AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2017

Fußball-Mäzen Kühne über sein Leid mit dem HSV "Weil die Luschen immer hier hängen bleiben"

Mehr als 50 Millionen Euro hat der Hamburger Unternehmer Kühne in den HSV gesteckt, um "wieder auf Augenhöhe mit den Bayern zu kommen". Doch stattdessen: Nichts als Kummer.

Axel Martens / DER SPIEGEL

Ein SPIEGEL-Gespräch von Jörg Kramer und


Klaus-Michael Kühne , 80, ist Mehrheitseigner des internationalen Logistikdienstleisters Kühne + Nagel. Er lebt in der Schweiz und auf Mallorca.

SPIEGEL: Herr Kühne, Sie haben 2010 angefangen, den Hamburger SV zu unterstützen. Sie haben Transferrechte an Spielern, dann Anteile am Verein erworben, zuletzt Darlehen für Spielergehälter gegeben. Es waren Geschäfte ohne Rendite. Hat es wenigstens dem HSV etwas gebracht?

Kühne: Leider sehr wenig, es ist das Gegenteil einer Erfolgsstory und deshalb sehr traurig. Es hat damit angefangen, dass ich zusammen mit anderen Hamburgern den Spieler van der Vaart zurückholen wollte. Leider sind dann aber alle möglichen Geldgeber abgesprungen. So stand ich irgendwann allein da. Mittlerweile ist die Größenordnung meines Engagements beträchtlich.

SPIEGEL: Wie viele Millionen haben Sie in den Verein gesteckt?

Kühne: Insgesamt dürften es 50 bis 60 Millionen sein. Ein Teil der Darlehen ist in Anteile umgewandelt worden; es gab auch kleine Rückflüsse. Ich weiß aber, dass es sich zu einem beträchtlichen Teil um Risikokapital handelt, das aller Voraussicht nach verloren ist. Es müsste schon ein Wunder geschehen.

SPIEGEL: Kritiker sagen, die Verpflichtung van der Vaarts sei nicht nur Ihr erster, sondern auch Ihr größter Fehler gewesen.

Kühne: Vor einigen Jahren fehlte dem HSV jemand, der im Mittelfeld Regie führt. Deshalb wollte ich ihn von Tottenham nach Hamburg holen. Ich gebe zu, das Ergebnis war nicht so grandios. Er hat sechs Monate gut funktioniert, dann hatte van der Vaart in der Silvesternacht seine Affäre, seine Ehe scheiterte. Und danach war der Lack ab. Er ist ein netter Kerl, wir sind ihm auch nicht böse. Das Private hat einfach seine Form geprägt.

SPIEGEL: Was hat Sie überhaupt motiviert, Geld in den Profifußball zu stecken?

Kühne: Bei meinem ersten Engagement habe ich mir gesagt, das Gefälle zu Bayern München muss geringer werden. Die Städte München und Hamburg verstehen sich ja ein bisschen als Rivalen. Und ich habe mir gedacht, dass der HSV wieder auf Augenhöhe mit Bayern kommen kann. Das war mein Ehrgeiz, hat aber leider nicht geklappt.

SPIEGEL: Auch in diesem Sommer waren Sie wieder sehr großzügig.

Kühne: Ich habe noch einmal einen pauschalierten Betrag zur Verfügung gestellt, für Gehälter und Ablösesummen. Es war besonders notwendig, um den Spieler Hahn zu holen. Ursprünglich wollte der Verein ja zur Sanierung des Etats erst die Gehälter reduzieren, ehe er neue Spieler kauft. Aber bis das gelungen wäre, wäre Hahn längst woanders gelandet. Es war wieder ein Hängen und Würgen im Verein, es musste gehandelt werden.

SPIEGEL: Was ist schiefgelaufen?

Kühne: Ich habe meine Kritik am Management des Vereins, an Einkaufspolitik und Entscheidungsfreude. Das ist ganz anders als bei vielen anderen Vereinen, die haben oft die richtigen Leute an den richtigen Stellen.

SPIEGEL: Immerhin sitzt ein Stellvertreter Ihres Unternehmens im Aufsichtsrat des HSV.

Kühne: So fühle ich mich wenigstens etwas vertreten. Aber wir haben so gut wie keinen Einfluss. Im Grunde stehe ich allein auf weiter Flur, das ist mein Dilemma. Ich will helfen, lasse mich überreden, aber die Effekte verpuffen.

SPIEGEL: Sie geben Geld, ohne genau zu wissen, wohin es fließt?

Kühne: Der Trainer, Herr Gisdol, schickt mir ab und zu eine E-Mail, es gab auch schon Telefonate. Aber im Grunde beobachte ich das Geschehen nur aus der Ferne, und was ich sehe, ist grausam.

SPIEGEL: Was stört Sie?

