Historiker über Putins Russland "Ein Virtuose im Schüren von Ressentiments"

Der Historiker Karl Schlögel hat ein Großwerk über "Das sowjetische Jahrhundert" vorgelegt. Nun beobachtet er Wladimir Putin, dessen Angst vor einer Revolution und den neuen Patriotismus in Russland.

Russischer Präsident Wladimir Putin
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Russischer Präsident Wladimir Putin

Ein Interview von Romain Leick


SPIEGEL: Herr Professor Schlögel, wie lebendig ist das Erbe der Oktoberrevolution nach 100 Jahren heute noch in Russland?

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Heft 49/2017
Die Kleine Koalition - was sie anrichten und bewirken könnte

Schlögel: Die fast vollständige Zurückhaltung zu diesem Jahrestag stach sehr ins Auge, denn bis vor 30 Jahren war er ja der wichtigste Festtag im Kalender der Sowjetunion, wichtiger noch als der Tag des Sieges über Nazideutschland und als der 1. Mai. Das Wissen der nach der Sowjetunion aufgewachsenen jungen Leute über dieses Ereignis ist bestürzend gering. Die russische Führung, oben, wo über die Geschichtspolitik entschieden wird, hat überhaupt keine klare Linie. Man will mit der Revolution eigentlich nichts mehr zu tun haben.

SPIEGEL: Man kann sie aber auch nicht übergehen?

Schlögel: 2005 wurde ein neuer Gedenktag eingeführt, der einen umständlichen Namen bekommen hat: "Der Tag des militärischen Ruhms, der Tag der Volkseinheit". Er sollte an die Befreiung Moskaus von polnischer Besatzung 1612 erinnern, die angeblich am 4. November stattfand. Die Idee war, dass der neue Feiertag zum Ersatz für den als obsolet empfundenen Tag der Oktoberrevolution, den 7. November, werden sollte, da beide Daten nahe beieinanderliegen. Allerdings stellte sich heraus, dass diese Feier vor allem von Nationalisten vereinnahmt wurde, die an diesem Tag ihre Märsche organisierten. Die Verlegenheit im Jubiläumsjahr hängt damit zusammen, dass es oben an der Spitze keinen Grund gab, die Revolution zu feiern, gerade deshalb, weil es sich ja im Jahr 1917 um eine wirkliche Revolution gehandelt hat.

SPIEGEL: Die man heute wieder fürchten müsste?

Schlögel: Da kommt die Trauer um das verloren gegangene Imperium, die Rettung der Staatlichkeit, das ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den man die Gesellschaft heute wieder zusammenbringen will. Es soll ein Tag der Volkseinheit sein.

SPIEGEL: Aber wie bringt man eine derart traumatisierte Gesellschaft zusammen?

Schlögel: Indem man sie gegen einen äußeren Feind und dessen Agenten im Innern, gegen die mögliche Bedrohung von außen und die vermeintlichen Fünften Kolonnen im Land vereint. Auf dieser Linie kann man den Roten, die immerhin das Reich in sowjetischer Form wiederhergestellt haben, Genüge tun, aber auch den führenden Köpfen der Weißen Bewegung...

SPIEGEL: … also den Antikommunisten. Gemahnt das nicht eher an Klitterung als an Aufarbeitung der Geschichte?

Schlögel: Die Bedingung für einen neuen Konsens wäre eigentlich die vollständige Öffnung des Diskussionsraums. Das Bedürfnis, mit dieser Vergangenheit ins Reine zu kommen, ist tatsächlich sehr groß. Die russische Geschichte im 20. Jahrhundert ist mit so vielen Paradoxien und Extremen, Kanten und Brüchen versehrt, dass es eine ungeheure Herausforderung ist, mit ihr klarzukommen. Man könnte fast sagen, dass die Aufgabe noch um einiges komplizierter und vertrackter ist als der Umgang mit der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert.

SPIEGEL: Die Schleusen der Erinnerung und der Erzählung sind noch nicht alle geöffnet?

