AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2018

Hollywood intern Macht, Gewalt und Rache

Die Filmindustrie trifft sich zum Oscarritual, doch in Hollywood ist nichts mehr, wie es vor dem Weinstein-Skandal war. Bericht aus einer Branche am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Bühnenarbeiten vor der Oscarverleihung 2016
Matt Sayles / Invision / AP / DPA

Bühnenarbeiten vor der Oscarverleihung 2016

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1. Schuyler Moore kann Weinstein nicht retten - Der Kampf der Agenturen eskaliert - Auf #MeToo folgt "Time's Up" - Und bald ist Oscarnacht

In einem der Türme an der Avenue of the Stars - so heißt diese Straße wirklich - steigt Schuyler Moore, den hier alle nur Sky nennen, im 21. Stock aus einem verchromten Fahrstuhl. Es ist später Nachmittag an einem Dienstag zwei Wochen vor der Oscarverleihung, und wenn Sky aus den riesigen Fenstern über ganz Los Angeles hinweg zum Pazifik guckt, kann er die Sonne untergehen sehen.

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 9/2018
Macht, Gewalt und Rache in der Filmindustrie

"Schönes Licht", sagt Sky.

Schuyler Moore ist eine der wichtigsten Hintergrundfiguren in Hollywood. Wenn es bei einem Deal kompliziert wird, dann ist Sky dabei. Er ist Rechtsanwalt und Teilhaber in der Großkanzlei Greenberg Glusker. Sky handelt Verträge aus für Produzenten und Filmverleiher, er macht Finanzierungen für große Filmprojekte möglich, und wenn irgendwo in Hollywood ein Firmenverkauf oder -zusammenschluss ansteht, wird er meist von Schuyler Moore betreut.

Doch heute war kein guter Tag. Sky vertritt auch die Weinstein Company.

In den letzten Wochen hat er versucht, die Firma des skandalgeschüttelten Filmproduzenten Harvey Weinstein vor der Insolvenz zu retten. Er hat Käufer gesucht, er hat versucht, einen schon fertigen Film, der unter Weinsteins Namen nicht mehr erscheinen kann, an andere Verleiher zu verkaufen. Sky hat all seine Kontakte eingesetzt, er stand kurz vor dem Abschluss, er war zufrieden.

Weil er Harvey Weinstein gerettet hat?

Sky lächelt gequält, seine Augen bleiben unbewegt stählern. Will man ihm etwa mit Moral kommen? Er trägt einen groben Wollpullover - die Großkanzlei-Uniform, den teuren, schmal geschnittenen Anzug, hat er nicht mehr nötig. Das Treffen mit ihm findet relativ spät in der Recherche statt, nach vielen anderen Treffen mit Leuten aus Hollywood. Sky ist der Erste, der nicht sofort auf Distanz zu Weinstein geht.

In den Wochen zuvor hat der SPIEGEL mit rund zwei Dutzend Hollywood-Insidern gesprochen, mit Bewohnern dieser seltsamen Welt, deren Gesetze gerade neu geschrieben werden. Mit Frauen wie der Kameraassistentin Cheli Clayton, die plötzlich die Hand des Regisseurs Oliver Stone an ihrem Genital spürte und hier ihre Geschichte erzählt. Mit der Schauspielerin Rose McGowan, Chefanklägerin von Harvey Weinstein, die sich auf einem Vernichtungsfeldzug befindet und deutlich mehr Leute mit in den Abrund reißen könnte als nur Weinstein. Mit Schauspielagenten, die sich ihrer faulen Äpfel entledigt haben und nun von der Revolution profitieren wollen. Mit Reportern, die dem nächsten Weinstein nachspüren, denn ein Ende ist nicht in Sicht. Oder mit denen, die von diesen Ermittlungen betroffen sind, wie der Schauspieler Andy Dick, und die manchmal keine Chance haben, sich zu verteidigen. Mit den Skeptikern, die warnen, Hollywood gehe zu weit mit seinem Geschlechterwahnsinn. Und schließlich mit den Anwälten, die am Ende die Trümmer wegräumen.

So wie Schuyler Moore. Der jetzt sagt, es sei ihm nie darum gegangen, Weinstein zu retten. Es gehe darum, die Firma zu retten, großer Unterschied, denn nur dann stünden beispielsweise Entschädigungsgelder für die Opfer zur Verfügung, und das wollten wir doch alle, oder?

Branchenanwalt Moore: "Wir haben hier drei Probleme"
Robert Gallagher / DER SPIEGEL

Branchenanwalt Moore: "Wir haben hier drei Probleme"

Doch Sky konnte die Weinstein-Firma nicht retten. Zwei Tage vor dem Treffen, die Kaufverträge waren unterschriftsreif, hat der Justizminister des Staates New York, Eric Schneiderman, Anklage erhoben gegen die Weinstein Company. Eine Firma, gegen die ein Verfahren läuft, kann man nicht verkaufen.

Das hieße Insolvenz. Sky zuckt mit den Schultern. Er hat schon viel Bullshit gesehen. Wie viele vermögende und mächtige Männer pflegt er ein verwegenes Hobby, das auf den ersten Blick nicht zu ihm passt. Sky rast mit Rennmotorrädern durch die Gegend. Circa 20 schwere Stürze hat er überlebt. Er zieht das rechte Bein ein bisschen nach.

"Der New Yorker Justizminister möchte als Gouverneur kandidieren", sagt Sky. "Es gibt gerade kein besseres Thema, mit dem man sich profilieren kann." Selbst wenn es allen nur schadet, vor allem Weinsteins Opfern.

So einfach ist es?

"So einfach ist das."

Wenn Sky aus den Panoramafenstern blickt, sieht er nicht nur den Pazifik. Er blickt auch auf ein Gebäude, das alle nur den Todesstern nennen, frei nach "Star Wars". Es hat eine klaffende quaderförmige Öffnung in der Mitte, und für manche residiert hier tatsächlich das böse Imperium: die Creative Artists Agency, kurz CAA, jene Managementagentur, die bis vor Kurzem Harvey Weinstein vertreten hat. CAA sei Teil von Weinsteins Vertuschungs- und Einschüchterungsmaschine gewesen: CAA-Leute hätten dafür gesorgt, dass Frauen, die von Weinstein belästigt worden waren, dies für sich behielten.