Kühne: Zwei Beispiele. Für die neue Saison hat der HSV nur zwei gestandene Innenverteidiger, einer davon ist sehr verletzungsanfällig. Das ist ein ziemlicher Ritt über den Bodensee. Und jetzt will der Spieler Müller gehen, der müsste aber unbedingt gehalten werden. Er droht mit anderen Angeboten, ist vielleicht demotiviert. Das ärgert mich ganz fürchterlich. Aber ich habe zu wenig Fußballverstand, um konkrete Personalvorschläge zu machen. Und ich will das auch gar nicht. Mir widerstrebt es, Dauerunterhalter zu werden. Ich bin kein Abramowitsch. Was ich mir sehr wünsche, ist ein kraftvolles Management.

SPIEGEL: Der HSV hat sich doch gerade wieder eine neue Führung zugelegt.

Kühne: Der neue Vorstandsvorsitzende, Herr Bruchhagen, ist 68, ein erfahrener Mann mit Ruhe, der Sportdirektor Todt gibt sich Mühe, hat aber nicht viel Erfahrung. Was fehlt, ist ein Schuss Genialität.

SPIEGEL: Herr Kühne, Sie kommen uns wie ein Vater vor, der einen missratenen Sohn hat. Papa weiß, dass es verkehrt ist, macht aber immer wieder sein Portemonnaie auf, wenn der Sohn um Geld bettelt.

Kühne: Gegen dieses Bild kann ich nichts sagen, es stimmt so.

SPIEGEL: Warum haben Sie den Geldhahn nicht längst zugedreht? Kritiker werfen Ihnen vor, durch Ihre Zuschüsse für Spieler würde der Etat immer weiter aufgebläht.

Kühne: Das Geld nimmt man gern, aber den Kühne will man nicht. Das ist wenig erfreulich. Aber ich bin ein Kämpfer. So viel macht es mir dann doch nicht aus, angefeindet zu werden. Teilweise erheitert mich das, was über mich gesagt wird. Aber es gibt Gott sei Dank auch Leute, die sagen, wenn wir Kühne nicht hätten, wäre hier alles aus. Schlammschlachten in der Öffentlichkeit sind unerfreulich, gehören aber wohl zum Fußball. Ich muss damit leben. Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich habe meinen Teil getan, nun ist mein Programm vorerst abgeschlossen.

SPIEGEL: Heißt das, Sie wollen dem HSV kein Geld mehr zur Verfügung stellen?

Kühne: Zumindest nicht für diese Saison, der HSV wollte ja eigentlich noch einen Außenverteidiger verpflichten. Da habe ich mich verweigert. Ich bin etwas frustriert und werde wesentlich zurückhaltender sein als bisher. Ich war einfach zu unkritisch. Aber man soll nie nie sagen. Ich halte eine neue Motivation für nicht ausgeschlossen und bin nicht dogmatisch.

SPIEGEL: Dietmar Hopp bestimmt in Hoffenheim den ganzen Verein. Ist das besser als Ihr Mäzenatentum?

Kühne: Man kann diesen relativ kleinen Verein nicht mit dem HSV vergleichen, der eine riesige Bedeutung für die Metropole Hamburg hat. Als Unternehmer halte ich Veränderungen generell für machbar, aber beim HSV ist dies sehr schwierig. Hier haben 70.000 Mitglieder die Macht. Diese Konstellation ist nicht gut, aber ich muss mich damit abfinden.

SPIEGEL: Manche sagen, es wäre besser, wenn der HSV absteigt, um sich in der zweiten Liga zu regenerieren.

Kühne: Beim HSV halte ich alles für möglich. Mit dem Abstieg wären die Finanznöte noch größer geworden. Es wäre nur eine Rumpfmannschaft übrig geblieben. Ich hielt es deshalb im vergangenen Winter für besser, noch einmal zu investieren. Der Abstieg konnte damit verhindert werden, wenn auch mit Ach und Krach.

SPIEGEL: Wäre es besser gewesen, gar nicht erst mit Ihrem Geld anzutreten?

Kühne: Wenn ich konsequent wäre, würde ich sagen: Ja. Aber meine Sympathie für den Verein ist sehr groß. Es freut mich, wenn der HSV gewinnt. Das passiert ja nicht allzu oft. Aber weil es nicht so oft passiert, ist die Freude umso größer.

SPIEGEL: Vor drei Jahren hat der HSV seine Lizenzspielerabteilung in eine AG ausgegliedert. Sie haben dieses Modell befürwortet. Warum hat sich danach weder finanziell noch sportlich etwas verbessert?

Kühne: Ich hatte mir in der Tat sehr viel davon versprochen. Leider hatte der Vorstandsvorsitzende Beiersdorfer keine glückliche Hand - ein netter Mensch, aber für diesen Job zu weich. Ordnungspolitisch war die Ausgliederung der richtige Weg, leider ist sie völlig missglückt.

SPIEGEL: Was werfen Sie der Führung vor?