Schlögel: Ein öffentlicher Raum, in dem alle Meinungen geäußert werden können, ist nicht hergestellt. Er ist besetzt von der staatlichen Geschichtspolitik. Man darf auch nicht unterschätzen, wie sehr die Menschen durch die Probleme der Gegenwart, durch die Bewältigung eines sehr schwierig gewordenen Alltags in Anspruch genommen sind. Auch in Deutschland ist die Auseinandersetzung mit der schrecklichen Vergangenheit der Nazizeit erst mit Verspätung richtig in Gang gekommen, als die Bundesrepublik halbwegs aus dem Schlimmsten heraus war.

SPIEGEL: Es gab aber schon in der Sowjetunion Anläufe, mit der Vergangenheit fertigzuwerden.

Schlögel: In den Neunzigerjahren wurde sogar die Forderung geäußert, dass ein Nürnberger Tribunal eingerichtet werden müsste, um über die Verbrechen der Kommunistischen Partei, aber auch über individuelle Fälle und Täter, die noch lebten, zu verhandeln. Für kurze Zeit war auch die neu gegründete Kommunistische Partei der Russischen Föderation wieder verboten. Man darf zudem nicht vergessen, dass es bereits mit "Tauwetter", dem berühmten Kurzroman von Ilja Ehrenburg, mit Alexander Solschenizyns "Iwan Denissowitsch" und mit einer Reihe anderer Werke erste Versuche gegeben hatte.

Sankt Petersburger Museumsschiff "Aurora" mit Projektion des Sowjetsterns: "Die Organe der Macht funktionieren weiter"
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Sankt Petersburger Museumsschiff "Aurora" mit Projektion des Sowjetsterns: "Die Organe der Macht funktionieren weiter"

SPIEGEL: Den Anstoß hatte der Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow ermöglicht, mit seiner Geheimrede über Stalins Verbrechen auf dem Parteitag 1956. Doch war das eine Abrechnung mit dem Stalinismus, nicht mit Lenin, der Revolution und den Wurzeln des Terrors.

Schlögel: Ja, es gab sogar, wie soll man sagen, einen Neo-Leninismus in den Sechzigerjahren. Man wollte zurück zum wahren Marxismus, zum wahren Lenin, sozusagen als Gegenfolie zum Personenkult und zu den Verbrechen der Stalin-Zeit. Dieser Aufbruch darf nicht vergessen werden. Hunderttausende waren aus den Lagern zurückgekehrt und teilweise rehabilitiert worden. Für diese Erfahrung eine Sprache zu finden, war die ungeheure Leistung einer neuen Generation, der Sechzigergeneration. Wir verdanken dieser Zeit großartige Werke, die Erinnerungen von Jewgenija Ginsburg, Nadeschda Mandelstam, Figuren wie Lew Kopelew, Solschenizyn, Andrej Sacharow.

SPIEGEL: Dieser erste Anlauf zu einer mutigen und selbstbewussten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wurde 1968 mit dem Einmarsch in Prag abgebrochen, ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt, an dem die studentische Protestbewegung im Westen ihren Höhepunkt erreichte.

Schlögel: Eine große Tragödie. Die Führung war nicht bereit, die Zügel aus der Hand zu geben, sondern ging gegen alles Nichtkonforme vor, gegen die Dissidentenbewegung, die Bürgerrechtsbewegung, die Bewegung der Andersdenkenden, wie man sagte. Sie kehrte zu einer Praxis zurück, die schon mit Lenin angefangen hatte - unbequeme Leute festzunehmen und außer Landes zu schaffen, wie es dann mit Solschenizyn oder Wladimir Bukowski geschah.

SPIEGEL: Lenin hatte 1922 die Creme der russischen Intellektuellen in einer chirurgischen Operation ausgewiesen. Sie haben diesem erzwungenen Exodus auf dem "Philosophendampfer", der die Missliebigen von Petrograd nach Stettin brachte, und der Spaltung der russischen Kultur ein eigenes Kapitel gewidmet - Verbannung statt Erschießung.