Die Mitarbeiter von CAA gehören zu den arrogantesten Mitspielern in Hollywood, doch seit der Weinstein-Sache haben sie Probleme. Sie mussten sich sogar öffentlich entschuldigen, bei "allen Schauspielerinnen, die wir im Stich gelassen haben". Bis vor Kurzem sind noch die Hubschrauber mit den wichtigsten Klienten durch die Quaderöffnung im Gebäude geflogen. Im Moment spart man sich solche Gesten.

Gegenüber vom Todesstern, nur getrennt durch die Avenue of the Stars, steht der Tower von ICM Partners, ebenfalls eine Agentur, CAAs große Konkurrenz. Agenturen vertreten Schauspieler, Regisseure und Produzenten, aber auch Schriftsteller, Musiker oder schlicht "celebrities", Berühmtheiten, und alle zusammen werden sie "talent" genannt, deswegen spricht man von Talentagenturen. Sie schnüren Filmdeals, bringen Kapitalgeber, Produzenten, Regisseure und Schauspieler zusammen.

Die großen Agenturen führen seit Jahrzehnten einen Krieg miteinander, die sprichwörtlichen "agency wars". Doch in den vergangenen Jahren ist das Ringen um die besten Agenten mit den lukrativsten Kunden eskaliert. Und seit Weinsteins Fall ordnen sich die Verhältnisse noch mal neu.

Weinsteins endgültiger Abstieg begann mit einem Artikel in der "New York Times" am 5. Oktober vergangenen Jahres. Darin berichtete rund ein Dutzend Frauen, darunter die Schauspielerin Ashley Judd, wie sie von Weinstein systematisch sexuell belästigt worden seien. Wenige Tage später folgte die Zeitschrift "New Yorker" mit weiteren Anklägerinnen, darunter Rose McGowan, dazu kamen neue, abstoßende Details. Von da an meldeten sich fast täglich weitere Frauen, sehr berühmte wie Angelina Jolie, Uma Thurman, Gwyneth Paltrow. Weinstein wurde aus seiner Firma geworfen, der "New Yorker" veröffentlichte krasse Details über Weinsteins System, mit dem er seine Opfer über Jahre hinweg durch Bestechung, Einschüchterung oder Drangsalierung zum Schweigen gezwungen hatte.

Hier in Hollywood war man nicht überrascht. Gerüchte hat es seit mindestens 20 Jahren gegeben. Immer mal wieder spürten Journalisten den Fällen nach, am Ende scheiterten die Veröffentlichungen an der Angst der Anklägerinnen vor drohenden Vergeltungsschlägen Weinsteins.

Erst vier Monate alt ist die Post-Weinstein-Ära jetzt, und Hollywood scheint auf einmal alles gutmachen zu wollen, was jahrzehntelang falsch lief. Jeder, wirklich jeder, findet nun plötzlich, dass Weinstein schon immer ein Arschloch war. Nach seinem Niedergang setzte ein nicht enden wollendes Männerdomino in Hollywood ein, das bis heute anhält. Niemand ist mehr sicher. Wer wird der Nächste sein? Der Regisseur Oliver Stone vielleicht? Ein Studioboss?

Weiterhin melden sich prominente Frauen zu Wort und berichten von ihren Erlebnissen mit geschlechtlicher Benachteiligung, sexueller Belästigung oder sogar von gewalttätigen Übergriffen. Zuletzt war es Uma Thurman, als sie der "New York Times" Auskunft gab, wie Produzent Weinstein sie sexuell drangsaliert und der Regisseur Quentin Tarantino sie zu einer riskanten Autoszene gezwungen habe, bei der sie sich prompt schwer verletzte. Im Anschluss habe Weinsteins Firma versucht, den Unfall zu vertuschen.

Schauspielerin Thurman mit Regisseur Tarantino in Cannes 2014: Wer wird der Nächste sein?
Stephane Cardinale / Corbis via Getty Images

Schauspielerin Thurman mit Regisseur Tarantino in Cannes 2014: Wer wird der Nächste sein?

Die #MeToo-Bewegung ist längst über Hollywood hinausgegangen, ist zu einem weltweiten Umsturz geworden, auch in Deutschland, wo mehrere Frauen nach Jahrzehnten von Belästigungen und erzwungenem Sex durch den Erfolgsregisseur Dieter Wedel berichteten.

Die Verleihung der Golden Globe Awards Anfang Januar in Hollywood hat einen Vorgeschmack auf das geliefert, was kommende Woche, am 4. März, möglicherweise bei der Oscarverleihung geschehen wird. Manche Frauen verzichteten, undenkbar noch im Jahr zuvor, auf Absätze, und fast alle trugen Schwarz, die Uniform der "Time's Up"-Bewegung, die auf #MeToo folgte, mit der unmissverständlichen Botschaft: Eure Zeit ist vorbei. Männer, die es wagten, sich ebenfalls die "Time's Up"-Anstecknadel ans Revers zu heften, wurden, wie der Musiker Justin Timberlake, in den sozialen Netzwerken an den Pranger gestellt, wenn sie sich dazu angeblich nicht qualifizierten (Timberlake hatte im letzten Woody-Allen-Film mitgespielt). Preisträger, die sich feiern lassen wollten, wie die Regisseurin Greta Gerwig, die mit "Lady Bird" einen Golden Globe für den besten Film gewonnen hatte, mussten sich stattdessen Fragen nach früheren Engagements bei Woody Allen gefallen lassen.

2. Ohne Trump wäre Weinstein noch da - Das Branchenblatt "The Hollywood Reporter" hat jetzt ein #MeToo-Ressort - Die Zeit der Alphamänner ist vorbei - Brad Turell hat ein reines Gewissen

Und während Hollywood versucht, den Schmutz einer jahrzehntelang im Schattenreich gewachsenen Kultur loszuwerden, sitzt im Weißen Haus ein Präsident, den gut ein Dutzend Frauen der sexuellen Belästigung anklagen. Eine komische Welt sei dies geworden, sagt eine Redakteurin des Branchenblatts "The Hollywood Reporter": Harvey weg, dafür Trump Präsident. Beides hätte bis vor Kurzem niemand für möglich gehalten.

Andererseits: ohne Trump vielleicht kein Weinstein-Sturz. Die Hollywood-Anwältin Linda Lichter vertritt die These, dass erst die Wut über den Grapscher in Washington die Energie für den finalen Angriff auf den Grapscher in Hollywood freigesetzt habe.

