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Ausgabe 13/2018

Mythos Männerfreundschaft Was Geheimakten über das wahre Verhältnis von Kohl zu Gorbatschow verraten

Bislang unbekannte Dokumente zeigen: Michail Gorbatschow wollte den Kalten Krieg beenden - und wäre dabei beinahe ausgerechnet am deutschen Kanzler Helmut Kohl gescheitert.

Kontrahenten Kohl, Genscher, Gorbatschow 1990: Unfreundliche Urteile
Sven Simon

Kontrahenten Kohl, Genscher, Gorbatschow 1990: Unfreundliche Urteile


Das Interview mit Hans-Dietrich Genscher war geführt. Der ehemalige Außenminister stand bereits in der Tür seines Hauses in Wachtberg bei Bonn, um den Besucher zu verabschieden.

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Heft 13/2018
Wie der allmächtige Konzern noch zu stoppen ist - und wie sich die Nutzer schützen können

Nur noch eine Frage, bitte: Wie sei denn das Verhältnis zum einstigen Koalitionspartner, Ex-Kanzler Helmut Kohl, gewesen - möge er ihn? Die Antwort an diesem Frühlingstag vor einigen Jahren: Ja, da gebe es eine menschliche Ebene, aber auch viele Verletzungen, "mehr als nur Hautabschürfungen".

Von 1982 bis 1992 regierten Genscher und Kohl gemeinsam dieses Land. Sie verhandelten die deutsche Einheit und bereiteten den Euro vor. Zugleich lieferten sich die Duzfreunde über viele Jahre einen Kleinkrieg, der bis zum Lebensende ihr Verhältnis überschattete. Da wurden Informationen durchgestochen, Intrigen gesponnen, Gemeinheiten verbreitet.

Genscher sei ein "Meister der Selbstdarstellung", schimpfte Christdemokrat Kohl. FDP-Mann Genscher ätzte: Der Kanzler bringe international kein politisches Gewicht auf die Waage, da sei einfach nichts.

Manches war nur Gegockel. Aber es gab auch wesentliche inhaltliche Differenzen, mit weitreichenden Folgen. Der bedeutendste Konflikt entzündete sich am sowjetischen Reformer Michail Gorbatschow, der 1985 im Kreml die Macht übernahm und auf Entspannungspolitik setzte. Während Genscher den neuen Kurs Moskaus als Chance sah, überwog bei Kohl die Skepsis.

Bislang geheime Dokumente aus dem Jahr 1987 zeigen nun das Ausmaß des Zerwürfnisses - und wie viel Glück die Deutschen hatten. Das Institut für Zeitgeschichte veröffentlicht die Papiere im Auftrag des Auswärtigen Amtes: Botschafterberichte, Referentenvermerke, Gesprächsprotokolle aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes und dem Kanzleramt, dazu einige Briefe aus Kohls Privathaus in Oggersheim.

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Institut für Zeitgeschichte (Hg.):
Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1987

1. Januar bis 31. Dezember

Verlag De Gruyter; 2101 Seiten; 149,95 Euro

Wenn Kohl andere Staats- und Regierungschefs traf, schürte er demnach die Stimmung gegen den neuen Mann in Moskau. Der Deutsche versuchte, die Abrüstungsinitiativen des Russen zu bremsen. Der INF-Vertrag, der Mittelstreckenraketen verbietet, ist heute legendär. Damals schien er zeitweilig an Bonner Bedenken zu scheitern.

Im Mai 1987 bereitete Kohl sogar heimlich eine Aufrüstungsrunde vor. Die Nato-Mächte in Europa sollten sich zusammentun und die Stationierung neuer US-Atomraketen verlangen. Ob die Belgier mitmachen würden, fragte er am 6. Mai Brüssels Premier Wilfried Martens. Dann könne es "gelingen, die Italiener dafür zu gewinnen und damit eine europäische Position zu erarbeiten, die man den USA präsentieren könne". Kohl wies seine Beamten an, den Vermerk dieses Gesprächs nicht ans Auswärtige Amt zu geben.