Schlögel: So lautete Lenins Beschluss. Eine unglaubliche Geschichte: Philosophen, Schriftsteller, Hochschullehrer, Agronomen, Mitglieder gelehrter Gesellschaften, Journalisten, "public intellectuals" - alle waren handverlesen, ausgewählt in einem Verfahren, das von Lenin persönlich initiiert und ausgearbeitet worden war, und wurden gezwungen, Sowjetrussland gegen ihren Willen zu verlassen. Mit dieser Zwangsverschickung unabhängiger Geister über die Grenzen des ersten sozialistischen Landes der Erde war eine Praxis eingeführt und begründet, die über Jahrzehnte, bis zum Ende der Sowjetunion, anhalten sollte. Das wirft ein sehr bezeichnendes Licht auf das Regime, das nie in der Lage gewesen ist, sich wirklich offen mit gegnerischen und kritischen Positionen auseinanderzusetzen. Zu jener Zeit, in den frühen Zwanzigern, entstand auch das erste Konzentrationslager auf der Solowki-Klosterinsel im Weißen Meer, fast auf der Höhe des Polarkreises, in einem toten Winkel Europas.

SPIEGEL: Was ist aus diesem Geburtsort des Gulag-Systems geworden?

Schlögel: Die russisch-orthodoxe Kirche hat mit Unterstützung der Staatsspitze das Regiment über die Klosterinsel wieder übernommen. Sie entscheidet, wer den Archipel betreten darf. Der Kampf um die Insel und um die Deutungshoheit über die Geschichte der Insel scheint entschieden. Es ist der Versuch, einen Ort vorzutäuschen, in dem die Erfahrungen der sowjetischen Periode der Klostergeschichte kaum noch vorkommen. Dabei gäbe es dort etwas zu bestaunen, was es nur auf Solowki zu sehen gibt: den Höhenflug und die Abstürze des russischen Geistes. Die Zerstörung der kreativen, initiativreichen und kraftvollen Elemente, die es in der sowjet-russischen Gesellschaft gegeben hat, war ein ungeheurer Aderlass, der sich im Grunde heute als Braindrain, als Abfluss von Talenten und Energien, wieder fortsetzt.

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SPIEGEL: Zeugen die Unterdrückung und die gewaltsame Ausschaltung von Andersdenkenden und Oppositionellen bis heute nicht auch auf perverse Weise von einer großen Furcht und damit einer heimlichen Hochachtung vor der Macht des Geistes, vor der "Intelligenzija" als eigenständiger und wirkmächtiger Klasse?

Schlögel: Schriftsteller oder Wissenschaftler, die sich zu Wort meldeten, waren tatsächlich das Gewissen und die Stimme der Nation und der Gesellschaft. Diese Rolle fiel ihnen zu, weil es keine Öffentlichkeit gab. Diese herausgehobene, kleine, aber wirkungsvolle Gruppe von Intellektuellen, die Intelligenzija, konnte es eigentlich nur im russisch-sowjetischen Zusammenhang und dessen abnormen Verhältnissen geben. Wo die Freiheit der Rede herrscht, wenn alles ausgesprochen werden kann, entfällt die Stellvertreterrolle der Intelligenzija. So, wie Brecht es gesagt hat: Unglücklich das Land, das Helden nötig hat. In dem Augenblick, als der Druck wegfiel, war Solschenizyn out, einfach obsolet geworden. Solange er die verbotene Stimme war, war er hochbrisant und wichtig und erzielte Massenauflagen. Als die Zeitungen in der Zeit der Perestroika über das schrieben, was er zuvor in vielen Jahren zusammengetragen und in seinem Garten vergraben hatte, um es dann im entscheidenden Moment herauszuholen, in diesem Augenblick schien die Sonderrolle der Intelligenzija oder der Literatur als Stimme der Nation beendet zu sein.

SPIEGEL: Erweist sich jetzt wieder, dass dem nicht so ist, dass den Intellektuellen oder der nachdenklichen Gesellschaft heute in Russland wieder eine enorme Ausgabe zuwächst?