Wer in diesen Wochen vor den Oscars einige Zeit in den Kreisen Hollywoods verbringt, stellt fest, dass über kaum etwas anderes geredet wird. Doch je später es wird und je weiter man sich entfernt hat von den Büros in den Glastürmen, desto lauter werden auch die Zweifel. Ob das nicht vielleicht auch alles ein großer Wahnsinn sein könnte. Dass alles in einen Topf geworfen werde, Vergewaltigung mit schlechten Witzen, dass oft Aussage gegen Aussage stehe, häufig nichts bewiesen sei, dass der bloße Verdacht genüge, um von allem gefeuert zu werden.

Und lässt sich etwas, das funkeln soll, das doch auch stets mit dem Verruchten, mit Sex gar gespielt hat, domestizieren?

"Hollywood, und besonders je höher man dort nach oben will, kann ein gefährlicher Ort sein", sagt der Schriftsteller Bret Easton Ellis, der in Romanen wie "American Psycho" diese Gefährlichkeit auch immer wieder zu veranschaulichen wusste und heute in Hollywood Drehbücher schreibt.

Am Ende ist der soziale Ort Hollywood eine Kleinstadt. Man kennt sich, oft seit Jahrzehnten. Man trifft sich in den Parkhäusern von Century City, vor den Aufladestationen für die Tesla oder in den Restaurants von Beverly Hills. Der "Hollywood Reporter" hat eigens ein Ressort gegründet mit sieben investigativen Reportern, die nur Männern nachspüren, die möglicherweise ein dunkles Geheimnis in ihrer Vergangenheit haben. Die Leiterin dieses Ressorts sagt, sie wisse allein von zwei sehr mächtigen Studiobossen, bei denen demnächst Furchtbares herauskommen könne. Die Zeitschrift hat eine Hotline eingerichtet, bei der täglich bis zu 15 Tipps eingehen. Die Polizeibehörde von Los Angeles hat eine Sonderkommission für sexuelle Übergriffe gegründet und ermittelt in 27 Fällen. Firmen überprüfen ihre männlichen Mitarbeiter, Privatdetektive gehen Verdächtigungen nach.

Agenten und PR-Berater trainieren mit ihren Klienten, wie man auf Fragen, die das Geschlechterverhältnis betreffen, adäquat reagiert - spätestens seit ausgerechnet die als Feministin geltende Greta Gerwig auf die Frage nach ihrer Zusammenarbeit mit Woody Allen nur zu stottern wusste. Die Antwort "dazu habe ich keinen Kommentar, ich möchte mich auf meine Arbeit als Schauspielerin konzentrieren", die bis vor ein paar Monaten noch Standard war, funktioniert nicht mehr.

Branchenanwälte lassen den Schauspielern, Regisseuren und Produzenten inzwischen sogenannte Moralklauseln in die Verträge schreiben: Wer sich geschlechtermäßig inkorrekt verhält, darf sofort gefeuert und aus Filmen rausgeschnitten werden, er verliert alle seine Rechte, inklusive der auf finanzielle Kompensation.

"Wir haben hier drei Probleme", sagt Schuyler Moore. "Zunächst müssen wir uns darauf einigen, worin ein nicht akzeptables Verhalten besteht. Muss das Verhalten strafbar sein oder nur ein allgemein abstoßendes Verhalten? Die zweite Frage: Wie wird festgestellt, ob und was stattgefunden hat? Reicht die einfache Behauptung? Braucht es ein Schlichtungsverfahren? Einen Prozess? Und die dritte Frage ist: Was passiert dann? Fristlose Kündigung? Gibt es noch eine Entschädigung?"

Agenturchefs Silbermann, Bartlett in Los Angeles: Moralklauseln in den Verträgen
Robert Gallagher / DER SPIEGEL

Agenturchefs Silbermann, Bartlett in Los Angeles: Moralklauseln in den Verträgen

Ein moralischer Wandel birgt immer auch die Chance einer machtpolitischen Neuordnung. Wer kommt mit den neuen Moralklauseln am besten klar? Wer kann die Opfer am besten beraten?

Auf der anderen Straßenseite der Avenue of the Stars, bei der Talentagentur ICM Partners, ist man mit diesen Überlegungen schon relativ weit. ICM galt schon immer als etwas sanftere Agentur. Chris Silbermann, ihr Boss, habe sich nie mit Harvey Weinstein verstanden, heißt es. ICM ist die einzige der großen Agenturen, deren Chefs zu einem Gespräch mit dem SPIEGEL bereit waren.

"Der Grund, warum Sie hier sein dürfen, ist, dass wir ein reines Gewissen haben", sagt Brad Turell. Er ist ein Hollywood-PR-Veteran und hat vor Kurzem bei ICM angeheuert. "Wir können ja gern mal über die Straße gehen, und gucken, ob bei CAA jemand mit Ihnen spricht."

Hollywood-Agenten sind vor allem auch Spindoktoren, Imagearbeiter, und Boss Silbermann sowie Lorrie Bartlett, seine Vizechefin, möchten die Ersten sein, die die neue Botschaft der Post-Weinstein-Ära verkünden. Die lautet erstens: Die Zeit der Alphamänner ist vorbei. Und zweitens: Fünfzigfünfzig bis Zwanzigzwanzig. Der Slogan bedeutet: 50 Prozent weibliches Personal in den Agenturen, auch in den Führungspositionen, bis 2020. Woran Firmen wie der SPIEGEL-Verlag seit 15 Jahren rumdoktern, das will ICM in knapp 2 Jahren schaffen. Und das in einem Business, das hemmungslos männlich dominiert war. Aber das ist eben die Hybris von Hollywood.

Steht man in der Eingangshalle von ICM, traut man dieser Firma einiges zu. Die Halle schwebt im 35. Stock, ein Raum mit 15 Meter hohen Decken kurz unter den Wolken, wenn es in Los Angeles welche gäbe.

Wenn man von hier oben auf Century City hinunterschaut, sieht man das Gelände, auf dem früher die Filmfabrik 20th Century Fox ihre Studios hatte. Hier wurden tatsächlich mal Filme hergestellt. Heute sitzen unter den Wolken die Zweitverwerter, die Agenten und Anwälte. Von Fox ist nur noch ein Bruchteil übrig geblieben. Wie in fast allen Industrien wird auch in der Filmindustrie das Geld nicht mehr in den Fabriken gemacht, wo tatsächlich etwas produziert wird, sondern bei den Zwischenhändlern, den Private-Equity-Firmen, den Hedgefonds oder, wie in diesem Fall, den Anwaltskanzleien und Agenturen. Century City würde es andernfalls gar nicht geben.