Kaum zu glauben, dass Gorbatschow zwei Jahre später den Mauerfall hingenommen und der Einheit zugestimmt hätte, wäre Kohl erfolgreich gewesen.

Doch am Ende setzte sich Genscher durch. Kohl stoppte seine Initiative, weil er "einen ernsthaften Koalitionskrach" (O-Ton Kohl) fürchtete. Es habe einen "gewaltigen Kraftakt erfordert, den Kanzler zu drehen", erzählt Frank Elbe, damals stellvertretender Büroleiter Genschers.

Dabei herrschte zwischen den beiden Koalitionspartnern durchaus auch Harmonie. Nachdem die Koalition bei den Bundestagswahlen im Januar 1987 gesiegt hatte, schickte Genscher dem Regierungschef einige handschriftliche Zeilen. Darin versicherte er gleich dreimal seine "freundschaftliche Verbundenheit".

Bald darauf wurde allerdings deutlich, wie unterschiedlich der Kanzler und sein Stellvertreter den neuen Mann in Moskau einschätzten. Kohl erklärte, dessen Reformkurs "ohne Enthusiasmus, cool" zu beobachten. Genscher hingegen forderte auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, der Westen solle nicht länger "mit verschränkten Armen" auf Gorbatschow warten, sondern die Initiative ergreifen - was Kohl weder wollte noch konnte.

Denn Gorbatschow schnitt den Pfälzer (SPIEGEL 6/2016). Mehrmals verschob er einen Besuch in Bonn und empfing lieber Rivalen Kohls, zuerst Bundespräsident Richard von Weizsäcker, dann CSU-Chef Franz Josef Strauß, auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth. Und natürlich den geschmeidigen Genscher.

Kohl war verärgert und revanchierte sich mit unfreundlichen Urteilen, gelegentlich versehen mit kruden Verweisen auf die Nazizeit. Dem US-Außenminister erklärte er: Gorbatschow sei "kalt und rational", während Hitler "pathologische Züge" aufgewiesen habe. Darin liege der "entscheidende Unterschied" zwischen der Sowjetunion und dem "Dritten Reich", behauptete Kohl, immerhin promovierter Historiker.

Bei anderer Gelegenheit warnte er die Amerikaner, Gorbatschow hoffe, dass "ein Narr" ins Weiße Haus einziehe und die USA in den Isolationismus führe. Dann könne der Kreml mithilfe von Sozialdemokraten und Grünen in Europa seine "politischen Vorstellungen durchsetzen".

Allerdings passte Gorbatschows Vorgehen nicht zu solchen Szenarien. Der Generalsekretär der KPdSU wollte das marode Sowjetimperium reformieren ("Das Wichtigste ist die Wirtschaft") und dafür den Kalten Krieg beenden. Den Westen überraschte er mit einer Fülle von Abrüstungsinitiativen, oft zulasten der sowjetischen Streitkräfte.

So sollten Washington und Moskau ihre landgestützten nuklearen Mittelstreckenraketen in Europa verschrotten. Eine solche "Null-Lösung" hatte der Westen immer gefordert. Kohl aber hatte den Vorschlag offensichtlich nur mitgetragen, weil er gedacht hatte, der Kreml werde sich nie darauf einlassen. Intern bezeichnete er die Null-Lösung als einen "Fehler". Nach einem "intensiven Gespräch" (O-Ton Genscher) fügte sich Kohl und blieb bei der offiziellen Haltung.

Das Klima in der Koalition sei damals eisig geworden, erinnert sich Elbe. Er vergleicht Genscher gern mit einem "Rieseninsekt", das mit vielen Fühlern das Umfeld abgetastet habe. Wo geht es weiter, wo muss man zurückweichen? Im Frühjahr 1987 witterte der umsichtige Chefdiplomat Genscher die Chance, "die turmhohe sowjetische Überlegenheit bei den nuklearen Waffen zu beseitigen".