Schlögel: Ja, sie müssen jetzt wieder in einer zunehmend geschlossenen Gesellschaft über die Probleme sprechen, die das Land bewegen.

SPIEGEL: Bestand die Tragödie der Intelligenz auch darin, dass sie selbst die treibende Kraft der Revolution gewesen war, an deren Spitze sich dann der Intellektuelle Lenin setzte?

Schlögel: Wenn Menschen sich etwas nicht mehr sagen und gefallen lassen, kann man das eine Revolution der Würde nennen. Diesen Aspekt darf man aus der Russischen Revolution und ihrer Vorgeschichte nicht ausblenden. Sie war, und das macht sie so kompliziert, tatsächlich beides: ein Aufbruch und eine Katastrophenerfahrung, das Auseinanderfallen des Reichs und das Zerbrechen der Lebensgrundlagen in einem rasend schnell ablaufenden Prozess, in dem Errungenschaften zerstört wurden, an denen ganze Generationen gearbeitet hatten. Das spürte man natürlich ganz besonders in den zivilisatorischen Zentren des Reichs, in den großen Städten, wo man Anschluss an die europäische oder globale Entwicklung gefunden hatte. In diesen Enklaven des Fortschritts konnte man die Russische Revolution eigentlich nur als Regression empfinden, in der selbstverständlich gewordene Standards der Presse, des öffentlichen Sprechens, der Künste rückgängig gemacht wurden. Plötzlich tauchten diese wilden Bauern und Bauernsoldaten an Orten und Schauplätzen auf, an denen sie zuvor nichts zu suchen hatten. Plötzlich roch es in den Palästen und Theatern nach Schweiß und nach Tabak und so, wie Leute eben riechen, die gerade von der Front oder aus dem Dorf kommen. Das war für die städtische gehobene Gesellschaft natürlich ein Schock, ein apokalyptischer Vorgang, in dem alles zugrunde gerichtet wurde, wofür sich die russische Intelligenzija seit Generationen abgemüht hatte.

SPIEGEL: Der Traum aller aufgeklärten und moderaten Revolutionäre, dass es endlich zu einer verfassunggebenden Versammlung kommt, das ganze Land über alle Fraktionen und Differenzen hinweg einen neuen Gesellschaftsvertrag debattiert und entwirft, war mit der Machtergreifung der Bolschewiki erledigt?

Schlögel: Daran gibt es keinen Zweifel. Es war eben nicht nur ein politischer Systemwechsel, ein Austausch der Eliten an der Spitze, sondern eine tektonische Verschiebung. Dieses Ineinander von Destruktivität und Regression einerseits, von Aufstieg und sozialer Mobilität für einen großen Teil der Bevölkerung andererseits ist historiografisch sehr schwer zu fassen, weil alles gleichzeitig stattfindet. Es gibt nicht die dunkle Seite und die helle, chronologisch getrennt, sondern es spielt alles zusammen, gleichzeitig und oft am gleichen Ort.

SPIEGEL: Die Bolschewiki wären verloren gewesen, wenn sie sich nicht auf eine Schicht gebildeter und befähigter Leute hätten stützen können.

Schlögel: Für eine Elite von Ingenieuren und Technikern bot das neue Regime eine Chance. Ohne die Verschränkung von Zwang, Gewalt und wuchtigen Modernisierungsschüben lässt sich die lange Dauer, mit der sich dieses Notstandsregime an der Macht gehalten hat, nicht erklären. Die Hauptlegitimation gewann es dann freilich durch sein Standhalten gegen den deutschen Angriff im Zweiten Weltkrieg.

SPIEGEL: Die Widersprüchlichkeit der Revolution macht es so schwierig, sich ganz von ihr zu lösen. Hat die russische Führung sich deshalb noch nicht getraut, deren letztes sichtbares Symbol, Lenins einbalsamierten Leichnam im Mausoleum auf dem Roten Platz, zu beseitigen?