Der ICM-Chef Silbermann hat darauf bestanden, dass die Vizepräsidentin Bartlett beim Interview dabei ist, und auch auf den Fotos soll sie unbedingt zu sehen sein. Bartlett ist die erste afroamerikanische Frau auf der Chefebene einer Hollywood-Agentur. Sie trägt die schwarze "Time's Up"-Uniform und am Revers die Anstecknadel. Anfang Januar hat sie "Time's Up" mitgegründet und dafür gesorgt, dass ICM eine Million Dollar für den "Time's Up Legal Defense Fund" spendet, einen Geldtopf, aus dem die Rechtskosten für Opfer von sexuellen Übergriffen bezahlt werden. Inzwischen seien rund 20 Millionen Dollar zusammengekommen, sagt Bartlett. Damit ließen sich so einige Pussygrapscher vor Gericht bringen.

Oscarnacht im Dolby Theatre in Los Angeles 2017: Feministischer Shitstorm
Matt Sayles / Invision / AP / DPA

Oscarnacht im Dolby Theatre in Los Angeles 2017: Feministischer Shitstorm

Das schwierigste Problem ist für Silbermann dieses: "Was machen wir mit Kunden, bei denen die Möglichkeit eines schwarzen Flecks in der Vergangenheit besteht? Mit vielen arbeiten wir schon sehr lange zusammen, und es sind Künstler. Künstler haben Macken. Viele arbeiten unter sehr hohem mentalem Druck hier in Hollywood. Das ist keine Entschuldigung, aber vielleicht eine Erklärung, warum Leute manchmal ausflippen. Aber natürlich prüfen wir unsere Klienten. Und natürlich haben wir auch schon den einen oder anderen aus seinem Vertrag entlassen."

3. Eine freiwillige oder unfreiwillige Poolszene - Begräbnis in den Bergen von Malibu - Rose McGowan, apokalyptische Reiterin - "Piss off" - Eine furchtbare Lesung bei Barnes & Noble

Zwei Wochen vor den Oscars wird in den Bergen von Malibu das erste Todesopfer in der Causa Weinstein zu Grabe getragen, Jill Messick, eine ehemalige Agentin und Produzentin. Sie hat sich Anfang dieses Monats, 50 Jahre alt, das Leben genommen. Offenbar hatte sie zwar unter Depressionen gelitten, doch in einem bitteren offenen Brief, der am Tag nach ihrem Tod erschienen war, hatte die Familie der Verstorbenen den beiden großen Antagonisten des #MeToo-Kampfes die Schuld an Messicks Tod gegeben: Harvey Weinstein und seiner lautesten Anklägerin, der Schauspielerin Rose McGowan.

Messick hatte für beide gearbeitet. 1997, als die Vergewaltigung, die McGowan dem Filmproduzenten vorwirft, passiert sein soll, war Messick McGowans Agentin. Später arbeitete sie für Weinsteins Firma Miramax.

Während des Sundance-Filmfestivals in Utah 1997 habe Messick, so berichten es nun ihre Eltern, als junge Schauspieleragentin ein Treffen ihrer Klientin Rose McGowan mit dem Produzenten Harvey Weinstein organisiert. Am Tag nach dem Treffen habe McGowan ihrer Agentin, Messick, erzählt, sie habe einen Riesenfehler begangen. Sie habe ihre Kleider ausgezogen und sei mit Weinstein in seiner Hotelsuite in einen Whirlpool gestiegen. Sie bereue es sehr. Messick sei alarmiert gewesen durch das ungebührliche Verhalten des Produzenten und habe ihren Chefs bei der Agentur von dem Vorfall berichtet. Sie sei davon ausgegangen, dass die Agenturchefs Schritte gegen Weinstein einleiten würden.

Zehn Monate später, Ende 1997, fing Messick selbst bei Weinsteins Firma Miramax als Produzentin an.

Rose McGowan erzählt in ihrem gerade erschienenen Buch "Brave" und in ihren Interviews die Geschichte ein wenig anders. In ihrer Version hat ihr Weinstein, als sie gerade die Hotelsuite verlassen wollte, die Kleider vom Leib gerissen, sie in den Whirlpool genötigt und Oralsex an ihr ausgeübt. Sie habe ihrer Managerin den Vorfall geschildert, doch die habe nichts getan und stattdessen weniger als ein Jahr später selbst bei Weinstein angefangen.

Am Tag, als McGowans Buch mit der detaillierten Schilderung der angeblichen Vergewaltigung erschien, am 30. Januar 2018, hat Harvey Weinstein, der bis dato nur hatte verlautbaren lassen, er befinde sich in einer Therapieeinrichtung in Arizona, sein Schweigen gebrochen. Er veröffentlichte eine E-Mail, die Jill Messick ihm einige Monate vor seiner Enttarnung geschickt hatte. Darin schildert Messick auf Weinsteins Bitte den Vorfall noch einmal, so wie sie sich an ihn erinnerte, mit dem wichtigen Unterschied, dass McGowan die Sache zwar bereut habe, sie aber freiwillig in den Pool gestiegen sei. Daraufhin brach, angefeuert von McGowan, ein feministischer Shitstorm über Messick herein, die nun als Verräterin galt, die Weinstein zu entlasten suchte. Diesen Anwürfen habe die Produzentin, die sich laut der Familie gerade von einer manischen Episode erholt und wieder Fuß gefasst hatte, nicht standgehalten und sich eine Woche später, am 7. Februar, erhängt.

Spätestens hier ergeben sich nun einige komplizierte moralische Fragen. Unstrittig ist überall in Hollywood, dass Harvey Weinstein ein kriminelles Schwein sei, doch darüber hinaus wird es schnell unübersichtlich. Die Rolle und Glaubwürdigkeit von Rose McGowan wird von einigen infrage gestellt. Sie hat die Bewegung "Rose Army" gegründet und befindet sich mit geschorenen Haaren wie eine apokalyptische Reiterin seit Monaten auf dem Kriegspfad. Wenn man ihre Autobiografie "Brave" liest, gewinnt man den Eindruck, dass McGowan möglicherweise nie ein einfacher Charakter war (bis zu ihrem siebten Lebensjahr wuchs sie in einer christlichen Sekte auf), doch darüber hinaus erscheint sie wie eine wandelnde Erinnerung daran, dass die Dinge, die Harvey Weinstein zu seinem Spaß getan hat, Menschen zerstören konnten. McGowan wirkt nachhaltig beschädigt.