Kohl hingegen verfolgte verdrossen vom Rhein aus, wie die Supermächte in Genf die Abrüstungsverhandlungen vorantrieben - und Gorbatschow zum Liebling der Deutschen aufstieg. Ein Status, den Kohl zu seinem Leid nie erlangte. Es gebe im Westen Leute, die Gorbatschow für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen hätten, das sei doch eine "absurde Idee", schimpfte er. Der Kremlchef sei nur populär, weil er mit "erheblichem Geldeinsatz" die Stimmung in der Bundesrepublik manipuliere.

Mehrfach versuchte der Kanzler, den sowjetischen Rivalen zu bremsen. Als Gorbatschow sich bereit zeigte, auch atomare Mittelstreckenwaffen mit geringeren Reichweiten abzurüsten - die sogenannte doppelte Null-Lösung -, legte sich der Deutsche in der Nato quer. Und er wollte jene 72 Pershing-I-Raketen aus den Genfer Verhandlungen ausklammern, die in der Bundesrepublik stationiert waren, laut Moskaus Außenminister Eduard Schewardnadse "Hindernis Nr. 1" für den großen Abrüstungsdeal.

Obwohl die Welt vom nuklearen Inferno inzwischen so weit entfernt war wie nie zuvor im Kalten Krieg, ging der Kanzler noch vom Schlimmsten aus. Werde die Bundesrepublik angegriffen, müsse die Nato von hier aus Atomraketen auf die Sowjetunion feuern können. Kohl wollte daher die veraltete Pershing I durch neue Raketen ersetzen, diese auf die Nato verteilen und warb schon dafür bei den Belgiern.

Doch Genscher widersprach in allen Punkten. Wochenlang tobte der Streit, den keiner der Beteiligten vergessen sollte. In einem der wenigen überlieferten Briefe an Genscher, heute aufbewahrt von Kohls Witwe Maike Kohl-Richter, warnte der Kanzler den Außenminister davor, der Sowjetunion "einen weiteren kräftigen Schritt entgegenzukommen". Drohend kündigte er an, er werde "besonders aufmerksam die Entwicklung beobachten".

Kohl sei es schwergefallen zu akzeptieren, dass sich ihm jemand in den Weg stelle, an dem er nicht vorbeikomme, erzählte Genscher viele Jahre später. Der FDP-Mann hatte allerdings zwei mächtige Verbündete: US-Präsident Ronald Reagan, der vor dem Ende seiner Amtszeit stand, von einer nuklearfreien Welt träumte und den Deal mit Moskau unbedingt wollte. Und zudem die Friedensbewegung, vielfach dafür kritisiert, dass sie der sowjetischen Propaganda zu leicht folgte.

Denn die Bonner Politiker hatten kein Interesse an einer weiteren Auseinandersetzung mit der mächtigen Bewegung. 1987 lagen die Massendemonstrationen gegen den Nato-Doppelbeschluss erst wenige Jahre zurück. Die Bundesregierung wollte keine neue Nachrüstungsdebatte, das machte sie kompromissbereit gegenüber Gorbatschow.

Ende August fügte sich Kohl. Er habe sich "auf die sicherheitspolitische Linie Hans-Dietrich Genschers" begeben, räumte er ein. Einige Monate später unterzeichneten Gorbatschow und Reagan den INF-Vertrag. Das Dokument ist ein Meilenstein in der Geschichte der Abrüstung, weil erstmals eine ganze Waffenkategorie verboten wird, und erleichterte weitere Vereinbarungen in den folgenden Jahren.

Gorbatschows Dank für Bonns Beitrag zum großen Durchbruch fiel spärlich aus. Er schickte Kohl einen Brief. Darin steht: Der Kanzler habe getan, "was wir wie auch alle Europäer von der Bundesrepublik zu erwarten berechtigt waren".

Im Video: Der Kanzler der Einheit

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