Schlögel: Ich glaube, dass der Augenblick naht, in dem man auch Lenin zubilligt, dass er bestattet wird und nicht zu einer bloßen Touristenattraktion verkommt. Denn es sind ja nicht mehr so sehr seine Verehrer, Nacheiferer oder Jünger im Geiste, die heute noch an ihm vorbeidefilieren. Von 1953 bis 1961 lag ja auch Stalin neben ihm, und der liegt bis heute nebenan im Grab an der Kremlmauer.

SPIEGEL: Über 70 Millionen Menschen sollen in 70 Jahren Sowjetregime Lenins Leichnam im roten Kubus betrachtet haben.

Schlögel: Irgendwann wird die Pietät stärker sein als diese pseudosakrale Konservierung eines Körpers, der nur noch zu einem geringen Prozentsatz der Körper Lenins ist. Dem Anspruch nach handelte es sich um einen Zentralort des 20. Jahrhunderts, bedeutsamer angeblich als Mekka und Jerusalem, wie Leonid Krasin, einer der Initiatoren des Mausoleums, in Lenins Todesjahr 1924 angekündigt hatte. Es war keineswegs von Anfang an klar, dass es so sein würde. Es war eigentlich völlig undenkbar, so etwas zu machen. Lenins Zeitgenossen und Mitstreiter waren ja alle säkular aufgeklärte Menschen, die es für einen blasphemischen Akt hielten, einen Menschen zu konservieren und auszustellen. Der Augenblick wird kommen, wo man sich davon trennt.

SPIEGEL: Sie haben in Ihrem Buch beschrieben, dass das Bauwerk selbst eine der bedeutendsten Ikonen der modernen Architektur sei. Welcher neuen Bestimmung könnte man es denn widmen?

Schlögel: Die Verwandlung des Hauptplatzes der Hauptstadt in eine Nekropole im 20. Jahrhundert verträgt sich auf Dauer nicht mit der Rücknahme und Inbesitznahme der Stadt durch ihre Bürger im 21. Jahrhundert. Auch das geplante und bereits beschlossene Pantheon für die Großen des Sowjetlandes wurde nie errichtet, Wenn Lenin Leichnam endlich bestattet und außerdem alle Urnen aus der Kremlmauer endlich auf einem der Moskauer Friedhöfe ihre letzte Ruhe gefunden haben, könnte aus dem Mausoleum auf dem Roten Platz ein Ort ewigen Angedenkens an die Opfer der Gewalt gemacht werden, an die Unermesslichkeit der Leiden der Namenlosen und Vergessenen des sowjetischen Jahrhunderts.

SPIEGEL: Das wäre ein radikaler Schnitt. Ist das Land dafür wirklich bereit?

Schlögel: Der Gedanke ist ja immer wieder diskutiert worden, zuletzt im Wahlkampf, aufgebracht von der TV-Moderatorin und Aktivistin Xenija Sobtschak, so weit ich das mitbekommen habe. Ich glaube, dass Russland einfach reif genug ist, um den Abschied von diesem quasi sakralen Symbol hinzunehmen und Lenin in Frieden ruhen zu lassen. Der Leichnam eignet sich nicht mehr als Gegenstand der politischen Auseinandersetzung. Und es wäre gut, wenn das Land sich mehr den Problemen der Gegenwart zuwandte und weg von den Symbolkämpfen käme.

SPIEGEL: Ohne die Figur Lenin, und dafür muss man ihn nicht dämonisieren, monumentalisieren oder minimieren, wäre das sowjetische Jahrhundert allerdings nicht vorstellbar.

Schlögel: Ja, er war immer in entscheidenden Augenblicken präsent. Er hat immer in bestimmten Situationen etwas gesagt, was bis dahin undenkbar und unsagbar gewesen ist. Er bestand auf dem Bruch, auf der Eroberung der Macht ohne Rücksicht auf das orthodoxe marxistische Dogma. In diesem Sinn war er völlig skrupellos und ohne Prinzipien, ein fanatischer Praktiker der Revolution mit einem Gespür für das, was machbar und was möglich war.