Ein paar Tage nach Erscheinen ihres Buchs und vor Jill Messicks Selbstmord rauscht McGowan mit großer Entourage und in quietschorangefarbenem Oberteil in den Buchladen Barnes & Noble am New Yorker Union Square. Sie soll hier aus "Brave" lesen. Begleitet wird die Buchpremiere von einer fünfteiligen Dokuserie über ihren Kampf für Vergeltung und den Aufbau von "Rose Army". Die Serie wird von dem Sender E! ausgestrahlt, wo sonst eigentlich nur Trashserien wie diejenige über die Kardashian-Familie laufen.

McGowan weiß nicht so genau, was sie in der Buchhandlung soll. Sie redet von sich selbst als "Überlebende", doch seit sie ihre Geschichte nach 20 Jahren der Welt mitgeteilt habe, fühle sie sich wieder frei, denn sie sei nun "brave", mutig. Sie zieht sich die Kapuze ihres Sweatshirts über den Kopf und fängt dann an, das Inhaltsverzeichnis ihres Buchs vorzulesen, als wäre es ein Gedicht. Die Kapitel haben Titel wie "Kind Gottes", "Brutalität", "Tod des Selbst" oder "Wir sind mutig".

Filmproduzent Weinstein, Darstellerin McGowan 2007: Im Revolutionsmodus
Kevin Winter / Getty Images

Filmproduzent Weinstein, Darstellerin McGowan 2007: Im Revolutionsmodus

Als sie endlich bei den Eingangspassagen des Buchs angelangt ist, springt eine Zuhörerin mit lila gefärbten Haaren auf und ruft, dass McGowan sich ja nur für sich selbst und andere heterosexuelle Gewaltopfer interessiere, während gleichzeitig ein "Genozid" an Transgender-Frauen stattfinde.

Die Schauspielerin weiß nicht, was sie mit diesem Vorwurf anfangen soll, will zunächst antworten, doch entscheidet sich dann anders. McGowan springt auf und beginnt ihrerseits die Zuhörerin, die selbst transgender ist, niederzubrüllen und zu beschimpfen. Da sie ein Mikrofon hat, gewinnt McGowan schnell die Oberhand.

"Piss off", schreit sie der Zuhörerin hinterher, die inzwischen von Sicherheitsleuten aus dem Saal gezerrt wird. Doch McGowan will sich gar nicht beruhigen. Als ihre Gegenspielerin längst draußen ist, schreit McGowan noch immer. Ihr ganzer Ausbruch wirkt seltsam gespielt, aber das kann natürlich täuschen. Später wird sie andeuten, die Transgender-Frau sei eine Schergin von Weinstein.

Rose McGowan war eine der ersten Frauen, die den Mut fanden, Weinstein öffentlich anzuklagen. Dafür gebührt ihr der größte Respekt. Und wenn man die #MeToo-Welle als Revolution begreift, dann kann man an McGowan studieren, in welch unterschiedliche Richtungen sich die Revolutionsführer entwickeln. Manche, wie McGowan, bleiben im Revolutionsmodus, radikalisieren sich weiter. Andere, wie die "Time's Up"-Mitbegründerin Reese Witherspoon, versuchen, den Umsturz zu institutionalisieren, was Jakobinerinnen wie McGowan natürlich furchtbar finden. "Time's Up", so sehen es die Fundamentalisten, sei ein Weg für die Männer in der Industrie, sich freizukaufen. Selbst die vermeintlichen Bösewichte der Talentagentur CAA haben von ihrem Todesstern aus Geld an den "Time's Up Legal Defense Fund" überwiesen. Ein Ablasshandel.

Zwei Tage nach ihrer Autorenlesung sagt Rose McGowan alle weiteren Auftritte und Interviews ab, auch das mit dem SPIEGEL. Als Grund nennt sie den traumatisierenden Vorfall bei Barnes & Noble. Von der Buchhandlung verlangte sie eine öffentliche Entschuldigung, da sie nicht ausreichend geschützt worden sei.

4. Der ungleiche Marktwert von Frau Williams und Herrn Wahlberg - "Ich höre, Sie vergewaltigen Frauen" - Unmoralisches Angebot an die Reporterin Kim Masters - Ein Verdacht, und weg bist du

Auch wenn Hollywood versucht, alles richtig zu machen, geht es am Ende wieder schief. Als die Welt von Kevin Spaceys Übergriffen auf junge Männer erfuhr, entschied der Regisseur Ridley Scott bekanntlich, den Star aus seinem schon fertigen Film "All the Money in the World" herauszuschneiden. Die Spacey-Szenen wurden mit einem neuen Schauspieler nachgedreht. Dafür mussten auch die anderen beiden Hauptdarsteller, Michelle Williams und Mark Wahlberg, noch einmal vor die Kamera. Beide wurden von derselben Agentur vertreten, William Morris Endeavor, der dritten großen neben CAA und ICM. Für die Nacharbeiten verschaffte sie ihrem männlichen Star 1,5 Millionen Dollar. Der Frau, einer der besten Darstellerinnen ihrer Generation, einen Tausender. Für die gleiche Arbeit.

Kim Masters vom "Hollywood Reporter", die seit 20 Jahren über die Filmindustrie berichtet, sagt: "Es gibt in Hollywood nach wie vor all diese veralteten Annahmen: Junge Männer sorgen für Ticketerlöse. Sie sind das Zielpublikum. Denn bei einem Date gehen Frauen mit den Männern zwar in Jungsfilme. Aber Männer kommen nicht mit in einen sogenannten Mädchenfilm."

Masters leitet beim "Hollywood Reporter" die neu gegründete Einheit, die Fällen von sexueller Belästigung in der Filmindustrie nachgeht. Im Moment untersuchen dort fast ein Dutzend Rechercheure etwa 15 schon sehr konkrete neue Fälle, einige stünden kurz vor der Enthüllung.