Kühne: Die größten Fehler passieren in der Personalpolitik, etwa mit den Spielern, die gehen sollen. Der HSV ist ein Phänomen, weil die Luschen immer hier hängen bleiben. Ein gutes Beispiel ist Lasogga, ich weiß gar nicht, ob ich an ihm beteiligt war: Musste der nach einer halben guten Saison mit einem Fünfjahresvertrag und einem Jahresgehalt von über drei Millionen Euro ausgestattet werden? Das war Harakiri, der Flop des Jahrhunderts. Ich bin immer dafür, Verträge nicht zu langfristig und erfolgsabhängig zu gestalten. Für den Verein war dieser Vertrag mit Lasogga ein riesiges Problem, er hat den Etat enorm belastet.

SPIEGEL: Verblüfft Sie als Unternehmer das Fußballgeschäft?

Kühne: Besonders die aktuellen Exzesse sind abenteuerlich, die Transfergeschäfte sind total verrückt. Auch die immensen Ausgaben für Beraterhonorare haben mich überrascht. Aber ich kann das nicht beeinflussen. So ist eben der Markt, ich bin kein Freund starker Reglementierungen.

SPIEGEL: Sie werden kritisiert, weil Sie selbst eng mit dem Spielerberater Volker Struth zusammenarbeiten.

Kühne: Ich habe auf einer Kreuzfahrt Reiner Calmund kennengelernt. Wir haben nette Gespräche geführt, er sagte, er könne mich mit jemandem zusammenbringen, um bei der Auswahl von Spielern zu helfen und beim HSV einiges zu ändern. Es war Volker Struth, aber es kam zu keiner vertraglichen Zusammenarbeit. Struth war verzweifelt, weil Beiersdorfer viele Dinge nicht konsequent genug durchführte. Aber ich habe einen Einblick in die Macht und den Einfluss der Spielerberater bekommen. Wie die die Strippen ziehen, finde ich verblüffend und faszinierend, teilweise auch sehr ungewöhnlich.

SPIEGEL: Struth berät Trainer Markus Gisdol; Bobby Wood und André Hahn, die Sie mitfinanziert haben, stehen bei ihm unter Vertrag. Ist das nicht eine Interessenverquickung?

Kühne: Nein, im Gegenteil. Ich weiß, wen Gisdol als Spieler haben will. Und er hat mich über Struth gebeten, mich zu engagieren. So wusste ich, dass viele andere Vereine hinter Wood und Hahn her waren. Mir war also bekannt, dass der HSV schnell reagieren musste. Er war nicht dazu in der Lage, also habe ich es getan. Eigentlich wollte ich dem HSV vor dieser Saison nur 18 Millionen geben, dann sind es 25 geworden. Es ist eben ein Kampf, ein ständiges Bemühen.

SPIEGEL: Was sagen Ihre Managerkollegen zu Ihren unglücklichen HSV-Aktivitäten?

Kühne: Offiziell klatschen sie Beifall. Aber viele denken bestimmt, der Kühne ist verrückt. Ich tue sehr viel: Ich engagiere mich nach wie vor für mein Unternehmen, ich habe eine Stiftung, hier nebenan eine Universität, ein Medizinprojekt in der Schweiz zur Allergieforschung, und ich bin in der Kulturförderung aktiv. Fußball ist ein teures und unglücklich verlaufendes Hobby, das ich mir einfach leiste. Alle anderen Engagements sind seriös. Deshalb verzeiht man mir vermutlich diese Schwäche.

SPIEGEL: Herr Kühne, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
whocaresbutyou 19.08.2017
1. kein Mitleid...
50 Millionen in einen Fußballclub investieren und nur Ärger bekommen... Hätte er mal die Hälfte davon einer vertrauenswürdigen Hilfsorganisation gespendet, wäre er vermutlich deutlich zufriedener. Und für die zwei Seiten Gejammer soll ich nun auch noch bezahlen? never ever...
Minster 19.08.2017
2.
Er wird letztendlich den Abstieg des HSV nicht verhindern können. Auch dass muss er als "Fußballfan" noch lernen zu ertragen. Ob der HSV in Zukunft aber auf weiteres Geld von ihm verzichten muss, bleibt abzuwarten. Die Pose, die der HSV mit diesem Interview eingenommen hat, sagt viel darüber aus.
blub123x4 19.08.2017
3.
Die direkte Art von Herrn Kühne ist sehr amüsant :)
herr jehmineh 20.08.2017
4. Weltkarte
Würden Sie dem Inhaber der tollen Weltkarte im Hintergrund mal den Tipp geben, daß Madagasskar falsch herum angeklebt ist. Einmal mit Profis arbeiten...
lequick 21.08.2017
5.
Wenigstens redet Kühne nicht um den heißen Brei herum. Direkt und so wie er denkt, das ist ihm definitiv zu Güte zu halten. Die Probleme sitzen tatsächlich im HSV Management.
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