SPIEGEL: Sie zitieren die napoleonische Losung, die er sich zu eigen machte: "On s'engage et puis on voit" - man stürzt sich ins Geschehen, dann sieht man weiter.

Schlögel: Ich halte diesen Spruch tatsächlich für einen Schlüsselsatz. Lenin trug die ganze ideologische Bagage, angesammelt im Leben eines russischen Intellektuellen, Verbannten und Exilanten, die ganze "Déformation professionnelle" eines europäischen Intelligenzlers, Marx, Hegel und alle theoretischen Exerzitien in seinem Kopf mit sich - und sprang dann einfach in die Situation, die sich ergeben hatte, und gab die Macht um keinen Preis mehr aus der Hand. Er pflegte eine Rhetorik der Selbstermächtigung, um seine unglaubliche Härte und Brutalität zu bemänteln: Man darf alles tun, weil man sich auf der richtigen Seite der Dialektik der Geschichte wähnt.

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SPIEGEL: Wie lässt sich heute ein neues Geschichtsbild für das gegenwärtige Russland finden?

Schlögel: Das ist ganz und gar Sache der heutigen russischen Öffentlichkeit und ihrer Suche nach nationaler Identität. Der Prozess der Selbstvergewisserung steht ja nicht erst am Anfang. Auch das Ende der Sowjetunion war nicht ganz identisch mit dem Ende des Kommunismus als Legitimationsideologie. Die war schon vorher zu Bruch gegangen. Aber es hat offensichtlich nicht gereicht, um einige vorhandene Zentren der alten Macht zu schwächen, zu desintegrieren und aufzulösen. Offensichtlich sind jene Organe der Macht, sprich Geheimdienst und Militär mit ihren inneren Strukturen und hierarchischen Vertikalen, am wenigsten außer Kraft gesetzt worden. Sie sind intakt und funktionieren weiter, von der Gründung der Tscheka im Dezember 1917 bis zum KGB und zum FSB heute, 100 Jahre später.

SPIEGEL: Es sind die Strukturen, aus denen Putin und seine ganze Korona hervorgegangen sind.

Schlögel: Sie haben sich mit einem neuen Adel verschmolzen, der in einer Situation der Anomie und der Ohnmacht der Gesellschaft entstand, als es noch keine festen Institutionen gab, die den Prozess des Rückbaus des allmächtigen Staats, also die Desowjetisierung und die Dekommunisierung, hätten in die Hand nehmen können. Das hat zur Geburt einer kleptokratischen Klasse von Oligarchen geführt, die in einer Weise Reichtum und Macht akkumuliert hat, wie es in der westlichen Geschichte präzedenzlos ist. Ich war nicht wach genug, muss ich einräumen, um das frühzeitig zu erkennen. Nur löst dieser Reichtum den überfälligen Modernisierungsstau nicht auf. Das ist das Hauptproblem des Regimes Putin: Er hat kein Programm, um den durch die sowjetischen Verhältnisse verursachten Rückstand aufzuholen.

SPIEGEL: Was er wieder ins Bewusstsein des Volkes zu heben versucht, ist der Stolz auf nationale Macht und Größe. Ist auch Krieg darin wieder eine Option?

Schlögel: Die Annexion der Krim und der unerklärte Krieg in der Ostukraine haben mir die Augen geöffnet. Es war für mich der Moment, wo ich noch einmal neu nachdenken musste. Andere haben das schon früher bemerkt, bereits 2004 oder anlässlich der Georgien-Krise. Ich traute der russischen Gesellschaft eigentlich zu, mit ihren Schwierigkeiten ohne die Versuchung einer Krisenabfuhr nach außen fertig zu werden. Die Fähigkeit zur Selbstorganisation und Improvisation, die ich beobachtete, stimmte mich zuversichtlich. Ich war nicht darauf gefasst, dass es jemanden geben könnte, der in diesem Zustand eine Pseudolösung anbieten würde. Und die Annexion der Krim ist natürlich Art Ersatzhandlung für die unterbliebene Modernisierung des eigenen Landes.