"Da ist eine ganz neue Welt entstanden, seit Harvey untergegangen ist."

Masters, ehemalige "Washington Post"-Reporterin, heute eine Dame Anfang sechzig, hat Harvey Weinstein zum ersten Mal vor über zwanzig Jahren getroffen. Schon damals gab es Gerüchte über Vergewaltigungen. Weinstein hatte ein Mittagessen verlangt, nachdem sie einige Texte über ihn verfasst hatte, die ihm nicht gefielen.

"Was hören Sie über mich?", wollte der Produzent wissen.

"Ich höre, Sie vergewaltigen Frauen", sagte Masters.

Reporterin Masters: "Eine ganz neue Welt"
Robert Gallagher / DER SPIEGEL

Reporterin Masters: "Eine ganz neue Welt"

Sie wusste nun, dass er wusste, dass sie es wusste. Aber sie hatte keine Beweise, und niemand wollte öffentlich aussagen.

Vor drei Jahren war Rose McGowan schon einmal so weit gewesen, dass sie im "Hollywood Reporter" alles erzählen wollte, doch sie zog im letzten Augenblick zurück. Kurz nach der Trump-Wahl im November 2016 brodelte es in der Weinstein-Sache schon heftig. Masters sah Weinstein auf einer Party, versuchte ihn zu meiden. Doch er kam zu ihr herüber, begann Small Talk, sei das nicht furchtbar mit diesem Trump, er werde dies und das gegen Trump unternehmen. Dann stieß Nicole Kidman zu der Gruppe. Weinstein stellte die Frauen vor: "Nicole, das ist Kim Masters. Sie versucht schon lange, mich zu kriegen."

"Ich sagte: 'Ich bin immer noch dabei, Harvey'", erzählt Masters. "Nicole Kidman guckte mich komisch an, es schien, als hätte sie die Anspielungen verstanden. Für Harvey war es ein Spiel, er fühlte sich offenbar sicher, obwohl seine Firma schon damals in Schwierigkeiten steckte und seine Macht bröckelte. Ein gutes halbes Jahr später, zwei Monate bevor alles aufflog, war es dann so weit: Harvey rief mich an. Er habe da ein tolles Buchprojekt, und ich sei genau die Richtige dafür. Normalerweise bot Harvey sehr viel Geld, doch zu dem Punkt kamen wir nicht, weil ich sofort ablehnte."

Die erste Phase der Revolution ist vorbei, Köpfe sind gerollt oder rollen noch. Aber Masters ist besorgt über die zweite Phase. In diesen Tagen wird ausgelotet, wo die Grenze gezogen und somit festgelegt wird, wie streng, wie korrekt Hollywood sein möchte.

James Franco? Statistinnen berichten jetzt, der Schauspieler und Regisseur habe regelmäßig seine Machtstellung genutzt, um sie dazu zu bringen, oben ohne zu drehen, auch wenn es nicht im Drehbuch stand. Aziz Ansari, Schöpfer der mehrfach ausgezeichneten Netflix-Serie "Master of None", wird von einer Frau vorgeworfen, er habe bei einem Date mit ihr, bei dem es erst zu Oralsex gekommen sei, ihre ablehnende Haltung ignoriert, als er danach noch mehr gewollt habe; er habe sie zu etwas gedrängt, das sie nicht gewollt habe. Macht das die beiden zu sympathischen Männern, mit denen man als Frau gern Zeit verbringt? Vielleicht nicht. Aber sollten sie für solches Verhalten mit öffentlicher Demütigung bestraft werden?

Das sind die Fragen, über die Kim Masters beim "Hollywood Reporter" täglich entscheiden muss. Und wie viele Beweise genügen? Wie viele unabhängige Quellen?

Der Hashtag #MeToo ermöglichte es Opfern, überhaupt über ihre Erlebnisse sprechen zu können, ohne einer juristischen Beweispflicht nachkommen zu müssen. Das war in jenem Stadium, der Phase eins dieser Revolution, der einzig richtige Weg. Doch für die Monate nach Weinstein müssen Vereinbarungen getroffen werden, wie aus Behauptungen, die die Kraft haben, ganze Leben zu zerstören, zuverlässige Fakten werden. Es muss ein Ton gefunden werden, in dem sich über diese emotional aufgeladenen und intimen Dinge sprechen lässt. Rose McGowans Beschimpfungen verschärfen den Ton auch innerhalb der #MeToo-Bewegung, und manchmal ist es schwierig, Fragen zu Geschlecht und Hautfarbe zu stellen, ohne ein sensibles Gegenüber zu verärgern.

Als ich in jenen Tagen die Regisseurin Dee Rees anrufe, die mit ihrem Filmepos "Mudbound" in der Kategorie "Beste Drehbuchadaption" für einen Oscar nominiert ist, geht das Gespräch schnell schief. Rees ist eine Frau in Hollywood, Afroamerikanerin und lesbisch. Meine Erkundigungen, ob sie denn als Frau in Hollywood Diskriminierungen erfahren habe, empfindet sie als Provokation.

"Das ist eine lächerliche Frage", sagt sie. "Natürlich."

Als ich frage, was sie zum Beispiel erlebt habe, legt sie auf.

Interviews scheitern manchmal, das ist normal, vor allem am Telefon, wenn man sich nicht kennt, mit schlechtem Handyempfang, im Auto sitzend, am Straßenrand, in Century City vor dem "Todesstern". Aber möglicherweise steht Dees Unmut für ein größeres Missverständnis - das gleiche, das in den USA auch die Debatte um Political Correctness erschwert. Gefangen im Mikrokosmos der eigenen Identität, lässt sich kein Verständnis mehr aufbringen für ein Unverständnis oder nur für ein Nachfragen des Gegenübers. Wie? Du glaubst mir mein Leiden nicht? Aufgelegt.

Man dürfe nicht zu empfindlich werden, sagt Masters. Wie es vor noch nicht allzu langer Zeit in Hollywood zugegangen sei, erscheine einem heute schon haarsträubend. Das ist wie mit dem Rauchverbot. Kurz nachdem es eingeführt worden war, konnte man sich nur noch schwer vorstellen, dass jemals in Restaurants geraucht wurde.

