AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2018

Handwerker Warum es glücklich machen kann, auf einer Baustelle zu leben

Früher stöhnte man eher: Ich hab die Handwerker da. Heute jubelt man: Ich hab die Handwerker da! Man ist ja froh, wenn man welche hat.

Fliesenleger (Symbolbild)
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Fliesenleger (Symbolbild)

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Der Fliesenleger blieb abends gern ein bisschen länger, um mit uns über Dinge zu reden, die ihn interessierten, Journalismus zum Beispiel oder der letzte Balkankrieg. Oder das Fliesenlegen und das deutsche Handwerk überhaupt, in dem er seine Zukunft golden sah, unsere als Kunden aber eher nicht.

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Heft 6/2018
Kaufen oder mieten? Was wo schlau ist

Er stammte aus Albanien. Man kann viel Europa erleben, wenn man wie wir eine Weile auf einer Baustelle lebt; es galt, ein 50 Jahre altes Haus zu renovieren, das dauert. Die Erdarbeiten machte einer, den die anderen "den Zigeuner" nannten. Das war freundlich gemeint und wurde von ihm auch so verstanden. Nur wenn er Fehler machte und gerügt werden musste, konnte es sein, dass sein kroatischer Vorname fiel.

Der Spezialist für feine Malerarbeiten, er kam, glaube ich, aus Serbien, aß gern rohe Zwiebeln und Kraftnahrung, die er sich auf die Baustelle schicken ließ. Er hatte gewaltige Muskeln, ein meerschweinchengroßes Hündchen, das im Auto auf den Feierabend wartete, und eine spezielle Theorie über Integration. "Swinger" nannten ihn die anderen. Denn dies war seine Theorie und auch seine Praxis, so erzählte er gern: Um die Mitte der Gesellschaft zu treffen, also auch Ärzte, Anwälte, sagte er, müsse man als Ausländer in den Swingerklub gehen. Da gelinge Integration.

Es war eine gemischte Brigade, Leute vom Balkan und solche aus Süddeutschland, und die Zeit mit ihnen hat meinen Blick auf das Handwerk verändert. Schon der Tonfall, in dem wir darüber sprechen, ist anders heute. Früher stöhnte man eher: Ich hab die Handwerker da. Heute jubelt man: Ich hab die Handwerker da! Man ist ja froh, wenn man endlich welche hat. Mein Mann und ich kochten ihnen Kaffee, und manchmal Mittagessen. Nach einer Weile sahen sie das als selbstverständlich an.

Wir lernten verschiedene Privatradiosender kennen, sie brachten unterschiedliche Werbung und alle denselben Song. Wir blamierten uns, indem wir ihnen einen Kasten Bier hinstellten. Sie tranken bei der Arbeit kein Bier. Sie versuchten sogar, möglichst wenig Dreck zu machen, was manchmal gelang.

Mit dem Fliesenleger unterhielten wir uns viel. Wenn er vom Handwerk sprach, hatte er immer so ein Lächeln. Er sprach Loblieder auf das duale deutsche Ausbildungssystem, er sagte, sinngemäß: Wartet ab. Das wird teuer, in Zukunft. Kein Mensch will mehr Handwerker werden. Bald gibt's kaum mehr welche. Er sagte: "Dann bin ich der König." Und er lächelte.

Er wirkte zufrieden mit seinem Job. Sie wirkten alle zufrieden mit ihrem Job. In einer Umfrage habe ich gelesen, dass Klempner und Gärtner glücklicher als Lehrer oder Ärzte seien; ich kann es mir vorstellen, nach unserer Zeit auf der Baustelle. Wenn ein fremdes Auto vorfuhr, sagten sie: "Will der zu uns?" Mir gefiel es, dass sie "zu uns" sagten. Zu unserem Haus. Zu unserem Projekt.

Ich glaube nicht daran, dass es "in uns allen einen Handwerker zu befreien gilt", wie der Soziologe Richard Sennett einmal schrieb; in mir sitzt jedenfalls kein innerer Fliesenleger. Aber ich sehe gern Menschen zu, die etwas von dem verstehen, was sie tun. Handwerk bedeute, schrieb Sennett, "einer Arbeit mit Hingabe nachzugehen und um ihrer selbst gut machen zu wollen". Ich hatte das für die romantisierende Sicht des Kopfmenschen gehalten, als ich sein Buch darüber vor ein paar Jahren in die Finger bekam. Jetzt kam es mir so vor, als habe der Mann womöglich recht.

Sennett schreibt über "emotionale Belohnungen", über die "Verankerung in der greifbaren Realität und den Stolz auf die eigene Arbeit"; Handwerkskammerpräsidenten könnten das nicht schöner sagen. Nur hört der junge Mensch nicht gern zu. Anstatt Gärtner oder Klempner zu werden, will er lieber den Bachelorabschluss in Produktionsgartenbau oder "Facility-Management", also Hausmeisterwesen.

Selbst das Schreinern - es war mal der Traumjob abgebrochener Akademiker, die was Kreatives machen wollten, was mit den Händen. Heute suchen auch Schreiner dringend Leute. Auch unser Schreiner, der von der Baustelle, fürchtet um seinen Betrieb. Seine Tochter ist erfolgreich und verdient erstes Geld. Was macht sie? "Influencerin."

In Fachartikeln steht neuerdings, man werde eh bald kaum mehr Handwerker brauchen, jedenfalls weniger Handwerkerstunden, weil sowieso alles fertig aus dem 3-D-Drucker komme: die Fliese, das Wohnzimmerparkett, das ganze Haus. Ich glaube das nicht. Ich denke an unsere Baustelle, krummer Boden, schiefe Wand, eine Fliese, die bricht; ich sehe den Fliesenleger, der schleift und schneidet und Haarrisse sieht und penibel mit dem Finger millimeterkleine Abweichungen kontrolliert.

Ich bin bereit, noch viele Kannen Kaffee zu kochen und viele Röstkartoffeln zu braten und bei vielen Privatradiospots wegzuhören. Und wenn der Swinger seine Geschichten vom Swingerklub erzählt, dann nicht, wenn ich dabei bin; so taktvoll ist er denn doch.

Ich hoffe schon aus Egoismus, dass es genug ausbildungswillige Zuwandererkinder gibt wie unsere auf der Baustelle, wir werden sie brauchen.

Mit Grausen sehe ich eine Zukunft vor mir, in der nach dem Rohrbruch kein Klempner, sondern ein Facility-Manager vor mir steht, weil vom Klempner der freundliche Vorschlag kam: "Dienstag in neun Wochen. Passt Ihnen das?"



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