Schlögel (r.) beim SPIEGEL-Gespräch (mit dem Redakteur Romain Leick in Berlin): "Religiös nicht unmusikalisch"
Steffen Jänicke/ DER SPIEGEL

Schlögel (r.) beim SPIEGEL-Gespräch (mit dem Redakteur Romain Leick in Berlin): "Religiös nicht unmusikalisch"

SPIEGEL: Als Weltmacht ist Putins Russland wieder da. Welche Gefahr steckt darin?

Schlögel: Alle wissen, dass die militärische Machtdemonstration auf der globalen Bühne Russland, das sich neu aufstellen muss, nicht wirklich weiterbringt. Die Kehrseite des nationalen Hypes, der mit der Krim und der Ukraine verbunden war, ist eine tiefe Resignation, eine Fortsetzung der Kränkung, dass die Weltmacht, die ihre Flugzeuge und Raketen nach Latakia in Syrien schicken kann, nicht in der Lage ist, daheim jene elementare Formen von Normalität und Wohlstand herzustellen, die inzwischen Millionen Russen auf ihren Auslandsreisen gesehen haben. Der für einen Augenblick möglich gewordene Aufschwung des nationalen Gemüts endet in Resignation oder Zynismus.

SPIEGEL: Führt Putin vor, wie geschickt sich dieses Gefühl der Demütigung politisch ausbeuten lässt?

Schlögel: Er ist ein Virtuose im Schüren und im Bewirtschaften des Ressentiments. Die Quelle des Gefühls, nicht fertigzuwerden, nicht mitzukommen, abgehängt zu werden, liegt im Inneren Russlands selbst. Damit fertigzuwerden, ist Sache der Russen. Wir im Westen, insbesondere in Deutschland, sollten keine Fehler machen, aber wir haben wenig Einfluss darauf. Eine therapeutische Haltung, nämlich ganz weich aufzutreten und den Russen lieber nicht zu sagen, was man sagen muss, ist eine Form der Herablassung, obwohl sie sich doch besonders verständnisinnig gibt.

SPIEGEL: Könnte denn das Anknüpfen an vorrevolutionäre Traditionen des alten Russlands, die in manchen Ritualen der Macht zu beobachten sind, zu einer neuen Selbstfindung beitragen?

Schlögel: Ich habe selbst einen religiösen Hintergrund. Ich hoffte immer, dass es so etwas wie eine Wiedergeburt der russischen Kirche als moralischer Instanz geben könnte, dass sie sich gegen die Verwahrlosung engagieren würde. Das ist aber nicht der Fall. Stattdessen sehen wir die Entfaltung von Macht und Staatskirche, allenthalben den Glanz der goldenen Kuppeln, nicht aber Suppenküchen und Hilfe für die Notleidenden, dazu eine militante, wirklich reaktionäre Fremdenfeindlichkeit. Also ich musste mich belehren lassen, dass diese Kirche wieder eine ganz entscheidende, staatstragende Rolle spielt, in der die Hierarchie alles ist. Ich sehe keine modernisierenden Tendenzen, wie es sie schon einmal vor 1917 gab, als man Volksfrömmigkeit und die Kirche als Institution zusammenführen wollte. Ich habe da meine persönlichen Erfahrungen gemacht, denn ich gehe hin, klopfe an die Klostertüren und möchte wissen, was hinter den Mauern los ist. Ich treffe auf eine eigentümliche Abgeschiedenheit und Abwehr gegenüber allen Nichtorthodoxen. Man wird gefragt: Sind Sie katholisch, protestantisch? Was wollen Sie dann überhaupt hier? Und die Tür wird einem vor der Nase zugeknallt.

SPIEGEL: Ist die Hinwendung zu den großen Traditionen der Vergangenheit, sind die Kirchgänge Putins nur ein Spiel an der Spitze der Macht?