Die Recherchen der vielen Investigativjournalisten, die jetzt in Hollywood jeden Stein umdrehen, reichten teilweise bis in die Neunzigerjahre zurück, sagt Masters, was nicht nur für Intensivtäter wie Weinstein bedrohlich ist. In den Neunzigerjahren habe an den Filmsets, was Sex angehe, eine völlig andere Stimmung geherrscht als heute, sagt ein Kameraassistent, der seit Jahrzehnten mit bekannten Regisseuren und Kameraleuten arbeitet. Wahrscheinlich könne man bei jeder Produktion mindestens einen Vorfall finden.

5. Ein Griff ans Genital - "Die mag ich" - Wie Cheli Clayton einen Job bei Oliver Stone bekam - Man kann ja nicht jeden einsperren - Ein Mann namens Andy Dick - Das Spektakel "Black Panther"

Es war das Jahr 1994, als Cheli Clayton, ein groß gewachsenes Hippiegirl aus der Provinz, nach Kalifornien kam. Sie war 27 und hatte zwei entfernte Bekannte in Los Angeles, eine davon war die Assistentin der Assistentin des Kameramanns. So landete sie bei verschiedenen Filmdrehs, kleine, unbekannte Filme, unterste Stufe.

Doch Cheli liebte es. Im Herbst 1994 arbeitete sie auf dem Set von "Nixon", einem Film von Oliver Stone über den ehemaligen US-Präsidenten. Über Beziehungen ergatterte sie einen Vertretungsjob als sogenannte Video Waitress, "Kamera-Kellnerin". Jobbeschreibung: den Regisseur in dem kleinen Zelt, in dem dieser hinter seinen Monitoren sitzt, bedienen und ihm alles herrichten. Der Regisseur war Oliver Stone. Cheli trug Shorts und ein T-Shirt. Am ersten Tag, als Cheli die Monitore justieren wollte und sich zwischen Geräten und Regisseur herumschlängeln musste, habe Stone ihr zwischen die Beine und an ihr Genital gegriffen. Cheli sei herumgefahren und habe Stone angeschrien. Der sei kurz verblüfft gewesen, dann habe er seinem Kameramann zugerufen: "Die mag ich. Gebt ihr einen richtigen Job!"

Dass Cheli einen ihr auf diese Weise angebotenen Job tatsächlich annahm, sagt schon viel über jene Zeit. Ihre neuen Kollegen waren nicht begeistert. Die Anfängerin, die in der Kameraabteilung gelandet ist, weil der Regisseur sie anmacht? Stone machte ihr weiterhin Komplimente und wollte mit ihr ausgehen. Manchmal schickte er eine Limousine. Cheli hatte gerade ihren heutigen Mann kennengelernt und sagte jedes Mal ab. Nach ein paar Wochen wurde sie entlassen. Man wünsche sich doch jemanden mit etwas mehr Erfahrung, wurde ihr gesagt.

Cheli verstand nicht, warum sie gehen musste, fand aber schnell einen neuen Job und arbeitet bis heute in der Kameraabteilung großer Filmproduktionen. Zehn Jahre später trifft sie einen ihrer Vorgesetzten des Stone-Films bei Dreharbeiten von Tarantinos "Kill Bill 2" wieder. Er erkennt sie erst nicht, dann sagt er: "Ach, du bist die, die wir entlassen mussten, weil du nicht mit Oliver schlafen wolltest." Cheli fiel aus allen Wolken. Sie hatte diese Verbindung damals gar nicht gezogen.

Cheli Clayton hat lange gezögert, dem SPIEGEL diese Geschichte zu erzählen. Sie sagt, sie wolle Stone heute nicht mehr anklagen. Oliver Stone, sagt sie, sei ihr völlig egal. Ihr liege nichts daran, dass Stone nun bestraft werde. Clayton sitzt in einem mexikanischen Restaurant in Los Angeles in der Nähe eines Kamerazentrums, in dem sie Filmequipment für den nächsten Drehtag zusammensucht.

Ihre Geschichte von damals scheint zu stimmen, andere Mitglieder des Filmteams haben sie dem SPIEGEL gegenüber bestätigt. Anders aufbereitet, mit Tweets auf Twitter, mit dem "Hollywood Reporter" im Boot und noch ein paar mehr wütenden Frauen, ließe sich damit ordentlich Stimmung gegen Stone machen. Es wäre ein Leichtes, weitere Frauen zu finden, sagen Leute, die mit Stone gearbeitet haben. Clayton sieht sich durchaus als Feministin. Für sie bedeutet das, stark und unabhängig zu sein. Sie sagt, jeder wisse, wer die Arschlöcher in der Branche seien, und niemand müsse mit ihnen arbeiten. Ist es so einfach?

Sie hat möglicherweise Glück gehabt, dass sie gleich wieder einen Job bekommen hat und ihre Karriere weitergegangen ist. Man könnte auch sagen, sie hat den Job bei Stone ohnehin nur auf der Grundlage sexistischer Erwägungen bekommen und auf derselben Grundlage wieder verloren, ein Nullsummenspiel. Und der Griff zwischen die Beine?

Clayton sagt, sie könne damit leben, weil sie sich gewehrt habe.

Es gibt weitere Vorwürfe gegen Stone: Patricia Arquette schrieb auf Twitter, er habe sie für eine Rolle gewollt, ihr Rosen geschickt, und als sie zu einer Filmpremiere ihren Freund mitgebracht habe, habe Stone sich beschwert. Ein ehemaliges "Playboy"-Model behauptet, Stone habe ihr auf einer Party an die Brust gegriffen. Das ist auch 20 Jahre her. Wie soll damit nun verfahren werden?

Wenn das neue, moralisch geläuterte Hollywood glaubwürdig bleiben will, müsste Stones Verhalten sanktioniert werden. Aber wer hat dann noch alles Strafen zu erwarten? Es ist ein bisschen wie bei der Abwicklung von Unrechtsregimen. Wenn man jeden einsperrt, der Dreck am Stecken hatte, hat man am Ende keine Bevölkerung mehr.

Einer der vielen weniger Bekannten, die bestraft worden sind, für weniger spektakuläre Delikte, als Harvey Weinstein sie begangen hat, ist Andy Dick.

Komiker Dick: Belästigung als Prinzip
Robert Gallagher / DER SPIEGEL

Komiker Dick: Belästigung als Prinzip

Dick ist Schauspieler und Komiker, in den USA ist er kein Star, aber als einer der Hauptdarsteller der Sitcom "NewsRadio" wurde er relativ bekannt. Eine Zeit lang hatte er auf MTV die "Andy Dick Show". Im inneren Kreis von Hollywood kennt ihn jeder.

