich pensioniert, und dann bin ich tot. Andererseits könnte man zu Recht fragen, wozu man sich Mühe geben soll - denn irgendwann ist man eh tot. Dieser Widerspruch reizt mich. In der Bibel steht, Adam wurde 930 Jahre alt. Meine Oma wurde 96, und die war richtig fertig am Ende. Wenn ich mir vorstelle, dass sie noch mal über 800 Jahre hätte leben müssen, wäre das krass. Vor allem bei dem schlechten Fernsehprogramm.

SPIEGEL: Denken Sie oft an den Tod?

Brugger: Jeden Tag. Schon als Kind. Wenn meine Mutter wegging, habe ich immer damit gerechnet, dass sie nicht mehr zurückkommt. Ich dachte, wenn ich sie nie wiedersehe, weil sie tot ist, kann ich sagen: Ich habe es gewusst. Noch heute, wenn ich Freunden Tschüss sage und weiß, ich sehe die erst in drei Monaten wieder, denke ich: Vielleicht stirbt er. Oder ich.

SPIEGEL: Ist das Ihre Art, sich vor einem möglichen Verlust zu schützen?

Brugger: Vielleicht.

SPIEGEL: Sie machen auch Suizidwitze. Ist das ein geeignetes Thema für Comedy?

Brugger: Natürlich. Weil es an sich ein Thema ist. Jeder redet darüber, wenn sich jemand das Leben genommen hat. Das ist etwas ganz anderes als: Der wurde vom Bus überfahren. Es kann natürlich sein, dass jemand auf dem Weg, sich umzubringen, vom Bus überfahren wird. Dann redet man nicht darüber, dass er depressiv war. Man sagt einfach: Er ist tot.

SPIEGEL: Aber es geht nicht so weit, dass Sie sich nach dem Tod sehnen?

Brugger: Nee, der kommt ja von sich aus. Ich finde es cool, dass wir sterben, aber ich würde mich nie umbringen. Ich will mir keine Knarre kaufen, ich will auch keine anderen Praktiken ausprobieren. Ich hätte Angst, dass es schiefgeht. Wenn das Leben vorher schon nicht geil war, wie groß ist die Chance, dass es geil wird, wenn man gerettet wird und querschnittsgelähmt ist? Man muss leben. Als Freunde den Künstler Joseph Beuys warnten, er verschleiße sich bei seiner Arbeit, sagte er: "Jeder Mensch muss sich verschleißen. Wenn man noch gut ist, wenn man stirbt, ist das Verschwendung."

SPIEGEL: Ist das Ihr Ziel: sich zu verschleißen?

Brugger: Vielleicht. Ich lebe gern über meine Verhältnisse körperlicher Natur. Ich mag es, wenn ich merke, das war jetzt zu viel Arbeit diese Woche, da habe ich es mir richtig gegeben.

SPIEGEL: Das klingt nach einer Art Masochismus.

Brugger: Ich glaube, man nennt es Calvinismus. Sei tüchtig, lenk dich von allen Problemen ab mit Arbeit.

SPIEGEL: Ist es eine Sucht?

Brugger: Ja. Sucht ist das fehlende Bewusstsein dem Zwang gegenüber, das trifft es. Man kann alles analysieren, man kann es auch einfach lassen. Ich bin eher jemand, der sich überanalysiert. Ich glaube, dass ich mich in Situationen des Scheiterns selbst belüge. Und mich dagegen sträube, Momente der Ruhe mit mir selbst auszuhalten. Leute, die grundausgeglichen sind, können damit umgehen, wenn nichts passiert. Ich nicht. Aber es ist besser geworden. Ich bin gelassener, wahrscheinlich auch netter als vor drei, vier Jahren.

SPIEGEL: Wie waren Sie damals?

Brugger: Ich habe mir selbst nicht genügend zugehört. Ich finde es beeindruckend, wenn Leute wissen, was sie tun. Und wünsche mir, dass ich bewusster werde. Dass ich checke, was ich gerade brauche, dass ich meine Grundbedürfnisse in den Griff kriege und nicht Gefahr laufe, aufgrund von Übermüdung oder Hunger in eine Stimmung zu kommen, die nichts mit mir zu tun hat. Daran arbeite ich. Eben, in einer kurzen Gesprächspause, haben Sie gefragt, ob wir ein Stück Kuchen essen wollen. Früher hätte ich Ja gesagt, damit Sie sich freuen. Und beim Essen gemerkt, dass ich das eigentlich nicht will. Heute sage ich Nein.

SPIEGEL: Hilft Ihnen Ihr Erfolg?

Brugger: Ich denke, dass er mich gezwungen hat, manches strikter anzugehen. Mein Leben ist anstrengender geworden, ich verspüre Druck. Das war am Anfang meiner Laufbahn nicht so. Erste Auftritte sind oft überraschend gut, weil man nicht weiß, was das alles bedeutet, so war es zumindest bei mir. Ich glaube auch, dass viele mich damals für eine zukünftige Version von mir abgefeiert haben. Dass sie nicht dachten, die ist geil. Sondern: Die wird mal geil. Ein sehr kapitalistischer Gedanke, derart auf Wachstum zu setzen. Sagen Sie, sind wir durch? Ich müsste los.

SPIEGEL: Ja, natürlich.

Brugger: Stellen Sie sich vor, Sie gehen jetzt aus dem Café raus - und sterben einfach. Und dann will jemand unser Gespräch anhören, das Sie mit dem Smartphone aufgezeichnet haben. Wäre es okay, wenn der Ihren Daumen nimmt, um mit Ihrem Fingerabdruck Ihr Handy zu entsperren?

SPIEGEL: Ist das denn möglich mit dem Daumen eines Toten?

Brugger: Auf jeden Fall funktioniert der Daumen, wenn jemand im Koma liegt, das habe ich in einem Film gesehen. Übrigens, auch ein Hundedaumen taugt, um ein Handy zu entsperren, ich habe es mit meinem Retriever-Mischling ausprobiert, als er noch gelebt hat. Von Nachteil war, dass man immer die Pfote säubern musste, wenn er von draußen kam.

SPIEGEL: Frau Brugger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

imago/HMB-Media


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