Schlögel: Ja, es ist ein Spiel, aber auch ein Symptom für die große Sehnsucht nach Orientierung. Die Frage ist, wie man sich dem stellt, ob man die Verlustängste und die Traumata kultiviert und instrumentalisiert oder ob man sich daran abarbeitet.

SPIEGEL: Der Zusammenbruch eines Imperiums wird wohl immer als Katastrophe empfunden. Kann man daraus eine glückliche, eine schöpferische machen?

Schlögel: Russland ist nach der Auflösung der Union mit dem sowjetischen Jahrhundert allein geblieben, Das große Problem ist: Wie findet ein Volk, eine Gesellschaft, eine Nation, deren ganzes Selbstbewusstsein, aber auch deren reale Existenz so mit der Gründung und der Aufrechterhaltung des Imperiums verflochten war, zu einem neuen Aufbruch? Auf der einen Seite steht das alte Machtbewusstsein, von dem es Abschied zu nehmen gilt; auf der anderen das neue Opferbewusstsein - alle anderen ehemaligen Sowjetrepubliken wenden sich jetzt ab und wir bleiben zurück. Alle Schandtaten des Sowjetsystems bleiben an uns hängen. Wir erben die Verbrechen der Stalinzeit, wir sitzen auf der dunklen Seite. Das ist tatsächlich eine ungeheuer komplizierte Situation.

SPIEGEL: Es kommt darauf an, eine postimperiale und postkoloniale Haltung zu entwickeln, selbstbewusst, ohne anmaßend zu sein, ohne die Attitüde des älteren Bruders gegenüber dem jüngeren im Umgang mit den Nationen an der Peripherie des alten Reichs?

Schlögel: Die Russen seien Herrscher und Opfer, schrieb der britische Historiker Geoffrey Hosking sehr treffend. Mit dieser Doppellast fertig zu werden, erfordert alle Klugheit und allen Mut einer Gesellschaft. Dass man stattdessen den gekränkten Reichspatriotismus in eine neue Großmachtattitüde transformieren will, die das Land überhaupt nicht weiterbringt, darin sehe ich das Verhängnis von Putin. Der imperiale Zusammenhang hat immer die Herausbildung einer Nation von russländischen Staatsbürgern blockiert, weil die Last, das Ganze zusammenzuhalten, die Kräfte übermäßig beansprucht und letztlich aufgezehrt hat.

SPIEGEL: Als sichtbares Zeichen dafür, dass Russland das sowjetische Jahrhundert endgültig überwunden hat, schlagen Sie die Einrichtung eines Museums der Sowjetzivilisation ausgerechnet in der Lubjanka vor, in dem riesenhaften Gebäudekomplex der Geheimdienste. Das Labyrinth des Terrors, verwandelt in ein Forum der offenen Gesellschaft?

Schlögel: Die Lubjanka erscheint mir einfach als der beste Ort dafür, von der Größe des Gebäudes her, sieben Stockwerke für sieben Jahrzehnte Sowjetmacht, von der historischen Symbolik, von der zentralen Lage, von den dort gespeicherten Erinnerungen her. Den Ort des Verhörs, der Gewalt über Menschen umwandeln in einen Ort des Gesprächs, des sich Umsehens und sich noch einmal Vergewisserns. Nicht denunziatorisch: Es geht überhaupt nicht um Entlarvung oder Abrechnung, sondern um Vergegenwärtigung. Und jeder soll, nachdem er sich umgesehen hat, seinen eigenen Schluss ziehen können.

SPIEGEL: Waren Sie selbst jemals in diesem Gebäude, haben Sie den "Genius loci" des Schreckens gespürt?

Schlögel: Ich kenne das Innere der Lubjanka aus den Hunderten von Beschreibungen, die Gefangene, Gequälte und Davongekommene angefertigt haben. Ich selbst war nur ganz kurz einmal drin. Als ich einmal davor stand und so ein Garagentor aufging, bin ich rein, wurde dann aber sehr freundlich wieder hinauskomplimentiert.

SPIEGEL: Herr Professor Schlögel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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