Dick wurde ein paar Wochen nach den Weinstein-Enthüllungen von den Dreharbeiten zweier Filme ausgeschlossen, der Grund waren Vorwürfe anderer Crewmitglieder, er habe sich seltsam verhalten und sie sexuell belästigt. Das klang zunächst für jeden plausibel, denn es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass Dick ausfallend geworden wäre. Es gehört zu seinem Markenkern, zu seiner Persona als Comedian. Er hatte in der Vergangenheit Probleme mit Alkohol und Kokain, und wenn er berauscht war, wurde er manchmal sogar verhaftet, weil er andere Menschen, Männer wie Frauen, belästigt und betatscht haben soll. Einmal wurde er aus der Late-Night-Show von Jimmy Kimmel gewaltsam rausgetragen, weil er nicht aufhörte, an Ivanka Trump (nicht sexuell) rumzufummeln, während sie ihren Unsinn redete. Die Filme "Raising Buchanan" und "Vampire Dad" gehen ohne Dick weiter.

Von ungefähr 80 beschuldigten Männern aus der Hollywood-Industrie, die der SPIEGEL um ein Interview für diesen Artikel gebeten hat, ist Dick der einzige, der sich bereit erklärte. "Klingt gut", mailte er schlicht zurück.

Er ist ein interessanter Fall, denn die Anschuldigungen scheinen nicht so monströs wie bei Weinstein oder Spacey, er hat nicht die Mittel und Anwälte zur Verteidigung, und der Verlust von zwei Rollen zerstört bei ihm nicht Ruf oder Karriere. Dick soll Crewmitglieder am Genital betatscht, im Gesicht geküsst und geleckt haben. Außerdem habe er seinen besten Freund mit aufs Set gebracht, Paul Ryder, Bassist der englischen Rockband Happy Mondays, der während des Drehs eingeschlafen sei und geschnarcht haben soll.

Dick möchte zunächst zum Interview in sein Lieblingsrestaurant in West Hollywood gehen. Doch dann fühlt er sich nicht gut und bittet zu sich nach Hause und besteht darauf, dass seine geschiedene Frau mit dabei ist. Er wohnt eine Stunde von Hollywood entfernt, in einer Vorstadt im San Fernando Valley, in einem kleinen, geduckten Haus. Das Haus ist spärlich und heruntergekommen eingerichtet. Auf dem Sofa sitzen Dick, seine Ex-Frau und Paul Ryder von den Happy Mondays, der jetzt mit Dicks Ex-Frau zusammen ist. Diverse Kinder im Teenageralter von Dick, der Ex-Frau oder beiden gemeinsam laufen samt ihren Partnern durchs Haus und sehen bekifft aus.

Hier also endet man, wenn man Hollywood mal richtig auf den Grund gehen will. Das ist der Alltag.

Es ist anstrengend, mit Dick zu reden. Er ist aufgebracht, nicht weil er seine Rollen verloren hat und jetzt in den YouTube-Filmen seiner Tochter mitspielen muss, sondern weil ihm Weinstein eingefallen ist. Er hat bei zwei Weinstein-Filmen mitgewirkt. Eine Ex-Freundin von ihm behauptet, auch sie sei von Weinstein vergewaltigt worden. Dick quält nun die Frage, ob er die beiden einander vorgestellt habe und somit mitschuldig sei. Unvermittelt beginnt er zu weinen.

Zwischendurch greift er an meinen Oberschenkel und versucht den Assistenten des Fotografen zu küssen. Nein, Dick ist kein "Predator", kein Raubtier, wie man hier sagt, sondern hat entweder aus seinem undurchschaubaren schwarzen Plastikbecher zu viel getrunken, die falschen Tabletten genommen, oder er durchlebt eine manische Phase.

Ist es nachvollziehbar, jemanden wie ihn von einer Filmproduktion zu feuern? Wenn er sich benimmt wie an diesem Abend: auf jeden Fall. Nur ist das nicht sexuelle Belästigung, sondern allgemeine Belästigung. Andy Dick ist eine Belästigung, das ist sein Prinzip.

Es kommt einem in den Sinn, was Chris Silbermann, der Chef von ICM, gesagt hat und wofür Andy Dick ein wandelndes Mahnmal ist: Die Filmindustrie ist trotz ihrer Milliarden-Dollar-Projekte, trotz der Deals, die der Anwalt Schuyler Moore einfädelt, ein Raum der Kunst, in dem sich viele Spinner tummeln.

Eingerollte rote Teppiche in Los Angeles 2013: Das Ende der Kunst
Art Streiber / August

Eingerollte rote Teppiche in Los Angeles 2013: Das Ende der Kunst

Das war schon immer so. Doch vor ein paar Jahren hat Hollywood angefangen, angetrieben von jungen Regisseuren und Schauspielern, ein neues politisches Bewusstsein zu entwickeln, das sich mit Fragen der Identität befasste. Nicht männlich, nicht weiß, nicht heterosexuell: Das war die neue Richtung. Keine Macht für niemanden.

Schon bevor die Empörung über Weinstein ausbrach, gab es jene über ausbleibende schwarze Oscarnominierungen unter dem Hashtag #OscarsSoWhite. Manche Beobachter, wie der Kulturpessimist Bret Easton Ellis, warnen davor, dass sich in Hollywood eine Ideologie Bahn breche, die jede Ästhetik verdränge. Dass also Entscheidungen nicht mehr unter künstlerischen Gesichtspunkten getroffen werden, sondern unter politischen.

Sind Botschaften das Ende der Kunst?

Dagegen allerdings spricht der Film, über den zwei Wochen vor den Oscars ganz Hollywood redet und der "Black Panther" heißt: ein Film im Geist der Identitätspolitik, wenn man so will, über den ersten afrikanischen Comic-Superhelden, die schwarze Version von Superman, von einem afroamerikanischen Regisseur mit afroamerikanischen Schauspielern. Und der Film ist, völlig unabhängig von seinen identitätspolitischen Aussagen, ein Spektakel. Denkbar also, dass sich auch gute Filme drehen lassen, ohne dass Frauen dabei zwischen die Beine gegriffen oder absurd wenig Geld gezahlt wird.



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